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In eigener Sache: Mein neues Filmbuch

Einigen Lesern ist bestimmt aufgefallen, daß ich in der rechten Spalte meines Blogs seit einigen Monaten das Cover meines neuen Buchs präs...

Mittwoch, 13. April 2016

ZOOMANIA (3D, 2016)

Originaltitel: Zootopia
Regie: Byron Howard, Rich Moore und Jared Bush, Drehbuch: Jared Bush und Phil Johnston, Musik: Michael Giacchino
Sprecher der Originalfassung: Ginnifer Goodwin, Jason Bateman, Idris Elba, J.K. Simmons, Jenny Slate, Shakira, Nate Torrence, Maurice LaMarche, Raymond S. Persi, Octavia Spencer, Alan Tudyk, Tommy Chong, Kristen Bell
 Zoomania
(2016) on IMDb Rotten Tomatoes: 98% (8,0); weltweites Einspielergebnis: $1023,8 Mio.
FSK: 0, Dauer: 109 Minuten.

Obwohl ihre Eltern wollen, daß sie in das Familiengeschäft mit dem Anbau und dem Verkauf von Rüben einsteigt, hat die junge Häsin Judy Hopps seit jeher nur einen Wunsch: Sie will unbedingt Polizistin in Zoomania werden, jener Metropole, in der alle möglichen Tierarten in sechs Stadtteilen mit verschiedenen simulierten Klimazonen friedlich miteinander leben. Dieser scheinbaren Idylle zum Trotz ist Judys Vorhaben sehr ungewöhnlich, wird doch die Polizei von größeren und bedrohlicheren Tieren dominiert wie Bären, Nashörnern und selbstverständlich: Bullen (okay, eigentlich Büffel …). Doch nachdem sie die Polizeiakademie als Jahrgangsbeste abschließt, führt an Judy kein Weg vorbei – allerdings wird sie von Chief Bogo erst einmal dazu verdonnert, Strafzettel für Falschparker zu schreiben. Dabei lernt sie immerhin den charmanten Fuchs-Gauner Nick Wilde kennen, der sich noch als große – wenngleich unwillige – Hilfe bei Judys erstem großen Fall erweisen soll, denn in Zootropolis sind mehrere Einwohner spurlos verschwunden, darunter Mr. Otterton. Judy bekommt von Chief Bogo nur 48 Stunden, um ihn zu finden; sonst muß sie den Polizeidienst verlassen …

Kritik:
Um gleich mit der Tür ins Haus zu fallen: Disneys "Zoomania" ist in meinen Augen der beste amerikanische Animationsfilm seit "WALL*E", der im Jahr 2008 in die Kinos kam! Wobei ich anmerken muß, daß ich die englischsprachige Originalfassung gesehen habe (in der Zoomania übrigens treffender Zootopia heißt, was in Deutschland wie auch in einigen anderen Ländern aus lizenzrechtlichen Gründen nicht möglich war) und daher die deutsche Synchronfassung nicht beurteilen kann – und bei Animationsfilmen spielen Sprecherauswahl und Dialogbuch ja bekanntlich eine bedeutende Rolle. Doch da "Zoomania" keineswegs nur mit den Sprechern überzeugen, ja sogar begeistern kann, sondern ebenso animationstechnisch und vor allem inhaltlich, sollte das für meine Rezension kein großes Hindernis sein. Dem Regie-Trio Byron Howard ("Rapunzel"), Rich Moore ("Ralph reicht's") und Jared Bush (der mit Phil Johnston auch für das hervorragende Drehbuch verantwortlich zeichnet) ist nämlich das in diesem Genre doch eher seltene Kunststück gelungen, die für Animationsfilme so klassische Komödienhandlung mit Botschaft mit einem richtig guten und ernsthaft verfolgten Kriminalfall zu kombinieren.

Diese Mischung sorgt dafür, daß eigentlich jede Art (und Altersgruppe) von Zuschauern viele gute Gründe erhält, sich vortrefflich zu amüsieren – ob das nun die witzigen Slapstick-Szenen sind, der gut durchdachte und dabei nicht allzu vorhersehbare Krimiplot, die sympathischen, in mehrfacher Hinsicht liebevoll gezeichneten (übrigens allesamt aufrecht gehenden) Figuren oder gelegentliche Filmzitate (erste Lehre aus "Zoomania": Es kann einfach nicht zu viele gute "Der Pate"-Parodien geben!). Besonders gerne werden übrigens sympathischerweise selbstironisch typische Disney-Klischees veralbert – eine speziell auf Englisch deutliche Anspielung auf "Die Eiskönigin" in einer grimmigen Rede von Chief Bogo ist in dieser Hinsicht besonders positiv hervorzuheben. Zudem wird die bei amerikanischen Familien-Animationsfilmen unvermeidliche Message sehr angenehm präsentiert, denn wenngleich der Aufruf gegen Diskriminierung und Vorurteile unübersehbar ist, so wirkt er doch kaum einmal (bis auf den Schluß vielleicht) zu aufdringlich und plakativ, ist vielmehr vergleichsweise geschickt in die Handlung eingeflochten und bringt Kindern unaufgeregt etwas über Gleichberechtigung und Diskriminierung bei. Zudem ist die Thematik der sozialen Unterschiede und traditionell gehegten Vorurteile natürlich gerade in der heutigen Zeit extrem wichtig, weshalb speziell eine unerwartete (und unerwartet ernste) Wendung vor dem Schlußdrittel des Films hochspannend ist – auch wenn sie sich dann etwas zu schnell wieder in Wohlgefallen auflöst. Am Rande bemerkt ist es übrigens sehr interessant, daß "Zoomania" ausgerechnet in China ein Megahit wurde, er zählt zu den zehn kommerziell erfolgreichsten Filmen aller Zeiten; dabei paßt die Handlung zwar natürlich gut in die offizielle kommunistische Lesart der Staatsführung hinein, in die von Raubtierkapitalismus, Korruption und sozialer Ausbeutung geprägte graue Realität dagegen deutlich weniger ...

