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In eigener Sache: Mein neues Filmbuch

Einigen Lesern ist bestimmt aufgefallen, daß ich in der rechten Spalte meines Blogs seit einigen Monaten das Cover meines neuen Buchs präs...

Mittwoch, 11. Oktober 2017

Klassiker-Rezension: BLADE RUNNER (1982)

Regie: Ridley Scott, Drehbuch: Hampton Fancher und David Webb Peoples, Musik: Vangelis
Darsteller: Harrison Ford, Rutger Hauer, Sean Young, Darryl Hannah, Edward James Olmos, M. Emmet Walsh, Brion James, William Sanderson, Joe Turkel, James Hong, Joanna Cassidy
 Der Blade Runner
(1982) on IMDb Rotten Tomatoes: 90% (8,5); US-Einspielergebnis: $32,9 Mio.
FSK: 16, Dauer: 113 Minuten.

Los Angeles im Jahre 2019: Der ehemalige Polizist Rick Deckard (Harrison Ford, "Star Wars Episode VII") wird von seinem früheren Vorgesetzten Bryant (M. Emmet Walsh, "Am Sonntag bist du tot") "überredet", einen neuen Auftrag anzunehmen. Vier Replikanten – als Arbeitskräfte in den Weltall-Kolonien eingesetzte künstliche Menschen, die sich nach einigen Problemen und Aufständen aber nicht mehr auf der überbevölkerten Erde aufhalten dürfen – sind mit einem blutig gekaperten Raumschiff zur Erde geflogen, wo sie nun untergetaucht sind. Da Deckard als "Blade Runner" darauf spezialisiert war, Replikanten "in den Ruhestand zu schicken", soll er das Quartett finden und ausschalten. Widerwillig macht sich Deckard an die Arbeit, doch seine Perspektive ändert sich, als er die schöne, für den Replikantenschöpfer Dr. Eldon Tyrell (Joe Turkel, "Wege zum Ruhm") angestellte Rachael (Sean Young, "Dune Der Wüstenplanet") kennenlernt, die sich selbst fälschlicherweise für einen Menschen hält. Es stellt sich heraus, daß die untergetauchten Replikanten um ihren charismatischen Anführer Roy Batty (Rutger Hauer, "Sin City") ein durchaus nachvollziehbares Ziel verfolgen: Sie wollen erreichen, daß eine Sicherheitsmaßnahme deaktiviert wird, die dafür sorgt, daß sie nach vier Jahren sterben …

Kritik:
Ich gebe es offen zu: Ich war nie ein ganz großer Fan von Sir Ridley Scotts ("Der Marsianer") zweifellos kultigem Cyberpunk-Klassiker mit Film noir-Anleihen nach einer Story von Philip K. Dick. Ich habe es mit der Kinofassung probiert, dann mit dem "Director's Cut" von 1992 und schließlich auch noch mit dem "Final Cut" von 2007 – doch für ein wohlwollenderes Urteil als "ganz gut" hat es nie gereicht. Und das, obwohl ich Science Fiction-Fan bin, das Cyberpunk-Setting interessant finde, Ridley Scott zu meinen Lieblings-Regisseuren zählt und ich Harrison Ford und Rutger Hauer sehr gerne sehe. Normalerweise hätte ich wohl keinen weiteren Versuch mehr gewagt, doch angesichts der sehr späten Fortsetzung "Blade Runner 2049" von "Arrival"-Regisseur Denis Villeneuve (die sehr stark Bezug auf den Vorgänger nimmt) habe ich mir kurz vorher doch noch mal den "Director's Cut" gegönnt, auf den sich diese Rezension somit primär bezieht (und der sich von der Kinofassung primär durch das Fehlen von Deckards ausführlichen Voiceover-Kommentaren und ein ambivalenteres Ende abhebt) – und den Film dabei erstmals in HD und auf einem relativ großen Flachbildfernseher genießen können. Vielleicht ist das auch der Grund dafür, daß mir "Blade Runner" nun tatsächlich besser gefiel als bei den ersten drei Versuchen, wenngleich ich dabei bleibe, daß das Drehbuch von Hampton Fancher ("The Minus Man") und David Webb Peoples ("Erbarmungslos", "Twelve Monkeys") in der Figurenzeichnung zu viele Schwächen hat, als daß ich die gängige Einstufung als "Meisterwerk" gänzlich teilen könnte.

