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In eigener Sache: Mein neues Filmbuch

Einigen Lesern ist bestimmt aufgefallen, daß ich in der rechten Spalte meines Blogs seit einigen Monaten das Cover meines neuen Buchs präs...

Freitag, 11. Juli 2014

BOYHOOD (2014)

Regie und Drehbuch: Richard Linklater
Darsteller: Ellar Coltrane, Patricia Arquette, Ethan Hawke, Lorelei Linklater, Marco Perella, Jamie Howard, Andrew Villarreal, Charlie Sexton, Brad Hawkins, Nick Krause, Jenni Tooley, Richard Jones, Zoe Graham, Richard Robichaux, Bill Wise, Taylor Weaver, Jessi Mechler
 Boyhood
(2014) on IMDb Rotten Tomatoes: 97% (9,2); weltweites Einspielergebnis: $48,1 Mio.
FSK: 6, Dauer: 166 Minuten.

Der sechsjährige Mason (Ellar Coltrane, "Fast Food Nation") und seine ältere Schwester Sam (Lorelei Linklater, "Waking Life") leben in Texas bei ihrer Mutter Olivia (Patricia Arquette, "Lost Highway"), deren Ehe mit Mason Sr. (Ethan Hawke, "Before Midnight") die Geburt der beiden Kinder nicht lange überdauerte. Beide waren am College, als Olivia erstmals schwanger wurde, wodurch ihre Pläne für die Zukunft ziemlich über den Haufen geworfen wurden. Während Olivia nun versucht, das Studium nachzuholen, verliebt sie sich in ihren deutlich älteren, aber sehr charmanten Professor (Marco Perella, "Kaltes Blut"). Derweil hängt der leichtlebige Mason Sr. – der seine Kinder jedes zweite Wochenende sehen darf – noch immer seinen Träumen von einer Karriere als Musiker nach, muß aber langsam einsehen, daß er wohl doch einen richtigen Beruf erlernen sollte. Während ihre Eltern tapfer versuchen, mit dem ganzen Erwachsenenkram fertig zu werden, haben Mason Jr. und Sam mit ihren ganz eigenen Problemen der Kindheits- und später Jugendzeit zu kämpfen …

Kritik:
Seit seiner Premiere bei der Berlinale im Januar 2014 (wo es gleich drei Preise gab, darunter einen hochverdienten für die Regie) sind in der internationalen Presse wahre Wunderdinge über Richard Linklaters Film zu lesen. Um es vorwegzunahmen: Sie stimmen alle! Aber von vorne: Wer obige kurze Inhaltsangabe liest und ansonsten nicht viel über "Boyhood" weiß, der wird sich womöglich fragen, was an einer solch normalen, geradezu langweiligen Thematik so toll sein soll. Und um ehrlich zu sein: Mir ging es zunächst ähnlich. Natürlich weiß ich spätestens seit seiner "Before"-Reihe, daß Richard Linklater ein sehr guter Regisseur und ein sogar noch besserer Drehbuch-Autor ist. Außerdem habe ich sowieso ein Faible für Coming of Age-Filme, die Elternrollen sind sehr sympathisch besetzt und das Dreh-Konzept von "Boyhood" – dazu gleich mehr – ist nicht weniger als bahnbrechend. Aber trotzdem: Ein fast dreistündiger Film, bei dem man einem Jungen einfach nur beim Erwachsenwerden zusehen soll? Einem bewußt vollkommen normalen, ziemlich ereignislosen Erwachsenwerden, wohlgemerkt, denn Linklater war die Authentizität seines Films viel, viel wichtiger als eine spektakuläre, wendungsreiche Story á la Hollywood. Doch die Antwort lautet: Ja, das funktioniert. Und es funktioniert nicht irgendwie, es funktioniert sogar sensationell gut – so gut, daß ich fest davon überzeugt bin, daß man "Boyhood" noch in Jahrzehnten als Meilenstein der Filmgeschichte bewerten wird; als ein Werk, das dem Kino mit einer völlig unaufgeregten Handlung seine Magie wiedergegeben hat und zeigt, was Filme zu leisten imstande sind, wenn ihre Macher aus der Komfortzone der großen Studios heraustreten und auf ihre eigene Kreativität vertrauen.

