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In eigener Sache: Mein neues Filmbuch

Einigen Lesern ist bestimmt aufgefallen, daß ich in der rechten Spalte meines Blogs seit längerer Zeit das Cover meines neuen Buchs präsen...

Donnerstag, 21. September 2017

MOTHER! (2017)

Regie und Drehbuch: Darren Aronofsky, Musik: Jóhann Jóhannsson
Darsteller: Jennifer Lawrence, Javier Bardem, Ed Harris, Michelle Pfeiffer, Domhnall Gleeson, Brian Gleeson, Kristen Wiig, Stephen McHattie, Jovan Adepo, Laurence Leboeuf
Mother!
(2017) on IMDb Rotten Tomatoes: 68% (7,0); weltweites Einspielergebnis: $44,5 Mio.
FSK: 16, Dauer: 122 Minuten.

Eine junge Frau (Jennifer Lawrence, "Silver Linings") ist vor Kurzem mit ihrem doppelt so alten Ehemann (Javier Bardem, "Skyfall") – einem erfolgreichen, aber aktuell unter einer hartnäckigen Schreibblockade leidenden Schriftsteller – in eine prächtiges, abgelegenes Landhaus irgendwo in der Provinz gezogen. Es handelt sich um jenes Gebäude, in dem der Schriftsteller aufwuchs, das später aber einem verheerenden Brand zum Opfer fiel – die Ehefrau hat es in mühevoller Kleinarbeit wiederaufgebaut und renoviert, nun ist es zwar noch nicht ganz fertig, aber wieder bewohnbar. Schon bald wird die traute Zweisamkeit allerdings gestört durch einen ungebetenen Besucher (Ed Harris, "Snowpiercer"), den der Schriftsteller zum Unwillen seiner Frau einlädt, ein paar Tage bei ihnen zu bleiben. Die Verärgerung der Hausherrin steigert sich noch, als tags darauf die Gattin (Michelle Pfeiffer, "Dark Shadows") des Fremden auftaucht, sich kurzerhand ebenfalls einquartiert und sich ziemlich aufdringlich in ihr Leben und ihre Beziehung zu ihrem Mann einmischt. Und sie soll nicht der letzte Besucher bleiben. Endgültig zum Alptraum wird die Episode für alle Beteiligten, als es schließlich zu einer beinahe biblischen Bluttat kommt …

Kritik:
Was haben folgende Filme gemein: Uwe Bolls Videospieladaption "Alone in the Dark"; William Friedkins psychologischer Horrorfilm "Bug – Tödliche Brut"; Steven Soderberghs SciFi-Remake "Solaris"; Andrew Dominiks Gangsterdrama "Killing Them Softly"; Greg McLeans australischer Horrorfilm "Wolf Creek"; und Robert Altmans romantische Komödie "Dr. T and the Women"? Na, gar nicht so einfach, oder? Verschiedene Genres, Kult-Filmemacher und Trash-Regisseure, gute und schlechte Kritiken, unterschiedliche Altersfreigaben – da ist so einiges vertreten. Die eine große Gemeinsamkeit: All diese Filme (und noch einige deutlich weniger bekannte mehr) haben einen "F"-CinemaScore erhalten. Zur Erklärung: CinemaScore ist ein Marktforschungs-Unternehmen, das am bekanntesten für ebenjenen CinemaScore ist – eine Bewertung aller in den USA breit in die Kinos kommenden Filme in Form einer Publikumsbefragung am Starttag. Nun ist die schlechteste Note zwar nicht ganz so schlimm, wie es klingt, da der CinemaScore nicht ein arithmetischer Durchschnitt ist oder ein Median, sondern aufgrund eines speziellen, geheimgehaltenen, aber mitunter nur schwer nachvollziehbaren Algorithmus berechnet wird; es ist also keineswegs so, daß etwa 80% aller befragten Zuschauer ein "F" vergeben haben, eher spricht das Resultat für ein sehr polarisierendes Werk. Trotzdem ist der Wert selbstredend kein Ruhmesblatt, zumal sich der CinemaScore als ein vergleichsweise verläßlicher Indikator für die Mundpropaganda und somit die Kino-Langlebigkeit der entsprechenden Filme etabliert hat. Daß "mother!" polarisiert, viele Zuschauer sogar verstört und verärgert, wundert mich nicht und ist zuallererst einer aus finanziellen Gesichtspunkten nachvollziehbaren, jedoch arg irreführenden Marketingkampagne geschuldet. Denn "mother!" ist definitiv kein auch nur halbwegs normaler Horrorfilm, auch kein psychologisches Beziehungsdrama und trotz der grandiosen Besetzung ganz bestimmt kein klassisches Starkino. Nein, "mother!" ist der surreale Fiebertraum eines eigenwilligen, selbstbestimmten, keine Kompromisse eingehenden, aber oft brillanten Künstlers namens Darren Aronofsky ("Black Swan"). So etwas hat in Multiplex-Kinos eigentlich nichts zu suchen, sondern gehört in den Arthouse-Bereich. Angesichts eines Budgets von mindestens $30 Mio. (der offiziell angegebene Wert; Branchenkenner gehen allerdings davon aus, daß der geschönt ist, da alleine die üblichen Gagen der Schauspieler ihn schon fast erreichen müßten) kann man aber auf die Mainstream-Zuschauer eben nicht komplett verzichten. Das ist schade für diejenigen, die wegen falscher Erwartungen einen unangenehmen Kinoabend verbringen und es ist schade für einen in jeder Hinsicht bemerkenswerten Film, der auf diese Weise eben mit einem "F"-CinemaScore abgestraft wird und somit fast von Beginn an – und trotz überwiegend positiver Kritiken – unverdient einen ziemlich schlechten Ruf weg hat.

