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In eigener Sache: Mein neues Filmbuch

Einigen Lesern ist bestimmt aufgefallen, daß ich in der rechten Spalte meines Blogs seit einigen Monaten das Cover meines neuen Buchs präs...

Freitag, 16. August 2013

RUSHMORE (1998)

Regie: Wes Anderson, Drehbuch: Owen Wilson u. Wes Anderson, Musik: Mark Mothersbaugh
Darsteller: Jason Schwartzman, Bill Murray, Olivia Williams, Brian Cox, Luke Wilson, Mason Gamble, Seymour Cassel, Connie Nielsen, Sara Tanaka, Stephen McCole, Alexis Bledel
 Rushmore
(1998) on IMDb Rotten Tomatoes: 89% (8,1); weltweites Einspielergebnis: $17,2 Mio.
FSK: 6, Dauer: 93 Minuten.

Der 15-jährige Max Fischer (Jason Schwartzman, "Darjeeling Limited") ist der Sohn eines zwar liebevollen, aber nicht gerade wohlhabenden Friseurs. Durch ein Theaterstück, das Max bereits als Kind schrieb, erhielt er von dessen Leiter Dr. Guggenheim (Brian Cox, "Match Point") ein Stipendium für die exklusive Privatschule Rushmore. Dort gefällt es dem Hochbegabten so gut, daß er am liebsten für immer dort bleiben würde; seinen Förderer Dr. Guggenheim und die Dozenten treibt er durch die Wahl seiner Präferenzen jedoch schier in den Wahnsinn. Max ist nämlich Gründer und/oder Kapitän so ziemlich jeder außerschulischen Gruppierung von der Fechtmannschaft bis hin zur Theatergruppe, doch vor lauter Engagement vernachlässigt er den Unterricht und droht deshalb durchzufallen. Max verspricht, sich mehr zu bemühen, als er sich jedoch in die neue Lehrerin Ms. Cross (Olivia Williams, "Hyde Park am Hudson") verliebt und damit ausgerechnet in Konkurrenz zu seinem Idol, dem Millionär Herman Blume (Bill Murray, "Moonrise Kingdom"), tritt, kommt es zu einer ganzen Reihe von Turbulenzen und unerwarteten Wendungen ...

Kritik:
"Rushmore" war zwar nicht das Spielfilmdebüt von Wes Anderson (das war der mittelmäßige "Bottle Rocket Durchgeknallt" mit Luke und Owen Wilson), aber die schräge Komödie ebnete ganz entscheidend seinen Karriereweg hin zum von einer eingeschworenen, stetig wachsenden Fangemeinde verehrten Independent-Regisseur mit einem ganz speziellen Sinn für Humor. Als ich im April 2001 (und damit genau zweieinhalb Jahre nach der US-Premiere) als einziger Zuschauer in einer Nachmittagsvorstellung von "Rushmore" saß, war noch nicht abzusehen, daß ich schon bald ein bekennender Teil dieser Fangemeinde sein würde. Zwar erkannte ich in der einfallsreich erzählten Coming of Age-Story immer wieder Momente wahrer Kinomagie, aber zugleich sorgten der Mangel an Identifikationsfiguren und einige Fremdschämmomente dafür, daß ich den Film zwar mit großem Wohlwollen, aber ohne echte Begeisterung zur Kenntnis nahm. Teilweise ist das mit Sicherheit einigen kleineren Schwächen des damals noch recht unerfahrenen Regisseurs zuzuschreiben, grundsätzlich dürfte es aber den meisten Zuschauern ähnlich ergehen, wenn sie zum ersten Mal einen Film von Wes Anderson sehen. Denn sein Stil – sowohl was die Art der Inszenierung betrifft als auch die Handlungsentwicklung – und sein Humor sind definitiv ein wenig gewöhnungsbedürftig und absolut nicht jedermanns Sache.

