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In eigener Sache: Mein neues Filmbuch

Einigen Lesern ist bestimmt aufgefallen, daß ich in der rechten Spalte meines Blogs seit einigen Monaten das Cover meines neuen Buchs präs...

Dienstag, 23. Mai 2017

THE MISSING (TV-Serie, 2014, 1. Staffel)

Regie: Tom Shankland, Drehbuch: Harry und Jack Williams, Musik: Dominik Scherrer
Darsteller: James Nesbitt, Tchéky Karyo, Frances O'Connor, Jason Flemyng, Saïd Taghmaoui, Anastasia Hille, Arsher Ali, Ken Stott, Émilie Dequenne, Titus De Voogdt, Eric Godon, Astrid Whettnall, Jean-François Wolff, Anamaria Marinca, Johan Leysen, Diana Quick, Joséphine de La Baume, Oliver Hunt
 The Missing
(2014) on IMDb Rotten Tomatoes: 90% (8,4); FSK: 16, Dauer: 480 Minuten.
Samstag, 1. Juli 2006: Kurz bevor am Abend bei der Fußball-Weltmeisterschaft in Deutschland das Viertelfinale Brasilien gegen Frankreich ansteht, strandet die britische Familie Hughes auf der Fahrt in den Urlaub als Folge einer Autopanne in der französischen Kleinstadt Chalons du Bois. Eigentlich halb so wild, immerhin finden sie Unterkunft in der netten kleinen Pension von Sylvie Deloix (Astrid Whettnall, "In the Name of the Son") und ihrem Mann Alain (Jean-François Wolff, "Das brandneue Testament") und während die Franzosen in einer nahegelegenen Poolbar allesamt gebannt das Fußballspiel verfolgen, kann der fünfjährige Ollie (Oliver Hunt) mit seinem Vater Tony (James Nesbitt, Zwerg Bofur in "Der Hobbit") ausgiebig und völlig ungestört seiner Schwimmleidenschaft nachgehen. Als Tony an der überfüllten Bar Getränke kaufen will, verliert er im Gedränge Ollie – und findet ihn nicht wieder! Als eine ausführliche Suchaktion der lokalen Polizei keinen Erfolg zeitigt, geht man davon aus, daß Ollie wohl entführt wurde. Der erfahrene Spezialist Julien Baptiste (Tchéky Karyo, "Belle und Sebastian") übernimmt die Ermittlungen, doch trotz vielversprechender Spuren bleibt Ollie verschwunden. Acht Jahre später taucht Tony Hughes wieder in Chalons du Bois auf, da er im Internet ein Foto gefunden hat, auf dem jemand Ollies unverwechselbaren Schal trägt, den dieser bei seinem Verschwinden dabei hatte. Für die Polizei und speziell den vor der Wiederwahl stehenden Ermittlungsrichter Georges (Eric Godon, "Nichts zu verzollen") reicht das nicht aus, um den Fall wieder zu öffnen, doch der inzwischen pensionierte Julien glaubt Tony und hilft ihm bei weiteren Nachforschungen zum Schicksal des kleinen Ollie …