Obwohl man "mother!" formal durchaus als klassischen Dreiakter einstufen kann, werde ich im folgenden stattdessen von einer Zweiteilung ausgehen, die mir sinnvoller erscheint (und ebenso zeitlich hinkommt, wenngleich die erste Filmhälfte etwas länger ist als die zweite). In der ersten Hälfte werden wir Zeugen einer Kombination aus Beziehungsdrama und Gesellschaftssatire, wobei sich angesichts der Zwei Paare-Konstellation und der wenig behaglichen Atmosphäre Vergleiche zu Roman Polanskis "Der Gott des Gemetzels" geradezu aufdrängen. Allerdings ist die Stimmung in "mother!" deutlich bedrückender, da auf scharfzüngige Dialoge weitestgehend verzichtet wird und man auch einen roten Storyfaden vermißt. Im Grunde genommen sitzt man zunehmend verstört vor der Leinwand und fragt sich, was genau das alles soll, während sich auch dank der genretypisch unheilvollen Klangkulisse das Gefühl immer weiter verstärkt, daß die zwar unangenehme, aber doch eigentlich ziemlich harmlos anmutende Situation kurz vor einer heftigen Explosion steht. Dazu trägt bei, daß die Beziehung zwischen dem ungleichen Gastgeber-Ehepaar nicht so harmonisch ist, wie es auf den ersten Blick scheint – er übergeht und ignoriert sie immer wieder beiläufig, was bei ihr zu einer erkennbaren Unsicherheit führt. Das aufdringliche und unhöfliche Verhalten der irritierenderweise auch vor intimen Fragen nicht zurückschreckenden Gäste entblößt die Risse in einer scheinbar glücklichen Ehe zusätzlich, zumal die Besucher immer wieder ominöse, für die Hausherrin unverständliche Bemerkungen machen, die für den Zuschauer leicht als "Foreshadowing" erkennbar sind und somit dessen innere Unruhe angesichts der erwarteten Eskalation weiter steigern. Im Kern ist diese erste Hälfte von "mother!" ein waschechter "Home Invasion"-Film, wenn auch auf ganz andere Weise als man das von klassischen Vertretern des Horror-Subgenres ("The Strangers", "The Purge", "Funny Games") gewohnt ist.

