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In eigener Sache: Mein neues Filmbuch

Einigen Lesern ist bestimmt aufgefallen, daß ich in der rechten Spalte meines Blogs seit einigen Monaten das Cover meines neuen Buchs präs...

Dienstag, 2. Dezember 2014

UNDER THE SKIN – TÖDLICHE VERFÜHRUNG (2013)

Regie und Drehbuch: Jonathan Glazer, Musik: Mica Levi
Darsteller: Scarlett Johansson, Jeremy McWilliams, Paul Brannigan, Kryŝtof Hádek, Michael Moreland, Adam Pearson, Antonia Campbell-Hughes
 Under the Skin
(2013) on IMDb Rotten Tomatoes: 84% (7,8); weltweites Einspielergebnis: $5,7 Mio.
FSK: 12, Dauer: 108 Minuten.
Glasgow, Schottland: Eine bildschöne junge Frau (Scarlett Johansson, "Lucy") fährt Abend für Abend in einem Auto kreuz und quer durch die Stadt und ihr Umland und spricht immer wieder einzelne Männer an, um diese nach dem Weg zu fragen. Gelegentlich lädt sie einen ein, zu ihr in den Wagen zu steigen und sie direkt zu ihrem Ziel zu lotsen. Dort verführt sie die Männer. Niemals weit entfernt ist ein Motorradfahrer (Jeremy McWilliams), der auf die Frau aufzupassen scheint …

Kritik:
Es ist schon ein bißchen gemein: Da dreht der Filmemacher Jonathan Glazer ("Sexy Beast") einen formal höchst anspruchsvollen experimentellen Kunstfilm … und am Ende diskutiert alle Welt nur über Scarlett Johansson und ihre Nacktszenen-Premiere! Aber andererseits muß das Glazer von vornherein klar gewesen sein, außerdem darf man getrost davon ausgehen, daß ohne Johanssons Mitwirkung generell viel weniger über "Under the Skin – Tödliche Verführung" gesprochen und geschrieben würde und vor allem davon, daß ihn außer den professionellen Kritikern und ein paar hartgesottenen Filmkunst-Anhängern niemand je gesehen hätte. Insofern mag es Glazer ein wenig schmerzen, daß seine künstlerische Vision in der Aufgeregtheit um die Nacktszenen gerne übersehen wird; aber er wird es sicher überleben.
Bevor ich fortfahre, eine Warnung: Sehr viel mehr als das, was ich oben beschrieben habe, bekommt man in "Under the Skin" nicht über die Handlung erklärt. Manches kann man sich selbst zusammenreimen, doch das meiste bleibt im Dunklen – so ist Glazers Film eine visuell eindrucksvolle, aber inhaltlich ziemlich nihilistische Erfahrung. Doch "Under the Skin" basiert – wenngleich ziemlich lose – auf einem Roman (deutscher Titel: "Die Weltenwanderin") des in den Niederlanden geborenen australisch-schottischen Schriftstellers Michel Faber, in dem es mehr Handlung gibt. Zur näheren Analyse des Films werde ich daher im Folgenden auf dieses rudimentäre Hintergrundwissen zurückgreifen – wer "Under the Skin" also unvoreingenommen sehen will, der sollte hier aufhören zu lesen. Allerdings habe ich selbst Glazers Film im Wissen um seine Story-Hintergründe gesehen (auf deren Nennung die wenigsten Kritiken verzichten) und denke nicht, daß dies dem Sehgenuß in irgendeiner Form geschadet hat. Dennoch: Die Warnung ist hiermit ausgesprochen.

