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In eigener Sache: Mein neues Filmbuch

Einigen Lesern ist bestimmt aufgefallen, daß ich in der rechten Spalte meines Blogs seit einigen Monaten das Cover meines neuen Buchs präs...

Donnerstag, 24. Juli 2014

DON'T COME KNOCKING (2005)

Regie: Wim Wenders, Drehbuch: Sam Shepard, Musik: T Bone Burnett
Darsteller: Sam Shepard, Jessica Lange, Gabriel Mann, Tim Roth, Sarah Polley, Fairuza Balk, Eva Marie Saint, George Kennedy, Tim Matheson, Marley Shelton, Kurt Fuller, Julia Sweeney, Majandra Delfino, James Roday
 Don't Come Knocking
(2005) on IMDb Rotten Tomatoes: 42% (5,4); weltweites Einspielergebnis: $4,7 Mio.
FSK: 6, Dauer: 123 Minuten.

Der alternde, alkoholkranke Westerndarsteller Howard Spence (Sam Shepard, "Die Ermordung des Jesse James durch den Feigling Robert Ford") gerät in eine Sinnkrise und verschwindet kurzerhand auf einem Pferd vom Set des Westerns, den er gerade dreht. Zunächst versteckt er sich bei seiner Mutter (OSCAR-Gewinnerin Eva Marie Saint, "Die Faust im Nacken"), die er seit 30 Jahren nicht mehr besucht hat. Als er von ihr erfährt, daß er der Vater eines inzwischen erwachsenen Kindes ist, macht sich Howard auf die Suche nach ihm. Schon bald wird er bei seiner früheren Geliebten Doreen (Jessica Lange, "Big Fish") und ihrem Musiker-Sohn Earl (Gabriel Mann, TV-Serie "Revenge") fündig. Doch Earl will nichts von seinem Vater wissen. Derweil ist auch der Versicherungsagent Sutter (Tim Roth, "Der unglaubliche Hulk") auf der Suche. Allerdings nicht auf der Suche nach dem Sinn des Lebens, sondern nach Howard, den er schnellstmöglich zurück an den Filmset bringen soll. Und dann ist da noch eine hübsche junge Frau namens Sky (Sarah Polley, "Beowulf & Grendel"), die scheinbar Verbindung zu den übrigen Personen zu haben scheint und permanent mit einer Urne unter dem Arm herumläuft, in der sich die Asche ihrer verstorbenen Mutter befindet …

Kritik:
Die Karriere des deutschen Regisseurs Wim Wenders läßt sich in gewisser Hinsicht durchaus mit der von Woody Allen vergleichen. Beide haben in den 1970er und 1980er Jahren viele wunderbare Filme gedreht, mit denen sie auf der ganzen Welt berühmt wurden (in Wenders' Fall zählen dazu "Alice in den Städten", "Der amerikanische Freund", "Der Stand der Dinge", "Paris, Texas", "Bis ans Ende der Welt" und natürlich "Der Himmel über Berlin"). In den 1990er Jahren haben beide eine Schwächephase durchlebt, doch im neuen Jahrtausend schienen sie langsam wieder in Fahrt zu kommen. Woody Allen allerdings schuf mit "Match Point", "Vicky Cristina Barcelona" oder "Midnight in Paris" gefeierte Spätwerke, die sich durchaus an den Highlights seiner langen Karriere messen lassen können; Wim Wenders dagegen konnte zwar mit "Land of Plenty", "Palermo Shooting" oder "Don't Come Knocking" – der bei der Premiere in Cannes stehenden Applaus erntete – Achtungserfolge feiern, ein echter (Arthouse-)Hit gelang ihm allerdings nur noch mit seiner OSCAR-nominierten 3D-Dokumentation "Pina".

