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In eigener Sache: Mein neues Filmbuch

Einigen Lesern ist bestimmt aufgefallen, daß ich in der rechten Spalte meines Blogs seit einigen Monaten das Cover meines neuen Buchs präs...

Mittwoch, 6. April 2016

UNTER DEM SAND (2015)

Originaltitel: Under sandet
Regie und Drehbuch: Martin Zandvliet, Musik: Sune Martin
Darsteller: Roland Møller, Louis Hofmann, Oskar Bökelmann, Mikkel Boe Følsgaard, Laura Bro, Oskar Belton, Emil Belton, Joel Basman, Leon Seidel
 Unter dem Sand
(2015) on IMDb Rotten Tomatoes: 88% (7,4); weltweites Einspielergebnis: $2,8 Mio.
FSK: 12, Dauer: 101 Minuten.

Mai 1945. Hitler ist tot, Nazi-Deutschland hat kapituliert, der Zweite Weltkrieg in Europa ist zu Ende. Was geblieben ist, sind neben viel Haß und unzähligen Witwen und Waisen auch mehr als zwei Millionen Landminen an den Stränden Dänemarks – wo die Nazis die alliierte Invasion erwartet hatten. Zur Entschärfung der Minen werden deutsche Kriegsgefangene angekarrt, von denen ein Großteil noch nicht einmal volljährig ist. Ohne jegliche Hilfsmittel und mit nur einem rudimentären Training sollen sie die Strände säubern, an vielen Tagen bekommen sie noch nicht einmal etwas zu Essen, was die Konzentrationsfähigkeit naturgemäß nicht eben erhöht – im Grunde genommen handelt es sich um ein Selbstmordkommando. Einer der Trupps wird von dem dänischen Offizier Carl Rasmussen (Roland Møller, "Zweite Chance") angeleitet, der die Deutschen haßt und kein Mitleid mit den Kriegsgefangenen hat. Allerdings wurde ihm vorher nicht gesagt, daß es halbe Kinder sind, die er bei ihrer lebensgefährlichen Aufgabe bewachen soll. Und so entwickelt er nach und nach doch eine beinahe freundschaftliche Beziehung zu den Jungs, deren Überleben ihm nicht so egal ist, wie er es behauptet …

Kritik:
Angesichts der Tatsache, daß in den letzten 75 Jahren Hunderte von Filmen über den Zweiten Weltkrieg gedreht wurden, sollte man meinen, daß inzwischen wirklich alle Aspekte dieser Thematik cineastisch ausgeleuchtet wurden. Trotzdem gibt es immer wieder Werke, die doch noch neue Facetten des verheerendsten Konflikts in der Menschheitsgeschichte auftun. Häufig sind das letztlich nur Variationen von bereits Bekanntem, etwa bei der Leidensgeschichte des amerikanischen Kriegsgefangenen Louis Zamperini in Angelina Jolies "Unbroken"; manchmal aber werden tatsächlich noch Geschichten ans Licht des Tages befördert, die weitestgehend unbekannt sind. So ist es auch bei der gelungenen dänisch-deutschen Koproduktion "Unter dem Sand", die sich der Minenräumung an dänischen Stränden durch überwiegend sehr junge deutsche Kriegsgefangene unmittelbar nach Kriegsende widmet – und dabei durchaus mutig Deutsche als Quasi-Opfer zeigt und die Dänen als zumindest auf den ersten Blick rachsüchtige Unsympathen.

