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In eigener Sache: Mein neues Filmbuch

Einigen Lesern ist bestimmt aufgefallen, daß ich in der rechten Spalte meines Blogs seit einigen Monaten das Cover meines neuen Buchs präs...

Mittwoch, 7. Dezember 2016

SULLY (2016)

Regie: Clint Eastwood, Drehbuch: Todd Komarnicki, Musik: Christian Jacob und Tierney Sutton Band
Darsteller: Tom Hanks, Aaron Eckhart, Laura Linney, Anna Gunn, Jamey Sheridan, Christopher Curry, Sam Huntington, Chris Bauer, Mike O'Malley, Holt McCallany, Molly Hagan, Max Adler, Ann Cusack, Michael Rapaport, Jeff Kober, Jeffrey Nordling, Autumn Reeser
 Sully
(2016) on IMDb Rotten Tomatoes: 85% (7,2); weltweites Einspielergebnis: $238,5 Mio.
FSK: 12, Dauer: 96 Minuten.

Als am 15. Januar 2009 beim US Airways-Flug 1549 wenige Minuten nach dem Start vom New Yorker Flughafen LaGuardia nach Vogelschlag beide Triebwerke ausfallen, entscheidet sich der erfahrene Pilot Chesley "Sully" Sullenberger (Tom Hanks, "Saving Mr. Banks") entgegen aller Empfehlungen für solche Notfälle für eine hochriskante Notwasserung auf dem Hudson River mitten in New York. Mit einer flugtechnischen Meisterleistung bringt er den Airbus bei eisigen Temperaturen einigermaßen sanft herunter, auch dank der schnellen Reaktion der freiwilligen und professionellen Rettungskräfte überleben alle Insassen. Fortan wird Sully in den Medien als ein amerikanischer Held gefeiert, doch unbemerkt von der Öffentlichkeit gerät die waghalsige Aktion des Piloten bei der Nationalen Behörde für Transportsicherheit in die Kritik – denn die nach solchen Vorfällen obligatorischen Computersimulationen ergeben, daß das Flugzeug sehr wohl noch sicher nach LuGuardia zurückkehren oder auf einer nahen Ausweichlandepiste hätte landen können. Während Sully also von Wildfremden umarmt und zu seiner heroischen Tat beglückwünscht wird und sein Co-Pilot Jeff Skiles (Aaron Eckhart, "The Dark Knight") davon überzeugt ist, daß die Simulationen irren und Sully allen im Flugzeug das Leben gerettet hat, wachsen in ihm die Zweifel – dann muß er sich vor einem Ausschuß für seine Entscheidung rechtfertigen. Falls ihm das nicht gelingt, droht dem vermeintlichen Helden das sofortige Ende seiner Karriere …

Kritik:
Ich gebe zu, ich war trotz der positiven Kritiken sehr skeptisch, ob mir "Sully" gefallen würde. Regisseur Clint Eastwood hatte mich mit seinem letzten Film, dem bedenklich militaristischen "American Sniper", ziemlich verärgert, auch schien die reale Geschichte kaum genug Stoff für einen ganzen Kinofilm herzugeben. Und außerdem hatte erst vier Jahre zuvor Robert Zemeckis mit "Flight" eine ähnliche Produktion mit deutlich interessanteren Hintergründen (allen voran dem Alkoholismus des von Denzel Washington vortrefflich porträtierten Piloten) veröffentlicht. Doch ich muß Abbitte leisten: Eastwood holt mit seiner inszenatorischen Routine wirklich alles aus der dünnen Story heraus und beeindruckt mit einem unterhaltsamen, trotz des sattsam bekannten glücklichen Ausgangs bemerkenswert spannenden Film. Man kann sagen: "Flight" ist die Arthouse-Variante der Thematik, "Sully" die (gut gemachte) Mainstream-Version.

Anders als "Flight" eröffnet "Sully" nicht mit dem Beinahe-Absturz, sondern etwas später. Erst nach und nach erfahren wir in ausführlichen Rückblenden, wie sich alles genau zugetragen hat. Natürlich ist das kein allzu originelles Stilmittel, aber durch die behördlichen Ermittlungen, die Sully dazu zwingen, sich wieder und wieder mit seinen Entscheidungen auseinanderzusetzen, ergibt sie absolut Sinn. Nur die seltenen, ganz kurzen Rückblicke auf Sullys Anfänge als Pilot wirken recht überflüssig, auch wenn sie von Todd Komarnickis ("Verführung einer Fremden") Drehbuch alibimäßig als spontane Erinnerungen Sullys verkauft werden. Da die Rückblenden-Methodik alleine nicht ausreichen würde, um aus den dreieinhalb Minuten der Notwasserung eine Erzählung zu machen, die eineinhalb Stunden lang das Interesse des Publikums hochhält, wurde zudem ein Konflikt eingeführt, den es in der Realität so gar nicht gab – den zwischen Sully und seinem Co-Piloten Skiles auf der einen Seite und den nicht allzu unvoreingenommen wirkenden Ausschußvorsitzenden auf der anderen. Da kommt dann doch wieder ein bißchen die schlechte Erinnerung an "American Sniper" hoch, wo ein erfundenes Scharfschützen-Duell für Spannung sorgen und den angeblichen Heroismus des Protagonisten noch stärker betonen sollte. In "Sully" geht Eastwood zwar deutlich subtiler vor, dennoch hat es seinen guten Grund, daß sich die (u.a. von den TV-Stars Anna Gunn aus "Breaking Bad" und Jamey Sheridan aus "Homeland" verkörperten) Ausschußmitglieder auf Bitten des echten Captain Sullenberger nicht an den realen Vorbildern orientieren, da es sich in Wirklichkeit um eine Routineuntersuchung handelte, wohingegen der Ausschuß im Film eine deutliche Antagonisten-Rolle einnimmt (was manche Kritiker nicht ganz grundlos als weiteren Beitrag zur "Evil Government"-Rhetorik im Umfeld des bizarren US-Präsidentschaftswahlkampfs 2016 sehen). Daß das so ist, kann man als aufmerksamer Beobachter übrigens schon daran erkennen, daß die Experten hier reichlich inkompetent wirken, wenn sie sich etwa erst durch Sully über entscheidende Fakten belehren lassen müssen – würde das der Realität entsprechen, müßte man sich große Sorgen um die Flugsicherheit in den USA machen …