Im Buch erfährt man also, daß die verführerische Frau in Wirklichkeit kein Mensch ist (nun gut, das bekommt man im Film auch schnell heraus), sondern ein Alien, das Männer durch ihre Verführungskünste in die Falle lockt, woraufhin sie von ihren Artgenossen "verzehrt" werden (was man im Film höchstens erahnen kann). Jedoch ist diese Handlung natürlich immer noch nicht das, worum es in "Under the Skin" wirklich geht. Die Story ist voller Metaphern und läßt jede Menge Interpretationsspielraum. Tatsächlich scheint auch so ziemlich jeder etwas anderes in "Under the Skin" zu sehen: Für manche ist es ein feministisches Manifest, für andere ein philosophischer Exkurs über die Natur des Menschseins, wieder andere meinen ein Plädoyer gegen Rassismus zu erkennen. Und für Pragmatiker ist Glazers Werk einfach ein Arthouse-Horrorfilm. Um ehrlich zu sein: Ich will gar nicht erst versuchen, in "Under the Skin" etwas hineinzuinterpretieren. Stattdessen funktioniert er für mich vor allem als Gesamtkunstwerk, das mich mit seiner unheimlich-düsteren Atmosphäre, der hervorragenden Kameraarbeit und der schauspielerischen Leistung von Scarlett Johansson fasziniert. Zumindest phasenweise.
Denn in der ersten Hälfte ist "Under the Skin" wirklich ein Faszinosum. Man verfolgt gebannt Johanssons (ich werde bei der Nennung ihres Namens bleiben, denn die von ihr verkörperte Alien-Frau bleibt bis zum Ende namenlos) Fahrten durch das nächtliche Glasgow und lauscht den Unterhaltungen mit ihren potentiellen Opfern. Die sind übrigens fast ausnahmslos keine Schauspieler, sondern "echte Schotten", deren improvisierte Kommunikation mit Johansson mit versteckter Kamera aufgenommen wurde (selbstverständlich wurde später das Einverständnis der jungen Männer eingeholt, die Szenen im Film zu verwenden). Entsprechend banal verlaufen die Dialoge meist (sofern man in der Originalfassung den gewöhnungsbedürftigen schottischen Dialekt der meisten Männer überhaupt versteht), dennoch ist es fesselnd, dabei zuzuschauen, wie Johansson ihre Gesprächspartner mit ihrer Schönheit und ihrem Charme mühelos um den Finger wickelt. Auch wenn ich nicht interpretieren wollte, das offenbart schon eine besondere Form von Sexismus: Während in der Realität – nicht zuletzt dank Filmen wie "The Hitcher" – wahrscheinlich kaum eine Frau das spontane Angebot eines ihr fremden Mannes, sie im Auto mitzunehmen, akzeptieren würde (oder zumindest nur mit größtem Mißtrauen), dürften Männer im umgekehrten Fall deutlich weniger Scheu haben. Und mal ehrlich: Welcher heterosexuelle Mann würde schon ablehnen, wenn ihm Scarlett Johansson eine Mitfahr-Gelegenheit anböte? Tja, im Kino kann sich solcher Leichtsinn schnell und drastisch rächen …
Obwohl also den Großteil des Films über kaum etwas anderes passiert als Johanssons meist erfolgreiche Aufgabelungsversuche, gelingt es Jonathan Glazer relativ lange, durch leichte, aber markante Variationen ihres Vorgehens das Interesse aufrechtzuerhalten. Einerseits liegt das an ihren Opfern, zu denen etwa ein unter Neurofibromatose (jener entstellenden Krankheit des berühmten "Elefantenmenschen", dessen Schicksal David Lynch im Jahr 1980 einfühlsam verfilmte) leidender junger Mann gehört, der Johansson eine ganz andere Verführungstaktik abfordert. Besonders eindrucksvoll sind auch jene Szenen, die im Umland von Glasgow spielen und in denen klar wird, warum Glazer für die Rolle des mysteriösen Motorradfahrers keinen Schauspieler oder "normalen" Stuntman angeheuert hat, sondern mit Jeremy McWilliams einen ehemaligen Profi-Motorradsportler. Denn dessen elegant (oft aus der Vogelperspektive) gefilmte Fahrten durch die schottischen Highlands über meist regennasse, gewundene Landstraßen in einem atemberaubenden Tempo sind alles andere als ungefährlich. Auch jene Sequenz, die mich insgesamt am meisten beeindruckte, spielt sich nicht in der Stadt ab, sondern an einem Meeresstrand. Ohne spoilern zu wollen: Nachdrücklicher kann man Johanssons buchstäbliche Un-Menschlichkeit nicht demonstrieren als mit dieser tragisch-aufregenden Szenenabfolge am und im Meer, die letztlich vier menschliche Opfer (und einen Hund) fordert.
