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In eigener Sache: Mein neues Filmbuch

Einigen Lesern ist bestimmt aufgefallen, daß ich in der rechten Spalte meines Blogs seit einigen Monaten das Cover meines neuen Buchs präs...

Mittwoch, 12. Oktober 2016

SNOWDEN (2016)

Regie: Oliver Stone, Drehbuch: Kieran Fitzgerald und Oliver Stone, Musik: Craig Armstrong und Adam Peters
Darsteller: Joseph Gordon-Levitt, Shailene Woodley, Rhys Ifans, Zachary Quinto, Melissa Leo, Tom Wilkinson, Nicolas Cage, Ben Schnetzer, Joely Richardson, Ben Chaplin, Keith Stanfield, Timothy Olyphant, Scott Eastwood, Logan Marshall-Green, Bhasker Patel, Edward Snowden, Erol Sander
 Snowden
(2016) on IMDb Rotten Tomatoes: 61% (6,3); weltweites Einspielergebnis: $37,4 Mio.
FSK: 6, Dauer: 135 Minuten.

Im Juni 2013 treffen sich im Mira Hotel in Hongkong in aller Heimlichkeit die beiden britischen "Guardian"-Journalisten Glenn Greenwald (Zachary Quinto, "Star Trek") und Ewen MacAskill (Tom Wilkinson, "Michael Clayton") sowie die Dokumentarfilmerin Laura Poitras (Melissa Leo, "Prisoners") mit einem blassen, offensichtlich paranoiden Brillenträger Ende 20. Doch dessen Paranoia ist mehr als gerechtfertigt: Der langjährige amerikanische Geheimdienst-Mitarbeiter Edward Snowden (Joseph Gordon-Levitt, "The Walk") hat sich entschieden, als Whistleblower die Abhörpraktiken der NSA öffentlich bloßzustellen, die nicht nur illegal sind (vor allem, was das Abhören von US-Bürgern betrifft), sondern nach 9/11 ein schier unvorstellbares Ausmaß angenommen haben. Snowden, der anfangs direkt in das System involviert war und später als externer Dienstleister, konnte das irgendwann einfach nicht mehr stillschweigend ertragen, und da Versuche ähnlich Denkender, das System von innen zu verbessern, gnadenlos abgewürgt wurden, entschloß er sich zu diesem drastischen Schritt. Und so erzählt Ed den anfangs noch skeptischen Journalisten, wie es so weit kommen konnte …

Kritik:
Einen Film wie "Snowden", in dem es um eine so polarisierende Person der Zeitgeschichte wie Edward Snowden geht, kann man kaum mit einer flächendeckenden Objektivität rezensieren. Für viele (vor allem politisch konservative) Amerikaner ist der Whistleblower ein Landesverräter, der auf den elektrischen Stuhl gehört, im Rest der Welt ist er für die Mehrheit vermutlich ein wahrer Held, wieder andere stricken Verschwörungstheorien um die wahre Motivation für sein Handeln (die BILD-Zeitung diffamiert ihn seit Jahren ohne jeden Beleg als russischen Spion). Für Regisseur und Co-Drehbuch-Autor Oliver Stone – dessen politisch linke Überzeugungen seit jeher stark seine Werke wie den Anti-Kriegsfilm "Platoon", den Verschwörungs-Thriller "JFK – Tatort Dallas" oder den Börsen-Thriller "Wall Street" prägen – ist Edward Snowden offensichtlich ein Held; wer ihn also für einen Verräter hält, der wird mit Stones Film garantiert nicht glücklich werden. Ich denke eher wie Stone, für mich hat Snowden – unabhängig davon, ob er nun bezüglich seiner Motivation die Wahrheit sagt oder nicht – dem demokratischen Teil der Welt einen unschätzbaren Gefallen getan, indem er das Ausmaß der teils fragwüridgen, oft illegalen Praktiken und die mangelnde demokratische Kontrolle (nicht nur) der amerikanischen Geheimdienste unter hohem persönlichen Risiko ans Tageslicht brachte. Möglicherweise gab er den Bürgern in allen nicht-totalitären Staaten sogar eine letzte Chance, die sukzessive und (dank Internet) mehr oder weniger freiwillige Abtretung ihrer Freiheits- und Persönlichkeitsrechte an Politik und Geheimdienste aufzuhalten und vielleicht sogar umzukehren.