Sehr wohl ein Meisterwerk ist "Blade Runner" jedoch sowohl in visueller als auch in akustischer Hinsicht, wobei ich besonders eindrucksvoll finde, wie exzellent sich die im Zusammenspiel mit Ridley Scott maßgeblich von Kameramann Jordan Cronenweth ("Peggy Sue hat geheiratet") eingefangene, ebenso elegante wie düstere Optik gehalten hat, wobei den für Szenenbild und Spezialeffekte verantwortlichen Abteilungen ein Extra-Lob gebührt (nicht umsonst erhielten sie die beiden einzigen OSCAR-Nominierungen des Films). Natürlich ist es besonders spannend, sich "Blade Runner" in etwa zu der Zeit anzuschauen, in der die dystopische Story spielt, denn offensichtlich hat sich alles ja doch ein bißchen anders (im Großen und Ganzen eher besser) entwickelt als von Philip K. Dick und den Filmemachern in ihrer Geschichte vorhergesagt. Daß das als Moloch meistens bei Nacht präsentierte Los Angeles dennoch ungemein authentisch wirkt und selbst die die Straßen bevölkernden Fahrzeuge und die recht extravagante Kleidung nicht anachronistisch erscheinen, zeigt, welch hervorragende Arbeit hier geleistet wurde – auch in Kombination mit den von Vangelis ("1492 Die Eroberung des Paradieses") komponierten, sehr melodischen futuristischen Synthesizer-Klangwelten. Kein Zweifel, in Sachen Atmosphäre sucht "Blade Runner" seinesgleichen!

Bedauerlicherweise trifft das auf die Handlung und vor allem auf die arg rudimentär bleibenden handelnden Figuren nicht zu. Richtig nahe kommen wir als Zuschauer eigentlich niemandem, selbst Protagonist Deckard bleibt einem weitgehend fremd. Dabei ist es sicherlich gewollt, daß wir kaum etwas über seine Vergangenheit oder über seine Gefühle und Motivationen erfahren, schließlich spielt die im Film sogar konkret angesprochene Frage, ob Deckard möglicherweise selbst ein Replikant (mit implantierten falschen Erinnerungen) sein könnte, eine wichtige Rolle. Leichter macht diese gewollte Distanziertheit die Identifikation mit Deckard aber natürlich nicht, wenngleich Harrison Ford ihn gewohnt knorrig-charismatisch spielt. Bei den übrigen Personen sieht es nicht besser aus: Die innerlich von Zweifeln zerrissene Rachael ist zwar ein spannende und potentiell tragische Figur, mit deren Dilemma wir mitfühlen können; um uns ihr wirklich verbunden fühlen zu können, hat sie jedoch schlicht zu wenig Szenen. Ähnlich ist es bei den Replikanten, die immerhin schön und ziemlich einzigartig gestaltet sind, deren angemessen kantige Darsteller Joanna Cassidy ("Falsches Spiel mit Roger Rabbit"), Darryl Hannah ("Kill Bill") und der leider früh verstorbene Brion James ("Das fünfte Element") jedoch vorwiegend in (stark choreographierten) Kampfsequenzen glänzen dürfen. Nur etwas besser sieht es bei dem Anführer aus, dem erfreulich ambivalenten Haupt-Antagonisten Roy, der dank Rutger Hauers intensiver, grimmig-melancholischer Darstellung zu einer ikonischen Figur wurde und in dem (für meinen Geschmack etwas zu sehr in die Länge gezogenen) Showdown einige glänzende Szenen hat, bis dahin aber ebenfalls nur sporadisch auftritt.

Vermutlich ist die grob gezeichnete Skizzenhaftigkeit sämtlicher Charaktere sogar so gewollt, denn daß die Atmosphäre bei "Blade Runner" im Vordergrund steht und Scott generell lieber auf Andeutungen setzt, ist unübersehbar. Und in der Tat gelingt es ihm, das Publikum mit den nur angerissenen philosophischen und ethisch-moralischen Fragestellungen zum Nachdenken zu bewegen – trotzdem (und das schreibe ich als eine Person, die keineswegs fordert, daß in jedem Film alles haarklein erklärt wird; eher im Gegenteil) hätte ich mir doch gewünscht, daß zumindest manche Themen und manche Figuren wie Deckards von Edward James Olmos (TV-Serien "Miami Vice" und "Battlestar Galactica") gespielter Kollege Gaff mit seinem Faible für Origami-Basteleien oder der Replikanten-Schöpfer Tyrell etwas konkreter gestaltet werden. Es muß ja nicht so plakativ sein, wie es zuletzt bei Scotts "Prometheus" und vor allem dessen Fortsetzung "Alien: Covenant" war, wo es mit den beiden Androiden David und Walter und ihrem Verhältnis zu ihrem Schöpfer Peter Weyland eine ganz ähnliche Konstellation gab – ein Mittelweg wäre in meinen Augen ideal. So ist "Blade Runner" zweifellos ein bemerkenswertes, handwerklich nahezu perfektes Filmereignis, das sich mit seinem ganz eigenen Stil und einem erklärten Willen zur Langsamkeit deutlich von den meisten Genrekollegen abhebt – aber richtig begeistert bin ich wegen der inhaltlichen Probleme auch nach der vierten Sichtung noch nicht.

Fazit: "Blade Runner" ist ein SciFi-Cyberpunk-Klassiker, der sich hervorragend gehalten hat, jedoch atmosphärisch, visuell und akustisch deutlich mehr überzeugt als mit der arg rudimentär gehaltenen Handlung und Figurenzeichnung.

Wertung: 7,5 Punkte.


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