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In eigener Sache: Mein neues Filmbuch

Einigen Lesern ist bestimmt aufgefallen, daß ich in der rechten Spalte meines Blogs seit einigen Monaten das Cover meines neuen Buchs präs...

Mittwoch, 21. Mai 2014

BROTHERS GRIMM (2005)

Regie: Terry Gilliam, Drehbuch: Ehren Kruger, Musik: Dario Marianelli
Darsteller: Heath Ledger, Matt Damon, Lena Headey, Jonathan Pryce, Monica Bellucci, Peter Stormare, Roger Ashton-Griffiths, Julian Bleach, Tomás Hanák, Richard Ridings, Mackenzie Crook, Laura Greenwood
 The Brothers Grimm
(2005) on IMDb Rotten Tomatoes: 38% (5,2); weltweites Einspielergebnis: $105,3 Mio.
FSK: 12, Dauer: 119 Minuten.

Das von den Franzosen besetzte Deutschland zu Beginn des 19. Jahrhunderts: Die beiden Brüder Jake (Heath Ledger, "The Dark Knight") und Will Grimm (Matt Damon, "Der Informant!") verdingen sich als eine Art Geisterjäger – allerdings vertreiben sie nur solche Gespenster, Hexen und sonstige Ungeheuer, deren Vorhandensein sie auf Grundlage örtlicher Legenden selbst vortäuschen. Damit fahren sie recht gut, Probleme ergeben sich erst, als die beiden vom französischen General Delatombe (Jonathan Pryce, "Fluch der Karibik", "In guten Händen") aufgegriffen werden. Dieser hat ihre Masche durchschaut und zwingt die Gebrüder Grimm, eine ähnliche Geschichte über einen verwunschenen Wald, eine böse Hexe (Monica Bellucci, "Wie sehr liebst Du mich?") und zahlreiche verschwundene Kinder in einem kleinen Dorf aufzuklären. Unglücklicherweise müssen Jake und Will schnell feststellen, daß es sich dieses eine Mal nicht um bloßen Aberglauben handelt, sondern tatsächlich um wahre Magie. Mit ihren üblichen Jahrmarktstricks kommen sie da nicht sonderlich weit ...

Kritik:
Als die britische Kult-Comedytruppe Monty Python ("Die Ritter der Kokosnuß", "Das Leben des Brian") sich nach dem Tod ihres Gründungsmitglieds Graham Chapman 1989 endgültig auflösten (zumindest bis zum schon nicht mehr erwarteten Bühnencomeback im Sommer 2014), gingen die einzelnen Mitglieder recht unterschiedliche Karrierewege. Während Michael Palin sich etwa nach und nach darauf konzentrierte, in Großbritannien sehr populäre Reise-Dokumentationen auf der ganzen Welt zu drehen, betätigte sich Terry Jones vorrangig als Schriftsteller. Der stets geschäftstüchtige Eric Idle brachte u.a. das Monty Python-Musical "Spamalot" auf die Bühne, John "Silly Walk" Cleese war als Regisseur, Drehbuch-Autor und Schauspieler in Kinoerfolgen wie "Ein Fisch namens Wanda", "Rat Race" oder mehreren "James Bond"- und "Harry Potter"-Teilen gut beschäftigt. Und Terry Gilliam avancierte bereits in den 1980er Jahren zu einem Regisseur von Weltruf, der seinen skurrilen Python-Wurzeln in Werken wie "Time Bandits" oder "Die Abenteuer des Baron Münchhausen" treu blieb, zugleich aber mit der kultigen Dystopie "Brazil", der Tragikomödie "König der Fischer", dem cleveren Science Fiction-Abenteuer "Twelve Monkeys" oder der durchgeknallten Hunter S. Thompson-Adaption "Fear and Loathing in Las Vegas" seine erzählerische Bandbreite stetig erweiterte. Nach der Jahrtausendwende geriet er allerdings in eine kreative und kommerzielle Krise, die mit dem unter nahezu tragischen Umständen mehrfach gescheiterten Wunschprojekt "The Man Who Killed Don Quixote" ihren Anfang nahm. Ob das Drama "Tideland", der philosophische Fantasyfilm "Das Kabinett des Dr. Parnassus" (während dessen Dreharbeiten Heath Ledger verstarb) oder "The Zero Theorem", mit dem Gilliam zu seinen dystopischen "Brazil"-Wurzeln zurückkehrte: Die Kritiker zeigten sich überwiegend enttäuscht und das Publikum blieb fern. Der Action-Fantasyfilm "Brothers Grimm", der in den Kinos gerade einmal etwas mehr als seine hohen Produktionskosten wieder einspielte, machte da keine große Ausnahme. Mir hat er trotzdem ganz gut gefallen.

