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In eigener Sache: Mein neues Filmbuch

Einigen Lesern ist bestimmt aufgefallen, daß ich in der rechten Spalte meines Blogs seit einigen Monaten das Cover meines neuen Buchs präs...

Freitag, 12. Oktober 2012

VIOLET & DAISY (2011)

Regie und Drehbuch: Geoffrey Fletcher
Darsteller: Alexis Bledel, Saoirse Ronan, James Gandolfini, Danny Trejo, John Ventimiglia, Marianne Jean-Baptiste, Tatiana Maslany, Cody Horn
 Violet & Daisy
(2011) on IMDb Rotten Tomatoes: 22% (4,9); weltweites Einspielergebnis: $0,1 Mio.
FSK: 16, Dauer: 88 Minuten.
Die soeben volljährig gewordene Daisy (Saoirse Ronan, "Abbitte") und ihre ein paar Jahre ältere Freundin Violet (Alexis Bledel, "Sin City", TV-Serie "Gilmore Girls") verdienen ihre Brötchen als Auftragsmörderinnen. Obwohl sie sich eine schulmädchenhafte Unschuld bewahrt zu haben scheinen und für ihr großes Idol, die Popsängerin Barbie Sunday (Cody Horn, "Magic Mike"), schwärmen, geht vor allem Violet hochgradig professionell vor. Normalerweise. Denn als das Killer-Duo vom schmierigen Gangsterboß Russ (Danny Trejo, "Machete") den vermeintlich kinderleichten Auftrag erhält, Michael (James Gandolfini, "Killing Them Softly") aus dem Weg zu räumen, der nicht die geringsten Anstalten macht, sich zu wehren oder zu verstecken, begehen die jungen Frauen einen folgenreichen Fehler: Sie kommen mit ihrem potentiellen Opfer ins Gespräch anstatt es unverzüglich ins Jenseits zu befördern ... 

Kritik:
"Violet & Daisy" ist das Regiedebüt des 2010 für sein Drehbuch zum Sozialdrama "Precious" OSCAR-gekrönten Geoffrey Fletcher – und eine der unkonventionellsten Coming of Age-Stories der Filmgeschichte. Fletcher vermischt in seiner Tragikomödie rabenschwarzen Humor mit großen Emotionen und begeistert das Publikum durch die glaubwürdige Figurenzeichnung, die ausgefeilten Dialoge und drei ganz starke Hauptdarsteller. Zumindest den Teil des Publikums, der nicht aufgrund des Trailers mit einer ziemlich fehlgeleiteten Erwartungshaltung an den Film herangegangen ist. So sind die überdrehten Actionszenen zwar ungemein unterhaltsam und rasant inszeniert, aber nur vergleichsweise spärlich gesät. Im Mittelpunkt des Interesses von Regisseur und Autor Fletcher steht ganz offensichtlich die ungewöhnliche Beziehung zwischen Violet, Daisy und dem lebensmüden Michael.
Überwiegen zunächst noch die teilweise richtig durchgeknallten komödiantischen Elemente der Geschichte, so kristallisiert sich im Verlauf der leider nur rund 90 Minuten zunehmend eine wunderbare Melancholie heraus, die alle drei Protagonisten betrifft. Einerseits gilt dies, weil das Profikiller-Dasein für zwei hübsche, intelligente junge Frauen wohl kaum das Ziel ihrer Träume ist; andererseits aber auch, weil Violet und Daisy hartnäckig Michaels Geschichte nachspüren. Dabei entwickelt sich vor allem zwischen der feinfühligen Daisy und Michael eine zarte und sehr gefühlvolle Vater-Tochter-Beziehung, in der zwei gequälte Seelen sich einander öffnen und gegenseitig helfen. Davon profitiert auch die scheinbar so hartgesottene Violet, die sich zwischenzeitlich anderen Problemen widmen muß.
Der Tonfall von "Violet & Daisy" erinnert wohltuend an die Filme von Wes Anderson und im Zusammenspiel von Komik, Action und tiefer Melancholie auch an Rian Johnsons ("Looper") brillanten Highschool-Film noir "Brick", einen meiner absoluten Lieblingsfilme. Fletcher gelingt es vortrefflich, die lustigen und die ernsten Momente miteinander zu kominieren, sodaß man in der einen Minute noch schallend über den "Internal Bleeding Dance" (der hoffentlich niemals zum Partytrend werden wird ...) lacht und in der nächsten angesichts der tiefen Traurigkeit, die die Gespräche zwischen Michael und Daisy durchzieht, heimlich eine Träne verdrückt. Streng genommen entwickelt sich die Handlung in der zweiten Filmhälfte der poppigen Inszenierung samt gelungenem Song-Soundtrack zum Trotz übrigens ziemlich konservativ, was sicherlich nicht jedem Zuschauer oder Kritiker gefallen wird. Aber in diesem Zusammenhang funktioniert es einfach.
Daß Fletchers Film so wunderbar funktioniert, verdankt er natürlich auch den Schauspielern. Jungstar Saoirse Ronan stellt einmal mehr ihre großen Fähigkeiten unter Beweis und Alexis Bledel, die nach "Sin City" und dem Ende der TV-Serie "Gilmore Girls" leider ein wenig in der Versenkung verschwand, fasziniert als Violet (die übrigens ursprünglich von Carey Mulligan gespielt werden sollte, welche aber aus Termingründen absagen mußte), hinter deren so abgebrüht erscheinender Fassade es innerlich brodelt, nicht nur mit ihren strahlend blauen Augen. Übertrumpft werden beide allerdings von James Gandolfini, der den schwerfälligen, von den Enttäuschungen seines Lebens gezeichneten und todessehnsüchtigen Michael mit einer solchen Wärme und Glaubwürdigkeit porträtiert, daß man diesen traurigen Mann als Zuschauer einfach nur in den Arm nehmen möchte. Zwei kurze, aber ebenfalls gelungene Gastauftritte von Danny Trejo und Marianne Jean-Baptiste ("Lügen und Geheimnisse", TV-Serie "Without a Trace") runden die starke Besetzung ab.
Bezeichnend für Geoffrey Fletchers bei allem schwarzen Humor stets warmherziges Skript ist auch, daß er bei der Geschichte von Violet und Daisy völlig auf eine erotische Komponente verzichtet. Gerade weil sich diese angesichts der erwähnten Schulmädchenhaftigkeit der beiden Mädels wie auch der generellen Genrezugehörigkeit des Films anbieten würde, ist es höchst erfrischend, daß "Violet & Daisy" zugunsten der wirklichen Geschichte nicht diesen kommerziell verlockenden Weg einschlägt. Das mag etwas prüde klingen, aber angesichts der Unzahl an Genrefilmen der letzten Jahre, die sehr offensiv auf die Reize ihrer meist spärlich bekleideten weiblichen Darsteller setzen, ist Fletchers behutsames Vorgehen schlicht und ergreifend eine willkommene Abwechslung.

Fazit: "Violet & Daisy" beginnt als drastische Action-Komödie und endet als berührendes Charakter-Drama. Eine Wandlung, die für manchen Zuschauer wohl schwer zu akzeptieren sein wird; wer jedoch flexibel genug ist, der darf sich über geschliffene Dialoge, bizarre Gags und drei tolle Hauptdarsteller freuen.

Wertung: 9 Punkte.


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