Das Ganze erinnert an vom Stil her an die Frühwerke von Roman Polanski ("Der Mieter"), aber ebenso an die satirisch-beißende Gesellschaftskritik des begnadeten Surrealisten Luis Buñuel ("Der diskrete Charme der Bourgeoisie") – wobei hier zunächst aber nicht ganz klar ist, ob die immer weiter, dabei nicht übermäßig authentisch eskalierenden Ereignisse nun gewollt oder ungewollt (latent) komisch herüberkommen. Dazu zählt auch, daß die Hausherrin, nachdem es im Haus schließlich zu der allseits erwarteten Eruption in Form einer blutigen Tat kommt, gar nicht auf die Idee kommt, die Polizei zu holen; stattdessen reinigt sie lieber sogar noch den Tatort! Selbst wenn man ihr zugutehält, daß sie mehr oder weniger stark unter Schock steht, zudem naiv und unerfahren ist – herrje, so dämlich kann man doch gar nicht sein! Zu diesem Zeitpunkt war ich fast soweit, "mother!" für mich als Enttäuschung zu verbuchen, zumal sich phasenweise sogar Langeweile bei mir einstellte. Doch dann folgt der Schnitt zur einige Monate später mit einer inzwischen schwangeren Hausherrin spielenden zweiten Hälfte, in der Darren Aronofsky jegliche Zurückhaltung ablegt. Nun wirft Aronofsky dem zu diesem Zeitpunkt – falls ich einigermaßen repräsentativ bin – nah an der Verzweiflung stehenden Zuschauer endlich ein paar interpretatorische Strohhalme zu, an denen er sich festhalten kann. Denn in der trotz des Foreshadowing und einiger merkwürdiger Begebnisse (wie seltsam geformte Blutflecken, die auftauchen und wieder verschwinden; oder eine Toilette, die aus einem hochgradig irritierenden Grund verstopft ist) noch relativ "normal" wirkenden ersten Hälfte fehlt einem schlicht jedweder Ansatz zur Interpretation, weshalb man sich einfach verloren fühlt. Doch in der zweiten Hälfte kann spätestens nach einer von Kameramann Matthew Libatique ("Iron Man") furios gefilmten, vollkommen irren Sequenz nach der Veröffentlichung des Buches des Schriftstellers keinerlei Zweifel mehr bestehen, daß wir den Boden der Realität verlassen haben was nachträglich das merkwürdige Verhalten der handelnden Personen relativiert.

Dabei wiederholt sich die zweite Hälfte die erste mehr oder weniger, aber auf eine vollkommen durchgedrehte und surreale Art und Weise, die hauptverantwortlich für die negativen Reaktionen sein dürfte. Kurioserweise ergibt so aber der "erste Durchgang" nachträglich ansatzweise Sinn und man kommt auch endlich dazu, Theorien dazu zu entwickeln, was Darren Aronofsky uns mit seinem Film eigentlich sagen will. Leicht ist die Suche nach Antworten selbstredend nicht, aber zumindest gibt es nun Ansätze. Am offensichtlichsten erscheint zunächst, daß es sich um eine Schwangerschafts-Parabel handelt (der Film wird von einigen Kritikern mit Polanskis "Rosemaries Baby" verglichen). Genauso gut ist eine allgemeinere Metapher für (kriselnde) Beziehungen möglich, ebenso eine Thematisierung des künstlerischen Prozesses an sich. Und natürlich darf die religiöse Komponente nicht ignoriert werden, die sich in der zweiten Hälfte zunächst recht subtil einschleicht, dann aber immer größeren Raum einnimmt und schließlich fast alles überstrahlt. Am Ende des Films war ich ziemlich zuversichtlich, verstanden zu haben, worum es Aronofsky geht, aber darauf gehe ich lieber erst nach der eigentlichen Rezension ein, denn das Rätselraten – sofern man bereit ist, sich angesichts der anfänglichen scheinbaren Aussichtslosigkeit des Unterfangens darauf einzulassen – macht einen guten Teil des Reizes von "mother!" aus. Die Figuren bleiben übrigens allesamt namenlos, weshalb es sich lohnt, im Abspann ihre vielsagenden Bezeichnungen zu lesen (oder später in der IMDb nachzuschauen, denn der Abspann läuft ziemlich schnell durch – bietet dafür gegen Ende aber immerhin noch einen letzten Interpretationshinweis, der meine These netterweise bestärkt); da gibt es etwa den Zeloten oder Eiferer (Stephen McHattie, "Haunter"), den Schürzenjäger, den Herold (Kristen Wiig, "Der Marsianer"), die Jungfrau (Laurence Leboeuf, "Turbo Kid"), den Mundschenk (Jovan Adepo, "Fences"), den Plünderer, die gute Samariterin oder – besonders poetisch – den Pisser.

