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Mittwoch, 3. Dezember 2014

OSCAR-NEWS: Erste Awards plus Doku-Shortlist

Die ersten Preise der Saison sind vergeben: An den letzten beiden Tagen wurden die Gotham Awards und die NBR Awards verliehen, zudem haben die New Yorker Filmkritiker den langen Reigen der Kritiker-Auszeichnungen eröffnet. Beginnen wir mit den wichtigsten Kategorien der bedeutendsten Auszeichnung: den vom National Board of Review seit 1920 verliehenen NBR Awards:

Bester Film: "A Most Violent Year"
Regie: Clint Eastwood, "Der Scharfschütze"
Hauptdarsteller: Oscar Isaac, "A Most Violent Year" und Michael Keaton, "Birdman"
Hauptdarstellerin: Julianne Moore, "Still Alice"
Nebendarsteller: Edward Norton, "Birdman"
Nebendarstellerin: Jessica Chastain, "A Most Violent Year"
Animationsfilm: "Drachenzähmen leicht gemacht 2"
Fremdsprachiger Film: "Wild Tales", Argentinien
Dokumentarfilm: "Life Itself"
Original-Drehbuch: Phil Lord und Christopher Miller, "The LEGO Movie"
Adaptiertes Drehbuch: "Inherent Vice", Paul Thomas Anderson
Ensemble: "Herz aus Stahl"

Hier gibt es einige Überraschungen: Geradezu als Sensation muß man den Drehbuch-Preis für "The LEGO Movie" bezeichnen; unwahrscheinlich, daß darauf ein OSCAR folgen wird, aber zumindest für eine Nominierung außerhalb der Animationsfilm-Kategorie hat er sich damit ins Gespräch gebracht. Das macht es umso erstaunlicher, daß er hier seine eigentliche Kategorie gegen "Drachenzähmen leicht gemacht 2" verlor. Absolut keine Überraschung sind die vielen Preise für Alejandro González Iñárritus schwarze Komödie "Birdman", die Auszeichnungen für Julianne Moore und Paul Thomas Anderson kommen ebenfalls nicht unerwartet. Ein bißchen diffiziler wird das Bild bei J.C. Chandors "A Most Violent Year" – zwar wurde das zu Beginn der 1980er Jahre spielende Drama durchaus zu den OSCAR-Kandidaten gerechnet, zählte jedoch nicht zu den Topfavoriten. Mal sehen, ob die NBR Awards das ändern können, einen Schub sollte es auf jeden Fall geben. Theoretisch eine große Überraschung ist der Regiepreis für Clint Eastwood, dessen "Der Scharfschütze" von den Kritikern zwar wohlwollend, aber alles andere als euphorisch aufgenommen wurde. Allerdings hat das National Board of Review seit vielen Jahren ein Faible für den Altmeister und schafft es irgendwie immer wieder, seinen Werken mindestens einen Preis zuzusprechen – das ist fast schon ein Running Gag und daher wohl kaum aussagekräftig für die weitere Awards Season ...

Von besonderem Interesse bei den NBR Awards ist zusätzlich zu den eigentlichen Preisen die Liste der nach Ansicht der Jury zehn besten Filme des Jahres. Wer hier nicht gelistet wird, könnte schon ein Problem haben hinsichtlich eines guten Abschneidens bei den OSCARs – andererseits können vermeintliche Außenseiter erheblich von einer Nennung profitieren, die sie unvermittelt ins Rampenlicht spült. Hier sind also die zehn angeblich besten amerikanischen Filme des Jahres 2014 (nach "A Most Violent Year"):

- "Der Scharfschütze"
- "Birdman"
- "Herz aus Stahl"
- "The Imitation Game"
- "Inherent Vice"
- "The LEGO Movie"
- "Unbroken"

