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In eigener Sache: Mein neues Filmbuch

Einigen Lesern ist bestimmt aufgefallen, daß ich in der rechten Spalte meines Blogs seit einigen Monaten das Cover meines neuen Buchs präs...

Dienstag, 8. Dezember 2015

IM HERZEN DER SEE (3D, 2015)

Originaltitel: In the Heart of the Sea
Regisseur: Ron Howard, Drehbuch: Charles Leavitt, Musik: Roque Baños
Darsteller: Chris Hemsworth, Benjamin Walker, Tom Holland, Cillian Murphy, Ben Whishaw, Brendan Gleeson, Michelle Fairley, Charlotte Riley, Frank Dillane, Paul Anderson, Jamie Sives, Joseph Mawle, Donald Sumpter, Osy Ikhile, Gary Beadle, Edward Ashley, Jordi Mollà
 Im Herzen der See
(2015) on IMDb Rotten Tomatoes: 42% (5,5); weltweites Einspielergebnis: $93,9 Mio. 
FSK: 12, Dauer: 122 Minuten.

Nach langem Bitten gelingt es dem jungen, aufstrebenden Schriftsteller Herman Melville (Ben Whishaw, "Cloud Atlas") endlich doch, Thomas Nickerson (Brendan Gleeson, "The Guard"), den letzten Überlebenden des legendenumwobenen Untergangs des Walfangschiffes "Essex" einige Jahrzehnte zuvor, zu überreden, ihm die ganze Wahrheit über das Unglück zu erzählen. Der noch immer traumatisierte Mann war seinerzeit, im Jahr 1820, das mit 14 Jahren jüngste Besatzungsmitglied, als das Schiff unter dem unerfahrenen Captain George Pollard (Benjamin Walker, "Abraham Lincoln: Vampirjäger") von der Insel Nantucket aus in See stach. Doch als Folge der boomenden Nachfrage nach Waltran sind in den üblichen Gewässern nur noch sehr wenige Wale zu finden, weshalb die "Essex" immer weiter hinaus auf die hohe See steuern muß. Der anhaltende Mißerfolg verstärkt die Spannungen zwischen Captain Pollard und dem ersten Steuermann Owen Chase (Chris "Thor" Hemsworth), dem eigentlich versprochen worden war, die Fahrt selbst als Captain anzuführen. Als die "Essex" schließlich doch auf eine riesige Walherde stößt, ist der Jubel groß – allerdings nur kurz, denn ein gewaltiger weißer Walbulle attackiert das Schiff …

Kritik:
Herman Melvilles Klassiker der Abenteuer-Literatur "Moby Dick" wurde bereits mehrfach für Kino und TV verfilmt, am bekanntesten ist John Hustons Version von 1956 mit Gregory Peck in der Hauptrolle des rachsüchtigen Captain Ahab. Melville, der in jungen Jahren selbst kurz als Walfänger arbeitete, erfand seine Geschichte nicht einfach, sondern ließ sich von mehreren realen Vorkommnissen inspirieren. Eines davon war der Untergang des Walfangschiffs "Essex", der nun erstmals selbst im Zentrum eines Kinofilms steht. Als Basis dient ein Bestseller aus dem Jahr 2000 von Nathaniel Philbrick, wobei sich Regisseur Ron Howard ("Rush") und der Drehbuch-Autor Charles Leavitt ("Blood Diamond") bei der Rahmengeschichte aber relativ viele Freiheiten nahmen. Während Melville in der Realität nämlich vor allem auf Aufzeichnungen der Überlebenden zurückgriff, ist er im Film fast komplett auf die Erzählung von Thomas Nickerson angewiesen. Von diesem kleinen Kunstgriff abgesehen hält sich "Im Herzen der See" ziemlich dicht an das, was man über den Untergang der "Essex" weiß. Das ist zwar ehrenwert und wird Anhänger möglichst realitätsnaher Filme freuen, die sich sonst gerne über jede noch so kleine künstlerische Freiheit ärgern – aus cineastischer Sicht führt das Vorgehen jedoch zu einem zwar handwerklich sehr gut gemachten, aber inhaltlich komplett überraschungsfreien Werk.

Nun kann man natürlich nicht verlangen, daß jeder neue Film immer etwas Neues zu bieten haben muß, um irgendwie relevant zu sein (auch wenn es Kritiker gibt, die genau das tun), aber wenn man wie hier etwas vorgesetzt bekommt, das man so ähnlich schon oft und nicht selten aufregender und spannender gesehen hat, dann fragt man sich schon, ob man das nicht besser hätte gestalten können. Aber wenn man schon bei der eigentlichen Handlung zum Wohle der Realitätsnähe auf jegliche Sperenzchen verzichtet, dann sollte man zumindest die handelnden Figuren fesselnd gestalten. Dabei versagt "Im Herzen der See" leider. Lediglich Owen Chase und Captain Pollard bleiben einem halbwegs im Gedächtnis, wobei Pollard sogar der einzige ist, der eine charakterliche Entwicklung durchläuft. Benjamin Walker bringt diese glaubwürdig rüber und bietet einen soliden Gegenpol zum den Film klar dominierenden Chris Hemsworth, der als heißblütiger Owen Chase eine gute Leistung abliefert. Doch diese beiden Charaktere allein reichen nicht aus, um eine enge emotionale Bindung des Publikums zu diesen verzweifelt um ihr Leben kämpfenden Männer zu schaffen. Dafür bleiben einem eigentlich selbst Chase und Pollard zu fremd, erst Recht gilt das für die übrige Mannschaft. Daran können auch gute Darsteller wie Cillian Murphy ("Batman Begins", als Chases Kindheitsfreund Matthew Joy) oder der zukünftige "Spider-Man" Tom Holland ("The Impossible", als junger Tom Nickerson) nichts ändern – zumal der Film (anders als "Moby Dick") vor allem in der zweiten Hälfte fast komplett auf Konflikte innerhalb der Mannschaft verzichtet.