Die Handlung, die wie ein typischer Jugendfilm beginnt, nimmt in den rund 90 Minuten einen stets erfreulich unvorsehbaren Verlauf mit zahlreichen herrlich absurden Momentaufnahmen, viel feinsinnigem Humor, schrägen, aber letztlich immer liebenswerten Figuren und sogar einer gewissen Nachdenklichkeit. Im Zentrum stehen der aufgrund seiner Herkunft komplexbeladene Max und der vom Leben gezeichnete, desillusionierte Vietnam-Veteran Mr. Blume, in dem der Schüler eine verwandte Seele erkennt. Nach ihrer ersten Begegnung in der Schule entwickelt sich eine ungewöhnliche Freundschaft zwischen den beiden, da auch Mr. Blume – dessen eigene Söhne ziemliche Hohlköpfe sind, mit denen er im Grunde genommen wenig anfangen kann – von Max' meist ungewöhnlich erwachsen erscheinendem Verhalten und seinen klugen Beobachtungen fasziniert ist. Umso tragischer ist es, daß alsbald die hübsche Ms. Cross, die selbst mit einem traumatischen Erlebnis aus ihrer Vergangenheit zu kämpfen hat, vollkommen ungewollt einen Keil zwischen die beiden treibt und damit einen gefährlich ausartenden – und von Wes Anderson extrem schwarzhumorig präsentierten – Kleinkrieg auslöst.

Jason Schwartzman, Neffe des Star-Regisseurs Francis Ford Coppola ("Apocalypse Now", "Der Pate"), gibt in "Rushmore" als 18-jähriger sein Schauspieldebüt und überzeugt dabei auf der ganzen Linie. Dabei ist seine Aufgabe gar nicht so einfach, denn dieser Max Fischer ist schon eine sehr seltsame und nicht einmal übermäßig sympathische Persönlichkeit. Doch vor allem im Zusammenspiel mit Bill Murray zeigt Schwartzman eine echte Glanzleistung und sorgt dafür, daß man diesen so beharrlich mit sich selbst und mit seiner Umwelt hadernden und ringenden Teenager wenn schon nicht lieben, dann doch zumindest auf schräge Art und Weise mögen und respektieren kann. Für Bill Murray wiederum ebnete "Rushmore" den Weg zu einer vielbeachteten Karriere jenseits der reinen Comedy-Rollen, mit denen er vor allem in den 1980er Jahren populär geworden war. Nach seiner lakonischen Darstellung des Herman Blume – für die er sogar eine Golden Globe-Nominierung erhielt – wurde Murray endgültig auch als ernsthafter Schauspieler wahrgenommen, was unter anderem in eine OSCAR-Nominierung für seine grandiose Leistung in Sofia Coppolas Meisterwerk "Lost in Translation" mündete.

Auch ansonsten ist "Rushmore" bis in kleinste Nebenrollen hinein paßgenau besetzt, was die Detailverliebtheit des Regisseurs noch untermauert, die dafür sorgt, daß man bei allen Wes Anderson-Filmen sehr konzentriert zusehen sollte. Denn ansonsten läuft man stets Gefahr, kleine, aber oft brüllkomische Hintergrundgags zu verpassen (Paradebeispiel dafür ist und bleibt die "Orca-Szene" in "Die Tiefseetaucher"). Hier trifft das – neben einigen für Anderson ebenfalls sehr typischen, wie der gesamte Film von britischer Popmusik der 1960er und 1970er Jahre untermalten Collagen, die Max' Tätigkeiten illustrieren – auf die Theaterstücke zu, die Max immer wieder schreibt und aufführt. Deren Themen sind deutlich von der Filmwelt inspiriert und innerhalb der "Rushmore"-Handlung durchaus symbolisch zu verstehen. So gibt es etwa ein Stück über den von Al Pacino in Sidney Lumets "Serpico" verkörperten Polizisten Frank Serpico, der gegen ein korruptes System kämpfte (so ähnlich empfindet er die großteils von qua Geburt privilegierten Sprößlingen bevölkerte Privatschule) zu sehen, im gelungenen Finale folgt gar eine blutige Vietnamkriegs-Story. Diese Theaterstücke sind von Max und seinem Team erstaunlich professionell umgesetzt und liefern Regisseur und (gemeinsam mit Owen Wilson) Drehbuch-Autor Anderson reichlich Gelegenheit, seiner inszenatorischen Phantasie freien Lauf zu lassen.

Fazit: "Rushmore" ist eine ideenreiche und in ihrer erfrischenden Unkonventionalität doch etwas gewöhnungsbedürftige Coming of Age-Story, die zwar phasenweise etwas unrund läuft, aber mit genau beobachteten und gezeichneten und dabei wunderbar schrägen Figuren, einer ebenso phantasie- wie gefühlvollen Inszenierung und zwei hervorragenden Hauptdarstellern viel Freude bereitet.

Wertung: 8 Punkte.


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