Zum Glück ist das aber nur die Rahmenhandlung, im Mittelpunkt steht die Notwasserung auf dem Hudson. Und die ist von Eastwood mit all seiner Erfahrung so kompetent und technisch erstklassig in Szene gesetzt, daß sie trotz des bekanntlich glücklichen Ausgangs ungeahnte Emotionalität im Zuschauer freisetzt, sachte verstärkt durch die gefühlvolle, aber nicht zu dick auftragende Klaviermusik. Auch der Kniff, einige Passagiere mit ihren individuellen Geschichten hervorzuheben (allen voran einen Vater mit zwei erwachsenen Söhnen, deren eigentlicher Flug ausgefallen ist und die deshalb in letzter Sekunde auf den US Airways-Flug ausweichen) und sie ohne großen Aufwand als zusätzliche Identifikationsfiguren für das Publikum zu etablieren, funktioniert hervorragend. Letztlich erzählt Clint Eastwood hier wieder einmal eine klassische Heldengeschichte – allerdings ist eigentlich gar nicht mal Sully der wirkliche Held, sondern die Gemeinschaft: Pilot, Co-Pilot, Flugzeugbesatzung, die sehr bedacht agierenden Passagiere, die Fluglotsten, die Polizeitaucher, die rasch zur Hilfe eilenden Fähren (der Kapitän der Fähre, die als erstes vor Ort war, Vince Lombardi, spielt sich übrigens selbst) … Für jemanden, der in der Realität in den letzten Jahren vermehrt mit lautstarken politischen Einlassungen aufgefallen ist, die deutlich der Seite derjenigen in den USA zuzuordnen sind, die sich eher als spaltende denn als einende Kräfte hervortun, ist das eine bemerkenswert optimistische Botschaft.

Schauspielerisch sind Tom Hanks und Aaron Eckhart wenig überraschend über jeden Zweifel erhaben, wobei sie ihre Fähigkeiten vor allem im Nachgang des Fluges ausspielen können. Eckhart porträtiert den Co-Piloten Jeff Skiles als loyalen, etwas aufbrausenden Menschen, der immer einen lockeren Spruch auf den Lippen hat, während Sully von Hanks eher grüblerisch dargestellt wird – letzten Endes ist er traumatisiert und träumt immer wieder davon, daß er den Absturz des Flugzeugs verschuldet. An dieser Stelle bringt Eastwood übrigens auch ein paar naheliegende Anspielungen auf die Terroranschläge des 11. September 2001 ins Spiel, die auf den ersten Moment arg effekthascherisch wirken mögen, bei genauerer Betrachtung aber nur logisch sind. Immerhin ist der Schauplatz des Geschehens New York und man mag sich kaum vorstellen, was diejenigen, die da keine siebeneinhalb Jahre nach 9/11 zufällig aus dem Fenster geschaut und den tief über und zwischen den Hochhäusern der New Yorker Skyline fliegenden Airbus gesehen haben, gedacht haben müssen … Insofern ist es auch nicht verwunderlich, daß etwa die kurzen Umschnitte zu den Fluglotsen, die die Notlage des US Airways-Fluges mehr oder weniger hilflos mitverfolgen müssen und das Schlimmste befürchten, an Paul Greengrass' aufwühlendes 9/11-Drama "Flug 93" erinnern. Die mittelschwere Traumatisierung Sullys reicht derweil zwar nicht aus, um eine ähnliche Tiefe in der Figurenzeichnung zu erreichen wie es bei "Flight" der Fall ist oder bei Hanks' Glanzleistung als Frachterkapitän in "Captain Phillips"; der zweimalige OSCAR-Gewinner beeindruckt nichtsdestoweniger, Eckhart und auch Laura Linney ("Tatsächlich ... Liebe") in ihrer Rolle als Sullys Ehefrau ebenfalls.

Fazit: Zwar ist die Rahmenhandlung von "Sully" merklich fabriziert und durchaus bedenklich, davon abgesehen ist Clint Eastwood jedoch ein sehr unterhaltsamer Fast-Katastrophenfilm mit zwei starken Hauptdarstellern gelungen.

Wertung: 8 Punkte.


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