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In eigener Sache: Mein neues Filmbuch

Einigen Lesern ist bestimmt aufgefallen, daß ich in der rechten Spalte meines Blogs seit einigen Monaten das Cover meines neuen Buchs präs...

Freitag, 10. August 2012

HUNGER (2008)

Regie: Steve McQueen, Drehbuch: Enda Walsh und Steve McQueen, Musik: Leo Abrahams und David Holmes
Darsteller: Michael Fassbender, Liam Cunningham, Stuart Graham, Liam McMahon, Helen Madden, Brian Milligan, Des McAleer, Laine Megaw, Karen Hassan, Frank McCusker
 Hunger
(2008) on IMDb Rotten Tomatoes: 90% (7,8); weltweites Einspielergebnis: $2,7 Mio.
FSK: 16, Dauer: 92 Minuten.

Im Jahr 1981 wollen die in einem britischen Gefängnis inhaftierten IRA-Mitglieder als politische Gefangene mit Privilegien anerkannt werden, doch die britische Regierung hat diesen Status einige Jahre zuvor abgeschafft und so werden die irischen Inhaftierten wie "normale" Kriminelle behandelt (und auch mißhandelt). Nachdem verschiedene Protestaktionen der Gefangenen keine Wirkung erzielen, entschließen sie sich unter Führung des charismatischen Bobby Sands (Michael Fassbender, "300", "Jane Eyre") zu einem gemeinsamen Hungerstreik bis zum Tod ...

Kritik:
Ziemlich genau 17 Minuten lang ist dieses eindeutig auf das Arthouse-Publikum abzielende Regiedebüt des Briten Steve McQueen nicht weniger als brillant – während eines zentralen, bis kurz vor Schluß ohne Schnitte gedrehten Dialoges zwischen Bobby und dem Priester Moran (Liam Cunningham, "The Guard – Ein Ire sieht schwarz", "Centurion"), der ihn von seinem Hungerstreik-Vorhaben abzubringen versucht. Die zu Beginn der Sequenz im Staccato-Takt abgefeuerten Sätze der beiden so ungleichen und sich doch nicht unsympathischen Personen sind hochinteressant und ausgesprochen unterhaltsam anzuschauen. Zusätzlich werden dem Zuschauer im weiteren Verlauf des Dialoges wichtige Hintergrundinformationen über den irisch-britischen Konflikt und über die genaue Motivation der IRA-Kämpfer vermittelt.

Leider können die übrigen gut 60 Minuten nicht mit dieser meisterhaften Sequenz mithalten. Sollen sie aber auch gar nicht. McQueen konzentriert sich im restlichen Film (in dem es zusammengenommen nicht ansatzweise so viel Dialog gibt wie im zentralen Schlagabtausch) auf das eintönige und menschenunwürdige Dahinvegetieren der IRA-Gefangenen. Das gelingt ihm in quälend langen, detailversessenen Einstellungen zwar ausgesprochen gut und intensiv, allerdings ist genau diese karge Intensität nur schwer zu ertragen. Man muß sich wirklich einhundertprozentig auf den Film und seine Figuren einlassen. Dies fällt jedoch schwer, da sich McQueen weder damit abgibt, dem Zuschauer (bis auf kurze Texttafeln zu Beginn und am Ende) irgendein Hintergrundwissen über den historischen Konflikt zu vermitteln noch damit, ihm die Protagonisten näherzubringen. Abgesehen eben von dem Dialog zwischen Bobby und dem Priester, der aber erst zu Beginn der zweiten Filmhälfte stattfindet. Bis dahin betrachtet man 45 Minuten lang Männer, über die man nichts weiß und zu denen man keinerlei emotionale Bindung verspürt, größtenteils beim Nichtstun. Das ist schon ein sehr spezielles Vergnügen und garantiert nicht für ein Massenpublikum geeignet. Wie die gesamte Inszenierung zeichnet sich also auch das Drehbuch durch Minimalismus aus und die Handlungsentwicklung läßt jede Menge Raum für Interpretationen, was die mögliche Intention des Regisseurs und Co-Autors McQueen angeht.

Michael Fassbenders Verkörperung des Bobby Sands ist allerdings ungemein überzeugend und dies keineswegs nur, weil er sich 20 Kilogramm abgehungert hat, um die Folgen des Hungerstreiks glaubwürdig darzustellen. Ähnlich wie in seiner zweiten Zusammenarbeit mit McQueen als Sexsüchtiger in "Shame" ist die schiere Intensität, die der in Heidelberg geborene Deutsch-Ire mit geringsten schauspielerischen Mitteln auf die Leinwand überträgt, beeindruckend. So ist es auch kein Wunder, daß ihm sein Parforceritt in "Hunger" trotz des sehr überschaubaren kommerziellen Erfolges des Films den internationalen Durchbruch einbrachte.

Fazit: "Hunger" ist ein intensives, genau beobachtetes und stark gespieltes, aber auch quälend langsames, dramaturgisch unterentwickeltes Gefangenendrama mit einem eruptiven zentralen Dialog-Ausbruch als großem Highlight. Alles andere als leichte Kost.

Wertung: 6,5 Punkte.


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