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In eigener Sache: Mein neues Filmbuch

Einigen Lesern ist bestimmt aufgefallen, daß ich in der rechten Spalte meines Blogs seit einigen Monaten das Cover meines neuen Buchs präs...

Mittwoch, 13. Januar 2016

CAROL (2015)

Regie: Todd Haynes, Drehbuch: Phyllis Nagy, Musik: Carter Burwell
Darsteller: Rooney Mara, Cate Blanchett, Kyle Chandler, Sarah Paulson, Cory Michael Smith, Jake Lacy, John Magaro, Nik Pajic
 Carol
(2015) on IMDb Rotten Tomatoes: 94% (8,6); weltweites Einspielergebnis: $40,3 Mio.
FSK: 6, Dauer: 119 Minuten.

New York zu Beginn der 1950er Jahre: Therese Belavet (Rooney Mara, "Verblendung") ist eine junge Warenhaus-Verkäuferin; einen richtigen Plan für ihr Leben hat sie eigentlich noch nicht, allerdings spielt sie mit dem Gedanken, Photographin zu werden. Carol Aird (Cate Blanchett, "Cinderella") ist eine rund 20 Jahre ältere Upper Class-Lady und Mutter einer kleinen Tochter; die Ehe mit ihrem Mann Harge (Kyle Chandler, "The Wolf of Wall Street") ist jedoch am Ende, die Scheidung steht bevor. Eines Tages in der Vorweihnachtszeit treffen sich in dem Geschäft, in dem Therese arbeitet, die Blicke der Dame, die das Shoppen etwas nervös macht und der jungen Frau, die das Verkaufen etwas nervös macht. Carol kauft ein Geschenk für ihre Tochter, später lädt sie Therese auf einen Kaffee ein. Trotz ihrer so unterschiedlichen Lebenswege und Herkunft kommen sie sich rasch näher …

Kritik:
Die meisten Menschen kennen Patricia Highsmith als Autorin raffinierter Kriminalromane und als Schöpferin des faszinierenden Antihelden Tom Ripley, der in diversen Verfilmungen bereits von schauspielerischen Hochkarätern wie Matt Damon, John Malkovich und Dennis Hopper verkörpert wurde. Doch im Jahr 1952 veröffentlichte sie – unter dem Pseudonym Claire Morgan – ein Buch, das ganz anders war. "Salz und sein Preis" ist die autobiographisch angehauchte Geschichte der Liebe zwischen zwei Frauen aus verschiedenen Welten (Therese fungiert als Alter Ego der Autorin) zu einer Zeit, in der Homosexualität mindestens verpönt war und bei Männern in der McCarthy-Ära gar als "unamerikanisch" verfolgt wurde. Erstaunlicherweise war das Buch trotzdem schon damals ein Bestseller, was sicherlich zum Teil mit dem "Reiz des Verbotenen" zusammenhing, aber auch darauf hindeuten könnte, daß Teile der Gesellschaft aufgeschlossener waren als Politik und Justiz nicht nur in den USA. Aber wie dem auch sei, heutzutage ist eine Erzählung über eine lesbische Liebe natürlich und zum Glück kein Tabu mehr, auch wenn eine vollkommene Gleichberechtigung hetero- und homosexueller Paare noch immer nicht erreicht ist. Die gesellschaftliche Relevanz hat "Salz und sein Preis", hier als "Carol" verfilmt, also vielleicht ein Stück weit verloren, jedoch bleiben die impliziten Aussagen über Liebe und Toleranz natürlich universal, letztlich würde die Geschichte auch mit Hetero-Paaren funktionieren, denen aufgrund gewisser Unterschiede (z.B. im Alter, in der Religion, in der Hautfarbe oder in der gesellschaftlichen Stellung) Steine in den Weg gelegt werden. Das Entscheidende bei "Carol" ist, daß es sich (vermutlich auch beim Buch, das ich jedoch nicht gelesen habe) um eine einfühlsam erzählte, bewegende, mitunter gar aufrüttelnde Geschichte handelt, die von Regisseur Todd Haynes mit einer perfekten Besetzung kongenial auf die große Leinwand transportiert wurde. Daß es eine Liebe zwischen zwei Frauen ist, die im Mittelpunkt steht, ist eigentlich nebensächlich, beschert uns hier aber mit ganz großem Schauspielerkino.