Kritik:
In den 1990er Jahre war der in der Türkei geborene Franzose Tchéky Karyo ein richtig großer europäischer Kinostar. Schon 1990 brachte ihm seine Hauptrolle in Luc Bessons "Nikita" den Durchbruch, auf den zahlreiche mal mehr, mal weniger große Rollen sowohl in Europa ("1492 – Die Eroberung des Paradieses", "Nostradamus", "Crying Freeman", "Dobermann", "Johanna von Orleans", "James Bond – Goldeneye", "Der König tanzt", "Mathilde – Eine große Liebe") als auch in Hollywood ("Bad Boys", "Der Patriot", "The Core") folgten. Dabei zeichnete Karyo sich auch dadurch aus, daß er sowohl als Held als auch als Bösewicht überzeugte. Nach dem Jahrtausendwechsel war der beliebte Charakterdarsteller immer seltener zu sehen, zumindest außerhalb seiner Heimat Frankreich. Da ich ihn stets sehr gern gesehen habe, ist es eine tolle Nachricht für mich, daß er sich mit einer Hauptrolle in dem bislang zwei Staffeln umfassenden britisch-französischen Krimihighlight "The Missing" zurückmeldet. Denn ein Highlight ist es in der Tat, was die Autorenbrüder Jack und Harry Williams sich da ausgedacht haben, erstklassig in Szene gesetzt vom TV-erfahrenen Tom Shankland ("Ripper Street", "The Leftovers", "House of Cards") und mit einem Schauspielensemble ausgestattet, das seinesgleichen sucht.
Die offensichtlichste Besonderheit von "The Missing" ist, daß die Handlung auf zwei parallele Zeitebenen aufgeteilt ist. Dadurch erfahren wir früh, daß sich in den acht dazwischenliegenden Jahren einiges verändert hat. Julien hinkt beispielsweise inzwischen stark, einer der damaligen Ermittler sitzt nun im Gefängnis, Tony und Emily Hughes (Frances O'Connor, "Ernst sein ist alles") sind geschieden, der ehrgeizige britische Reporter Malik Suri (Arsher Ali, "Four Lions") hat die Familie offenbar ziemlich verärgert. Neben dem eigentlichen Fall des vermißten Jungen wecken auch diese Veränderungen das Interesse des Publikums und halten die Spannung über die kompletten acht jeweils einstündigen Episoden hinweg hoch – man will einfach wissen, was passiert ist! In Wirklichkeit ist das sogar das zentrale Element von "The Missing", wie auch die Autoren betonen: Es geht gar nicht so sehr um den Kriminalfall als vielmehr um die involvierten Personen und darum, wie sich Ollies Verschwinden auf ihre Leben ausgewirkt hat – auch die Frage, ob sich Menschen wirklich verändern können, spielt eine bedeutende Rolle und wird durchdacht veranschaulicht (wenngleich ich der Schlußfolgerung nur bedingt zustimme).
Der erzählerische Fokus auf die Charaktere lenkt zugleich recht gut davon ab, daß durch das Wissen aus der Gegenwarts-Handlung natürlich des öfteren klar ist, wie einzelne Aspekte der Ermittlungen in der Vergangenheit verlaufen werden – ganz davon abgesehen, daß angesichts der Länge der Staffel sowieso jedem klar sein dürfte, daß der erste Verdächtige wahrscheinlich nicht der Gesuchte ist (oder dies, falls er es doch ist, erst über Umwege spät ans Licht des Tages kommen wird). Ob dieser offensichtlich falschen Spuren könnte man argumentieren, daß die Staffel mit einer oder zwei Episoden weniger sogar noch besser funktionieren würde als sie es ohnehin tut. Andererseits sind die Ermittlungen der Polizei auf diese Weise dafür aber umso authentischer geschildert, zudem gibt es immer noch ein paar Figuren, die meines Erachtens zu kurz kommen. Das trifft primär auf den von Saïd Taghmaoui ("American Hustle") verkörperten französischen Ermittler Khalid Ziane zu, aber auch der Journalist Malik Suri oder der zufällig ebenfalls mit seinem Sohn im Ort urlaubende britische Polizist Mark Walsh (Jason Flemyng, "X-Men: Erste Entscheidung") – der im Laufe der Zeit Emily deutlich näherkommt – werden ein wenig stiefmütterlich behandelt.
Auf der anderen Seite stehen natürlich vorrangig Ollies Eltern und Ermittler Julien Baptiste im Mittelpunkt, wobei Emily allerdings eine etwas kleinere Rolle spielt. Das liegt daran, daß sie und Tony ziemlich unterschiedlich auf den Verlust reagieren: Während Emily nach und nach versucht, wieder ins Leben zurückzufinden, kann und will Tony das nicht tun, stattdessen wird er auf seiner unermüdlichen Suche nach den kleinsten möglichen Indizien regelrecht obsessiv. Ein echtes Leben kann er so nicht mehr führen, das Geld geht ihm aus, dank seines passiv-aggressiven Verhaltens bleiben ihm auch kaum noch Freunde. Nur Julien, den es quält, daß er den Fall nicht lösen konnte, hält zu Tony – das aber auch erst, als er davon überzeugt ist, daß der dieses Mal (anders als mehrfach in der Zeit zwischen 2006 und 2014) tatsächlich etwas von Bedeutung gefunden hat. Die, wenngleich wegen Tonys erratischen Verhaltens leicht holprige, Freundschaft zwischen Tony und Julien kommt nicht von ungefähr, ist doch auch der Franzose ein obsessiver Typ, wie er selbst sagt – und wie es ja auch die Tatsache zeigt, daß er selbst im Ruhestand nicht von seiner Arbeit lassen kann. Tony geht in seiner Obsession gleichwohl deutlich weiter, er neigt erkennbar zu Vorverurteilung und Selbstjustiz und jagt – ganz ähnlich wie Hugh Jackmans Figur in "Prisoners" – Spuren nach, die die Polizei bereits ausgeschlossen hat. Extrem sympathisch macht ihn das nicht, ebensowenig sein Verhalten gegenüber Emily, wenngleich man stets Mitgefühl mit Tony hat und weiß, daß er auch deshalb alle wegstößt, weil er sich selbst die Schuld an dem gibt, was Ollie widerfahren ist. Tony Hughes ist eben eine ambivalente Figur mit Tiefgang und genau das macht ihn so authentisch.
