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In eigener Sache: Mein neues Filmbuch

Einigen Lesern ist bestimmt aufgefallen, daß ich in der rechten Spalte meines Blogs seit längerer Zeit das Cover meines neuen Buchs präsen...

Dienstag, 1. Juni 2021

THE NEW MUTANTS (2020)

Regie: Josh Boone, Drehbuch: Knate Lee und Josh Boone, Musik: Mark Snow
Darsteller: Blu Hunt, Alice Braga, Maisie Williams, Anya Taylor-Joy, Charlie Heaton, Henry Zaga, Adam Beach, Happy Anderson, Marilyn Manson (Stimme)
X-Men: New Mutants (2020) on IMDb Rotten Tomatoes: 35% (4,8); weltweites Einspielergebnis: $48,2 Mio.
FSK: 16, Dauer: 94 Minuten.
Als eine Katastrophe – ein Tornado? Etwas Übernatürliches? – ein Cheyenne-Reservat zerstört, ist Teenager Danielle Moonstar (Blu Hunt, TV-Serie "The Originals") die einzige Überlebende. Sie erwacht in einem abgelegenen Gebäudekomplex in der Wildnis, das sich als eine geheime Forschungseinrichtung entpuppt, in welcher jugendliche Mutanten von Dr. Cecilia Reyes (Alice Braga, "Predators") zur Kontrolle ihrer Kräfte trainiert werden – ob sie wollen oder nicht. Dani hatte jedoch keine Ahnung, daß sie eine Mutantin ist, auch haben sich ihre Kräfte noch nicht offenbart, weshalb sie sich noch verlorener fühlt als sie es nach dem Tod ihres Vaters (Adam Beach, "Feinde – Hostiles") und all ihrer Freunde und Bekannten im Reservat sowieso wäre. Neben Dani befinden sich vier weitere junge Mutanten in der Einrichtung: die mitfühlende Rahne (Maisie Williams, TV-Serie "Game of Thrones"), der selbstzerstörerische Sam (Charlie Heaton, "Das Geheimnis von Marrowbone"), der reiche Schönling Roberto (Henry Zaga, TV-Miniserie "The Stand") und die rebellische Illyanka (Anya Taylor-Joy, "Split"). Die Teenager sind alles andere als ein eingeschworenes Quintett – vor allem Illyanka sorgt immer wieder für Ärger –, doch als die Insassen der Einrichtung zunehmend von ihren eigenen schlimmsten Alpträumen und Ängsten geplagt werden, die irgendwie Gestalt anzunehmen scheinen, müssen sie sich doch zusammenraufen …
 
Kritik:
Die Entwicklungsgeschichte dieses "X-Men"-Spin-Offs kann man als abenteuerlich bezeichnen: Unter der Leitung des "Das Schicksal ist ein mieser Verräter"-Regisseurs Josh Boone sollte "The New Mutants" noch vor dem da bereits absehbaren Ende der Haupt-"X-Men"-Reihe um James McAvoy, Jennifer Lawrence und Michael Fassbender mit "Dark Phoenix" neue, junge Mutanten etablieren und als Kombination aus Young Adult-Abenteuer und Horrorfilm eine neue Farbe ins "X-Men"-Universum einbringen. Die Dreharbeiten fanden 2017 statt, der Kinostart war für das Frühjahr 2018 fest eingeplant, die Testscreenings liefen gut, alle waren glücklich. Doch dann kam Ende 2017 Andy Muschiettis Stephen King-Adaption "Es" in die Kinos und wurde zu einem in dieser Form nie erwarteten Monsterhit. Da Hollywood bekanntlich gerne auf Trends aufspringt, kam den Verantwortlichen beim produzierenden Studio Fox die glorreiche Idee, die existenten Horrorelemente von "The New Mutants" noch deutlich stärker hervorzuheben, wofür umfangreiche Nachdrehs geplant wurden und dementsprechend der Kinostart um fast ein Jahr verschoben wurde. Danach wurde es länger still um das Projekt, zu den geplanten Nachdrehs kam es offenbar nie – und als Fox von Disney übernommen wurde (dessen Verantwortliche wohl nicht überzeugt vom kommerziellen Potential des Films waren), gab es Spekulationen, "The New Mutants" könnte niemals ins Kino kommen, sondern beim Streamingservice Disney+ seine Premiere feiern. Das bestätigte sich nicht, doch dafür wurde "The New Mutants" von der Corona-Pandemie ausgebremst und kam schließlich im Spätsommer 2020, nach der ersten Welle, in die noch von den Corona-Maßnahmen arg gebeutelten Kinos – mit einer Version, die laut Boone sehr nahe an seinem ursprünglichen Film war. Letztlich also drei Jahre Zeit- und Geldverschwendung, und dann fielen zudem die Rezensionen ziemlich schwach aus und die Einspielergebnisse sogar noch schwächer (was aber sicherlich teilweise dem Start inmitten einer weltweiten Pandemie zuzuschreiben ist). Mit einer Fortsetzung muß man folglich nicht rechnen, was insofern schade ist, als "The New Mutants" trotz unbestreitbarer dramaturgischer Schwächen ein gar nicht uninteressantes Spin-Off darstellt, dessen junge Protagonisten man durchaus gerne öfter in ihren Rollen sehen würde.
 
