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In eigener Sache: Mein neues Filmbuch

Einigen Lesern ist bestimmt aufgefallen, daß ich in der rechten Spalte meines Blogs seit längerer Zeit das Cover meines neuen Buchs präsen...

Mittwoch, 17. Mai 2023

DIE MISSWAHL – DER BEGINN EINER REVOLUTION (2020)

Originaltitel: Misbehaviour
Regie: Philippa Lowthorpe, Drehbuch: Rebecca Frayn, Gaby Chiappe, Musik: Dickon Hinchliffe
Darsteller: Keira Knightley, Gugu Mbatha-Raw, Jessie Buckley, Loreece Harrison, Rhys Ifans, Greg Kinnear, Lesley Manville, Keeley Hawes, Phyllis Logan, John Heffernan, Ruby Bentall, Lily Newmark, Alexa Davies, Suki Waterhouse, Clara Rosager, Emma Corrin, Emma D'Arcy, Sally Alexander, Jennifer Hosten, Jo Robinson, Pearl Janssen
Misbehaviour (2020) on IMDb Rotten Tomatoes: 86% (6,7); weltweites Einspielergebnis: $1,9 Mio.
FSK: 0, Dauer: 107 Minuten.

London, 1970: Die Vorbereitungen laufen für die diesjährige Austragung des von Abermillionen an den TV-Geräten verfolgten Schönheitswettbewerbs "Miss World". Doch etwas ist anders als sonst: Zum einen regt sich Protest an der Teilnahme Südafrikas trotz des dortigen Apartheid-Regimes – worauf der Veranstalter Eric Morley (Rhys Ifans, "Radio Rock Revolution") und seine Frau Julia (Keeley Hawes, TV-Serie "Bodyguard") mit dem halbherzigen Kompromiß reagieren, eine weiße und eine schwarze Miss Südafrika zum Wettbewerb einzuladen. Doch daneben gibt es auch generelle Vorbehalte gegen die "Fleischbeschau", die vor allem von jungen Frauen als sexistisch und diskriminierend empfunden wird. Dazu zählt auch die geschiedene Mutter und Geschichts-Studentin Sally Alexander (Keira Knightley, "Colette"), die an der Universität immer wieder feststellen muß, daß sie als Frau in der akademischen Welt zwar geduldet wird, aber auch nicht viel mehr. Eher zufällig tut sie sich mit einigen jungen Frauen aus einer Kommune zusammen – darunter die meinungsstarke Jo Robinson (Jessie Buckley, "Frau im Dunkeln") –, um Proteste gegen die "Miss World"-Wahl zu organisieren. Eine ganz andere Sicht auf den in diesem Jahr von dem legendären US-Komiker Bob Hope (Greg Kinnear, "Mord und Margaritas") moderierten Wettbewerb hat Miss Grenada Jennifer Hosten (Gugu Mbatha-Raw, "Motherless Brooklyn"), die als erste Vertreterin des kleinen Inselstaates auch zur ersten schwarzen "Miss World" gekürt werden will ...

Kritik:
Wenn es ein wirklich typisch britisches Filmgenre gibt, so ist es wohl die gesellschaftskritische Tragikomödie mit hohem Feelgood-Faktor. Werke wie "Brassed Off", "Ganz oder gar nicht", "We Want Sex", "Billy Elliot", "Calendar Girls" oder "Pride" erzählen auf herzerfrischende und grundsympathische Art und Weise von einfachen Menschen, die sich gegen gesellschaftliche Mißstände wehren und sich mit Herz und Humor auch gegen starke Widerstände durchsetzen. In diese Reihe paßt Philippa Lowthorpes zweiter Kinofilm nach dem hierzulande unbekannten "Swallows and Amazons", auch wenn "Die Misswahl – Der Beginn einer Revolution" in einem doch glamouröseren Setting spielt als die genannten Genrekollegen. Doch selbstverständlich ist der feministische Kampf gegen das Patriarchat und Chauvinismus sowie für Frauenrechte ein äußerst nobles Unterfangen, auch wenn er (historisch korrekt) einen Schönheitswettbewerb als Aufhänger wählt. Im Zusammenspiel mit einer so namhaften wie hochkarätigen Besetzung sollte man meinen, "Die Misswahl" wäre ein sicherer Kinohit – dummerweise kam allerdings die Corona-Pandemie dazwischen, weshalb der Film in den meisten Ländern nur eine kurze und wenig erfolgreiche Kinoauswertung erhielt, um dann schnell fürs Heimkino veröffentlicht zu werden. Das ist bedauerlich, denn obgleich "Die Misswahl" wegen einer zerfaserten Handlung und vergleichsweise wenig Humor nicht zu den besten Vertretern der sozialkritischen Feelgood-Filme zählt, macht er seine Sache insgesamt sehr ordentlich.

