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In eigener Sache: Mein neues Filmbuch

Einigen Lesern ist bestimmt aufgefallen, daß ich in der rechten Spalte meines Blogs seit einigen Monaten das Cover meines neuen Buchs präs...

Mittwoch, 11. Januar 2017

KINO-JAHRESBILANZ 2016

Diesmal etwas später als sonst darf sie selbstredend trotzdem nicht fehlen: Meine persönliche Kinobilanz für das Jahr 2016. Nach einem tollen Kinojahr 2015 werde ich 2016 als relativ mittelmäßig im Gedächtnis behalten. Zwar gab es viele gute Filme, es fehlte in meinen Augen aber ein echtes Meisterwerk, weshalb ich auch nie in die Verlegenheit kam, mehr als 9 Punkte zu verteilen. Auf der anderen Seite gelang es mir dank noch zielgerichteter Filmauswahl aber auch, einen weiten Bogen um die echten Gurken zu machen, weshalb ich zwar etliche sehr mittelmäßige, aber keinen einzigen wirklich schlechten Film ertragen mußte. Allerdings muß ich anmerken, daß ich wegen eines hartnäckigen Virus im Spätsommer im Grunde genommen zwei komplette Kinomonate verpaßte – am schmerzlichsten war das für mich bei "Conjuring 2", aber auch vom polarisierenden "Ghostbusters"-Reboot (und einigen weiteren Filmen) hätte ich mir gerne ein eigenes Bild gemacht ...
In die Wertung meiner Jahresbilanz kommen jedenfalls alle Filme, die ich im Jahr 2016 im Kino gesehen habe. Normalerweise ist die Kalenderjahr-Regel bei mir eher akademisch, da ich stets versuche, spät im Jahr startende Werke, von denen ich glaube, daß sie es in meine Besten- oder Schlechtesten-Liste schaffen könnten, noch vor dem Jahreswechsel anzusehen. Diesmal ging das allerdings ziemlich schief, denn ein noch 2015 angelaufener Film überraschte mich im Februar extrem positiv und landete am Ende sogar auf Platz 2 meiner Top 25! Bevor ich zu besagter Liste komme, merke ich noch wie jedes Jahr an, daß die Reihung bewußt subjektiv ist und sich nicht exakt nach meinen Bewertungen richtet, sondern auch meine persönlichen Vorlieben sowie eine gewisse Langzeitwirkung miteinschließt.

Die Top 25 (mit Links zu den Rezensionen sowie kurzen Kommentaren):

Die aufregenden und turbulenten Abenteuer der kessen Polizei-Häsin Judy und des charmanten Fuchs-Trickbetrügers Nick ergeben den besten Animationsfilm der letzten Jahre – unverschämt witzig, dazu intelligent und mit hochaktueller Metaphorik.

2. Carol
Regisseur Todd Haynes ist mit seiner unfaßbar eleganten Verfilmung eines frühen Romans von Patricia Highsmith über die scheinbar unmögliche Liebe zwischen zwei Frauen verschiedener Schichten in den 1950er Jahren eine grandiose Hommage auf die Edelmelodramen von Douglas Sirk gelungen, in der die Hauptdarstellerinnen Rooney Mara und Cate Blanchett brillieren.
Adam McKay hat mit der mit Christian Bale, Ryan Gosling und Brad Pitt hochkarätig besetzten Sachbuch-Adaption den bisher besten Film über die weltweite Wirtschafts- und Finanzkrise ab 2007 gedreht – nicht als trockenes Drama, sondern als satirische Tragikomödie mit bösem Witz, in der einige Profiteure der Krise als Protagonisten agieren.
Der ungewöhnliche, von Bestseller-Autor Nick Hornby auf Grundlage eines Romans von Colm Tóibín adaptierte Mix aus in den 1950er Jahren spielendem Einwandererdrama und emotionaler Edelromanze ist bei allen sonstigen Stärken vor allem die Bühne für eine atemberaubende, OSCAR-nominierte Performance der großartigen Hauptdarstellerin Saoirse Ronan!
Tom McCarthys engagiertes Journalismus-Drama über die Aufdeckung eines jahrzehntelangen Mißbrauchsskandals in der amerikanischen katholischen Kirche durch einige investigative Journalisten ist in Zeiten von "Fake News" und "Lügenpresse"-Vorwürfen in seiner Bedeutung kaum zu überschätzen – und lebt auch von seinem tollen Ensemble um Michael Keaton, Mark Ruffalo, Rachel McAdams und Stanley Tucci.
Das fernöstliche Abenteuer aus dem Hause Laika ist keineswegs nur der technisch beste Stop Motion-Animationsfilm aller Zeiten, sondern außerdem ein liebevoller und ideenreicher Coming of Age-Film für Zuschauer jeden Alters.
Das erste, in den 1920er Jahren in den USA spielende "Harry Potter"-Spin-Off über einen von Eddie Redmayne verkörperten Zauberer-Wissenschaftler und seine Suche nach magischen Kreaturen ist spaßiger als etliche Teile der Hauptreihe und begeistert vor allem mit seiner von stark animierten und designten Kreaturen profitierenden Fähigkeit, beim Publikum einen echten "Sense of wonder" hervorzurufen.
Tim Burtons bester und phantasievollster Film seit Jahren punktet primär mit einer liebevoll in Szene gesetzten und von extrem sympathischen und charismatischen Charakteren bevölkerten Parallelwelt – einem abgelegenen Waisenhaus zur Zeit des Zweiten Weltkrieges – innerhalb einer Zeitschleife.