"The New Mutants" beginnt nach einem kurzen Prolog recht vielversprechend, indem er das Publikum gemeinsam mit Dani ins kalte Wasser wirft und das mysteriöse Forschungsinstitut und seine überraschend wenigen Bewohner nach und nach kennenlernen läßt. Dabei gibt sich Josh Boone erkennbar Mühe, uns die jugendlichen Mutanten vorzustellen – allerdings versäumt er es, den Figuren echte Tiefe zu verleihen. Zwar verbringen wir viel Zeit mit dem zunächst nicht allzu harmonischen Quintett, richtig nahe kommen wir den Teenagern jedoch nicht. Immerhin erfahren wir im Lauf der nur eineinhalb Stunden, daß sie alle eine mehr oder wenige tragische Hintergrundgeschichte haben, weshalb sie von Alpträumen geplagt werden – die dann eben dummerweise Realität zu werden scheinen. Aus dieser Entwicklung zieht "The New Mutants" eine Horrorkomponente, die auffällig an "Es" erinnert, dank gut gemachter Traumsequenzen mit durchaus schaurig gestalteten Kreaturen aber ziemlich gut funktioniert. Ein echter Horrorfilm ist "The New Mutants" deshalb natürlich noch lange nicht, dafür bleibt alles doch etwas zu zahm, aber es ist zumindest ein für die "X-Men"-Reihe einigermaßen frischer Ansatz. Daß man trotz überschaubarer Story, oberflächlicher Figurenzeichnung und eines eher einfallslosen Coming of Age-Ansatzes den fünf begabten Teenagern gern zusieht, liegt primär an der gut ausgewählten Besetzung. Bei der schneiden die Mädels insgesamt deutlich besser ab als die Jungs, was nicht nur an der zahlenmäßigen Überzahl und daran liegt, daß Dani eindeutige Protagonistin der Geschichte ist. Zudem sind Shooting Star Anya Taylor-Joy und "Game of Thrones"-Liebling Maisie Williams die beiden bekanntesten Namen und obwohl auch Blu Hunt, Charlie Heaton und Henry Zaga ihre Sache gut machen, hat die zum Zeitpunkt der Dreharbeiten noch deutlich weniger bekannte Anya Taylor-Joy den besten Handlungsbogen. Die von ihr verkörperte Illyanka entwickelt sich von einer unsympathischen und arroganten Göre zum gar nicht so heimlichen Stars des Films, vor allem im Showdown hat sie einige beeindruckende Szenen.
 
Als etwas problematisch erweist sich die Idee, auf einen richtigen Antagonisten zu verzichten. Zwar gibt es die höchst ambivalente Dr. Cecilia Reyes, die von Alice Braga überzeugend im Spannungsfeld zwischen fürsorglicher Betreuerin und manipulativem Fiesling verkörpert wird, aber sie wirkt trotz eigener Kräfte nur bedingt bedrohlich; man kann sich sogar fragen, warum sich die Jugendlichen letztlich immer so leicht von ihr unterbuttern lassen, wobei auch das komplett fehlende Personal der Einrichtung ins Spiel kommt und wenig glaubwürdig wirkt. Ein richtiger Bösewicht fehlt aber, wenn man einmal von Dr. Reyes' offenbar sinistren Vorgesetzten absieht, über die man aber kaum etwas erfährt; die hätten sich wohl erst in einer Fortsetzung offenbart. Als Ausgleich arbeitet Josh Boone mit den Alpträumen der jungen Mutanten, was, wie erwähnt, für sich genommen einen ganz guten Eindruck macht, als Ersatz für einen echten Antagonisten aber doch etwas schwach auf der Brust ist. Generell muß man sagen, daß die Story eine Stunde lang gefällig, aber ziemlich ereignislos vor sich hinplätschert, ehe sie direkt in das actionreiche Finale übergeht – dramaturgisch ausgefeilt ist das definitiv nicht. Dafür kann sich der Showdown sehen lassen. Zwar erreichen nicht alle CGI-Effekte Blockbuster-Niveau, was angesichts des im Vergleich zur Hauptreihe klar zurückgeschraubten (wenngleich immer noch beachtlichen) Budgets im höheren zweistelligen Millionen-Bereich kaum überrascht. Doch das wird mit ein paar netten Ideen und dem gelungenen Kreaturendesign aufgewogen, zudem erzeugt die Musik von "Akte X"-Veteran Mark Snow (der zuvor seit 2014 keinen Score mehr komponiert hatte) eine angemessen gruselige Stimmung. Insgesamt wirkt "The New Mutants" eher wie ein aufwendiger Pilotfilm für eine TV-Serie (die ich mir anschauen würde) und weniger wie ein vollwertiger Kinofilm aus der populären "X-Men"-Reihe, aber wer ein Faible für Marvels Mutanten hat, sollte sich solide unterhalten fühlen.
 
Fazit: "The New Mutants" ist ein "X-Men"-Spin-Off, das ein paar neue Facetten in die Reihe einbringt, allerdings trotz guter Besetzung zu ereignisarm und unspektakulär daherkommt, um wirklich Eindruck zu hinterlassen.
 
Wertung: 6,5 Punkte.
 
 
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2 Kommentare:

  1. Ich hatte den Film bei seinem kurzen Kino-Gastspiel gesehen und war nur mäßig von ihm angetan. Das Szenario war einfach nicht sehr glaubwürdig: fünf Jugendliche die ihre eigenen für sich und andere sehr gefährliche Fähigkeiten nicht im Griff haben, werden in einer von einer einzigen Ärztin geführten Anstalt weitgehend sich selbst überlassen? Von gelegentlichen Gruppentherapie-Sitzungen abgesehen scheint diese jedenfalls kaum Versuche zu unternehmen auf diese einzuwirken. Der zentrale Twist bezüglich der Fähigkeiten der Protagonistin war für mich zudem stark vorhersehbar, denn er war beinahe eins zu eins vom dritten Teil der "Nightmare on Elm Street"-Reihe übernommen, mit er ausserdem auch noch das Setting in einer geschlossenen Anstalt teilt. Die Darsteller machen ihre Sache gut und richtige langweilig ist der Film auch nie, aber er wirkt nicht nur dadurch dass sich die Action allein auf das überlange CGI-Finale konzentriert sehr unausgewogen und irgendwie unfertig. Ob Nachdrehs daran etwas geändert hätten werden wir wohl nie erfahren.

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    1. Ja, das kann ich im Grunde genommen alles so unterschreiben (abgesehen davon, daß ich "Nightmare 3" nie gesehen habe, aber die Enthüllung war auch so ziemlich schnell vorhersehbar).

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