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In eigener Sache: Mein neues Filmbuch

Einigen Lesern ist bestimmt aufgefallen, daß ich in der rechten Spalte meines Blogs seit längerer Zeit das Cover meines neuen Buchs präsen...

Donnerstag, 15. September 2016

TONI ERDMANN (2016)

Regie und Drehbuch: Maren Ade
Darsteller: Peter Simonischek, Sandra Hüller, Trystan Pütter, Michael Wittenborn, Thomas Loibl, Ingrid Bisu, Victoria Malektorovych, Lucy Russell, Alexandru Papadopol, Radu Banzaru, Hadewych Minis, Vlad Ivanov
Toni Erdmann
(2016) on IMDb Rotten Tomatoes: 93% (8,3); weltweites Einspielergebnis: $12,0 Mio.
FSK: 12, Dauer: 162 Minuten.

Winfried Conradi (Peter Simonischek, "Rubinrot") ist ein pensionierter Lehrer, dessen einziger wirklich zuverlässiger Gefährte sein geliebter, aber bereits sehr altersschwacher Hund Willi ist. Von seiner Frau ist er geschieden, die Tochter Ines (Sandra Hüller, "Requiem"), eine ehrgeizige Unternehmensberaterin, arbeitet in Bukarest und hat mit Winfried bei ihren seltenen Besuchen wenig Gesprächstoff. Als Willi stirbt, macht sich Winfried zu einem unangekündigten Besuch bei Ines auf – wenig überraschend ist die nicht gerade begeistert, zumal der joviale, stets zu albernen Scherzen aufgelegte Winfried gleich (versehentlich) einige Leute verprellt, die wichtig für Ines' Karriere sind. Nachdem Vater und Tochter dennoch in eher frostiger Atmosphäre etwas Zeit miteinander verbracht haben, bricht Winfried zu Ines' Erleichterung auch schon wieder auf. Doch noch am gleichen Abend taucht er in der Bar auf, in der Ines mit zwei Freundinnen etwas trinkt – verkleidet mit einer üppigen Perücke und falschem Gebiß stellt er sich den Damen als Lifecoach Toni Erdmann vor! Ines ist perplex, doch "Toni" zieht die Sache knallhart durch …

Kritik:
Ein deutscher Film im Wettbewerb von Cannes? Ungewöhnlich genug. Ein deutscher Film im Wettbewerb von Cannes, der nicht von Michael Haneke, Wim Wenders oder Werner Herzog stammt? Fast schon sensationell. Eine deutsche Komödie im Wettbewerb von Cannes, die den Allzeit-Bewertungsrekord bei der Kritikerumfrage in dem renommierten Branchenmagazin "Screen Daily" bricht? Unfaßbar! Doch genau das ist Maren Erdmann (die 2009 mit dem Drama "Alle anderen" bei der Berlinale überzeugte) mit ihrer gut zweieinhalbstündigen Vater-Tochter-Tragikomödie gelungen. Preise der Jury gab es dafür zur allgemeinen Überraschung trotzdem nicht, immerhin (und angesichts des erwähnten Rekords nur folgerichtig) aber den Kritikerpreis zum Trost – und natürlich globale Aufmerksamkeit dank ausführlicher Berichterstattung in den Fachmedien. Vor allem im Ausland ist ehrliche Verwunderung zu spüren, daß ausgerechnet aus Deutschland – international vor allem für ernsthafte historische Filme bekannt, die gerne den Zweiten Weltkrieg zum Thema haben – eine richtig gute (Tragi-)Komödie kommt, deren Qualität nicht einmal die deutliche Überlänge schadet. Doch um ehrlich zu sein: Bei deutschen Kinogängern dürfte die Verwunderung fast noch größer sein, denn im Gegensatz zum Ausland wissen sie natürlich genau, was unter dem Stichwort "deutsche Komödie" im 21. Jahrhundert normalerweise zu erwarten ist: Schweiger, Schweighöfer und "Fack ju Göhte" nämlich. Ob man diese übliche deutsche Komödienkunst nun mag oder nicht, ein Film wie "Toni Erdmann", der zwar vorrangig das Arthouse-Publikum anspricht, aber auch in den Multiplex-Kinos ordentlich funktioniert, ist definitiv eine sehr erfrischende Abwechslung in der deutschen Filmlandschaft.

Zugegeben, für das "normale" Komödien-Publikum dürfte "Toni Erdmann" gewöhnungsbedürftig sein, da Regisseurin Maren Ade beinahe schon eine Antithese dazu geschaffen hat: Statt auf Witze und Slapstick-Einlagen am laufenden Band setzt sie auf ein ausgesprochen gemütliches Erzähltempo mit immer wieder sehr, sehr langen Einstellungen, in denen eigentlich gar nichts passiert. Der Knackpunkt ist dabei das "eigentlich", denn einerseits entwickeln etliche Szenen gerade erst durch das genüßliche Ausspielen ihren ganz eigenen Reiz, andererseits bekommt man so überhaupt erst die Gelegenheit, die Detailverliebtheit des Films wahrzunehmen. Am offensichtlichsten sind dabei die Machenschaften von Toni, der gerne mal im Hintergrund seine Mätzchen macht, während sich die Kamera im Vordergrund auf die leidgeprüfte Ines fokussiert; aber wer ein Auge dafür hat, der kann sich auch an der ebenso liebevollen wie authentischen, genau beobachteten Ausstattung der einzelnen Schauplätze ergötzen – ob das Ines' moderne und stilvolle, aber gleichzeitig steril wirkende Wohnung ist, im Kontrast dazu das vollgestopfte, nicht nur farblich Wärme verströmende Heim einer rumänischen Familie oder Ines' nüchtern-zweckdienliche Arbeitsumgebung. Zugegeben, das ist nicht ganz frei von Klischees, ebenso wie die präsentierte Oberflächlichkeit der mit Floskeln und falscher Anteilnahme durchtränkten Unternehmensberater-Szene. Jedoch habe ich mir von verschiedener Seite versichern lassen, daß es in der Realität oft haargenau so klischeehaft vorgeht (und da während meines Studiums Unternehmensführung eines meiner Hauptfächer war, das als Sprungbrett für viele spätere Unternehmensberater dient, kann ich mir das lebhaft vorstellen). Da Ade es nicht wirklich auf eine Abrechnung mit dieser kontroversen Branche abgesehen hat – immerhin darf Ines auch ihren Standpunkt mit guten Argumenten vertreten –, sind diese Klischees aber sowieso halb so wild, zumal die Dialoge hervorragend geschrieben sind.