Das Besondere an "Boyhood" – wenn es nicht etwas abwertend klingen würde, könnte man sagen: das Gimmick, auf das sich alle Rezensenten zunächst einmal stürzen – ist das mutige Konzept Richard Linklaters, den Filmdreh sich über 12 Jahre hinweg erstrecken zu lassen. Jedes Jahr traf man sich für drei oder vier Drehtage, an denen eine 10- bis 15-minütige Sequenz aufgenommen wurde, anschließend gingen die Beteiligten ihrer Wege und trafen sich ein Jahr später – ein Jahr älter – wieder. Dabei hätte vieles schiefgehen können. Immerhin mußten sich die vier Hauptdarsteller, zwei davon Kinder, ein Dutzend Jahre lang für dieses ungewöhnliche Projekt verpflichten. Man könnte vermuten, daß das dadurch erleichtert wurde, daß Sam von Linklaters eigener Tochter gespielt wird. Doch tatsächlich war gerade sie es, die als Teenager ihren Vater bat, Sam doch einfach sterben zu lassen. Das paßte allerdings nicht in Linklaters Konzept, es wäre ein zu dramatisches Ereignis gewesen für einen Film, der doch ausdrücklich ein normales, unaufgeregtes Erwachsenwerden präsentieren sollte. Glücklicherweise ließ sich Lorelei Linklater von ihrem Vater überzeugen, weiterzumachen, ansonsten wäre möglicherweise das gesamte Projekt geplatzt. Übrigens ist dieses Konzept keine komplett revolutionäre Idee, denn der Däne Lars von Trier ("Melancholia") begann bereits 1991 mit Schauspielern wie Udo Kier, Jean-Marc Barr und Stellan Skarsgård einen ebenfalls über viele Jahre hinweg angelegten Film, der 2024 in die Kinos kommen sollte. Allerdings hat von Trier das ehrgeizige Projekt nach neun Jahren aufgegeben, das bis dahin Gedrehte veröffentlichte er 2010 als Kurzfilm unter dem Titel "Dimension 1991-2024".

Die reelle Gefahr, daß dieses "Gimmick", als Zuschauer buchstäblich den vier Protagonisten beim Älterwerden zuzusehen, den Film zu sehr dominiert, umgeht Linklater mit allerhöchstem Geschick. Das fängt schon damit an, daß sich "Boyhood" eben nicht aus 12 klar voneinander abgegrenzten Episoden zusammensetzt, die einfach aneinandergereiht werden. Nein, vielmehr wirken die gesamten fast drei Stunden wie aus einem Guß – es gibt keine Einblendungen á la "Ein Jahr später", mit wenigen Ausnahmen noch nicht einmal wirklich harte Schnitte. Oft genug bemerkt man gar nicht oder erst verspätet, daß man sich bereits in der nächsten "Episode" befindet, stattdessen ergeht es einem so wie vermutlich allen Eltern früher oder später einmal: Man wundert sich irgendwann, wie groß die Kinder doch geworden sind, ohne daß man es richtig mitbekommen hat. Klar, manchmal wird die Orientierung dadurch erleichtert, daß Sam eine neue Haarfarbe hat oder Mason Sr. eine neue Freundin, aber auch solche Veränderungen werden so subtil und beiläufig eingeflochten, daß nie auch nur der Anschein eines ruppigen Übergangs oder Zeitsprungs aufkommt. Das Verstreichen der Jahre bekommt man eher durch die sehr gelungene Songauswahl mit oder dadurch, daß Kinder oder Eltern im Fernsehen Nachrichten oder aktuelle Filme sehen. Und immer wieder denkt man sich: Kinder, wie die Zeit vergeht. Eine OSCAR-Nominierung in der Kategorie "Bester Schnitt" war angesichts dieser Meisterleistung obligatorisch (insgesamt gab es sechs, darunter als Bester Film sowie für Linklater als Regisseur und Autor).