9. Raum
Das intensive Independent-Kammerspiel, das der famosen Hauptdarstellerin Brie Larson den OSCAR bescherte, zieht das Publikum mit einer bemerkenswert immersiven Inszenierung und der Konzentration auf ein Mutter-Sohn-Gespann während und nach einer sehr traumatischen Zeitspanne mitten hinein.
Real ist an Jon Favreaus Realfilm-Version des Disney-Zeichentrick-Klassikers nach Rudyard Kipling eigentlich nur Mowgli-Darsteller Neel Sethi, alles andere ist am Computer entstanden – das aber so überzeugend, daß sich ein wunderbarer, von (zumindest in der Originalfassung) sehr überzeugenden Sprecherleistungen profitierender Familienfilm ergibt, der den Vergleich mit der legendären Zeichentrickfassung nicht scheuen muß – trotz oder wegen einiger Änderungen, speziell eines etwas düstereren Tons.

Der dritte "Captain America"-Film hätte genauso gut als "The Avengers 3" durchgehen können, denn bis auf Hulk und Thor sind alle von denen dabei, mit Black Panther gibt es sogar noch einen gelungenen Neuzugang – und auch wenn die die Superhelden entzweiende Kernthematik der Verantwortlichkeiten für die heftigen Folgen ihres Tuns leider zu oberflächlich abgehandelt wird, macht der spektakulär in Szene gesetzte "Bürgerkrieg" jede Menge Laune.
Meryl Streep glänzt in Stephen Frears' warmherziger, phasenweise sehr witziger Tragikomödie als angeblich schlechteste Opernsängerin aller Zeiten, die das Publikum aber mit ihrer Energie und Leidenschaft für sich einnimt.
Der jüngste Neuzugang zum Marvel Cinematic Universe überrascht mit dem vielleicht besten Einführungs-Solofilm bisher – der von Benedict Cumberbatch verkörperte arrogante Chirurg, der nach einem Unfall die magischen Künste erlernt und sie bald zum Schutz der Menschheit vor einer gewaltigen Bedrohung einsetzen muß, fügt dem Marvel-Filmuniversum eine spannende neue Facette hinzu und protzt mit eindrucksvollen Spezialeffekten.
Das erste "Star Wars"-Spin-Off, im Grunde genommen die Verfilmung des Einführungstextes von "Episode IV", überzeugt als grimmiger, actionreicher SciFi-Kriegsfilm mit seiner brutalen Konsequenz ebenso wie mit unzähligen liebevollen Anspielungen auf die Original-Trilogie.
Maren Ades für Deutschland bei der OSCAR-Verleihung antretende, gut zweieinhalbstündige Vater-Tochter-Tragikomödie mit der überragenden Hauptdarstellerin Sandra Hüller beweist mit feinem, hintersinnigen Witz und genau beobachteten Charakteren, daß das deutsche Kino sehr wohl auch etwas anderes beherrscht als nur Kinderfilme, romantische Komödien und Zweiter Weltkriegs-Dramen …

16. The Revenant – Der Rückkehrer
Mit diesem archaischen Schneewestern und Überlebens- und Rachedrama von Alejandro G. Iñárritu gewann Leonardo DiCaprio endlich den ersten OSCAR – durchaus verdient, wenngleich er schauspielerisch eigentlich schon größere Leistungen erbrachte.

