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In eigener Sache: Mein neues Filmbuch

Einigen Lesern ist bestimmt aufgefallen, daß ich in der rechten Spalte meines Blogs seit einigen Monaten das Cover meines neuen Buchs präs...

Mittwoch, 3. Juni 2015

SAN ANDREAS (3D, 2015)

Regie: Brad Peyton, Drehbuch: Carlton Cuse, Musik: Andrew Lockington
Darsteller: Dwayne Johnson, Carla Gugino, Alexandra Daddario, Paul Giamatti, Ioan Gruffudd, Hugo Johnstone-Burt, Art Parkinson, Archie Panjabi, Colton Haynes, Kylie Minogue, Will Yun Lee
 San Andreas
(2015) on IMDb Rotten Tomatoes: 48% (5,2); weltweites Einspielergebnis: $474,0 Mio.
FSK: 12, Dauer: 115 Minuten.

Als infolge eines gewaltigen Erdbebens die Hoover-Talsperre zwischen Nevada und Arizona bricht und zahlreiche Menschen in den Tod reißt, ist das eine Katastrophe. Was aber niemand außer dem Seismologen Prof. Lawrence Hayes (Paul Giamatti, "Barney's Version") und seinem Assistenten Dr. Kim Park (Will Yun Lee, "Wolverine – Weg des Kriegers") – die seit langem an einem Verfahren zur Vorhersage von Erdbeben tüfteln – ahnt: Das war nur der Anfang! Entlang der durch ganz Kalifornien (unter weiter) führenden San Andreas-Verwerfung gibt es unzählige Nachbeben, die den gesamten Bundesstaat verwüsten und in Chaos stürzen. Der erfahrene Hubschrauber-Rettungspilot Ray Gaines (Dwayne Johnson, "Hercules") befindet sich gerade auf dem Weg nach San Francisco – die vom ersten Beben am stärksten getroffene Großstadt –, als er einen telefonischen Hilferuf seiner getrennt von ihm lebenden Frau Emma (Carla Gugino, "Sin City") erhält, die sich gerade in einem Restaurant auf der obersten Etage eines Hochhauses in Los Angeles aufhält, als die Stadt ebenfalls von einem Beben getroffen wird. Doch nicht allein Emma muß Ray retten, auch die gemeinsame Tochter Blake (Alexandra Daddario, "Percy Jackson"), die in San Francisco ihr Studium beginnen will, benötigt dringend Hilfe …

Kritik:
Kaum ein anderes Genre eignet sich so sehr für eine möglichst große Kinoleinwand wie der Katastrophenfilm. Schließlich steht spektakuläre Zerstörung unweigerlich im Mittelpunkt eines Katastrophenfilms, ganz gleich ob es um gewaltige Stürme ("Twister", "Der Sturm"), Eiszeiten ("The Day After Tomorrow"), drohende Flugzeugabstürze ("Airport"), Vulkanausbrüche ("Dante's Peak", "Pompeii"), Schiffshavarien ("Titanic", "Die Höllenfahrt der Poseidon"), Tsunamis ("The Impossible"), (drohende) Meteoriteneinschläge ("Armageddon", "Deep Impact") oder eben um gewaltige Erdbeben ("San Francisco", "Erdbeben") geht. Mehr als für jedes andere Genre gilt für Katastrophenfilme allerdings auch die Devise: Kennt man einen, kennt man alle! Gut, das ist natürlich übertrieben, im Kern aber schon richtig; man kann zwar in den Details variieren, aber die grundsätzlichen Storyelemente unterscheiden sich kaum. Fast immer geht es um einige Menschen – meist eine verstreute Familie, manchmal eine Zweckgemeinschaft Fremder –, die vor der jeweiligen Katastrophe fliehen und auch deren Nachwirkungen halbwegs heil überstehen müssen, während es um sie herum mächtig kracht und rummst.

"San Andreas" macht da keine Ausnahme; ganz im Gegenteil scheint es sogar das erklärte Ziel von Drehbuch-Autor Carlton Cuse gewesen zu sein, jedes nur denkbare Katasrophenfilm-Klischee zu bedienen. Falls es sein Ziel war, dann hat er es jedenfalls erreicht … Das ist umso enttäuschender, als Cuse im TV-Bereich bereits vielfach bewiesen hat, daß er einiges drauf hat, schrieb oder schreibt er doch für Qualitätsserien wie "Lost", "Bates Motel" oder jüngst "The Returned" (ein Remake der international gleichnamigen französischen Serie). Vielleicht wollte er bei seinem Kinodebüt ja um jeden Preis unnötige Risiken vermeiden, aber wenigstens ein Hauch von Originalität wäre doch nett gewesen. Die Marschrichtung gibt bereits der Prolog an, in dem der Protagonist Ray während einer Prä-Erdbeben-Rettungsaktion als unglaublich toller Hecht etabliert wird. Zu dem Zeitpunkt nahm ich das noch schmunzelnd hin, schließlich ist diese Art der Helden-Einführung zwar uralt, aber durchaus bewährt.