Wichtiger sind sowieso die beiden Protagonisten, denn letztlich handelt es sich natürlich um eine klassische Vater-Tochter-Geschichte. Ines' Arbeit dient nur als umhüllendes Storygerüst, da die zentrale Handlung über das entfremdete Duo und die von "Toni" ausgehenden Versuche, sich wieder näherzukommen, doch recht dünn ist – was einem gerade angesichts der gut zweieinhalbstündigen Laufzeit hin und wieder durchaus auffällt. Trotz der für sich genommen meist eher albernen Eskapaden Tonis, die aber zu etlichen wirklich witzigen und meisterhaft getimten Situationen (der US-Kritiker Eric Kohn schwärmte gar von der "lustigsten Nacktszene der Filmgeschichte" – und das ist nicht unbedingt übertrieben …) führen, ist "Toni Erdmann" jedoch eben keine echte Komödie, sondern eine Tragikomödie. Und so paßt es wunderbar, daß in vielen Momenten eine bemerkenswert unangenehme Atmosphäre hart an der Grenze zum Fremdschämen herrscht, weil kaum eine der handelnden Figuren aufrichtig ist, sondern nur Phrasen gedroschen werden und um die harte Wahrheit herumgeredet wird. Erst Winfried bzw. Toni bricht diesen Kreislauf der Heuchelei durch seine hartnäckige Unangepaßtheit zumindest ein wenig auf – irgendwann auch unterstützt durch Ines, die die Scharade ihres Vaters, wenn sie sie schon nicht verhindern kann, wenigstens clever für ihre eigenen beruflichen Zwecke nutzt. Was dann wiederum zu einer äußerst unangenehmen Szene führt, wenn Toni mit einer flapsigen Bemerkung zu seinem eigenen Entsetzen den Rauswurf eines rumänischen Arbeiters an einem Ölbohrloch verursacht …

Obwohl die erfundene Hauptfigur Toni für die meisten Lacher sorgt (oder zumindest den Anstoß dafür gibt), steht jedoch zunehmend Ines im Fokus der Regisseurin und Autorin Ade. Während sich Winfried/Toni nicht großartig verändert (wie wir zu Beginn erleben, nervt er seine Umwelt auch in der Heimat zuverlässig mit seinen Späßchen), durchläuft Ines eine deutliche und sehr glaubwürdige Entwicklung. Dadurch, daß sie sich zunehmend, wenn auch widerwillig, auf Toni einläßt, öffnet sie sich etwas, was auch zu einer Art Selbsterkenntnis führt, ihr berufliches wie auch ihr Privatleben betreffend. Und wo die österreichische Theaterlegende Peter Simonischek in der Titelrolle zwar eine sehr gute Figur abgibt, ist es Sandra Hüller, die als Ines eine wahrlich atemberaubende Performance liefert. Voller Einfühlungsvermögen verkörpert sie diese eher herb wirkende, voll auf ihre Karriere konzentrierte Person, die beim kurzen Heimatbesuch schnell unruhig wird und in ihrem Arbeitsumfeld in einen permanenten unterschwelligen Machtkampf verwickelt ist, bei dem jede unscharfe Formulierung, jede etwas unsouveräne Reaktion einen erheblichen Rückschlag bedeuten kann – noch verschärft durch die Tatsache, daß sie als Frau sich in einer noch immer von Männern dominierten Branchen behaupten muß, in der Frauen primär als "Trophy Wives", Assistentinnen oder Stripperinnen vorkommen … Und gerade weil man Ines die ganze Zeit über dermaßen beherrscht erlebt, beeindruckt es umso mehr, wenn die Enddreißigerin mit einem Mal die Emotionen aus ihr herausbrechen läßt. Kein Zweifel: Das ist eine preiswürdige Leistung, die die ehemalige Berlinale-Gewinnerin (für "Requiem") Sandra Hüller hier zeigt. Und preiswürdig ist der gesamte, vollkommen zurecht als deutscher OSCAR-Beitrag 2016 ausgewählte Film, auch wenn er nicht immer ganz einfach anzuschauen ist und mit einer gewissen Straffung um 20 oder 30 Minuten vielleicht sogar noch besser funktionieren würde.

Fazit: "Toni Erdmann" ist eine genau beobachtete Tragikomödie über ein entfremdetes Vater-Tochter-Gespann mit grundsätzlich unterschiedlichen Lebensphilosophien, die vor allem mit einer Reihe extrem witziger Szenenabfolgen und einer meisterlich aufspielenden Sandra Hüller begeistert.

Wertung: 8,5 Punkte.


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