Unglücklicherweise sieht es nicht so aus, als hätten wir alle diese Gelegenheit genutzt, denn allzu viel scheint sich seit der "Snowden-Affäre" in der Praxis nicht geändert zu haben – sofern man das angesichts der naturgemäßen Intransparenz der betreffenden Institutionen beurteilen kann. Auch die Proteste der Zivilgesellschaft hielten sich letztlich in Grenzen, vermutlich weil der ganze "Datenschutz"-Themenkomplex mit all seinen direkten und indirekten Implikationen für viele Menschen zu abstrakt, gleichzeitig zu kompliziert und undurchschaubar ist. Immerhin: Filme wie "Snowden" oder Laura Poitras' OSCAR-gekrönter Dokumentarfilm "Citizenfour" – der letztlich die Basis für Stones Film bildet und als die Rückblicke flankierende Rahmenhandlung entsprechend gewürdigt wird – tragen dazu bei, daß die Geschichte nicht gar so schnell in Vergessenheit gerät. Und vielleicht erkennen diejenigen, die sich noch nicht so intensiv mit der Thematik befaßt haben, so unter Umständen doch, wie wichtig sie für unser aller tägliches Leben ist. Möglicherweise ist diese Intention auch der Grund dafür, daß Stone sein Snowden-Portrait vergleichsweise konservativ inszeniert hat, weshalb Kenner von "Citizenfour" nicht viel Neues erfahren dürften. Ein guter, engagierter Film ist "Snowden" dennoch geworden.

Unter der eher risikofreien Machart leidet der Film vor allem in den Rückblenden etwas, die den Löwenanteil des Films ausmachen. Das ist durchaus eine nachvollziehbare Entscheidung von Stone, denn natürlich ist es interessant, dem Menschen Edward Snowden nachzuspüren und seine Entwicklung vom nur sehr bedingt die Anordnungen hinterfragenden Patrioten zum immer skeptischer und kritischer werdenden Geheimdienstarbeiter zu durchleuchten, die ihn letztlich dazu bewegt, etwas zu tun, was von vielen seiner Landsleute als Hochverrat eingestuft wird. Letzten Endes kommt dabei aber kaum etwas Neues ans Tageslicht, da man Snowden eben bereits durch die "Citizenfour"-Doku gut kennenlernen konnte. Immerhin bemüht sich Oliver Stone sichtlich, für Abwechslung zu sorgen, was mal mehr, mal weniger gut gelingt. Zu den weniger geglückten Epsioden zählen etwa Snowdens frühe Einsätze als Quasi-Geheimagent, da sie viel zu schnell abgehandelt werden und sich weitgehend in Genreklischees erschöpfen (selbst wenn diese der Wahrheit entsprechen mögen). Interessanter ist schon, daß laut diesem Film innerhalb der Geheimdienste keineswegs widerspruchslose Soldatenmentalität herrscht, sondern Snowdens inhaltliche Bedenken und vor allem auch das Mißtrauen gegenüber den Politikern in Washington geteilt wird. Das fängt bei normalen Mitarbeitern Snowdens an, die ihn am Ende sogar decken, und geht über quasi kaltgestellte, desillusionierte Veteranen wie den von Nicolas Cage ("Der letzte Tempelritter") verkörperten Hank Forrester – der als lebendes Beispiel dafür dient, daß es nichts bringt, hartnäckig interne Kritik zu üben – bis hinauf zu Eds anfänglichem Mentor und Chef Corbin O'Brian (Rhys Ifans, "Radio Rock Revolution"), wobei sich dessen Mißtrauen nur gegen die Politiker richtet. Daß alle anderen trotz ihrer Bedenken auch bezüglich der Mitarbeit an geheimen CIA-Drohnenangriffen ohne nennenswerte Rücksicht auf zivile Kollateralschäden nicht den letzten Schritt des Widerstands wagen, macht Snowdens während einer Party geäußerten trockenen Verweis auf die Nürnberger Prozesse gegen Richter, Staatsanwälte und andere Staatsdiener, die während der Nazizeit auch "nur ihren Job gemacht haben", sehr treffend.