Faszinierend – ich weiß, ich verwende das Wort in dieser Rezension häufig, aber es gibt kein passenderes – ist zudem der Gegensatz zwischen den teils im Guerilla-Stil mit Handkameras in Glasgow gedrehten Szenen und den künstlerischen Bildern im "Alien-Raum", in dem nur die "Jägerin" und ihr jeweiliges Opfer zu sehen sind, während ansonsten alles schwarz ist; nicht einmal Boden, Decke oder Wände existieren. Johansson bringt den Gegensatz zwischen den Szenen in menschlicher Gesellschaft, in denen sie mit Charisma und (vermeintlich) herzlicher Freundlichkeit ihre Opfer aufliest, und jenen Sequenzen, in denen sie sozusagen ihr Alien-Ich ist, hervorragend zur Geltung. Das führt auch dazu, daß die ausschließlich im "Alien-Raum" stattfindenden Nacktszenen eine ungewöhnliche Wirkung entfalten. Denn während man in der Stadt hervorragend nachvollziehen kann, warum sich so viele Männer von Johansson verführen lassen, wirken ausgerechnet die Szenen, in denen sie vollkommen unbekleidet ist, merkwürdig unerotisch. Eben weil sie zu diesem Zeitpunkt nicht mehr vorgibt, ein begehrenswerter Mensch zu sein, sondern ein scheinbar gefühlloses außerirdisches Wesen ist, das den Prozeß der Verführung bereits abgeschlossen hat und nun "zufällig" in seinem unbekleideten menschlichen Wirtskörper herumläuft. Untermalt wird das alles von der sphärischen Musik der britischen Songwriterin Mica Levi, die den Eindruck noch verstärkt, daß "Under the Skin" ein Film ist, den man weniger verstehen als fühlen muß.
Nun habe ich viel über "Under the Skin" geschrieben und weiß doch nicht, ob ich ansatzweise zum Ausdruck bringen konnte, um was für eine Art Film es sich handelt. Wobei das schon deshalb schwierig ist, weil ich diese Frage noch nicht einmal für mich selbst abschließend beantworten kann. Angesichts des vielen Lobs, das ich vor allem Regisseur Jonathan Glazer und Scarlett Johansson bis hierher angedeihen ließ, dürfte es überraschen, daß ich letztlich dennoch nur bedingt begeistert bin von diesem Film. Das liegt vor allem daran, daß es Glazer zwar zunächst gelingt, das Interesse des Zuschauers wachzuhalten – doch in der zweiten Hälfte beginnen die Monotonie und die weitgehende Handlungslosigkeit von "Under the Skin", zunehmend auf die Nerven zu gehen. Schlimmer noch: mich zu langweilen. Ähnlich wie bei Ben Wheatleys Drogen-Trip "A Field in England" hält die Faszination für die ungewöhnliche visuelle und akustische Gestaltung einfach nicht für eineinhalb Stunden oder mehr an. Nennt mich altmodisch, aber ein bißchen echte Dramaturgie brauche ich einfach in einem Film. Zwar bietet "Under the Skin" im letzten Akt durchaus noch etwas Neues, als das Alien seine Taten oder seinen Daseinszweck langsam zu hinterfragen scheint – doch bleibt diese Wandlung zu rudimentär, um vollends überzeugen zu können. Abgesehen von einer der letzten Einstellungen (die einem lange im Gedächtnis bleibt) kann Glazer in dieser zweiten Hälfte auch keine so fesselnden Szenen mehr bieten wie noch zu Beginn. So verbleibe ich seltsam unentschlossen. Ich weiß nicht, ob ich mir "Under the Skin" noch einmal anschauen will – dafür fand ich die zweite Hälfte einfach zu schwach; ich bereue es aber keineswegs, ihn dieses eine Mal gesehen zu haben, zumal auf der großen Leinwand, wo Glazers Gestaltungskraft hervorragend zur Geltung kommt.

Fazit: "Under the Skin – Tödliche Verführung" ist ein experimenteller und philosophischer Kunstfilm, der irgendwo zwischen Science-Fiction, Horror und Thriller changiert, aber sowieso kaum eine echte Handlung zu bieten hat; das ist anfangs sehr faszinierend, auf Dauer aber zu repetitiv und langweilt somit irgendwann zunehmend.

Wertung: Als traditioneller Spielfilm: 6 Punkte. Als Gesamtkunstwerk: Deutlich mehr, ohne daß man das in eine konkrete Punktzahl fassen könnte.


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