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Sonntag, 14. Oktober 2012

OSCAR-News (14.10.2012, "Lincoln", Bester fremdsprachiger Film)

Mit Steven Spielbergs "Lincoln" hat in dieser Woche ein weiterer OSCAR-Favorit zeigen müssen, ob die Vorschußlorbeeren gerechtfertigt waren oder nicht. Das Ergebnis der Premiere einer allerdings noch nicht endgültig finalisierten Fassung beim New Yorker Filmfest ist nicht ganz eindeutig. Im Großen und Ganzen wurde das rund zweieinhalbstündige Epos positiv aufgenommen, für übermäßige Begeisterung beim Publikum sorgte es jedoch nicht. Das muß nicht unbedingt ein schlechtes Omen sein, denn 2011 erging es Martin Scorseses "Hugo Cabret" an gleicher Stelle sehr ähnlich und am Ende reichte es doch für fünf OSCAR-Trophäen (wenn auch nicht für die für den Besten Film). Da "Lincoln" sehr dialoglastig geworden ist, kann es zudem kaum überraschen, daß ein Teil der Zuschauer ihn als eher langatmig empfunden hat – eine vor allem durch Dialoge vorangetriebene Handlung ist bekanntlich nicht jedermanns Fall, die Academy dürfte damit aber keine Probleme haben. Es läßt sich jedenfalls feststellen, daß "Lincoln" seine Rolle als einer von mehreren Topfavoriten bestätigen konnte, ohne sich von den Konkurrenten absetzen zu können. Eine Nominierung als Bester Film darf als gesichert gelten, ebenso eine für Titeldarsteller Daniel Day-Lewis, der vor Joaquin Phoenix ("The Master") nun wie erwartet der absolute Topfavorit ist. Dazu werden wie eigentlich immer bei Spielberg zahlreiche Nominierungen in den Nebenkategorien kommen (bei Drehbuch und Regie bestehen natürlich ebenfalls beste Chancen).

Zwei "offizielle" OSCAR-Neuigkeiten gibt es auch zu bieten, davon dürfte die von der Academy veröffentlichte Liste der 71 Kandidaten für den Fremdsprachen-OSCAR für die meisten Filmfans die deutlich interessantere sein.

Die volle Liste gibt es in der Pressemitteilung der Academy zu finden und sie umfaßt nach meinem Eindruck überdurchschnittlich viele bekannte und renommierte Regisseure. Eine seriöse Nennung von Favoriten ist naturgemäß schwierig, da es vermutlich niemanden auf der Welt gibt, der bereits alle 71 Filme gesehen hat. Ganz zu schweigen davon, daß in dieser Kategorie noch jedes Jahr vermeintliche Topfavoriten bereits an der Vorauswahl von etwa einem Dutzend Filmen gescheitert sind, während krasse Außenseiter den Sprung ins Nominiertenfeld geschafft haben. Dennoch will ich eine Zusammenfassung der Situation aus heutiger Sicht wagen:

Erfreulich gut stehen dieses Jahr die Bewerber aus den deutschsprachigen Ländern dar. Österreich kann mit Michael Hanekes berührendem Drama "Liebe", dem gefeierten Gewinner der Goldenen Palme beim Filmfestival in Cannes, einen Beitrag bieten, den so ziemlich alle Branchenkenner als sicheren Nominierten und Topfavoriten sehen. Das ist zwar angesichts des Favoritensterbens in früheren Jahren eher ein schlechtes Omen, aber da Haneke in Hollywood sehr angesehen ist, dürfte eigentlich nichts schiefgehen. Vielmehr werden ihm sogar gute Chancen auf eine zusätzliche Drehbuch-Nominierung eingeräumt, die beiden Hauptdarsteller Jean-Louis Trintignant und Emmanuelle Riva gelten ebenfalls als aussichtsreiche Bewerber. Für Deutschland geht Christian Petzold mit seinem vielgelobten DDR-Drama "Barbara" mit Nina Hoss ins Rennen. Sicherlich kein chancenloser Bewerber, aber es bleibt abzuwarten, ob die Thematik nicht doch etwas zu speziell für die Academy-Mitglieder ist (und im Vergleich zum OSCAR-Gewinner "Das Leben der Anderen" ist der Film einfach nicht präsent genug in den Medien). Für die Schweiz geht (allerdings mit einem nicht-deutschsprachigen Film) Ursula Meier mit ihrem ebenfalls mit viel Kritikerlob bedachten und international besetzten (Gillian Anderson/USA, Martin Compston/Schottland, Léa Seydoux/Frankreich) Drama "Winterdieb" ins Rennen. Sicherlich ein Außenseiter, aber keineswegs chancenlos.

