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Einigen Lesern ist bestimmt aufgefallen, daß ich in der rechten Spalte meines Blogs seit einigen Monaten das Cover meines neuen Buchs präs...

Dienstag, 23. Januar 2018

OSCAR-Nominierungen 2018

Alle Nominierungen für die 90. Academy Awards am 4. März 2018 mit meiner Einschätzung zu den einzelnen Kategorien:

Bester Film:
- Call Me by Your Name
- Die dunkelste Stunde
- Dunkirk
- Get Out
- Lady Bird
- Der seidene Faden
- Die Verlegerin
- Shape of Water - Das Flüstern des Wassers
- Three Billboards Outside Ebbing, Missouri

Wie 2017 wurden von den maximal möglichen zehn Plätzen immerhin neun ausgefüllt. Und wie so oft sind selbst gut besprochene und so durchaus für möglich gehaltene Großproduktionen á la "Wonder Woman", "Blade Runner 2049" oder "Star Wars Episode VIII: Die letzten Jedi" leer ausgegangen, "Dunkirk" ist der einzige Film mit einem Budget jenseits der $50 Mio. (allerdings deutlich drüber mit über $100 Mio.). Die einzige größere Überraschung unter den Nominierten ist das Modedrama "Der seidene Faden", das starke Kritiken erhielt, in der Awards Season aber eher unter dem Radar flog. Von den Wackelkandidaten haben es "The Big Sick", "The Florida Project" und "I, Tonya" nicht geschafft, dafür ist "Die dunkelste Stunde" ins Neunerfeld reingerutscht. Den Sieg sollte das Trio "Shape of Water", "Three Billboards ..." und "Lady Bird" unter sich ausmachen, Außenseiterchancen hat "Dunkirk". Da Guillermo del Toros Märchen für Erwachsene auf die mit Abstand meisten Nominierungen kommt (eine mehr als die in den technischen Kategorien wenig präsenten "Three Billboards ..." und "Lady Bird" zusammen!), muß er als Topfavorit gelten. Der Rest ist voraussichtlich chancenlos - also auch Spielbergs "Die Verlegerin", denn daß der Journalismus-Thriller insgesamt nur auf zwei Nominierungen kommt, macht mehr als deutlich, daß er bei den Filmschaffenden offensichtlich weniger gut ankam als man das zu Beginn der Awards Season erwartet hätte ...

Regie:
- Christopher Nolan, "Dunkirk"
- Jordan Peele, "Get Out"
- Greta Gerwig, "Lady Bird"
- Paul Thomas Anderson, "Der seidene Faden"
- Guillermo del Toro, "Shape of Water"

Ein heftiger Schlag für "Three Billboards ..." ist das Fehlen einer Regie-Nominierung für Martin McDonagh. Das soll nicht zynisch klingen, aber der Ire ist wohl auch den Bemühungen der Academy-Mitglieder zum Opfer gefallen, sich von der vielkritisierten langjährigen Fokussierung auf vorwiegend weiße Männer unter den Nominierten abzuheben - denn ich bin mir ziemlich sicher, daß die meisten Academy-Mitglieder im privaten Gespräch nicht die Meinung vertreten würden, McDonaghs (oder Spielbergs) Regieleistung wäre schwächer als die von Gerwig und Peele. Aber zugegeben, ich mag da etwas voreingenommen sein, da ich beim besten Willen nicht verstehe, warum "Get Out" (ein unterhaltsamer schwarzhumoriger Horrorthriller, aber nicht mehr) ernsthafter OSCAR-Kandidat ist - auch wenn mir klar ist, daß die Rassismus-Thematik in den USA natürlich einen Nerv getroffen hat. Angesichts des Fehlens von McDonagh, Steven Spielberg oder auch Sir Ridley Scott ("Alles Geld der Welt") ist Paul Thomas Andersons Nominierung umso erstaunlicher und belegt, daß "Der seidene Faden" wohl die Antithese zu "Die Verlegerin" ist und bei den Academy-Mitgliedern viel besser ankam als gedacht. Anderson ist übrigens der einzige im Quintett, für den es bereits die zweite Nennung ist (die erste gab es 2007 für "There Will Be Blood"). Für Christopher Nolan ist es die überfällige erste OSCAR-Nominierung als Regisseur (nach je zwei als Autor und Produzent), Greta Gerwig ist die erst fünfte Regisseurin, Jordan Peele der fünfte schwarze Regisseur, der nominiert wurde. Topfavorit ist jedoch Guillermo del Toro, der damit den vierten mexikanischen Sieg in dieser Kategorie in den letzten fünf Jahren vollbringen könnte ...