Damit wären wir auch schon bei Vincent Bourg (Titus De Voogdt, "Ben X"), dem primären Ziel von Tonys obsessiver Jagd. Vincent ist ein registrierter Pädophiler und wurde in der Nähe des Tatorts gesehen, weshalb er logischerweise der erste Verdächtige ist. Dennoch schließt ihn die Polizei aufgrund eines wasserdichten Alibis schnell aus, was der verzweifelte Tony aber nicht akzeptieren will. Überraschenderweise bleibt uns Vincent die ganze Staffel über erhalten (was kein Spoiler ist, da er bereits früh in der 2014er-Ebene zu sehen ist), auch wenn er dann nur noch wenig mit dem Rest der Geschichte zu tun hat. Trotzdem zählt seine Geschichte zu den stärksten der vielen Handlungsstränge von "The Missing", denn die Autoren zeigen Vincents Kampf – der auf seine Weise nicht weniger verzweifelt ist als Tonys – gegen seine ungewollten Begierden. Da er diese nie aktiv auslebte, kann man als Zuschauer ohne schlechtes Gewissen Mitgefühl mit seiner Lage haben; mit ein bißchen Empathie kann man sich durchaus vorstellen, wie schrecklich es sein muß, sein Leben lang gegen Gefühle ankämpfen zu müssen, die man niemals wollte, und gleichzeitig die Angst davor zu bezähmen, sich irgendwann vielleicht nicht mehr zurückhalten zu können. Auch hier bin ich zwar nicht hundertprozentig einverstanden mit der Auflösung der Episode, doch der Weg dorthin ist überzeugend und einfühlsam geschildert. Etwas aktionistischer, jedoch trotzdem stark wird mit dem britischen Architekten Ian Garrett – gewohnt ausdrucksstark gespielt vom schottischen Haudegen Ken Stott ("King Arthur", Zwerg Balin in "Der Hobbit") – verfahren, dem vor Jahren Ähnliches wiederfuhr wie den Hughes' und der deshalb selbstlos eine hohe Belohnung für Hinweise auf Ollie auslobt. Ian hat vor allem mit Tony zu tun, der dem kumpelhaften Architekten sehr dankbar ist, ihm auch schnell sein Herz ausschüttet und ihm Dinge erzählt, die er mit seiner Frau nicht besprechen kann.
Man kann die Serienmacher nur dafür loben, wieviel Mühe sie in die Figurenzeichnung und die intensiven (wenngleich nicht immer komplett klischeefreien) Dialoge gesteckt haben, die den effektiven und überwiegend gut und logisch durchdachten, im Kern jedoch recht simplen Plot selbst in den Schatten stellen, dessen emotionales Ende übrigens Raum zum Diskutieren und Interpretieren läßt. "The Missing" ist definitiv ein charaktergetriebenes Thriller-Drama, wobei die exzellente, paneuropäische Besetzung logischerweise ausgesprochen hilfreich ist. Vor allem Tchéky Karyo liefert als charismatischer Chefermittler eine ausgezeichnete Leistung ab, der für den britischen BAFTA TV-Award nominierte James Nesbitt (wenngleich ihm das Drehbuch hier nicht ganz so viel Gelegenheit zum Glänzen gibt wie beispielsweise die Miniserie "Jekyll" von "Sherlock"-Schöpfer Steve Moffat), die für einen Golden Globe nominierte Frances O'Connor, Ken Stott (ebenfalls mit einer BAFTA TV-Nominierung bedacht), Titus de Voogdt oder Anamaria Marinca (die "Europa Report"-Darstellerin spielt eine rumänische Immigrantin, deren krimineller Bruder in das Geschehen verwickelt sein könnte) stehen ihm jedoch kaum nach. Wenngleich die Sprachvielfalt in der deutschen Synchronfassung beibehalten wird (nicht-englische Dialoge sind deutsch untertitelt), empfehle ich übrigens dennoch, nach Möglichkeit die Originalfassung mit ihrer bemerkenswerten Akzent-Vielfalt zu genießen – mir gefällt Stotts schottischer Akzent besonders gut …

Fazit: "The Missing" ist eine charaktergetriebene Drama-/Thrillerserie, die mit einer glänzend durchdachten, realistischen Handlung und komplexen, hervorragend besetzten Figuren besticht und dabei anschaulich und sehr bewegend verdeutlicht, wie das spurlose Verschwinden eines Kindes vielerlei Leben für immer verändert.

Wertung: 9 Punkte.

Staffel 1 von "The Missing" ist am 21. April 2017 von Pandastorm Pictures auf DVD und Blu-ray veröffentlicht worden. Das Bonusmaterial umfaßt kurze, aber informative Episodenkommentare des Autoren-Duos und von Hauptdarsteller Nesbitt sowie zwei ebenso kurze Featurettes, alles in allem beläuft sich die Dauer der Extras auf etwa 20 Minuten; zudem gibt es erfreulicherweise englische Untertitel. Das Rezensionsexemplar wurde mir freundlicherweise von Glücksstern-PR zur Verfügung gestellt.


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