Das gefällt mit Sicherheit nicht jedem Zuschauer, schließlich ist es ja ein gerne vorgebrachter Vorwurf bei Filmen, die sich losgelöst vom großen Kriegszusammenhang mit ganz konkreten Aspekten befassen, daß sie Täter und Opfer vertauschten. Allerdings ist es hier aus meiner Sicht ein unangebrachter Vorwurf, oder besser gesagt: einer, der einen Mangel an Empathie mit der Situation und den Beteiligten offenbart. Denn wenn man sich die Situation in diesem Mai 1945 vor Augen ruft, dann ist das Verhalten der Dänen vollkommen nachvollziehbar. Obwohl Dänemark im Vergleich zu anderen europäischen Staaten noch relativ glimpflich davonkam und am Ende "nur" ein paar Tausend Tote zu beklagen hatte, hatte die Bevölkerung doch stark unter der seit 1943 andauernden Besatzung durch die Nazis gelitten. Ein genereller Haß gegen "die Deutschen" ist da eigentlich normal, ebenso die Schadenfreude nach der Niederlage Nazi-Deutschlands. Und theoretisch klingt es auch sehr logisch, daß jene Landminen, die die deutschen Truppen an den dänischen Stränden vergruben, von deutschen Kriegsgefangenen beseitigt werden sollen (wenngleich es ein klarer Verstoß gegen die Genfer Konventionen ist). Warum hätten diese gefährliche Aufgabe die Dänen selbst übernehmen sollen? Angesichts der Gesamtsituation mag das Verhalten vieler Dänen in "Unter dem Sand" also unsympathisch, ja sogar unrechtmäßig erscheinen, es ist aber emotional absolut nachvollziehbar – und außerdem eben in den Grundzügen Fakt.

Ähnlich verhält es sich mit der "Opferrolle" der Deutschen. Es sind überwiegend Jugendliche zwischen 15 und 18 Jahren (warum ausgerechnet die ausgewählt wurden – vielleicht weil man bei ihnen eine geringere Fluchtgefahr sah als bei erwachsenen Soldaten? Oder schlicht eine größere Geschicklichkeit bei der Entschärfung? –, wird leider nicht erklärt, es entspricht aber der Realität), denen man die Kriegsverbrechen der Nazis sicher nicht zur Last legen kann. Sie sind es, die nun die Verbrechen der Generation ihrer Eltern ausbaden müssen. Ist da Mitleid erlaubt? Selbstverständlich. Daher ist es auch vollkommen glaubwürdig, daß Rasmussen seine Vorbehalte und seinen Haß zunehmend verliert, je länger und näher er mit den Jungs zu tun hat. Letztlich ist die Botschaft von Regisseur und Drehbuch-Autor Martin Zandvliet so simpel wie einleuchtend und vor allem universell: Es ist leicht, eine Feindesgruppe kollektiv zu hassen ("die Deutschen"), aber wenn sie von einer solchen abstrakten Gruppe zu Individuen werden, dann wird das immer schwieriger. Natürlich ist das keine neue Erkenntnis und genau deshalb greifen ja Diktatoren und Demagogen so stark auf das Instrument der Propaganda zurück, um ihre Untertanen respektive Anhänger möglichst von Kindheit an so stark gegen "den Feind" aufzuhetzen, daß die gar nicht erst auf den Gedanken kommen, sie könnten etwas Falsches tun. Tutsi gegen Hutu in Ruanda; Palästinenser gegen Israelis; Muslime gegen Christen im ehemaligen Jugoslawien; Sunniten gegen Schiiten; die Liste von traurigen Beispielen ist lang und der solcherart vererbte Kreislauf des Hasses kaum zu durchbrechen. Kunst kann daran wenig bis nichts ändern, dennoch ist es ehrenwert, wenn ein Film wie "Unter dem Sand" genau das trotzdem versucht, indem er die sonst übliche Perspektive verändert, auf Gemeinsamkeiten statt Unterschiede hinweist und schlicht und ergreifend die Menschlichkeit in den Mittelpunkt stellt.