Dennoch zählt "Don't Come Knocking" zu Wenders' besten Werken nach seinem im Jahr 1987 veröffentlichten poetischen Meisterstück "Der Himmel über Berlin", das ohne jeden Zweifel den kreativen Höhepunkt seines Schaffenswerks darstellt. Daß der bedächtig erzählte Neo-Western gut werden würde, war bereits zu erhoffen, seit bekannt wurde, daß Sam Shepard (mit ein wenig Unterstützung von Wenders bei der Storyausgestaltung) das Drehbuch schreiben würde. Schließlich war es Shepard, der 1984 als Co-Autor und Hauptdarsteller des elegischen Liebes-Dramas "Paris, Texas" Wenders zum Durchbruch in der englischsprachigen Filmwelt verhalf. Gänzlich kann "Don't Come Knocking" die hohen Erwartungen zwar nicht erfüllen, Anhänger anspruchsvoller Filmkunst sollten aber Gefallen an dem Film finden.

Ganz gemächlich erzählt Wenders die geradezu spektakulär unspekatuläre Geschichte seines wortkargen Protagonisten. Abgesehen von der amüsant präsentierten Aufregung, für die Howard mit seinem Verschwinden vom Set bei der mit einigen Cameos aufwartenden Filmcrew sorgt, bezaubert er das Publikum zunächst vor allem mit den von Kameramann Franz Lustig ("How I Live Now") wunderschön eingefangenen, westerntypischen Landschaftsaufnahmen und einem mitreißenden Score von Star-Produzent T Bone Burnett ("Walk the Line"). Die Handlung selbst entfaltet sich erst nach und nach, dafür wendet Wenders viel – im Mittelteil des Films vielleicht sogar etwas zu viel – Zeit und Mühe dafür auf, dem Zuschauer das Figurenensemble in einer typisch amerikanischen Kleinstadt im Mittleren Westen nahezubringen. Die Darsteller nutzen die von Sam Shepard in seinem Drehbuch großteils überzeugend ausgearbeiteten Charaktere zu starken schauspielerischen Leistungen. Jessica Lange neigt zwar mitunter dazu, es etwas mit der ihrer Rolle immanenten Hysterie zu übertreiben, dafür können vor allem die jungen Mimen punkten. Der Australier Gabriel Mann etwa bringt die ambivalente Haltung und die Verletzlichkeit des jungen Musikers, der bisher gut ohne Vater zurechtkam, ausdrucksstark zur Geltung und erweist sich zudem als begabter Sänger. Sogar noch besser ist Sarah Polley. Das kanadische Multitalent, das nach "Don't Come Knocking" auch als Regisseurin und Drehbuch-Autorin Erfolge feierte ("An ihrer Seite", "Take This Waltz", "Stories We Tell"), zeigt in ihrer lange rätselhaft bleibenden Rolle der Sky einmal mehr, welch phantastische Schauspielerin sie ist – jede Szene, in der sie auftaucht, dominiert sie dank ihrer intensiven Darstellungskunst und natürlichen Autorität unangefochten, auch vor dem erfahrenen Haudegen Sam Shepard – der jene Figur, die er sich selbst auf den Leib geschrieben hat, erwartungsgemäß ausgesprochen überzeugend verkörpert – muß sie sich keinesfalls verstecken.

Leider gelingt es Wenders nicht, seinen Film die gesamten zwei Stunden lang gleichmäßig interessant zu gestalten. Vor allem die mittleren 60 Minuten, in denen der – wenn man ehrlich ist – nicht allzu sympathische Howard im Mittelpunkt steht, ziehen sich phasenweise doch ziemlich in die Länge. So manche Szene wirkt eher überflüssig oder schlicht und ergreifend zu lang und ohne echten Erkenntnisgewinn. Doch in der ersten und vor allem in der wunderbar gefühlvollen letzten halben Stunde gibt es dafür Momente, die diese typische Wenders'sche Kino-Magie ausstrahlen, dazu sogar einige – für Wenders eher untypische – richtig amüsante Szenen. Das genügt nicht, um "Don't Come Knocking" zu einem Highlight zu machen, aber Howards beschwerliche Reise zur Selbsterkenntnis ist allemal interessant genug gestaltet, um Freunde gediegener Filmkunst zwei Stunden lang gut zu unterhalten.

Fazit: "Don't Come Knocking" ist ein gelungenes Arthouse-Drama, das seine unspektakuläre Story unaufgeregt, aber stets einfühlsam erzählt und dabei interessante, hervorragend gespielte Figuren zu bieten hat.

Wertung: Entspannte 7 Punkte.


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