Aber bevor das jetzt doch so klingt, als ginge es in "Zoomania" nur um Political Correctness: Das alles ist, wie gesagt, weitgehend ziemlich subtil eingeflochten und wenn man will, kann man es auch problemlos komplett ignorieren und sich über die Comedy und den Krimi und vor allem die spritzigen Dialoge freuen. Denn die gibt es reichlich und vor allem das ungleiche zentrale Paar Judy Hopps und Nick Wilde harmoniert schlicht und ergreifend prächtig. Da gibt es nicht nur bewährte Buddy-Movie-Elemente á la "Nur 48 Stunden" (ein Film, auf den mit der Zeit, die Judy für ihre Ermittlungen bleibt, ganz direkt angespielt wird), man fühlt sich bei den leidenschaftlichen Disputen zwischen den beiden gar wohlig an klassische Screwball-Comedys von Billy Wilder ("Manche mögen's heiß"), Frank Capra ("Es geschah in einer Nacht"), George Cukor ("Die Nacht vor der Hochzeit") oder Ernst Lubitsch ("Ninotschka") erinnert – nur ohne deren sexuelle oder auch nur romantische Komponenten. Zwischen Judy und Nick knistert es zwar wie verrückt, aber auf einer rein platonischen Ebene, was wunderbar funktioniert. Und es darf einfach nicht ungesagt bleiben: Judy Hopps ist einfach die niedlichste Filmfigur seit … ach, was weiß ich, E.T. vielleicht? Auch wenn so etwas, wie wir früh lernen, eigentlich nur andere Hasen über einen Hasen sagen dürfen …

An dieser Stelle kommen selbstverständlich die Sprecher besonders zum Tragen und in der Originalfassung liefern Ginnifer Goodwin (Snow White aus der TV-Serie "Once Upon a Time") und Jason Bateman ("Juno") als eine moderne (wie gesagt: romantikfreie) Variante des sich ständig kabbelnden Detektiv-Ehepaars Nick und Nora Charles aus der unerreichten "Der dünne Mann"-Reihe in den 1930er Jahren eine wahrlich herausragende Leistung ab. Idris Elba gibt einen wunderbar knorrigen Chief Bogo ab und auch die durchgehend amüsanten Nebenrollen sind mit Hochkarätern wie J.K. Simmons (als Bürgermeister Lionheart), Alan Tudyk, Octavia Spencer, Kristen Bell, Tommy Chong (in einer angemessen, äh, relaxten Rolle) oder Popstar Shakira (als Popstar Gazelle) glänzend besetzt. Ein absolutes Highlight ist außerdem der eigentliche "Die Simpsons"-Regisseur Raymond S. Persi (in der deutschen Synchronfassung: Comedian Rüdiger Hoffmann) als das Beamten-Faultier Flash, dessen große Szene als erster Trailer zum Film diente, schon jetzt Kult ist und mutmaßlich ein entscheidender Faktor für die sensationellen globalen Einspielergebnisse von "Zoomania" war. Doch auch ansonsten gibt es viele witzige Einfälle und einige von Michael Giacchinos ("Alles steht Kopf") verspielter Musik untermalte rasante Verfolgungsjagden durch die abwechslungreich gestalteten Klimazonen von Zoomania. Angesichts der deutschen Altersfreigabe ohne jede Begrenzung möchte ich jedoch anmerken, daß der recht komplexe Kriminal-Handlungsstrang (mit einigen düsteren Momenten) für ganz kleine Zuschauer kaum nachvollziehbar sein dürfte. Es wird manchmal vergessen, aber die FSK entscheidet eben lediglich darüber, ob ein Film nach der Einschätzung der Prüfer für Kinder einer bestimmten Altersstufe "schädlich" sein könnte; ob besagte Kinder der Handlung folgen können, ist dafür weitgehend unerheblich.

Fazit: "Zoomania" ist ein wunderbar beschwingter Animationsfilm, der inhaltlich an die besten Zeiten von Disney erinnert, mit seiner gewitzt geschriebenen Kombination aus Comedy und Krimi und dem herrlich zankenden zentralen Protagonisten-Paar für beste Unterhaltung sorgt und als i-Tüpfelchen auch noch eine nicht zu platt verkaufte, aber umso wichtigere Botschaft (nicht nur) für die kleineren Zuschauer bereithält.

Wertung: 9 Punkte.


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