Zugegeben, nun bin ich doch ein klitzekleines bißchen abgeschweift, daher zurück zur direkten Filmanalyse. Ein interessantes Stilmittel hat Zandvliet beispielsweise damit gewählt, daß er die Hintergründe der Charaktere komplett ausblendet. Einerseits ist das klug, schließlich wäre dramaturgisch keinem gedient, wenn die grausamen Kriegserlebnisse von Rasmussen oder seinem Vorgesetzten Jensen (Mikkel Boe Følsgaard, "Die Königin und der Leibarzt") oder auch der Bäuerin Karin (Laura Bro, "Brothers") – die die fieseste Szene des Films für sich verbuchen darf – breitgetreten würden. Es ist offensichtlich, daß es sie gab, da muß man gar nicht ins Detail gehen. Andererseits wird auf diese Weise aber natürlich auch ein Stück weit die Chance vertan, eine tiefgreifendere Bindung des Publikums zu den Figuren aufzubauen. Man erfährt auf dänischer Weise so gut wie nichts über die Privatpersonen, so bleiben sie eher Symbolfiguren, nur Rasmussen als zentralem Protagonisten kommt man durch sein bloßes Verhalten und die offensichtliche, von Roland Møller sehr überzeugend gespielte Entwicklung seiner Gefühlswelt gegenüber den ihm Anvertrauten näher. Es ist möglich, daß das eine bewußte Entscheidung Zandvliets war, da durch den Verzicht auf eine direkte Relativierung durch konkrete miterlebte Gräueltaten oder verlorene Familienmitglieder das moralische Fehlverhalten der Dänen (und in einer Szene auch einiger britischer Soldaten) – bei allem Verständnis, das man im Kontext dafür aufbringen muß – umso deutlicher herausgearbeitet wird. Eine Verharmlosung eigenen Fehlverhaltens durch die Vergleiche mit noch schlimmerem Fehlverhalten ist ja eine bequeme Strategie, die sehr viele Menschen in allen möglichen Situationen des Lebens anwenden, die aber bei genauerer Betrachtung ziemlicher Blödsinn ist. Plakativ ausgedrückt: Wenn jemand seinen Ehepartner verprügelt, ist das noch lange nicht deshalb weniger schlimm, weil sein Nachbar seinen Ehepartner brutal ermordet. Und wenn dänische Soldaten jugendliche deutsche Kriegsgefangene schikanieren, grundlos zusammenschlagen und unvorbereitet in den ziemlich sicheren Tod schicken, ist das noch lange nicht deshalb weniger schlimm, weil die Nazis im Krieg Millionen Menschen in Konzentrationslagern ermordet haben. Eine solche Aufrechnung von Leid und Unrecht funktioniert einfach nicht.

Von daher halte ich Zandvliets Entscheidung, sich ganz konkret auf die vorliegende Situation zu konzentrieren und das Davor und Danach weitestgehend auszublenden, für eine moralisch sehr gute. Dramaturgisch bringt sie allerdings ihre Probleme mit sich, da die handelnden Figuren dem Zuschauer eben doch ziemlich fremd bleiben. Bei den Deutschen ist das zwar nicht ganz so extrem, da wir durch deren Gespräche untereinander ein bißchen etwas über ihr Leid, ihr Heimweh, das Schwanken zwischen der aktuellen Ausweglosigkeit und zarten Hoffnungen für die Zukunft erfahren. Über allgemeine Kriegsfilm-Klischees geht das allerdings kaum hinaus, wenn auch die jungen Schauspieler – darunter das "Tom Sawyer"- und "Die Abenteuer des Huck Finn"-Duo Louis Hofmann und Leon Seidel – ihre Sache gut machen. Letztlich ist es aber so, daß die sehr rudimentäre Handlung, die sich fast komplett auf die Beziehung zwischen Rasmussen und den Jungs beschränkt, wenig Spielraum für echte inhaltliche Spannung läßt. Viel Abwechslung läßt sich kaum generieren, wenn sich alles um das Finden und Entschärfen von Landminen handelt – natürlich gibt es die angesichts der Thematik unvermeidlichen und hier wörtlich zu nehmenden Knalleffekte, die aber trotz halbherziger "Verschleierungstaktiken" Zandvliets ebenso größtenteils vorhersehbar sind wie die Entwicklung der Beziehung zwischen Rasmussen und den Jungs (wenn beispielsweise Zwillinge unter den Kriegsgefangenen sind, dann kann man sich von vornherein denken, daß die nicht beide das Filmende erleben werden …). Erst in der letzten halben Stunde gibt es doch noch ein paar interessante Entwicklungen, die aber auch nicht mehr wirklich etwas daran ändern können, daß "Unter dem Sand" mehr für sein thematisches Engagement gelobt werden muß als für seine dramaturgische Raffinesse.

Fazit: "Unter dem Sand" ist ein Anti-Kriegsfilm, der von einem weitgehend unbekannten Aspekt des Zweiten Weltkrieges ausgehend überzeugend und engagiert die Sinnlosigkeit von Krieg und Haß aufdeckt, damit aber handlungstechnische Mängel und eine relativ geringe emotionale Bindung zwischen Publikum und Figuren nicht vollends überdecken kann.

Wertung: Knapp 7,5 Punkte.


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