Doch wo "Im Herzen der See" in Sachen Handlung und Charaktere nicht mehr als gediegenes Mittelmaß präsentiert und auch die verzweifelte Notlage der Schiffbrüchigen psychologisch nur oberflächlich angerissen wird, da überzeugt die künstlerische Darbietung dafür umso mehr. Kameramann Anthony Dod Mantle ("127 Hours") verwöhnt das Publikum immer wieder mit tollen 3D-Aufnahmen auf hoher See und mit actionreichen Kamerafahrten etwa während eines Sturms oder natürlich beim Walfang. Zwar wirkt das auch angesichts der beinahe romantischen Farbgebung immer wieder etwas künstlich, das ist aber erkennbar so gewollt – immerhin soll Kino dieser Art die Zuschauer in eine andere, fremde und in diesem Fall auch lange vergangene Welt entführen und das gelingt Howard und Mantle vortrefflich; wohl nicht ohne Grund erinnern manche Szenerien gar an die imposanten romantischen Meeresgemälde eines William Turner. Die Seefahrt-Sequenzen überzeugen auf ganzer Linie und rufen in ihrer betont unspektakulären, altmodischen Inszenierung Erinnerungen an Peter Weirs "Master & Commander" wach.

Apropos "in eine vergangene Zeit entführen": Interessant ist natürlich, wie das Thema "Walfang" angegangen wird, dessen Rezeption durch die Öffentlichkeit sich ja nicht nur gegenüber der damaligen Zeit extrem verändert hat, sondern selbst gegenüber früheren Verfilmungen wie der von John Huston. Im 19. Jahrhundert war der Walfang ein großes Abenteuer, lukrativ noch dazu und gewissermaßen gar religiös legitimiert (schließlich soll sich der Mensch die Natur Untertan machen, wie im Film der gläubige Captain Pollard argumentiert); heute hingegen ist Walfang weitestgehend verpönt, Wale stehen als Symbol für den Umweltschutz sogar im Zentrum von Filmen wie "Star Trek IV: Zurück in die Gegenwart" und die wenigen noch immer am Walfang festhaltenden Nationen wie Japan und Norwegen werden zumindest moralisch geächtet. Wie also eine Geschichte adaptieren, in der eigentlich die tapferen Walfänger die Helden sein sollen und der zerstörerische weiße Wal der Bösewicht? Howard und Leavitt entschieden sich dafür, sich im Detail weitgehend der Wertung zu enthalten. Sie beschönigen nichts, sie dramatisieren nichts, sie erzählen einfach eine Geschichte aus einer anderen Zeit, deren Protagonisten weder Helden noch Fieslinge sind. Nur eine, allerdings recht deutliche, Ausnahme machen sie: Bei der ersten Walfang-Szene läßt Komponist Roque Baños ("Evil Dead") die bis dahin aufregend-dramatische Musik am Ende in eine melancholische, stark von Moll-Tönen geprägte Melodie übergehen, die die Jubelrufe der Männer übertönt. Das ist nicht unbedingt subtil, aber durchaus eine gute Lösung. Weniger gefallen hat mir, daß zwei Männer nicht in die Jubeltraube einfallen: Tom Nickerson und Owen Chase. Bei Nickerson ist das in Ordnung, schließlich ist es sein "Erstes Mal" und bei einem 14-Jährigen ist angesichts der grausamen Situation (die übrigens von Howard in der Darstellung trotz beeindruckender Bilder lobenswerterweise nicht beschönigt oder verharmlost wird) eine solche Reaktion absolut nachvollziehbar. Beim erfahrenen Waljäger Chase hingegen widersprecht sie eigentlich komplett seiner sonstigen Charakterisierung und ist daher erkennbar nur deshalb eingefügt worden, um ihm die Sympathien des Publikums zu sichern. Meines Erachtens ist das eine relativ feige, manipulative Vorgehensweise, die der Film nicht nötig hätte. Ehrlicher wäre es gewesen, Chase als den Mann des frühen 19. Jahrhunderts zu zeigen, der er war. Denn das 19. Jahrhundert war nun einmal keine einfache Zeit und der Walfang war eine gefährliche Tätigkeit, in der es für Skrupel wenig Platz gab.

Fazit: "Im Herzen der See" ist ein durchaus erfrischend altmodisch inszenierter Abenteuerfilm, der auf ein großes Action-Spektakel verzichtet und sich stattdessen lieber der Schönheit der künstlerischen Gestaltung widmet – es dabei allerdings auch versäumt, der Handlung und vor allem den Charakteren genügend Sorgfalt zu widmen.

Wertung: 6 Punkte.


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