Das größte Problem, das "Brothers Grimm" plagt, ist wohl, daß ihm die einzigartige Gilliam-Handschrift abhandengekommen ist, die sonst jedes Werk des visionären Filmemachers – selbst die weniger gelungenen – auszeichnet. Bei der logischerweise frei erfundenen Erzählung über die Abenteuer der Gebrüder Grimm gibt es zwar einzelne großartige Sequenzen, die vom typisch verqueren Gilliam-Humor durchzogen sind (etwa der Prolog), gleichzeitig kommen aber auch immer wieder absolut belanglose und erschreckend unkomische Szenen vor. Und der Rest ist gehobenes Mittelmaß. Ein maßgeblicher Grund dafür dürfte sein, daß sich Gilliam nach seinen finanziellen Einbußen durch das zuvor gescheiterte "Don Quixote"-Projekt nun gezwungen sah, Kompromisse mit den Geldgebern (den berühmt-berüchtigten Brüdern Harvey und Bob Weinstein) einzugehen. "Brothers Grimm" sollte zugänglicher werden als von Gilliam vorgesehen und damit massentauglicher; stattdessen wurde er zu einer teilweise ziemlich kruden Mischung aus typischem Gilliam-Film und völlig beliebigem Hollywood-Mainstream.

Noch schwerer als diese stilistischen Probleme wiegen allerdings die gigantischen Logiklöcher im Drehbuch. Bei vielen seiner Filme verantwortet Gilliam ja selbst die Story oder ist zumindest daran beteiligt. Hier hat er dagegen ein fertiges Drehbuch von Ehren Kruger verfilmt, der zwar mit dem Thriller "Arlington Road" und dem Gruselfilm "Ring" (auf Grundlage des japanischen Originals) zwei qualitative Highlights in seiner Vita stehen hat, ansonsten aber mit "Scream 3", "Blood and Chocolate" oder "Transformers 2 und 3" nicht eben Begeisterung auslöste. Hier jedenfalls gelingt es ihm nie, den handelnden Figuren Konturen jenseits der reinen Skurrilität zu verleihen oder eine Handlung zu ersinnen, die erstens echte Spannung verbreitet und zweitens auch noch Sinn ergibt. Es gibt immer wieder Entwicklungen, bei denen es definitiv besser ist, wenn man erst gar nicht darüber nachdenkt, warum dies oder jenes geschieht (oder eben nicht geschieht). Gut sind Kruger allerdings die zahlreichen phantasievollen Querverweise auf die von den realen Gebrüdern Grimm zusammengetragenen Märchen gelungen, mit denen die Illusion erzeugt werden soll, daß das im Film Gezeigte tatsächlich so geschehen sein und die Grimms inspiriert haben könnte.

Wie so oft in Hollywood ist die schwache Figurenzeichnung deshalb besonders enttäuschend, weil die Besetzung sehr gelungen ist und viel mehr könnte als es das Skript ihr erlaubt. Matt Damon und Heath Ledger harmonieren sehr gut und geben eine überzeugende Figur ab als eine Action-Variante der Gebrüder Grimm, während Genrefilm-Spezialist Peter Stormare ("Minority Report", "Hänsel und Gretel: Hexenjäger") seine Rolle als italienischer Folterspezialist herrlich überdreht interpretiert. Lena Headey ("300") weiß zudem als toughe Fallenstellerin Angelika zu überzeugen und Monica Bellucci verkörpert in ihren leider nur wenigen Szenen die Hexe und "Spiegelkönigin" mit gewohnter Schönheit und Anmut, trefflich ergänzt von einem guten Schuß Boshaftigkeit.

Visuell spielt Gilliam wieder einmal seine große Vorstellungskraft aus und erschafft immer wieder betörend schöne Bildkompositionen, die leider manchmal durch eine nur mittelmäßige Qualität der Spezialeffekte (speziell bei einem "Zauberwolf") ausgebremst werden. Dafür bieten die Drehorte in Tschechien passende Schauplätze für die Geschichte, außerdem überzeugen Ausstattung und Kostüme in ihrer Opulenz auf ganzer Linie. Und dem Italiener Dario Marianelli ist eine sehr schöne musikalische Untermalung von Terry Gilliams Schauermär gelungen, die an Danny Elfmans Kompositionen für Tim Burton (z.B. bei "Sleepy Hollow") erinnert.

Fazit: "Brothers Grimm" ist ein abgedrehtes und phasenweise ziemlich unterhaltsames Grusel-Abenteuer, das von Terry Gilliams handwerklicher und stilistischer Meisterschaft profitiert und mit einer guten Besetzung punkten kann, auf die Handlung bezogen aber qualitativ zu stark zwischen wenigen Highlights, wenigen Tiefpunkten und jeder Menge beliebiger Mittelmäßigkeit schwankt. Kurz gesagt: Zu viel Spektakel, zu wenig Story.

Wertung: 6,5 Punkte.


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