Als Herz der Rückblenden erweist sich jedoch überraschend Eds Beziehung zu seiner liberalen Freundin Lindsay Mills (Shailene Woodley, "Wie ein weißer Vogel im Schneesturm"), die wohl den größten Anteil an Snowdens charakterlicher Wandlung hat. Obwohl "Snowden" natürlich kein Liebesfilm ist, funktioniert die durchaus holprige Liebesgeschichte, die als Gegenstück zu Snowdens Geheimdienst-Erlebnissen die Geschichte gewissermaßen erdet, aber ebenso ein Stück weit der Einordnung in die Realität dient (die trotz ihrer klaren politischen Überzeugungen recht unbedarft handelnde Lindsay steht letztlich für uns alle), auch dank der Leinwandchemie zwischen dem generell einmal mehr groß aufspielenden Gordon-Levitt und der nicht weniger überzeugenden Woodley hervorragend. Gerade Snowden wird durch diesen Handlungsstrang ironischerweise mehr Kontur verliehen als durch seine "beruflichen" Taten. Am spannendsten und am atmosphärischsten wird "Snowden" jedoch tatsächlich in der Rahmenhandlung, wenn der Whisteblower und die drei Journalisten in dem kleinen Hotelzimmer in Hongkong über ihr Vorgehen beraten, per Videokonferenz die Vorgesetzten von der Wichtigkeit und der Korrektheit der Story überzeugen müssen und sich dabei stets in einem atemlosen, paranoid wirkenden Gefühlszustand befinden, der sich dem Zuschauer nach und nach immer besser erschließt. Deshalb ist es schade, daß Stone diesem Handlungsstrang ebenso wie den Nachwehen von Snowdens Veröffentlichungen (denen nur wenige Minuten gewidmet werden) nicht mehr Raum gönnt.

Mit inszenatorischen Mitteln versucht Stone dafür, dem Publikum einen besseren Einblick darin zu bieten, was das von Snowden Aufgedeckte für jeden von uns bedeutet. Dafür bricht er etwa wiederholt die abstrakte Natur der Abhörmethoden herunter, indem er den Fokus auf Individuen legt. Die allzu sorglose und vertrauensselige Lindsay ist hierfür erste Wahl, doch Stone bringt in kurzen Episoden auch andere Figuren wie einen pakistanischen Banker ins Spiel (der in der deutschen Synchronfassung übrigens vom gleichen Sprecher wie Raj in der Comedyserie "The Big Bang Theory" gesprochen wird, obwohl er 25 Jahre älter ist …), den die CIA ganz leicht und sehr skrupellos "umdreht". Wie auch die mitunter angewandte Symbolik – wenn etwa O'Brians Gesicht bei einer Videozuschaltung überlebensgroß an die Zimmerwand projiziert wird, was George Orwells berühmten Satz "Big Brother is Watching You" sehr treffend bebildert – kommt das meist nicht sehr subtil daher, dafür aber sehr effektiv und teilweise durchaus eindrucksvoll. Ein gelungener Schachzug ist es auch, wie Stone teilweise die Ikonographie des klassischen Hollywood-Machokinos umdreht, indem er etwa Ed beim Verlassen des Geheimdienstzentrums auf Hawaii mit den kopierten Daten in Zeitlupe und zu pathetischer Musik ganz wie einen "Top Gun"-Actionhelden inszeniert … Alles in allem ist der überwiegend in Deutschland gedrehte "Snowden" ein Film, der seinem kontroversen Helden gerecht wird – dem übrigens sogar ein von Peter Gabriel eigens komponierter, jedoch bedauerlicherweise nicht auf dem Soundtrack enthaltener Abspann-Song namens "The Veil" gewidmet wird –, dabei durchgängig unterhält und gleichzeitig zum Nachdenken anregt. Nur wirklich mitreißend gerät er zu selten, dafür fehlt es einfach an echten "Aha"-Momenten. Dennoch ist der Aufklärungswert zweifellos sehr hoch, eigentlich sollte "Snowden" (und/oder "Citizenfour") zum Pflichtprogramm in Schulen werden.

Fazit: "Snowden" ist ein Biopic, bei dem es Regisseur Oliver Stone offensichtlich mehr auf den hohen Aufklärungswert ankam als auf inszenatorische Raffinesse – dem Unterhaltungswert schadet das nicht allzu sehr, ein Meisterwerk ist Stone durch den fehlenden Mut zum Risiko aber nicht gelungen.

Wertung: 7,5 Punkte.


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