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In eigener Sache: Mein neues Filmbuch

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Donnerstag, 26. März 2015

A GIRL WALKS HOME ALONE AT NIGHT (2014)

Regie und Drehbuch: Ana Lily Amirpour
Darsteller: Sheila Vand, Arash Marandi, Mozhan Marnó, Dominic Rains, Marshall Manesh, Rome Shadanloo, Milad Eghbali, Pej Vahdat
 A Girl Walks Home Alone at Night
(2014) on IMDb Rotten Tomatoes: 95% (8,0); weltweites Einspielergebnis: $0,5 Mio.
FSK: 12; Dauer: 100 Minuten.
In der (fiktiven) heruntergekommenen iranischen Industriestadt Bad City lebt der junge Arash (Arash Marandi) mit seinem Vater in einer kleinen Wohnung. Arashs ganzer Stolz ist sein Auto, auf dessen Kauf er über sechs Jahre lang konsequent hingespart hat. Eines Tages nimmt ihm Saeed (Dominic Rains, TV-Serie "Flash Forward"), ein selbstverliebter Drogendealer und Zuhälter in Jogginghosen und mit Pac-Man-Tätowierung am Hals, den Wagen weg – als eine Bezahlung für die hohen Schulden, die Arashs seit dem Tod seiner Ehefrau drogensüchtiger Vater bei ihm hat. Wenig später scheint Arash doch das Glück zuzulächeln, als er nach einem zufälligen Aufeinandertreffen mit einer geheimnisvollen Schönheit (Sheila Vand, "Argo") Saeeds krumme Geschäfte übernimmt. Im Anschluß an eine wilde Party in einem Nachtclub trifft Arash in ziemlich drogenvernebeltem Zustand erneut auf die junge Frau, die – wie sich herausstellt – ein einsamer Vampir ist …

Kritik:
Vampirfilme sind im 21. Jahrhundert bekanntlich nicht mehr wirklich originell. Eine in eleganten Schwarzweiß-Bildern gefilmte Erzählung über einen weiblichen Vampir im Iran, der des Nachts durch die heruntergekommenen Straßen streift und dabei selbstverständlich ein muslimisches Kopftuch trägt, kann man dagegen durchaus als eine Novität bezeichnen. Die junge iranisch-amerikanische Regisseurin Ana Lily Amirpour adaptierte mit "A Girl Walks Home Alone at Night" einen eigenen Kurzfilm aus dem Jahr 2011 – und wurde damit zu einem Liebling der Filmfestivals weltweit. Der sehr gemächlich vorangetriebene Genre-Mischmasch ist sicher nicht für ein klassisches Multiplex-Publikum geeignet und kann im Mittelteil gar etwas ermüdend wirken; Arthouse-Freunde dürften dennoch einiges finden, was sie anspricht.
Amirpours Inspirationsquellen sind dabei nicht schwer zu eruieren. Stilistisch erinnert viel an Altmeister Jim Jarmusch (der erst 2013 mit "Only Lovers Left Alive" gleichfalls eine etwas andere Vampir-Erzählung in die Kinos brachte), auch der lakonische Humor und die subtile Gesellschaftskritik würden gut in einen Jarmusch-Film (oder auch einen von Aki Kaurismäki) passen. Visuell fühlt man sich mitunter an Paul Thomas Anderson ("There Will Be Blood") erinnert, die wenigen Horrorszenen könnten von Park Chan-wook ("Durst – Thirst") stammen und die zarte Liebesgeschichte zweier einsamer Seelen gemahnt sogar ein wenig an Marcel Carné ("Kinder des Olymp"). Auch Elemente von Nouvelle Vague und Film noir lassen sich identifizieren. Obwohl man "A Girl Walks Home Alone at Night" wohl streng genommen als (romantischen) Horrorfilm klassifizieren kann, wird wenig Action oder Horror geboten. Amirpour setzt vor allem auf Atmosphäre und stilvolle Bilder, das Erzähltempo ist fast durchgehend langsam. Wenn es aber doch einmal rundgeht, dann sind die entsprechenden Sequenzen dramaturgisch hervorragend aufgebaut und höchst effektiv: Vor allem der erste "Vampireinsatz" und eine gruselige Lektion für einen Straßenjungen bleiben nachhaltig im Gedächtnis. Die internationale Werbe-Schlagzeile für "A Girl Walks Home Alone at Night" lautet übrigens "der erste iranische Vampir-Western" wobei sich das mit dem Western aber eigentlich auf eine einzelne (sehr gelungene) Szenenabfolge zu einer epischen Melodie im Ennio Morricone-Stil beschränkt.