Die prominente Konkurrenz dieses Trios setzt sich u.a. zusammen aus:
- "Lore" (Australien)
Das Drama von "Somersault"-Regisseurin Cate Shortland spielt im Deutschland des Jahres 1945 und schildert die Erlebnisse von fünf Teenagern unmittelbar nach Kriegsende. Vorgestern gab's dafür immerhin schon mal den Hessischen Filmpreis. Jedenfalls kurios, daß Australien mit einem komplett deutschsprachigen Film ins OSCAR-Rennen geht ...
- "War Witch" (Kanada)
Die Kanadier sind eigentlich immer gut im Rennen in der Fremdsprachenkategorie, das dürfte mit Kim Nguyens bereits bei der Berlinale sowie beim New Yorker Tribeca Filmfestival ausgezeichneten Drama über Kindersoldaten in Afrika nicht anders sein.
- "No" (Chile)
Pablo Larraíns Politdrama über einen jungen Mann (Gael García Bernal, "Amores Perros", "Babel"), der 1988 vor einem Referendum über Diktator Pinochet als öffentliche Führungsperson der Opposition auftrat und damit sein Leben riskierte, gilt als einer der aussichtsreichsten Kandidaten.
- "Caught in the Web" (China)
Die chinesischen Beiträge waren in den letzten Jahren alles andere als erfolgreich, nun darf sich mit Chen Kaige ("Lebewohl, meine Konkubine", "Der Kaiser und sein Attentäter") einer der international angesehensten Regisseure des Riesenreichs versuchen. Ob er mit seinem schwarzhumorigen Charakterdrama über ein Internetvideo, das die Leben mehrerer Menschen nachhaltig verändert, den Geschmack der Academy treffen wird, erscheint mir jedoch fraglich.
- "Die Königin und der Leibarzt" (Dänemark)
Nikolaj Arcels ("Königspatience") aufwendig produziertes Historiendrama mit Mads Mikkelsen ("Casino Royal") gewann bei der Berlinale zwei Silberne Bären und zählt auch hier zu den Topfavoriten.
- "Ziemlich beste Freunde" (Frankreich)
Über DEN weltweiten Überraschungshit der Jahre 2011 und 2012 muß wohl nicht mehr viel geschrieben werden. Es stellt sich jedoch die Frage, ob die Tragikomödie für eine OSCAR-Nominierung nicht doch etwas zu mainstreamig ist. Wird knapp werden mit einer Nominierung, aber ich gehe davon aus, daß es am Ende reichen wird.
- "Life without Principle" (Hongkong)
Die chinesische Sonderverwaltungszone schickt mit Johnnie To ("Election", "Sparrow") einen ihrer erfolgreichsten Regisseure ins Rennen, der diesmal einen Thriller vor dem Hintergrund der weltweiten Wirtschaftskrise geschaffen hat. Allerdings haben Thriller traditionell keinen allzu guten Stand bei den (Fremdsprachen-)OSCARs.
- "The Deep" (Island)
Nachdem er mit "Contraband" mit Mark Wahlberg zuletzt seinen ersten (kommerziell recht erfolgreichen) Hollywood-Film in die Kinos gebracht hat, geht Baltasar Kormákur nun für sein Heimatland mit einem (auf einem wahren Fall von 1984 basierenden) Drama über den einsamen Überlebenskampf eines Fischers, dessen Schiff gekentert ist, auf Trophäenjagd.
- "Fill the Void" (Israel)
Die Regisseurin Rama Burshtein gibt einen betont objektiven, fast dokumentarisch anmutenden Einblick in eine ultraorthodoxe chassidische Gemeinde in Israel. Ein sehr spezielles Thema, aber mit Religion kann man bei der Academy durchaus punkten.
