Empfohlener Beitrag

In eigener Sache: Mein neues Filmbuch

Einigen Lesern ist bestimmt aufgefallen, daß ich in der rechten Spalte meines Blogs seit einigen Monaten das Cover meines neuen Buchs präs...

Mittwoch, 21. September 2016

Nachruf: Curtin Hanson (1945-2016)

Als ich zu meinem 1000. Blogpost eine Liste meiner 30 absoluten Lieblingsfilme (international) erstellte, tauchte dort auch der meisterhafte Spät-Film noir "L.A. Confidential" auf. Daß er Teil dieser Liste sein würde, stand für mich nie in Frage, hat mich doch selten zuvor oder danach ein Film so sehr beeindruckt wie dieser. Zugegeben, ich bin sowieso ein Fan von Film noirs, aber daß nach der eigentlichen Hochzeit dieses sehr speziellen Subgenres in den 1940er und 1950er Jahren auch viele Jahrzehnte später noch ein so meisterhafter Vertreter gedreht werden würde, darauf hätte ich nicht zu hoffen gewagt (wenige Jahre später folgte mit Rian Johnsons "Brick" sogar noch ein weiterer, der allerdings in der Gegenwart spielt und auch sonst trotz großer stilistischer Nähe eine sehr moderne Interpretation darstellt). Der Mann, dem ich und alle anderen Anhänger großer Kinokunst diesen unverhofften Geniestreich zu verdanken haben, heißt Curtis Hanson. Gestern ist der Filmemacher leider verstorben.

Curtis Hanson begann seine Karriere als Photograph und Filmkritiker, mit Mitte 20 wurde er selbst aktiver Teil der Filmbranche. Sein erster Schritt war 1970 das Drehbuch zu der von der B-Film-Legende Roger Corman produzierten Lovecraft-Adaption "Voodoo Child" (Originaltitel entsprechend Lovecrafts literarischer Vorlage: "The Dunwich Horror"), im Verlauf des Jahrzehnts folgten einige weitere wenig beachtenswerte Billigproduktionen, bei denen er teils auch Regie führte und produzierte. Seine ersten echten Erfolge feierte Hanson in den 1980er Jahren, als er das Drehbuch zu Carroll Ballards exzellentem, mehrfach preisgekrönten Abenteuer-Naturfilm "Wenn die Wölfe heulen" schrieb und im gleichen Jahr (1983) erstmals auch als Regisseur über ein etwas größeres Budget verfügen durfte: Die Teenie-Klamotte "Die Aufreißer von der High School" wurde zwar von der Kritik verrissen und floppte auch an den Kinokassen, bleibt aber immerhin als einer der ersten Filme von Tom Cruise in Erinnerung. Richtig in Fahrt kam Hansons Karriere ab dem Ende der Dekade, als er mit Thrillern wie "Das Schlafzimmerfenster" (1987) mit Steve Guttenberg, Elizabeth McGovern und Isabelle Huppert, "Todfreunde - Bad Influence" (1990) mit Rob Lowe und James Spader und vor allem "Die Hand an der Wiege" (1992) mit Annabella Sciorra, Rebecca de Mornay und Julianne Moore Erfolge feierte.