Nur ziehen sich solche Szenen eben konsequent bis zum Ende hindurch: Selbstverständlich erweist sich Daniel (Ioan Gruffudd, "King Arthur"), der reiche neue Freund von Rays Noch-Frau im Ernstfall als egoistischer Feigling, natürlich findet Blake einen netten, gleichaltrigen Helfer (Hugo Johnstone-Burt) samt vorwitzigem jüngeren Bruder (Art Parkinson, "Dracula Untold"); und man kann darauf wetten, daß es in jeder extrem brenzligen Situation unter Beteiligung der Protagonisten zu einer Rettung in letzter Sekunde kommt, wohingegen dann, wenn ein gutes Ende greifbar nahe erscheint, die nächste Katastrophe keine Minute auf sich warten lassen kann. Und am Ende weht sowieso das "Star-Spangled Banner" im Wind – gebeugt, aber nicht gebrochen! Nein, an Vorhersehbarkeit ist "San Andreas" vom Anfang bis zum Schluß (übrigens mit einer sehr hörenswerten, von Sia vorgetragenen Coverversion des The Mamas and the Papas-Evergreens "California Dreamin'" während des Abspanns) beim besten Willen nicht zu übertreffen, was angesichts der unwahrscheinlichen Anzahl bedienter Klischees auch einige unfreiwillig komische Momente miteinschließt. An der Klischeehaftigkeit ändert sich übrigens auch bei den Charakteren nichts, jedoch sind die (bis auf den feigen Daniel) wenigstens sehr sympathisch und überzeugend gespielt. Dwayne Johnson beweist einmal mehr, wie gut er zum Actionhelden taugt (auch wenn er hier gar nicht sooo viel zu tun hat), Paul Giamatti zieht die für das Genre obligatorische erklärende Wissenschaftler-Rolle souverän durch und Carla Gugino und Alexandra Daddario fungieren erfreulicherweise gar nicht ausschließlich als "eye candy", sondern auch als akzeptabel starke Frauenfiguren.

Wenngleich die Storyentwicklung von Brad Peytons ("Die Reise zur geheimnisvollen Insel") Film ausgesprochen ärgerlich ist, ist sie doch nicht so entscheidend, wie sie es in anderen Genres wären. Denn bei einem Katastrophenfilm sind die Spezialeffekte nunmal seit jeher wichtiger als es Handlung oder Charaktere sind. Die können die Gesamtqualität letztlich nur in Maßen beeinflussen, entscheidend ist die Umsetzung der jeweiligen Katastrophe(n). Und in dieser Hinsicht macht "San Andreas" eine richtig gute Figur. Dadurch, daß es sich nicht "nur" um ein einzelnes großes Erdbeben handelt, sondern um eine ganze Reihe davon infolge einer Kontinentalplatten-Verschiebung, bleibt das Tempo permanent hoch und man hat kaum Zeit, um sich über die Storyklischees zu ärgern. Der 3D-Einsatz des erst nachträglich konvertierten Films bleibt zwar eher unauffällig, aber die Spezialeffekte selbst schinden mächtig Eindruck: Ob schwankende Hochhäuser, krachend einstürzende Brücken, Hubschrauber-Bruchlandungen oder sogar ein Tsunami, es ist einfach immer etwas los. Und obwohl Roland Emmerichs "The Day After Tomorrow" (vom Unterhaltungsgrad her einer meiner Lieblings-Katastrophenfilme) offensichtliches strukturelles Vorbild war, gibt es noch genügend kleine Variationen gegenüber früheren Filmen des Genres, daß zumindest kein komplettes Déjà-vu-Gefühl aufkommt – meist wirken die Naturkatastrophen und ihre Auswirkungen zudem authentischer als in vielen anderen Katastrophenfilmen. Nunja, zumindest gilt das, solange es nicht gerade wieder um eine der "Rettung im letzten Moment"-Sequenzen mit Ray geht. Auch will ich nicht verschweigen, daß wieder einmal die Altersfreigabe der Glaubwürdigkeit entgegensteht; denn obwohl durchaus einige Todesfälle gezeigt werden (wenn auch niemals explizit), ist es doch sehr auffällig, daß es sich bei "San Andreas" um einen familientauglichen Blockbuster handelt. Und da liegen eben keine blutigen Leichen auf den Straßen, die stattdessen – nach der jeweiligen Katastrophe, denn währenddessen wird natürlich in Massen blind durch die Gegend gerannt – wie leergefegt sind. Das ist ein bißchen albern, aber aus betriebswirtschaftlichen Gründen wohl nicht zu vermeiden.

Fazit: "San Andreas" ist ein aufregendes, bahnbrechendes und extrem spannendes Action-Abenteuer – wenn man noch nie zuvor einen Katastrophenfilm gesehen hat! Ansonsten bietet "San Andreas" auch ohne einen Funken Eigenständigkeit zumindest grundsolide Unterhaltung mit hervorragenden Spezialeffekten und einem sympathischen Cast.

Wertung: 6 Punkte (aber auch nur, wenn man eine gewisse Sympathie für das Genre hegt).


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