17. Star Trek Beyond
Nein, die Handlung des dritten "Star Trek"-Abenteuers mit der aktuellen Crew besticht nicht wirklich mit einer ausgefeilten Handlung – dafür macht die actionreiche Bruchlandung auf einem feindlichen Planeten, die Captain Kirk und Co. zum Improvisieren zwingt, so viel Spaß wie schon länger kein Film der Reihe mehr.

18. Sully
Clint Eastwoods Film über den von Tom Hanks stark porträtierten "Helden vom Hudson", der als Pilot mit seiner schwer beschädigten Airbus eine Notwasserung auf dem Hudson River mitten in New York bewältigte, überzeugt als Charakterdrama und ist trotz seines bekannten Ausgangs auch noch bemerkenswert spannend und unterhaltsam in Szene gesetzt.

19. Arrival
Denis Villeneuve hat ein philosophisches SciFi-Drama geschaffen, das seine unspektakuläre Kommunikations-Thematik (vorrangig zwischen der Menschheit und auf der Erde gelandeten Außerirdischen) sehr informativ und dabei erstaunlich unterhaltsam vermittelt, auch dank der hervorragenden Leistungen der Hauptdarsteller Amy Adams und Jeremy Renner – nur die finale Wendung kann mich nicht ganz überzeugen.

20. Deadpool
Ryan Reynolds ist als unkonventioneller Anti-Superheld und erklärtes Großmaul aus dem "X-Men"-Umfeld in seinem Element, wenn er Schurken windelweich prügeln, andere Mutanten ärgern und einen rotzfrechen Oneliner nach dem anderen abfeuern darf – gerne auch direkt an das Publikum gewandt!
Der von J.J. Abrams produzierte Mystery-Thriller ist ein packendes Kammerspiel über zwei Männer und eine Frau, die in einem Bunker eingesperrt sind, nachdem die Außenwelt nach einem Angriff angeblich verseucht und absolut tödlich ist – die intensive Atmosphäre überzeugt ebenso wie die zahlreichen überraschenden Wendungen und die Darstellungen vor allem von Mary Elizabeth Winstead und John Goodman.

22. Frantz
François Ozons kurz nach dem Ersten Weltkrieg spielendes Drama erzählt mit zwei starken Hauptdarstellern eine simple Geschichte von Trauer und Liebe auf wunderbar poetische und gefühlvolle Art und Weise.
Das historische Puritaner- und Hexendrama (für gewöhnlich, aber nicht wirklich passend dem Horrorgenre zugeordnet) von Newcomer Robert Eggers ist ziemlich schwere Kost, beeindruckt aufgeschlossene Zuschauer aber mit seiner intensiven Atmosphäre, die auch der betonten Authentizität und den auf historischen Aufzeichnungen beruhenden Dialogen zu verdanken ist sowie den zwei glänzenden Jungdarstellern Anya Taylor-Joy und Harvey Scrimshaw.
Shane Blacks schwarzhumorige 1970er Jahre-Buddykomödie erfüllt zwar erzählerisch nicht ganz die hohen Erwartungen, dafür sind Russell Crowe und Ryan Gosling aber das am besten harmonierende Leinwandduo seit Jahren; Fortsetzung angesichts mediokrer Einspielergebnisse fraglich, aber dringend erwünscht!
Mit seinem "Home Invasion"-Horrorthriller über drei junge Einbrecher, die bei einem blinden Vietnam-Veteranen auf deutlich mehr Widerstand treffen als erwartet, beweist Regisseur Fede Alvarez, daß man mit ein paar guten Ideen und großem handwerklichen Geschick noch aus dem vermeintlich ausgelutschtesten Subgenre einen richtig guten Film herausholen kann.