Speziell der kommerzielle Triumph mit "Die Hand an der Wiege" (spielte allein in den USA $88 Mio. ein bei einem Budget von knapp $12 Mio.) darf wohl dafür verantwortlich gemacht werden, daß Curtis Hanson sein stärkstes Jahrzehnt bevorstand: Für den Thriller "Am wilden Fluß" (1994) machte er Meryl Streep zur Actionheldin - und dann kam drei Jahre später sein Magnum Opus "L.A. Confidential". Lose basierend auf einem Roman von James Ellroy erzählt der Film noir (an dessen Drehbuch Hanson ebenfalls beteiligt war) die grimmige Geschichte dreier sehr unterschiedlicher Detectives im Los Angeles der frühen 1950er Jahre, die ein Massaker in einem Nachtclub aufklären wollen und durch ihre Hartnäckigkeit ins Zentrum eines diabolischen Komplotts geraten: der sich gerne wie ein Filmstar für die Öffentlichkeit inszenierende Jack Vincennes (Kevin Spacey), der aufstrebende, prinzipien- und regeltreue Edmund Exley (Guy Pearce) und der grobschlächtige Bud White (Russell Crowe). Wer sich darüber beschwert, daß Hollywood immer weniger Wert auf komplexe Charaktere und Geschichten legt, dem kann ich - obwohl es natürlich immer wieder sehr löbliche Ausnahmen gibt - nicht wirklich widersprechen. Dabei hat Curtis Hanson mit "L.A. Confidential" bewiesen, daß man sehr wohl auch noch in der heutigen Zeit in der Traumfabrik einen Film realisieren kann, der die Intelligenz des Publikums nicht beleidigt und mit ebenso glaubwürdigen wie tiefgründigen Figuren aufwarten kann, ohne dabei auch nur ansatzweise dem Unterhaltungswert zu schaden. Hier ist fast alles makellos: die raffinierte Handlung, die geschliffenen Dialoge und die perfekt eingefangene melancholische Film noir-Atmosphäre, ebenso die penible und aufwendige Ausstattung samt Kostümen, die stimmige Musik von Jerry Goldsmith und natürlich die herausragende Besetzung - die außer mit den drei ungleichen Protagonisten auch in den Nebenrollen glänzt, bei denen vor allem Kim Basinger als Edelprostituierte, James Cromwell als Polizeichef und Danny DeVito als windiger Klatschreporter hervorstechen. Die bis dahin schauspielerisch eher belächelte Basinger erhielt für ihre starke Leistung den OSCAR, einen weiteren gab es für das Drehbuch, hinzu kamen sieben weitere Nominierungen (u.a. für Spacey). Es sollte Curtis Hansons einziges Jahr als ein Hauptdarsteller bei den Academy Awards bleiben, aber dieses Jahr hatte es wahrlich in sich mit dem Gewinn für das Drehbuch sowie zwei Nominierungen als Regisseur und Produzent.

Wenn man den Zenit seiner Karriere erreicht hat, dann kann es logischerweise nur noch nach unten gehen - oder bestenfalls erst noch eine Weile seitwärts. Für Hanson ging es künstlerisch zunächst immerhin nur leicht nach unten, denn auch wenn seine nächste Literaturadaption - "Die Wonder Boys" nach einem Roman von Michael Chabon - sich als kommerzieller Flop erwies und auch bei den Rezensenten nicht ganz an die Lobeshymnen für "L.A. Confidential" anknüpfen konnte, ist es doch ein hervorragender und extrem unterhaltsamer Film geworden. Michael Douglas brilliert als alternder Literatur-Professor Tripp, der einst als Schriftsteller einen Sensationserfolg feierte, seitdem aber nichts mehr veröffentlich hat; kein Wunder, das Skript für seinen zweiten Roman ist über die Jahre auf einen Umfang von weit mehr als 2000 Seiten angewachsen ... "Die Wonder Boys" ist heutzutage etwas in Vergessenheit geraten, ich kann ihn aber nur jedem empfehlen, der ein Faible für gut geschriebenes, schwarzhumoriges und intelligentes Kino mit schlagfertigen Dialogen hat - zumal Hanson auch hier eine hervorragende Besetzung versammelt hat, die u.a. Robert Downey Jr. (als Tripps bisexueller Lektor), Tobey Maguire und Katie Holmes (zwei begabte Studenten) sowie Frances McDormand (als Ehefrau des Dekans und Tripps Geliebte) umfaßt. Auch musikalisch hat "Die Wonder Boys" einiges zu bieten, immerhin habe ich durch ihn meinen Lieblingssong von Leonard Cohen kennengelernt ("Waiting for the Miracle"), zudem gewann Bob Dylan für "Things Have Changed" seinen bis heute einzigen OSCAR.

Nach der Jahrtausendwende sorgte Curtis Hanson seltener für große Schlagzeilen, brachte aber weiterhin gute Filme in die Lichtspielhäuser wie das Rapper-Biopic "8 Mile" (2002) über und mit Eminem, die Tragikomödie "In den Schuhen meiner Schwester" (2005) mit Toni Collete und Cameron Diaz, das Spieler-Drama "Glück im Spiel" (2007) mit Drew Barrymore und Eric Bana und den für elf Emmys nominierten HBO-Film "Too Big to Fail" (2011) über die Finanz- und Wirtschaftskrise ab 2007. Sein letzter Film wurde 2012 das Surferdrama "Mavericks - Lebe deinen Traum" mit Gerard Butler, den jedoch sein Kollege Michael Apted fertigstellen mußte, da Hanson gesundheitliche Probleme bekam, die ihn letztlich dazu zwangen, seine Karriere zu beenden.

Am 20. September 2016 starb Curtis Hanson, der unbestätigten Meldungen zufolge seit einigen Jahren an Alzheimer litt, im Alter von 71 Jahren im Umfeld von Los Angeles. R.I.P.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen