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In eigener Sache: Mein neues Filmbuch

Einigen Lesern ist bestimmt aufgefallen, daß ich in der rechten Spalte meines Blogs seit längerer Zeit das Cover meines neuen Buchs präsen...

Donnerstag, 29. Oktober 2020

RUBEN BRANDT, COLLECTOR (2018)

Originaltitel: Ruben Brandt, a gyutjo
Regie: Milorad Krstić, Drehbuch: Radmila Roczkov und Milorad Krstić, Musik: Tibor Cári
Sprecher der ungarischen Originalfassung: Iván Kamarás, Gabriella Hámori, Zalán Makranczi, Gábor Nagypál, Máté Mészáros, Katalin Dombi
Ruben Brandt, Collector (2018) on IMDb Rotten Tomatoes: 82% (7,0); weltweites Einspielergebnis: $0,6 Mio.
FSK: 16; Dauer: 94 Minuten.
Ruben Brandt ist ein renommierter Kunsttherapeut, der seit dem kürzlichen Tod seines Vaters in regelmäßigen Alpträumen von weltberühmten, zum Leben erwachten Kunstwerken attackiert wird. Seine neue Patientin Mimi, eine erfahrene Kunstdiebin, schlägt Ruben vor, gemeinsam mit drei weiteren, ebenfalls kriminellen Patienten jene 13 Kunstwerke kurzerhand zu stehlen, die ihn in seinen Träumen peinigen, in der Hoffnung, daß ihr Besitz die Alpträume beendet. Und so macht sich das Quintett auf, um die in Museen überall in der Welt verteilten Gemälde – zu denen Sandro Botticellis "Die Geburt der Venus", Édouard Manets "Olympia", Pablo Picassos "Frau mit Buch" und Andy Warhols "Double Elvis" zählen – zu erbeuten. Dicht auf den Fersen ist ihnen allerdings der Privatdetektiv Mike Kowalski, außerdem hat es sich Mimi dank eines nicht korrekt ausgeführten Auftrags mit einem gefährlichen Gangster verscherzt, der auf Rache sinnt …
 
Kritik:
Die Kunst und zum Leben erwachende Kunstwerke in das Zentrum eines unkonventionellen Animationsfilms zu stellen, ist keine ganz neue Idee – erst 2017 sorgte der polnisch-britische "Loving Vincent" für Furore und wurde sogar für einen OSCAR nominiert. An einem ähnlichen Konzept versucht sich auch der ungarische "Ruben Brandt, Collector", wobei man angesichts der langen Produktionszeit von Animationsfilmen davon ausgehen kann, daß es sich nicht um einen Nachahmer des "Loving Vincent"-Erfolgs handelt. Dafür sind beide Filme sowieso viel zu unterschiedlich, denn während sich "Loving Vincent" beispielsweise – der Titel verrät es – auf Gemälde von Vincent van Gogh beschränkt, deckt "Ruben Brandt, Collector" alleine mit seiner Haupthandlung ganze 13 Kunstwerke verschiedenster Stilrichtungen von der Renaissance über Impressionismus und Surrealismus bis hin zur Pop Art ab, dazu kommen unzählige indirekte Anspielungen. Auch die Handlung unterscheidet sich bei "Ruben Brandt" deutlich von "Loving Vincent": Zwar haben beide Filme mit kriminalistischen Handlungen zu tun, während jedoch "Loving Vincent" die Ermittlungen eines Amateur-Detektivs begleitet, gibt sich "Ruben Brandt" eher als im Kern relativ klassischer Heistfilm – wenngleich in beiden Fällen die Story sowieso vorrangig ein Mittel zum Zweck ist, um der beeindruckenden Animationskunst einen passenden Rahmen zu verleihen. Das funktioniert ordentlich, weshalb beide Werke trotz dramaturgischer Schwächen nicht allein, aber besonders für Kunstkenner und -liebhaber höchst empfehlenswert sind.
 
Ich gebe gerne zu, daß ich kein großer Gemälde-Experte bin, ein robustes Basiswissen ist allerdings durchaus vorhanden. Mit anderen Worten: Ich habe viele der Kunstanspielungen in "Ruben Brandt, Collector" – dessen in Jugoslawien geborener ungarischer Regisseur Milorad Krstić selbst ein erfolgreicher Maler ist – erkannt, ohne sie immer genau zuordnen zu können. Zu den Ausnahmen zählen eine erschreckte Passantin, deren Gesicht sich wie Edvard Munchs "Der Schrei" verzerrt, sowie eine deutlich an die impressionistischen Gemälde Claude Monets gemahnende zersplitternde Windschutzscheibe. Dankenswerterweise werden die im Film direkt referenzierten Kunstwerke im Abspann aufgezählt, eine Auflistung aller Anspielungen würde allerdings ungleich länger ausfallen. Wer nicht ganz so viel mit Gemälden am Hut hat, kann sich übrigens darüber freuen, daß es ebenso zahlreiche Filmanspielungen gibt. Beispielsweise sammelt Kowalski Filmrequisten wie Rambos Messer oder Rasiermesser aus diversen Filmen (wie "Der große Diktator" und "Die Unbestechlichen"), während das Arbeitszimmer von Rubens Vater mit Filmplakaten von Klassikern des deutschen Expressionismus der 1910er und 1920er Jahre (etwa "Der Student von Prag" und "Das Cabinet des Dr. Caligari") zugepflastert ist. Die Animation von "Ruben Brandt, Collector" ist derweil entsprechend der vielfältigen involvierten Kunstrichtungen ungewöhnlich und passenderweise sehr künstlerisch, ohne sich dabei groß um Realismus zu scheren (einer von Rubens Komplizen ist sogar zweidimensional ...). Das sieht ein wenig gewöhnungsbedürftig, dann aber definitiv höchst sehenswert und künstlerisch beeindruckend aus. Gerade Rubens häufig surreale Alpträume sind ansprechend und originell gestaltet. Ja, genau so sollte ein Animationsfilm über Kunst tatsächlich aussehen!
 
Zu den Stärken des Films zählt aber keineswegs nur die Optik, sondern auch die Akustik. Die musikalische Untermalung ist eine in der Theorie äußerst krude anmutende, in der Praxis aber erstaunlicherweise wunderbar funktionierende Mischung aus klassischer Musik von Schubert, Strawinsky, Mozart, Tschaikowski oder Haydn mit der melancholisch angehauchten Filmmusik von Tibor Cári und jazzigen Coverversionen von Pophits wie Britney Spears' "Oops! … I did it again", Meghan Trainors "All About That Bass" oder Radioheads "Creep" (jeweils eingespielt von Scott Bradlee's Postmodern Jukebox). Nicht ganz so sehr überzeugen hingegen Handlung und Figuren. Die Protagonisten sind durchaus sympathisch, sie bleiben dem Publikum jedoch ziemlich fremd, obwohl die Sprecher in der deutschen Synchronfassung gute Arbeit leisten (eine Übersicht der Sprecher konnte ich leider nicht finden). Gleichzeitig fehlt es der ein wenig schwarzhumorigen Handlung lange Zeit am für einen Heistfilm nötigen Tempo, außerdem hätte man den Kunstrauben selbst gerne mehr Aufmerksamkeit widmen können. Im letzten Drittel nehmen dann die (allerdings spannend inszenierten) Actionsequenzen etwas überhand und führen zu einem ziemlich abrupt wirkenden, trotz einer interessanten Erklärung für Rubens Alpträume nur bedingt befriedigenden Ende. Ähnliche Probleme hatte ja auch "Loving Vincent" und es ist schade, daß es bislang nicht gelingt, solch kunstvolle Animationstechnik mit einer richtig überzeugenden Story zu kombinieren. Trotzdem ist "Ruben Brandt, Collector" zweifellos ein buchstäblich sehenswerter (und auch hörenswerter) Film nicht nur für Kunstliebhaber und ein in ziemlich einzigartiges Filmvergnügen.
 
Fazit: "Ruben Brandt, Collector" ist ein visuell eindrucksvoll gestalteter und musikalisch stark untermalter ungarischer Animationsfilm mit Kunstschwerpunkt, dessen schwarzhumorige Story allerdings etwas dünn ausfällt.
 
Wertung: 8 Punkte.
 
"Ruben Brandt, Collector" wird in der Theorie ab dem 29. Oktober 2020 von Indeed Film in ausgewählten deutschen Kinos präsentiert, was durch die coronabedingte Kinoschließung im ganzen November aber nicht mehr umsetzbar sein dürfte. Eine Rezensionsmöglichkeit wurde mir freundlicherweise von more publicity zur Verfügung gestellt.
 
P.S.: Wer an der vollen Liste der Kunstwerke interessiert ist, die Ruben peinigen:
Frédéric Bazille: Porträt des Pierre Auguste Renoir (1867)
Sandro Botticelli: Die Geburt der Venus (ca. 1486)
Hans Holbein der Jüngere: Porträt Antons des Guten, Herzog von Lothringen (1543)
Frank Duveneck: Whistling Boy (1871)
Paul Gauguin: Frau, die eine Frucht hält (1893)
Vincent van Gogh: Porträt des Briefträgers Joseph Roulin (1888)
Edward Hopper: Nighthawks (1942)
René Magritte: Der Verrat der Bilder (1929)
Édouard Manet: Olympia (1863)
Pablo Picasso: Frau mit Buch (1932)
Tiziano Vecellio: Venus von Orbino (1538)
Diego Velázquez: Infantin Margarita in blauem Kleid (1659)
Andy Warhol: Double Elvis (1964)
 

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