Hauptdarsteller:
- Timothée Chalamet, "Call Me by Your Name"
- Daniel Day-Lewis, "Der seidene Faden"
- Daniel Kaluuya, "Get Out"
- Gary Oldman, "Die dunkelste Stunde"
- Denzel Washington, "Roman J. Israel, Esq."

Das Fehlen des an sich als recht sichere Bank angesehenen Golden Globe-Gewinners James Franco ("The Disaster Artist") überrascht, für ihn und Routinier Tom Hanks ("Die Verlegerin") sind von den Wackelkandidaten Kaluuya und Washington ins Feld gekommen. Möglicherweise haben sich die zwei Tage vor Abgabe der OSCAR-Stimmzettel bekanntgewordenen Sexismus-Vorwürfe gegen Franco doch stärker ausgewirkt als angenommen - oder er ist einfach nur ein weiteres Opfer der langjährigen "Drama-Darsteller werden gegenüber Komödien-Schauspielern bevorzugt"-Tradition ... Der Mann, den es zu schlagen gilt, ist jedenfalls Gary Oldman, der fast jeden relevanten Preis im Vorfeld für sich entscheiden konnte. Am ehesten könnte ihm noch Newcomer Chalamet gefährlich werden oder vielleicht Day-Lewis, falls die Academy-Mitglieder ihn mit einem OSCAR in den (angekündigten) Ruhestand schicken wollen. Aber eigentlich muß Oldman gewinnen.

Hauptdarstellerin:
- Sally Hawkins, "Shape of Water"
- Frances McDormand, "Three Billboards Outside Ebbing, Missouri"
- Margot Robbie, "I, Tonya"
- Saoirse Ronan, "Lady Bird"
- Meryl Streep, "Die Verlegerin"

Zur Abwechslung eine überraschungsfreie Kategorie, in der genau die fünf Namen auftauchen, die jeder erwartete: Am knappsten wurde es angesichts des sonst schwachen "Die Verlegerin"-Abschneidens vermutlich für Rekord-Nominee Meryl Streep, die sich trotzdem vor den beiden Nachrückkandidatinnen Jessica Chastain ("Molly's Game") und Judi Dench ("Victoria & Abdul") behaupten konnte. Klare Favoritin ist McDormand vor Hawkins und Ronan.

Nebendarsteller:
- Willem Dafoe, "The Florida Project"
- Woody Harrelson, "Three Billboards Outside Ebbing, Missouri"
- Richard Jenkins, "Shape of Water"
- Christopher Plummer, "Alles Geld der Welt"
- Sam Rockwell, "Three Billboards Outside Ebbing, Missouri"

Dafoe, Harrelson, Rockwell und eigentlich auch Jenkins waren klar, Wackelkandidat Plummer konnte sich gegen das hochgehandelte "Call Me by Your Name"-Duo Michael Stuhlbarg und Armie Hammer durchsetzen, die sich vermutlich gegenseitig aus dem Rennen geworfen haben. Christopher Plummer ist mit 88 Jahren der älteste Schauspieler-Nominee aller Zeiten (bislang: "Titanic"-Darstellerin Gloria Stuart mit 87). Favoriten sind Rockwell und Dafoe, wobei Rockwell in den letzten Wochen besser abschnitt als der zu Beginn der Saison dominierende Dafoe.

Nebendarstellerin:
- Mary J. Blige, "Mudbound"
- Allison Janney, "I, Tonya"
- Lesley Manville, "Der seidene Faden"
- Laurie Metcalf, "Lady Bird"
- Octavia Spencer, "Shape of Water"

Mit "Downsizing"-Star Hong Chau fehlt eine sichere Kandidatin, die u.a. für den Golden Globe und den SAG Award nominiert war. An ihrer Stelle taucht überraschend Lesley Manville auf, die zwar zum erweiterten Kandidatenkreis zählte, aber selbst da eher am Rand stand. Sie konnte auch Holly Hunter ("The Big Sick") und Tiffany Haddish ("Girls Trip") verdrängen. Mit Janney, Manville und Metcalf gibt es gleich drei erstmalige OSCAR-Nominees. Hier ist das Feld relativ offen, in den letzten Wochen avancierte aber Janney zur aussichtsreichsten Anwärterin, deren Hauptkonkurrentinnen Metcalf und Spencer sein dürften.