Überhaupt die Musik: Amirpour unterlegt die eleganten Bilder ihrer wortkargen Geschichte mit einem tollen, sehr melodischen Soundtrack aus teilweise englischsprachigen, teils auf Farsi vorgetragenen Pop- und Rock-Songs. Die Künstler dürften außerhalb der arabischen Welt ziemlich unbekannt sein (wobei ich meine, von der Indie-Rock-Band Radio Tehran schon gehört zu haben), aber die Songs gehen – bis auf einen Techno-Track, zu dem Saeed in seiner Wohnung (extrem komisch) tanzt, um ein Mädchen zu beeindrucken richtig ins Ohr und untermalen gleichzeitig paßgenau einzelne Szenen. So ganz nebenbei zeigt die Eingängigkeit dieser iranischen Musik auch für europäische oder amerikanische Ohren, daß die kulturellen Unterschiede gar nicht so groß sind, wie man das angesichts der Nachrichtenlage rund um den Iran oft glaubt. Bereits Marjane Satrapi ("The Voices") hat das ja in ihrem OSCAR-gekrönten autobiographischen Zeichentrickfilm "Persepolis" nachvollziehbar gemacht – schließlich war der Iran vor der Islamischen Revolution Ende der 1970er Jahre von der US-gestützten Herrschaft des Schahs ziemlich westlich geprägt (zumindest in den Städten) und das hat offensichtlich seine Spuren hinterlassen. Das erkennt man auch an den drogengeschwängerten Partyszenen im wohlhabenden Viertel von Bad City, in dem die verwöhnten Söhne und Töchter der Reichen sorglos in Genuß- und Drogensucht schwelgen – das sind Club-Szenen, die man problemlos auch in Europa, Asien oder Nordamerika erleben könnte.
Diese Sequenzen stehen in einem auffälligen Kontrast zum freudlosen Dasein in den weniger noblen Stadtteilen von Bad City, die von Arbeitslosigkeit, Kriminalität, Prostitution und generell Trostlosigkeit geprägt sind. Die Schere zwischen Arm und Reich klafft eben bei weitem nicht nur im Kapitalismus auseinander, in – vorsichtig formuliert – weniger demokratisch geprägten Staaten ist die Diskrepanz erfahrungsgemäß noch viel größer. Amirpour illustriert die Kritik an den (nicht nur) iranischen Verhältnissen unschwer erkennbar, aber doch recht subtil, indem sie den männlichen Protagonisten Arash als Wandler zwischen den Welten präsentiert. Auf der einen Seite wird er, der sich als Handwerker bei den Reichen finanziell über Wasser hält, drangsaliert durch den Gangster Saeed, auch sein drogenabhängiger Vater ist nicht gerade hilfreich für Arashs Wohlbefinden. Auf der anderen Seite geht es ihm aber immer noch besser als dem bettelnden Jungen auf der Straße (Milad Eghbali) oder auch der Prostituierten Atti (Mozhan Marnó, TV-Serie "The Blacklist"), die regelmäßig seinen Weg kreuzen. Und natürlich wird Arash auch nicht übermäßig durch die Religion in seiner Freiheit eingeschränkt, anders als das bei dem mysteriösen Mädchen der Fall ist, das zwar nicht an einen Gott glaubt (kein Wunder, wenn man ein Vampir ist), aber trotzdem außerhalb ihrer Wohnung nur mit Kopftuch unterwegs sein darf. Nebenbei bemerkt wird in diesem Film ganz besonders deutlich, welch negative Auswirkungen die muslimische Verschleierungspflicht (in diesem Fall ein Tschador, bei dem man das Gesicht sehen kann) in rein ästhetischer Hinsicht hat, denn in den "privaten Szenen" sieht man, daß Hauptdarstellerin Sheila Vand eine sehr hübsche (wenn auch etwas arg dünne) junge Frau ist, wohingegen sie mit Kopftuch unscheinbar wie ein Mauerblümchen wirkt. Und kurioserweise sieht mit Kopftuch ihre Nase zu groß aus, während sie ohne genau paßt ... Davon abgesehen gelingt es Vand aber mit und ohne Kopftuch ausgezeichnet, die geheimnisvolle Aura des weiblichen Vampirs ebenso zur Geltung zu bringen wie ein leichtes, aber permanentes Gefühl der Verlorenheit. Ihr männlicher Widerpart Arash Marandi, der aus Hamburg stammt, kann dagegen (teils im Zusammenspiel mit seinem sehr präsenten Kater) mit einigen eher komödiantischen Einlagen punkten, die den ersten, an einen iranischen James Dean erinnernden Eindruck vom Filmanfang gekonnt und amüsant konterkarieren.

Fazit: "A Girl Walks Home Alone at Night" ist eine mal humorvolle, mal gruselige, dazu leicht gesellschaftskritische Vampirromanze, die von ihrem eigenwilligen, in elegante Schwarzweiß-Bilder gekleideten Stil und einer dichten Atmosphäre lebt – den Figuren kommt man nicht richtig nahe und das Erzähltempo dürfte manchmal etwas höher sein, doch die zentrale, sehr zurückhaltend und nur andeutungsweise erzählte Liebesgeschichte funktioniert und damit auch der Film.

Wertung: 8 Punkte.

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