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In eigener Sache: Mein neues Filmbuch

Einigen Lesern ist bestimmt aufgefallen, daß ich in der rechten Spalte meines Blogs seit einigen Monaten das Cover meines neuen Buchs präs...

Mittwoch, 26. Februar 2014

DALLAS BUYERS CLUB (2013)

Regie: Jean-Marc Vallée, Drehbuch: Craig Borten und Melisa Wallack
Darsteller: Matthew McConaughey, Jennifer Garner, Jared Leto, Michael O'Neill, Denis O'Hare, Steve Zahn, Kevin Rankin, Dallas Roberts, Griffin Dunne, Donna Duplantier, Deneen D. Tyler
 Dallas Buyers Club
(2013) on IMDb Rotten Tomatoes: 94% (7,8); weltweites Einspielergebnis: $55,2 Mio.
FSK: 12, Dauer: 117 Minuten.

Wir schreiben das Jahr 1985: Ein neuer, durch Geschlechtsverkehr übertragbarer Virus namens HIV, der eine tödliche Krankheit namens AIDS auslöst, verbreitet sich immer stärker in den USA und auf der ganzen Welt. Da AIDS zunächst hauptsächlich bei homosexuellen Männern vorkommt, gilt es als eine "Schwulenseuche" und damit im Grunde genommen als göttliche Strafe für sexuelle Perversion. Entsprechend gering sind die Bemühungen des Staates, die Entwicklung eines Heilmittels voranzutreiben. Der eindeutig heterosexuelle Elektriker Ron Woodroof (Matthew McConaughey, "Killer Joe"), ein texanischer Cowboy ohne Manieren und mit einem Hang zu Rassismus und Homophobie, denkt genauso. Bis er eines Tages bei der Arbeit von einem Stromschlag ausgekockt wird und in einem Krankenhaus wieder aufwacht – wo ihm Dr. Sevard (Denis O'Hare, TV-Serie "True Blood") und Dr. Saks (Jennifer Garner, "Juno") offenbaren, daß er an AIDS leide und wahrscheinlich in 30 Tagen tot sein werde. Ron lacht zunächst nur darüber und läßt die Ärzte einfach stehen; er ist keine "verdammte Schwuchtel", wie könnte er da AIDS haben? Doch da es ihm tatsächlich nicht gut geht, recherchiert er über die Krankheit und muß schließlich einsehen, daß er sie doch hat. Das einzige in den USA zugelassene Medikament verschlechtert seinen Zustand nur noch, also fährt er kurzerhand nach Mexiko und probiert dort vielversprechende, in den USA noch nicht erlaubte Medikamente aus, die ihm hervorragend bekommen. Er führt große Mengen davon illegal in die Staaten ein, wo er sie im Rahmen eines "Käuferclubs" gemeinsam mit dem Transsexuellen Rayon (Jared Leto, "Lord of War", "Mr. Nobody"), den er im Krankenhaus kennengelernt hat, an HIV-Positive verkauft ...

Kritik:
Es gibt eine ganze Reihe von Filmen über AIDS, doch nur wenige haben größere Bekanntheit erlangt. Am berühmtesten ist natürlich Jonathan Demmes bewegendes Drama "Philadelphia" (1993) mit Tom Hanks und Denzel Washington; ebenfalls qualitativ herausragende Beiträge zum Thema hat der US-Pay-TV-Sender HBO mit "... und das Leben geht weiter" (1993), einer starbesetzten (u.a. Richard Gere, Ian McKellen, Alan Alda, Anjelica Huston, Phil Collins, Steve Martin) Chronik des Beginns der Krankheit, sowie der gefeierten Miniserie "Engel in Amerika" (2003) mit Al Pacino und Meryl Streep geschaffen. Weitere zehn Jahre später ruft nun also der für dreifache OSCAR-Gewinner (Hauptdarsteller, Nebendarsteller, Makeup) "Dallas Buyers Club" die Thematik ins Gedächtnis der Öffentlichkeit zurück – vermutlich gerade rechtzeitig, denn obwohl AIDS vor allem in Afrika noch immer Millionen Menschenleben fordert, ist die Krankheit in Europa und den USA in den letzten Jahren weitgehend aus den Schlagzeilen verschwunden. Da ist es natürlich umso erfreulicher, daß der Film des kanadischen Regisseurs Jean-Marc Vallée ("Victoria, die junge Königin") richtig gut geworden ist.