Das größte Problem von "Die Misswahl" ist es, daß die beiden Drehbuch-Autorinnen rund ein halbes Dutzend Storylines in einem 100-Minuten-Film unterbringen wollen – was naturgemäß zu Lasten des Tiefgangs geht. Es wäre vermutlich besser gewesen, sich auf etwas weniger Handlungsfäden zu konzentrieren – so wirkt etwa die Geschichte des von Greg Kinnear wenig sympathisch verkörperten US-Entertainers Bob Hope und seiner Frau Dolores (Lesley Manville, "Der seidene Faden") eher überflüssig und Sallys Konflikt mit ihrer konservativen Mutter Evelyn (Phyllis Logan, TV-Serie "Downton Abbey") ist so kurz und oberflächlich gehalten, daß man ihn hätte weglassen können. Dafür hätte die Südafrika-Thematik mit der schwarzen Miss Südafrika Pearl Janssen (Loreece Harrison, TV-Serie "Pennyworth") definitiv mehr Raum verdient gehabt, auch wenn sie Ähnlichkeiten zu Jennifers Story hat, die hofft, als erste schwarze "Miss World" Vorbild und Hoffnungsschimmer für unzählige kleine Mädchen ihrer Hautfarbe zu sein. Doch so bleibt "Die Misswahl" leider oft dicht an der Oberfläche, auch wenn es Regisseurin Lowthorpe immer wieder mal gelingt, starke Einzelmomente zu kreieren, die die Stellung der Frau zu jener gar nicht so fernen Zeit nachdrücklich demonstrieren. Allen voran gilt das für jene Szene, in der die "Miss World"-Finalistinnen sich auf Kommando umdrehen müssen, damit alle Zuschauer ausführlich ihre Hinterteile begaffen können! Überhaupt lassen sich Teile des Wettbewerbs aus heutiger Perspektive beim besten Willen nicht anders als mit dem neudeutschen Wort "cringe" charakterisieren ...

Schade ist, daß die Storylines inner- und außerhalb der Show weitgehend getrennt voneinander verlaufen. Dabei wäre das Zusammentreffen der Protestierenden mit den Teilnehmerinnen – die jede für sich gute Gründe für ihr Mitwirken haben – sehr reizvoll gewesen, aber leider gibt es im Grunde genommen nur eine einzige dementsprechende Szene (die dann auch gleich für den Trailer verwendet wurde). Das hängt wohl damit zusammen, daß die zugrundeliegende reale Story in cineastischer Hinsicht gar nicht so viel hergibt. Es gab einen Schönheitswettbewerb, es gab Proteste, fertig. Wichtiger als die Geschehnisse selbst sind historisch betrachtet ihre Folgen, die am Ende des Films schön zusammengefaßt werden, jedoch eben nicht Teil des Films selbst sind. Aus dieser Not macht "Die Misswahl" durchaus eine Tugend mit seinen überwiegend sympathischen Figuren, einigen pointierten Beobachtungen und (leider gar nicht so viel) Humor, aber durch die Vorlage sind dem Film einfach gewisse Grenzen gesetzt, die sein Ausbrechen aus dem "wirklich nett"-Bereich verhindern. An der Besetzung liegt das gewiß nicht. Gerade Keira Knightley und Jessie Buckley machen als denkbar ungleiche Aktivistinnen-Freundinnen viel Freude, aber auch die Nebendarsteller holen viel aus ihren teilweise recht undankbaren Rollen heraus. Unterm Strich ist "Die Misswahl" eine wirklich nette Tragikomödie, die das Herz erkennbar am rechten Fleck hat und vier realen starken Frauen huldigt (die ganz am Ende übrigens kurz "in echt" auftreten), aber auf der Komödienseite etwas schwächelt und sich mit einer zu unfokussierten Erzählweise immer wieder selbst den Wind aus den Segeln nimmt.

Fazit: "Die Misswahl – Der Beginn einer Revolution" ist eine gelungene, hochkarätig besetzte britische Tragikomödie mit gesellschaftskritischem Anspruch, aber zu zerfaserter Handlung.

Wertung: 7 Punkte.