Die großen Gewinner dieser Top10-Aufzählung dürften "Herz aus Stahl", "Nightcrawler" und auch "Inherent Vice" sein. Der Kriegsfilm mit Brad Pitt wurde trotz guter Kritiken eigentlich nicht als ernsthafter OSCAR-Kandidat gehandelt (abgesehen von den technischen Kategorien), vielleicht verhelfen ihm der Ensemble-Preis und die Top10-Nennung zu mehr. "Nightcrawler" ist ein Film, den eigentlich jeder bewundert, bei dem man aber unsicher ist, ob er nicht doch zu "klein" ist, um gegen die hochkarätige Konkurrenz bestehen zu können. Die NBR Awards lassen (auch ohne "echten" Preis für den Film) hoffen, daß er das doch schaffen könnte. Ähnlich sieht es bei "Inherent Vice" aus: Die schwarzhumorige Kiffer-Krimikomödie scheint eigentlich zu "leicht" für ganz große Awards-Ehren zu sein – aber wer weiß? Erfreulich ist die Nennung auch für Angelina Jolies "Unbroken", allerdings sind die frühen Kritiken zu ihrem Sport-/Kriegsfilm so stark, daß eine gute Awards Season sowieso garantiert sein sollte. "Der Scharfschütze" und "The LEGO Movie" halte ich trotz der Auflistung hier nicht für ernsthafte Kandidaten auf OSCAR-Nominierungen in der Königskategorie Bester Film. Umgekehrt sollten "Birdman", "Boyhood", "The Imitation Game" und wahrscheinlich auch "Gone Girl" problemlos ihren Weg bis zu den OSCARs gehen. Namhafteste nicht nominierte Werke sind wohl das Bürgerrechts-Drama "Selma", Wes Andersons "Grand Budapest Hotel", das Stephen Hawking-Biopic "Die Entdeckung der Unendlichkeit" und Christopher Nolans "Interstellar".

Alle Preise und Top-Listen (es gibt auch welche für Independent-Werke, fremdsprachige Filme und Dokus) kann man auf der NBR-Homepage nachlesen.

Deutlich kürzer fassen werde ich mich bei den Gotham Awards, die ausschließlich unabhängig produzierte Filme berücksichtigen und sich auf relativ wenige Kategorien konzentrieren (alle Sieger und Nominierten sind auch hier auf der Homepage zu finden):

Bester Film: "Birdman"
Darsteller: Michael Keaton, "Birdman"
Darstellerin: Julianne Moore, "Still Alice"
Doku: "CitizenFour"

Also: null Überraschungen.

Damit zum New York Film Critics Circle, kurz NYFCC:
Bester Film: "Boyhood"
Regie: Richard Linklater, "Boyhood"
Drehbuch: "Grand Budapest Hotel"
Hauptdarstellerin: Marion Cotillard, "The Immigrant" und "Zwei Tage, eine Nacht"
Hauptdarsteller: Timothy Spall, "Mr. Turner"
Nebendarstellerin: Patricia Arquette, "Boyhood"
Nebendarsteller: J.K. Simmons, "Whiplash"
Animationsfilm: "The LEGO Movie"
Doku: "CitizenFour"
Fremdsprachiger Film: "Ida", Polen

Die New Yorker Kritiker zeigen ein Herz für Independent-Filme – allerdings kann man keinen Sieger eine große Überraschung nennen. Alle zählen zumindest zum erweiterten Favoritenkreis für eine OSCAR-Nominierung. Erneut: Alle Gewinner auf der NYFCC-Homepage.

Und damit abschließend zu den OSCARs selbst, denn die Academy hat ihre Vorauswahl von 15 Dokumentarfilmen veröffentlicht, aus deren Reihe sich schlußendlich die fünf Nominierungen zusammensetzen werden. Noch im Rennen sind:

- "Art and Craft"
- "The Case Against 8"
- "Citizen Koch"
- "CitizenFour"
- "Finding Vivian Maier"
- "The Internet's Own Boy"
- "Jodorowsky's Dune"
- "Keep On Keepin' On"
- "The Kill Team"
- "Last Days in Vietnam"
- "Life Itself"
- "The Overnighters"
- "Das Salz der Erde"
- "Tales of the Grim Sleeper"
- "Virunga"

Mit Wim Wenders, der "Das Salz der Erde" gedreht hat, ist hier auch ein Deutscher vertreten. Zu den Favoriten zählen die Snowden-Doku "CitizenFour", "Life Itself" (über die verstorbene Filmkritiker-Legende Roger Ebert) und vielleicht auch "Jodorowsky's Dune", der den steinigen und letztlich erfolglosen Versuch des sehr eigenwilligen chilenischen Regisseurs Alejandro Jodorowsky ("El Topo", "Montana Sacra") nachzeichnet, Mitte der 1970er Jahre Frank Herberts SF-Roman "Der Wüstenplanet" zu verfilmen. Bekanntlich brachte dann erst 1984 David Lynch den (bis heute kontrovers diskutierten) Film in die Kinos, Jodorowskys Version hätte komplett anders ausgesehen (und sollte zehn Stunden dauern!). Erstaunlicherweise ist diesmal übrigens keiner der Favoriten bereits an der Dokumentarfilm-Shortlist gescheitert, die namhaftesten Nicht-Berücksichtigungen sind wohl "Supermensch" über Hollywood-Manager Shep Gordon und "Red Army" über das lange als unbezwingbar geltende Eishockey-Team der Sowjetunion.

Quelle:

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