Die vielleicht größte Leistung des Drehbuchs der Newcomer Melisa Wallack und Craig Borten liegt darin, daß es die wahre Geschichte des an AIDS erkrankten Ron Woodroof nicht einfach geradlinig als Sterbedrama erzählt, sondern sie in gleich drei Genres beheimatet: natürlich ist da zunächst ebenjenes Sterbedrama, dazu gesellt sich die fein gezeichnete Charakterstudie eines unsensiblen Rednecks und schließlich gibt es sogar eine Underdog-Story á la "Erin Brockovich", ein Auflehnen couragierter Bürger gegen die Willkür von Behörden und Konzernen. Und das Erstaunliche ist, daß diese drei Genres in "Dallas Buyers Club" aufgrund Vallées durchdachter, wenn auch eher konventioneller Inszenierung wunderbar miteinander harmonieren und ohne größeren Qualitätsverlust in einem der Teile ein funktionierendes Ganzes ergeben.

Das liegt nicht zuletzt an der starken darstellerischen Leistung von Matthew McConaughey, der als Ron im Zentrum der Handlung steht und diese problemlos auf seinen stark abgemagerten Schultern trägt. Dieser Ron will sich nicht unterkriegen lassen ("Es gibt nichts, das einen Ron Woodroof in 30 Tagen töten kann!", hält er den Ärzten nach seiner AIDS-Diagnose arrogant entgegen), doch die Ausgrenzung, die er erfährt, als er unvorsichtigerweise seinen "Freund" TJ (Kevin Rankin, TV-Serie "Unforgettable") einweiht und fortan von seinen Arbeitskollegen die gleiche herzlose Ausgrenzung erfährt, die er bisher stets gesellschaftlichen Minderheiten angedeihen ließ, läßt ihn keineswegs kalt. Noch stärker zu seiner authentisch geschilderten und gespielten Wandlung – nicht übertrieben vom Saulus zum Paulus, sondern "nur" vom vorurteilsbehafteten Widerling zu einem mitfühlenden Menschen – trägt Rayon bei. Beim ersten Treffen gibt sich Ron noch angewidert vom in Frauenkleidern herumlaufenden Transsexuellen, für dessen einfühlsame Verkörperung der hauptberufliche Musiker Jared Leto ("Thirty Seconds to Mars") den Nebenrollen-OSCAR gewann; doch nach und nach entwickelt sich aus der anfänglich reinen Geschäftsbeziehung über den Käuferclub eine tiefempfundene Freundschaft zwischen den beiden. Und auch die von Jennifer Garner sympathisch verkörperte Ärztin Dr. Saks, die sich im Gegensatz zu ihrem Boß wirklich für ihre Patienten einsetzt, weckt Gefühle im unwiderbringlich todgeweihten Ron. Wie subtil der dafür zurecht ebenfalls mit dem OSCAR geehrte McConaughey Rons Wandlung auf die Leinwand bringt, ist wahrlich eindrucksvoll – aus einem durchweg guten Schauspiel-Ensemble ragt der frühere RomCom-Spezialist noch ein Stück heraus und ist damit endgültig im Charakterfach angelangt.

Obwohl also jeder der drei Genre-Teile von "Dallas Buyers Club" gut funktioniert, ist Rons Charakterstudie doch das stärkste und eindringlichste Element. Für den deutlich höchsten Unterhaltungswert sorgt dagegen die Underdog-Story, zumal durch Rons teils phantasievolle und oft ziemlich dreiste Versuche, die noch nicht zugelassenen Medikamente in die USA einzuführen, sogar ein bißchen gelungener Humor Einzug in den Film hält. Allerdings kommt hier für meinen Geschmack die Sichtweise der Arzneimittelzulassungsbehörde FDA – die in der Realität in der Angelegenheit zweifellos keine gute Figur gemacht hat – etwas zu kurz, denn deren Vorbehalte, so bürokratisch und mißgünstig sie auch erscheinen mögen, sind zumindest teilweise durchaus nachvollziehbar. Im Film fungiert die FDA mit ihrem Vertreter Richard Barkley (Michael O'Neill aus TV-Serien wie "The West Wing" und "Grey's Anatomy") recht undifferenziert als Bösewicht – das funktioniert dramaturgisch einwandfrei, ist aber nicht wirklich fair. Und schließlich fehlt mir im Sterbedrama-Teil des Films doch ein klein wenig die letzte Emotionalität. Es muß ja nicht automatisch ein Tränenzieher á la "Philadelphia" dabei herauskommen, aber etwas mehr wäre doch schön gewesen. Das ändert aber nichts daran, daß "Dallas Buyers Club" ein richtig guter Film ist.

Fazit: "Dallas Buyers Club" ist ein AIDS-Drama, das einen höchst beeindruckenden Matthew McConaughey in einer authentischen, zu Beginn ziemlich unsympathischen Rolle präsentiert und dank eines gut durchdachten, geschickt konstruierten Drehbuchs trotz der deprimierenden Thematik erstaunlich unterhaltsam geraten ist. Großes Kino mit Anspruch!

Wertung: 8,5 Punkte.


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