Wie gesagt geschieht in "Boyhood" kaum etwas Aufregendes, rein objektiv betrachtet. Das Spektakulärste ist noch ein im Suff ausrastender neuer Ehemann Olivias, doch natürlich sind Schlagworte wie "aufregend" oder "spektakulär" sehr subjektiv. Für Mason Jr. und Sam sind die erste Liebe, die ersten Enttäuschungen durch Freunde oder Eltern, die mal mehr, mal weniger funktionierenden Beziehungen ihrer Eltern und ähnliches selbstverständlich ausgesprochen aufregend. Dank Linklaters grandiosem Talent für mal tiefsinnige, mal amüsante Dialoge sowie für die sorgfältige Zeichnung lebensechter Figuren mit Tiefgang erhalten wir als Zuschauer das Privileg, die wichtigen Stationen einer Kindheit und Jugend durch die Augen der beiden beherzt aufspielenden Heranwachsenden miterleben zu dürfen – und zwar gewissermaßen im Zeitraffer. Daß Mason-Darsteller Ellar Coltrane gegen Ende unglaublicherweise (zugegeben: maßgeblich unterstützt durch Frisur und Bart) wie ein jüngeres Ebenbild seines Filmvaters Ethan Hawke aussieht, paßt da perfekt ins Bild.

Der Titel "Boyhood" suggeriert, daß Mason Jr. die zentrale Figur des Films ist. Theoretisch stimmt das auch, denn wir erleben den Lauf der Jahre stets aus seiner Perspektive. In der Praxis allerdings spielen seine Schwester und seine Eltern kaum kleinere Rollen – schließlich sind sie zunächst die wichtigsten Personen in Masons Leben. Freunde, Lehrer, sogar Stiefväter und -geschwister kommen und gehen, doch Schwester und Eltern bleiben. Auf diese Weise ist "Boyhood" eben nicht "nur" ein Coming of Age-Film, sondern ein raffiniertes Kaleidoskop einer typischen amerikanischen Kleinstadt-Patchworkfamilie im frühen 21. Jahrhundert. Wobei einem nebenbei auch immer wieder die Unterschiede zwischen Amerika und Europa vor Augen geführt werden, wenn die Kinder etwa in der Schule täglich den Fahneneid auf die USA und Texas leisten müssen oder wie selbstverständlich vom Großvater das Schießen gelehrt bekommen. Szenen, die in Europa nahezu unvorstellbar sind, in Amerika dagegen ganz normal.

Wie sich Mason Jr. und Sam von Kindern zu jungen Erwachsenen entwickeln, so verändern sich auch Olivia und Mason Sr. deutlich und sehr glaubwürdig. Im Grunde genommen müssen auch sie, die ungeplant sehr früh Eltern wurden, noch den Prozeß des Erwachsenwerdens abschließen, Verantwortung übernehmen und sich ein eigenes, geregeltes Leben aufbauen, natürlich immer mit Rücksicht auf die Kinder. Doch auch hierbei baut Linklater auf großen Realismus: Er läßt sie Rückschläge erleben, und wenn Mason Sr. seinem Sohn väterliche Ratschläge gibt, dann sind die auch nicht immer lehrbuchmäßig, sondern wie aus dem Leben eines Vaters gegriffen, der nur alle zwei Wochen Zeit mit seinen Kindern verbringen darf und sich dementsprechend manchmal in dieser Rolle überfordert fühlt. Wie leichthändig es Linklater gelingt, aus solch kleinen Szenen immer wieder wahrlich zauberhafte Momente herauszuholen, unterstreicht nur die Brillanz dieses Filmemachers aus Leidenschaft. Daß Ethan Hawke als männlicher Hauptdarsteller und Co-Autor von Linklaters "Before"-Reihe seine Rolle hervorragend interpretiert, ist keine Überraschung, doch Patricia Arquette steht ihm in nichts nach, übertrifft ihn vielleicht sogar noch – als Lohn gab es für sie ihren ersten OSCAR. Primär ist "Boyhood" aber eine herausragende Teamleistung des Schauspielensembles wie auch der vergleichsweise kleinen Filmcrew des unabhängig produzierten Arthouse-Kleinods.

Fazit: "Boyhood" zeigt auf vortreffliche Weise die Möglichkeiten des Mediums Film auf, das dank eines wundervoll durchdachten und lebensnahen Drehbuchs, hingebungsvoller Darsteller und eines visionären Regisseurs selbst die normalste, unaufgeregteste Durchschnittshandlung zu einem beinahe magisch anmutenden, formvollendeten Meisterwerk aufwerten kann, das man unweigerlich mit einem seligen Lächeln auf den Lippen verläßt.

Wertung: 10 Punkte.


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