Getragen wird "mother!" nicht nur von Aronofskys einzigartiger, wenngleich fraglos kontrovers diskutierbarer künstlerischer Vision, sondern auch von der exzellenten Besetzung. Vor allem Jennifer Lawrence brilliert einmal mehr in ihrer bislang vielleicht schwierigsten Rolle. Sie ist es, die den Film dominiert, auf sie richtet Aronofsky den Fokus, was durch den häufigen Einsatz der Handkamera, die der werdenden Mutter dicht folgt und ihre Ruhelosigkeit angesichts der für sie nicht nachvollziehbaren Entwicklungen unterstreicht, noch betont wird. Lawrence durfte in ihrer immer noch jungen Karriere schon viele komplexe Charaktere verkörpern, wie nuanciert sie allerdings in "mother!" die latente Unsicherheit der Hausherrin auf die Leinwand bringt, ihre Verständnislosigkeit, aber auch ihre innere Stärke, ihr Aufbegehren und ihren Löwenmut, das ist schlicht atemberaubend. Javier Bardem ist ihr ein würdiger Partner, wenngleich seine Rolle weniger komplex ist und ihm damit nicht so viel Raum zum Glänzen gibt. Auch Ed Harris und Michelle Pfeiffer in ihrer besten (und gleichzeitig unangenehmsten) Rolle seit einer geraumen Weile überzeugen auf der ganzen Linie, wohingegen die übrigen Darsteller (darunter die beiden Gleeson-Brüder Domhnall und Brian als die Söhne der ungebetenen Besucher) nur kurze – wenngleich teilweise erinnerungswürdige – Auftritte haben. Es ist schwer, dem Leser auch nur ansatzweise zu vermitteln, wie irre, wie absurd, wie surreal sich die zweite Hälfte von "mother!" entwickelt – es gab Phasen, da fühlte ich mir gar an Monty Pythons "Das Leben des Brian" erinnert! –, doch ich kann sagen, daß Aronofsky ein formal wie inhaltlich beeindruckendes, dabei fraglos höchst anstrengendes Kunstwerk gelungen ist, das konzentriertes Mitdenken und qualifiziertes Rätselraten einfordert, sich aber unauslöschbar ins Gedächtnis einbrennt und zum ausdauernden Nachdenken und Interpretieren einlädt. Mir macht das großen Spaß, aber mir ist vollkommen klar, daß viele Menschen nichts mit einem solchen Film anfangen können.

Fazit: "mother!" ist ein Film, der sich jeglicher konkreter Genredefinition entzieht ein an das Horrorgenre angelehnter, stark gespielter und optisch wie akustisch eindrucksvoll umgesetzter Experimentalfilm, Fiebertraum eines genialen, unangepaßten Künstlers, der sein Publikum mit verstörender, lange Zeit ratlos zurücklassender Atmosphäre und einer zunehmend surrealen bis völlig irren zweiten Filmhälfte fordert.

Wertung: 8 Punkte (6 für die erste Hälfte, 9 für die zweite, die aber nachträglich auch die erste besser macht …).


EXTREME SPOILERWARNUNG!

Nun also, wie versprochen, zu meiner Interpretation von "mother!": Wenngleich es für zahlreiche Erklärungsansätze gute Gründe gibt – ich war durchaus froh, als ich nach dem Kinobesuch im Internet nachforschte und erkannte, daß ich zumindest die gängigsten fast alle erkannt habe – und Aronofsky natürlich durchaus eine Kombination von mehreren im Sinn gehabt haben kann, gefällt mir persönlich die Kunst-Allegorie am besten:

Bardems Schriftsteller steht dabei allgemein für die Künstler dieser Welt, Lawrences werdende Mutter ist seine Muse beziehungsweise Inspiration, das Baby ist ihr gemeinsames Werk. Die fanatischen Anhänger entsprechen der Überhöhung von Künstlern (auch Sportlern) in unserer Gesellschaft, wohingegen die Aggressionen für vernichtende Verrisse oder auch schlicht die Vereinnahmung des Werks durch alle, die sich irgendwie dazu berufen fühlen, stehen. Der Film könnte sogar eine Metapher für Darren Aronofskys Karriere sein angesichts der ursprünglichen Begeisterung über sein Werk (wie bei seinen ersten Filmen "Pi" und "Requiem for a Dream"), die in teilweise heftige Ablehnung umschlägt (bei seinem Bibelfilm "Noah"). Jennifer Lawrence dagegen hat öffentlich die Theorie vertreten, daß es sich um eine biblische Allegorie handelt mit ihr als "Mutter Erde", dem Schriftsteller als Gott und den Besuchern als Adam und Eva. Das ist ebenfalls schlüssig (und gar nicht so unähnlich, schließlich ist der Künstler auch ein Erschaffer …), mir gefällt "meine" aber besser.

SPOILERWARNUNG ENDE.


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