Damit zu meinen Flop 5, also den fünf aus meiner Sicht schwächsten bzw. enttäuschendsten Filmen, die ich 2016 im Kino gesehen habe:

Actionfans werden bei dem DC Comics-Film zwar gut bedient, angesichts der erzählerischen Möglichkeiten des Aufeinandertreffens zweier der beliebtesten Superhelden aller Zeiten kann man Zack Snyders Zerstörungsorgie aber nur als große Enttäuschung werten – auch wenn zumindest Wonder Woman und der neue Batman vielversprechend eingeführt werden.
Robert Zemeckis' elegante "Casablanca"-Hommage mit Marion Cotillard und Brad Pitt ist zwar atmosphärisch geraten, leidet aber unter einem viel zu ereignisarmen Drehbuch, das die beiden Protagonisten über weite Strecken in arge Passivität zwingt.
Das actionreiche Remake des Western-Klassikers von John Sturges hat eine starke und dabei erfreulich diversifizierte Besetzung zu bieten, enttäuscht jedoch mit einer zu oberflächlichen Figurenzeichnung und wenig aufregend inszenierten Shootouts.

4. Jason Bourne
Matt Damons lange erwartete Rückkehr in seine Paraderolle als gejagter Ex-Spion macht aus interessanten Storyansätzen zu wenig und fällt infolge seiner vorhersehbaren Storystruktur trotz gelungener Actionsequenzen ziemlich langweilig aus.

5. Café Society
Woody Allens locker-flockige 1930er Jahre-Komödie mit Jesse Eisenberg und Kristen Stewart ist nett geraten, aber viel zu beliebig und unspektakulär, um länger im Gedächtnis zu bleiben.

Fazit
Wie eingangs erwähnt: Die große Begeisterung löst die Erinnerung an das Kinojahr 2016 in mir definitiv nicht aus, allzu großes Wehklagen aber natürlich auch nicht. Dennoch hoffe ich sehr, daß 2017 wieder mehr Filme in die Kinos bringt, in die ich mich auf Anhieb verlieben kann. Nun noch zu ein paar statistischen Details: Natürlich dominieren meine Bestenliste auch diesmal wieder englischsprachige Filme, genau genommen sogar so stark wie selten zuvor. Mit dem deutschen "Toni Erdmann" und dem deutsch-französischen "Frantz" haben es nur zwei nicht-englischsprachige Werke in die Top 25 geschafft. Daß die Bilanz für 2016 nicht internationaler ausfällt, liegt neben dem weitestgehenden Fehlen europäischer Highlights aus Skandinavien, Italien, Belgien oder Spanien auch daran, daß beispielsweise das asiatische Kino in deutschen Lichtspielhäusern leider wieder ziemlich auf dem Rückzug zu sein scheint - wenn nicht einmal ein Zombiefilm wie "Train to Busan", der in seiner Heimat Südkorea mehr als 11,5 Millionen Zuschauer in die Kinos gelockt hat, einen regulären Start in Deutschland erhält, ist das schon ziemlich bezeichnend ...
Die Anzahl der 3D-Filme in meiner Bestenliste hat sich derweil von fünf auf neun fast verdoppelt (einer bei den Flops), die der Fortsetzungen oder Spin-Offs ist bei vier geblieben (gleichzeitig tauchen zwei in meinen Flop 5 auf). Den Klagen über die Hollywood-Sequelitis kann ich mich also nicht wirklich anschließen, da es erstens immer einige richtig gute gibt und zweitens zum Glück noch genügend hochklassige Alternativen auf dem Markt sind.

Damit wünsche ich allen Filmfans ein schönes, ertragreiches Kinojahr 2017 und will zum guten Schluß auch keinesfalls vergessen, mich herzlich bei denjenigen Lesern zu bedanken, die "Der Kinogänger" durch Einkäufe über die auf meinem Blog verteilten amazon.de-Links, für die ich eine kleine Provision erhalte, finanziell unterstützen (wohlgemerkt: ein Klick auf irgendeinen der Links reicht aus, man muß also für einen DVD-Kauf nicht den passenden aus der Rezension heraussuchen und auch nicht alle Produkte einzeln per Suchfeld aufrufen!).

Nachtrag: Ursprünglich hatte ich hier auch noch eine Top 3 meiner Fantasy Filmfest-Besuche aufgezählt; da mir aber kurz nach Veröffentlichung dieser Jahresbilanz auffiel, daß ich einen der drei Filme ("Bone Tomahawk") zwar 2016 rezensiert, aber bereits 2015 gesehen (und in die damalige Jahresbilanz aufgenommen) habe, streiche ich die Kategorie mangels Masse gleich komplett.

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