Animationsfilm:
- Boss Baby
- The Breadwinner
- Coco
- Ferdinand
- Loving Vincent

Wie befürchtet wirkt sich bei den Animationsfilmen eine Regeländerung stark aus, die den Kreis der Stimmberechtigten deutlich erweitert (bislang durften nur jene Academy-Mitglieder abstimmen, die "vom Fach" waren) und damit die Auswahl viel mainstreamlastiger macht. Es ist ziemlich sicher, daß Durchschnittsware wie "Ferdinand" und vor allem "Boss Baby" bis letztes Jahr nicht nominiert worden wären, nun haben sie viel bessere fremdsprachige Werke wie die japanischen "In This Corner of the World" und "A Silent Voice" oder den französisch-belgischen "The Big Bad Fox" aus dem Rennen geworfen. Immerhin sind mit "Loving Vincent" und "The Breadwinner" zwei (englischsprachige) Indie-Produktionen übriggeblieben, derweil mit "The LEGO Batman Movie" ein im Vergleich zu "Boss Baby" und "Ferdinand" deutlich besser aufgenommener Studiofilm überraschend fehlt. Designierter Gewinner ist aber sowieso Pixars "Coco" - sollte der verlieren, wäre es DIE Sensation der 90. OSCAR-Verleihung. Am ehesten wäre ein Coup dem kunstvollen "Loving Vincent" zuzutrauen, aber seien wir ehrlich: "Coco" wird gewinnen.

Nicht-englischsprachiger Film:
- "Eine fantastische Frau", Chile
- "The Insult", Libanon
- "Loveless", Rußland
- "Körper und Seele", Ungarn
- "The Square", Schweden

Schade: Fatih Akins deutscher Beitrag "Aus dem Nichts", kürzlich noch großer Gewinner bei den Golden Globes und den Critics' Choice Awards, hat den Sprung unter die besten fünf nicht geschafft. Mit "Foxtrot" aus Israel fehlt ein weiterer Mitfavorit, dagegen hat es der ursprünglich klarste Sieganwärter "The Square" (der die Goldene Palme in Cannes gewann) nach zuletzt einigen Rückschlägen doch noch geschafft. Eine Sensation gibt es nicht (das ist am ehesten das Fehlen von "Aus dem Nichts"), denn der ungarische, der chilenische und der russische Beitrag waren hochgehandelt; lediglich der libanesische "The Insult" wurde nicht unbedingt erwartet. Als Favorit muß nun wohl doch wieder "The Square" betrachtet werden, letztlich ist das aber eine sehr offene Kategorie.

Originaldrehbuch:
- Emily V. Gordon und Kumail Nanjiani, "The Big Sick"
- Jordan Peele, "Get Out"
- Greta Gerwig, "Lady Bird"
- Guillermo del Toro und Vanessa Taylor, "Shape of Water"
- Martin McDonagh, "Three Billboards Outside Ebbing, Missouri"

Das gibt es auch nicht jedes Jahr: gleich drei Doppelnominierungen von Regisseuren, die auch das Drehbuch zu ihrem Film (mit)geschrieben haben. Wäre McDonagh in der Regiesparte nicht überraschend leer ausgegangen (oder auch hier durch Paul Thomas Anderson ersetzt worden), hätten es sogar vier "writer-directors" sein können. "The Big Sick", zu Beginn der Saison einer der am heißesten gehandelten OSCAR-Kandidaten, holt sich immerhin eine Trost-Nominierung. Die hochkarätigsten fehlenden Namen sind neben "Der seidene Faden" noch "Die Verlegerin" und "I, Tonya".

Adaptiertes Drehbuch:
- James Ivory, "Call Me by Your Name"
- Scott Neustadter und Michael H. Weber, "The Disaster Artist"
- Scott Frank, James Mangold und Michael Green, "Logan - The Wolverine"
- Aaron Sorkin, "Molly's Game"
- Virgil Williams und Dee Rees, "Mudbound"

Der britische Kinoveteran James Ivory holt sich mit sage und schreibe 89 Jahren seine vierte OSCAR-Nominierung (nach 1987 für "Zimmer mit Aussicht", 1993 für "Wiedersehen in Howards End" und 1994 für "Was vom Tage übrig blieb"), wartet aber noch auf seinen ersten Sieg. Und die Chancen dafür stehen gar nicht so schlecht, denn neben "The Disaster Artist" und "Molly's Game" gilt sein Homosexuellen-Coming of Age-Drama in einer doch relativ schwach besetzten Kategorie als heißester Siegkandidat - und "The Disaster Artist" dürfte unter den erwähnten Anschuldigungen gegen seinen Hauptdarsteller James Franco leiden, während "Molly's Game"-Autor Aaron Sorkin in der jüngeren Vergangenheit nicht der größte Academy-Liebling war (sein brillantes "Steve Jobs"-Skript wurde nicht einmal nominiert). Erfreulich ist, daß es mit "Logan" tatsächlich einmal ein (wenn auch zweifellos untypischer) Superhelden-Film zu einer Drehbuch-Nominierung bringt. Dee Rees ist die erste Afroamerikanerin, die für ein Drehbuch nominiert wurde, für Netflix ist "Mudbound" mit insgesamt vier Nominierungen der erste größere Spielfilm-Erfolg bei den OSCARs (der also in den meisten Staaten inklusive Deutschland gar nicht erst ins Kino kam, was mich persönlich sehr nervt). Letztlich eine recht offene Kategorie.

Kamera:
- Roger A. Deakins, "Blade Runner 2049"
- Bruno Delbonnel, "Die dunkelste Stunde"
- Hoyte van Hoytema, "Dunkirk"
- Rachel Morrison, "Mudbound"
- Dan Laustsen, "Shape of Water"

Für mich unverständlich ist das Fehlen von "Planet der Affen: Survival", dessen Kameraführung mich ziemlich begeistert hat - allerdings ist es auch keine wirkliche Überraschung, denn in der Awards Season wurde diese sehr stark besetzte Kategorie von anderen Filmen dominiert. "Blade Runner 2049" und "Dunkirk", die sehr unterschiedliche, jedoch gleichermaßen höchst überzeugende Kamera-Ansätze an den Tag legen, besitzen ausgezeichnete Siegchancen, aber auch "Shape of Water" und "Mudbound" sollen mit hervorragender Kameraführung begeistern. Einziger Außenseiter ist damit wohl "Die dunkelste Stunde". Historisch: Rachel Morrison ist die erste nominierte Kamerafrau in der langen Geschichte der Academy Awards! Und Roger Deakins hofft, daß es bei der 14. Nominierung endlich zum ersten Sieg reicht.

Ausstattung:
- Sarah Greenwood und Katie Spencer, "Die Schöne und das Biest"
- Dennis Gassner und Alessandra Querzola, "Blade Runner 2049"
- Sarah Greenwood und Katie Spencer, "Die dunkelste Stunde"
- Nathan Crowley und Gary Fettis, "Dunkirk"
- Paul Denham Austerberry, Shane Vieau und Jeff Melvin, "Shape of Water"

"Die dunkelste Stunde" hat den Academy-Mitgliedern offenbar sehr gut gefallen, denn auch bei der Ausstattung zählte er lediglich zum erweiterten Kandidatenkreis hinter höher gehandelten Werken wie "Der seidene Faden" oder "Mord im Orient Express". Den Sieg sollten "Blade Runner 2049", "Shape of Water" und vielleicht noch "Dunkirk" unter sich ausmachen.

Visuelle Effekte:
- John Nelson, Gerd Nefzer, Paul Lambert und Richard R. Hoover, "Blade Runner 2049"
- Christopher Townsend, Guy Williams, Jonathan Fawkner und Dan Sudick, "Guardians of the Galaxy Vol. 2"
- Stephen Rosenbaum, Jeff White, Scott Benza und Mike Meinardus, "Kong: Skull Island"
- Ben Morris, Mike Mulholland, Neal Scanlan und Chris Corbould, "Star Wars Episode VIII: Die letzte Jedi"
- Joe Letteri, Daniel Barrett, Dan Lemmon und Joel Whist, "Planet der Affen: Survival"

Wieder einmal geht Netflix leer aus, obwohl "Okja" als aussichtsreich bei den Spezialeffekten galt. Dafür bleibt es dabei, daß bis auf einen ("Episode III") alle "Star Wars"-Filme in dieser Kategorie nominiert wurden. Für einen Gewinn dürfte es allerdings nicht reichen, dafür zeichnet sich nach der erstaunlichen Nicht-Nominierung der hochgehandelten "Dunkirk" und "Shape of Water" ein Duell zwischen "Blade Runner 2049" und "Planet der Affen: Survival" ab - wobei die Tatsache, daß es für "Planet der Affen" die einzige Nominierung ist, während "Blade Runner" noch vier weitere hat, dafür spricht, daß die Cyberpunk-Fortsetzung insgesamt besser ankam.

Kostüme:
- Jacqueline Durran, "Die Schöne und das Biest"
- Jacqueline Durran, "Die dunkelste Stunde"
- Mark Bridges, "Der seidene Faden"
- Luis Sequeira, "Shape of Water"
- Consolata Boyle, "Victoria & Abdul"

"Victoria & Abdul" kommt ziemlich aus dem Nichts, die anderen vier waren so erwartet worden. Eine offene Kategorie.

Schnitt:
- Paul Machliss und Jonathan Amos, "Baby Driver"
- Lee Smith, "Dunkirk"
- Tatiana S. Riegel, "I, Tonya"
- Sidney Wolinsky, "Shape of Water"
- Jon Gregory, "Three Billboards Outside Ebbing, Missouri"

Seit Jahrzehnten ist die Kategorie ein ausgezeichneter Indikator dafür, wer NICHT den "Bester Film"-OSCAR gewinnen wird, denn seit 1981 hat mit "Birdman" tatsächlich nur ein Film die Königskategorie geholt, ohne auch für den Schnitt nominiert worden zu sein. So gesehen sind das diesmal schlechte Nachrichten für "Lady Bird", wohingegen "Dunkirk", "Shape of Water" und "Three Billboards ..." erleichtert aufatmen können. Die besten Siegchancen sollten "Baby Driver" und "Dunkirk" besitzen.

Musik:
- Hans Zimmer, "Dunkirk"
- Jonny Greenwood, "Der seidene Faden"
- Alexandre Desplat, "Shape of Water"
- John Williams, "Star Wars Episode VIII: Die letzten Jedi"
- Carter Burwell, "Three Billboards Outside Ebbing, Missouri"

Mein Lieblings-Score des Kinojahres 2017 hat es leider nicht geschafft, Michael Giacchinos "Planet der Affen: Survival". Auch Daniel Pembertons ungewöhnliche "King Arthur"-Musik fehlt, was aber weniger überraschend ist. Ansonsten sind dagegen mehr oder weniger alle dabei, die man erwartet hatte - nur daß viele bei Williams eher seinen "Die Verlegerin"-Score vorne sahen und Carter Burwell sich gegen die etwas höher gehandelte "Die dunkelste Stunde"-Musik von Dario Marianelli durchsetzen konnte. Die Kategorie ist immer gut für Überraschungen, aber Alexandre Desplat konnte sich in letzten Wochen mit vielen Auszeichnungen in die Position desjenigen vorarbeiten, den es zu schlagen gilt. Hans Zimmer hat durchaus gute Chancen auf seinen zweiten Goldjungen nach "Der König der Löwen", allerdings ist sein "Dunkirk"-Score zwar perfekt auf das Geschehen zugeschnitten, aber für sich genommen vielleicht etwas zu wenig eingängig für den großen Triumph. Für das Radiohead-Mitglied Jonny Greenwood ist es die erste OSCAR-Nominierung, nachdem sein exzellenter, u.a. bei der Berlinale prämierter "There Will Be Blood"-Score seinerzeit in einer umstrittenen Entscheidung wegen zu großen Fremdanteils bei der Musik disqualifiziert wurde.

Filmsong:
- "Mighty River" von Mary J. Blige, "Mudbound"
- "Mystery of Love" von Sufjan Stevens, "Call Me by Your Name"
- "Remember Me" von Kristen Anderson-Lopez und Robert Lopez, "Coco"
- "Stand Up for Something" von Diane Warren, gesungen von Andra Day/Common, "Marshall"
- "This Is Me" von Benj Pasek/Justin Paul, gesungen von Keala Settle, "Greatest Showman"

Keine großen Überraschungen, Favorit in einer weiteren überraschungsanfälligen Kategorie ist "Remember Me" vor "This Is Me". Diane Warren wird wohl auch bei ihrer neunten Filmsong-Nominierung sieglos bleiben.

Ton:
- Julian Slater, Tim Cavagin und Mary H. Ellis, "Baby Driver"
- Ron Bartlett, Doug Hemphill und Mac Ruth, "Blade Runner 2049"
- Mark Weingarten, Gregg Landaker und Gary A. Rizzo, "Dunkirk"
- Christian Cooke, Brad Zoern und Glen Gauthier, "Shape of Water"
- David Parker, Michael Semanick, Ren Klyce und Stuart Wilson, "Star Wars Episode VIII: Die letzten Jedi"

Tonschnitt:
- Julian Slater, "Baby Driver"
- Mark Mangini und Theo Green, "Blade Runner 2049"
- Richard King und Alex Gibson, "Dunkirk"
- Nathan Robitaille und Nelson Ferreira, "Shape of Water"
- Matthew Wood und Ren Klyce, "Star Wars Episode VIII: Die letzten Jedi"

In beiden, nicht zum ersten Mal identisch besetzten Tonkategorien gibt es keine größeren Überraschungen, jedoch muß Mitfavorit "Planet der Affen: Survival" auch hier seine Hoffnungen früh begraben. Kriegsfilme haben beim Ton in aller Regel gute Aussichten, so gesehen ist "Dunkirk" wohl leichter Favorit, aber letztlich sind beide Kategorien ziemlich offen.

Makeup and Hairstyling:
- Kazuhiro Tsuji, David Malinowski und Lucy Sibbick, "Die dunkelste Stunde"
- Daniel Phillips und Lou Sheppard, "Victoria & Abdul"
- Arjen Tuiten, "Wunder"

Die zweite recht überraschende Nominierung für den britischen "Victoria & Abdul", der sich u.a. gegen "I, Tonya", "Ghost in the Shell", "Guardian of the Galaxy Vol. 2" sowie das Netflix-Fantasyabenteuer "Bright" durchsetzen konnte. Favorit ist allerdings "Die dunkelste Stunde", für den der Hauptdarsteller Gary Oldman die japanische Maskenbildner-Legende Kazuhiro Tsuji ("Hellboy", "Der seltsame Fall des Benjamin Button", "Looper") überredete, den Ruhestand zu unterbrechen; nicht chancenlos ist zudem "Wunder".

Dokumentarfilm:
- Abacus: Small Enough to Jail
- Faces Places
- Icarus
- Last Men in Aleppo
- Strong Island

Mit der Jane Goodall-Doku "Jane" ist der Topfavorit bereits ausgeschieden (mit "City of Ghosts" ein weiterer), was das Feld natürlich für das nominierte Quintett öffnet. Gute Aussichten sollten der französische "Faces Places" (bei dem die 89-jährige Agnès Varda mit ihrer Tochter Rosalie Regie führte) und "Last Men in Aleppo" haben.

Kurzdoku:
- Edith+Eddie
- Heaven is a traffic jam on the 405
- Heroin(e)
- Knife Skills
- Traffic Stop

Kurzfilm:
- DeKalb Elementary
- The Eleven O'Clock
- My Nephew Emmett
- The Silent Child
- Watu Wote: All of Us

"Watu Wote" stammt von der deutschen Regisseurin Katja Benrath und wurde bereits mit dem Studenten-OSCAR ausgezeichnet.

Animierter Kurzfilm:
- Dear Basketball
- Garden Party
- Lou
- Negative Space
- Es war einmal ... nach Roald Dahl, Teil 1

"Dear Basketball" wurde vom Ex-Basketball-Star Kobe Bryant geschrieben, der in verfremdeter Form auch die Hauptrolle spielt. "Es war einmal ..." ist ein britischer Kurzfilm, der aber von dem bereits 2014 für "Für Hund und Katz ist auch noch Platz" OSCAR-nominierten deutschen Regieduo Max Lang und Jan Lachauer (diesmal ergänzt um den ebenfalls deutschen Regisseur Bin-Han To) inszeniert wurde.

Auflistung nach Anzahl der Nominierungen (Filme mit mindestens zwei Nennungen):

Shape of Water - Das Flüstern des Wassers: 13
Three Billboards Outside Ebbing, Missouri: 7
Die dunkelste Stunde: 6
Der seidene Faden: 6
Lady Bird: 5
Call Me by Your Name: 4
Mudbound: 4
I, Tonya: 3
Die Verlegerin: 2
Victoria & Abdul: 2

Die Gewinner der Nominierungen:
Natürlich ist "Shape of Water" mit seinen 13 Nominierungen der offensichtliche Gewinner des Tages - zwar waren die meisten Nennungen erwartet worden, daß es am Ende die viertmeisten aller Zeiten sein würden (nur ""Alles über Eva", "Titanic" und "Der Herr der Ringe: Die Rückkehr des Königs" kamen sogar auf 14), damit war aber nicht unbedingt zu rechnen. Überraschend ist auch das gute Abschneiden von "Die dunkelste Stunde" und vor allem "Der seidene Faden" mit jeweils sechs Nominierungen - bei beiden wäre es nicht allzu überraschend gewesen, wäre jeweils nur der Hauptdarsteller nominiert worden. Offensichtlich kamen beide Dramen jedoch gut an bei den Academy-Mitgliedern. Besser als gedacht präsentiert sich in den technischen Kategorien zudem das neue "Star Wars"-Abenteuer, das mit etwas Pech sogar komplett leer hätte ausgehen können, sich nun aber über starke vier Nominierungen freuen darf. Und daß "Victoria & Abdul" trotz fehlender Nennung von Hauptdarstellerin Dame Judi Dench auf zwei Nominierungen kommt, hatten auch die wenigsten erwartet. Im soliden "Wie gedacht"-Bereich befinden sich "Dunkirk", "Three Billboards ...", "Lady Bird", "Blade Runner 2049" und "Call Me by Your Name", "Get Out" steht dank der nicht zwangsläufig erwarteten Nominierungen für Regisseur Peele und Hauptdarsteller Kaluuya sogar noch etwas besser da.

Die Verlierer der Nominierungen:
Da gibt es einige: Allen voran Spielbergs "Die Verlegerin", im Herbst als der Topfavorit neben "Dunkirk" gestartet, nun mit mickrigen zwei Nominierungen (wenn auch immerhin einer als "Bester Film") abgespeist und ohne jede Siegchance. Ähnlich lief es für "The Big Sick", der nach starkem Auftakt in der Awards Season immer stärker abbaute und es jetzt nur auf eine Drehbuch-Nominierung bringt. Gleiches Bild bei James Francos Komödie "The Disaster Artist", die ebenfalls lediglich eine Drehbuch-Nominierung einheimsen konnte. Auch nicht besser steht es um "Planet der Affen: Survival", der nur bei den visuellen Effekten die Hoffnung auf den ersten Goldjungen des seit Ende der 1960er Jahre bestehenden SF-Franchise aufrechterhält. Aber immer noch besser als der bis zuletzt als Außenseiterkandidat auf Nominierungen als Bester Film sowie in den Regie- und Drehbuchkategorien gehandelte "Wonder Woman", der sogar komplett ignoriert wurde.

Fazit:
Es bleibt bei dem Dreikampf um die Königskategorie "Bester Film", der sich in den letzten Wochen der Awards Season abgezeichnet hatte: "Shape of Water" ist mit 13 Nominierungen leichter Favorit vor "Three Billboards Outside Ebbing, Missouri" (für den die Nicht-Nennung von Regisseur McDonagh ein Rückschlag ist) und "Lady Bird", wobei sich das Coming of Age-Drama mit fünf Nominierungen begnügen muß. "Dunkirk" hat die zweitmeisten Nominierungen und könnte vielleicht überraschen, während Spielbergs "Die Verlegerin" mit zwei Nennungen raus aus dem Rennen ist. In Sachen Diversität schneiden die 90. Academy Awards derweil einigermaßen gut ab: Neben den bereits angesprochenen Guillermo del Toro, Greta Gerwig und Jordan Peele in der Regiekategorie sowie Drehbuch-Autorin Dee Rees und Kamerafrau Rachel Morrison gibt es immerhin vier nominierte afroamerikanische Schauspieler - letztes Jahr waren es jedoch sogar sechs (plus der indischstämmige Dev Patel) und Asiaten oder Latinos fehlen erneut komplett, wobei sowieso nur Hong Chau eine reelle Chance hatte. Schön ist jedenfalls, daß wir uns wie 2017 in einem Jahr ohne klaren Topfavoriten befinden, für Spannung bei den erneut von Jimmy Kimmel moderierten Academy Awards am 4. März ist also gesorgt.

Quelle:

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