- "Caesar must die" (Italien)
Die Regiebrüder Paolo und Vittorio Taviani sind seit vielen Jahren Stammgäste bei Filmfestivals weltweit. Mit ihrem authentischen Gefängnisdrama über Häftlinge, die eine Shakespeare-Aufführung vorbereiten, gehen sie nach dem Gewinn des Goldenen Bären in Berlin diesmal auch ins OSCAR-Rennen.
- "Kon-Tiki" (Norwegen)
Hier sind die beiden Regisseure Joachim Rønning und Espen Sandberg ("Max Manus") aufs Ganze gegangen: Der teuerste norwegische Film aller Zeiten (das Budget betrug umgerechnet über $15 Mio.) über einen der berühmtesten Norweger aller Zeiten – Thor Heyerdahl, der 1947 mit einem Holzfloß den Atlantik überquerte – hat in seiner Heimat bereits mehr Zuschauer erreicht als James Camerons "Avatar".
- "Blood of my Blood" (Portugal)
João Canijos Sozialdrama war in seiner Heimat trotz Themen wie Inzest und Drogenmißbrauch ein großer Kritikererfolg und konnte auch kommerziell überzeugen.
- "Beyond the Hills" (Rumänien)
2007 sorgte Regisseur Cristian Mungiu mit seinem Drama "4 Monate, 3 Wochen und 2 Tage" international für Aufsehen, wurde sogar für einen Golden Globe nominiert. Mit seinem in Cannes zweifach prämierten Charakterdrama über zwei junge Frauen, die gemeinsam in einem Waisenhaus aufgewachsen sind, wagt er einen neuen Anlauf auf eine OSCAR-Nominierung.
- "Pieta" (Südkorea)
Kim Ki-duk ("Frühling, Sommer, Herbst, Winter ... und Frühling", "Hwal Der Bogen") ist sicherlich der renommierteste südkoreanische Arthouse-Regisseur und hat in seiner langen Karriere bereits sage und schreibe 33 Auszeichnungen eingeheimst. Eine davon ist der Goldene Löwe des Filmfestivals in Venedig für sein Drama über die Beziehung eines brutalen Kredithais zu einer Frau, die eines Tages bei ihm auftaucht und behauptet, seine Mutter zu sein.
- "Blancanieves" (Spanien)
Regisseur Pablo Berger schickt mit diesem Schwarz-weiß-Stummfilm eine ungewöhnliche Schneewittchen-Neuinterpretation, die im Spanien der 1920er Jahre spielt, ins Rennen. "The Artist"-Vergleiche dürften kaum ausbleiben.
- "The Hypnotist" (Schweden)
Lasse Hallström wurde für "Mein Leben als Hund" und "Gottes Werk & Teufels Beitrag" bereits dreimal für einen OSCAR nominiert. Mit seinem ersten schwedischen Film seit vielen Jahren hofft er nun auf Nummer 4. Der düstere Psycho-Thriller über einen Polizisten, der mit einem Psychiater und Hypnotiseur zusammenarbeitet, um einen Mörder zu finden, klingt allerdings nicht unbedingt nach klassischem OSCAR-Stoff.

Mit Sicherheit wird am Ende mindestens ein Film unter den Nominierten auftauchen, den ich an dieser Stelle nicht erwähnt habe, aber nach aktuellem Stand sind dies die aussichtsreichsten 19 Kandidaten unter den 71 Bewerbern. Der letztjährige Sieger Iran hat seinen Beitrag übrigens als Reaktion auf die Kontroverse um den Mohammed-Film zurückgezogen.

Eine sehr frühe Prognose zur Kategorie wagt Indiewire.

Abschließend noch kurz der Hinweis darauf, daß die Academy in dieser Woche ebenfalls eine Vorauswahl von acht Filmen für die Kategorie "Beste Kurz-Dokumentation" bekanntgegeben hat.

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