Todd Haynes war im Grunde genommen fast die einzige denkbare Wahl für den Regiestuhl von "Carol", denn bereits im Jahr 2002 bewies er mit seinem gefeierten Liebesdrama "Dem Himmel so fern", wie nahe er dem Stil von Douglas Sirk kommt, jenem Regisseur überlebensgroßer Melodramen in den 1950er Jahren wie "Die wunderbare Macht" oder "Was der Himmel erlaubt" (die größte Inspirationsquelle für "Dem Himmel so fern"). Wäre es damals zensurtechnisch möglich gewesen, hätte bestimmt Sirk "Salz und sein Preis" verfilmt, so kam diese Aufgabe 60 Jahre später seinem geistigen Nachfolger Todd Haynes zu, der sie in angenehm altmodischer, unaufgeregter Art und Weise mit stilvollendeter Eleganz vollbracht hat. Die gesellschaftliche Ächtung der Homosexualität spielt dabei eine kleinere Rolle als man angesichts der Prämisse erwarten würde; "Carol" verschweigt die Repressalien dieser Zeit keineswegs und das, was gezeigt wird, macht einen mitunter wirklich wütend (speziell die "Immoralitäts-Klausel", die geradezu zum Rufmord animierte). Dennoch konzentriert sich der Film – analog zur durchaus hoffnungsvoll endenden Buchvorlage – erkennbar auf das Positive: auf die ungewöhnliche Liebe zwischen Therese und Carol.

Daß die für den Zuschauer glaubwürdig ist, liegt naturgemäß in allererster Linie an den beiden Schauspielerinnen, die sich nicht nur mit Leib und Seele ihren Rollen hingeben, sondern auch wunderbar miteinander harmonieren. Alleine der erste Moment zwischen den beiden Frauen … sie befinden sich in einem lauten, überfüllten Kaufhaus kurz vor Weihnachten, doch als sich ihre Blicke treffen, sprühen regelrecht die Funken – eine atemberaubend schöne Szene, die mehr sagt als 1000 Worte! Todd Haynes ist sowieso ein Regisseur, bei dem Blicke und Gesten oft mehr sagen als Worte und das lebt er in "Carol" richtig aus. Zwar gibt es wohlgemerkt viele kluge Dialoge voller Esprit, doch letztlich spielen diese immer nur die zweite Geige – weshalb sie auch schon mal vorübergehend von der erhabenen Musik von Cater Burwell ("True Grit") übertönt werden, um besagte Blicke und Geste zweifelsfrei in den Mittelpunkt des Geschehens zu rücken. Gerade durch ihre penibel herausgearbeitete oberflächliche Unterschiedlichkeit ist die Interaktion zwischen Carol und Therese besonders faszinierend. Hier die scheue junge Frau, hübsch, aber mit dezentem Make-up auch recht unauffällig und ein wenig burschikos, die Haltung zwar neugierig und aufgeschlossen, gleichzeitig aber – ihrem gesellschaftlichen Stand entsprechend – ein wenig unterwürfig; dort die ältere Dame aus der höheren Gesellschaft mit der perfekten Ausdrucksweise, der majestätischen Stimme und dem makellosen Aussehen, etwas verloren und distanziert wirkend in der Interaktion mit "normalen" Menschen aus der Arbeiterklasse, aber immer freundlich und zuvorkommend. Ja, es ist ein Klischee, aber es ist auch wahr: Carol und Therese kommen aus zwei verschiedenen Welten, was sie (vor allem Carol) ihre jeweiligen Bekannten auch deutlich spüren lassen. Und doch ist die Anziehungskraft zwischen ihnen stärker, sie überwindet alles – oder zumindest scheint es so.

Ich kann Cate Blanchett und Rooney Mara nicht genug Komplimente für ihre Schauspielkunst machen. Beide gehen in ihren Rollen auf, machen sie sich zu eigen und verwandeln sie in etwas Faszinierendes, etwas Wundervolles. Speziell bei Blanchett ist es beeindruckend, wie sie eine unter der stets beherrschten Oberfläche vor Emotionen brodelnde Figur, die auf den ersten Blick stark an ihre OSCAR-gekrönte Rolle in Woody Allens "Blue Jasmine" erinnert, mit einer Vielzahl raffinierter Feinheiten in Mimik und Gestik so anbetungswürdig interpretiert, daß bereits nach kurzer Zeit garantiert keine Verwechslungsgefahr mehr besteht. Und wo Blanchett auch wegen ihrer wundervollen, tiefen und ein bißchen rauchigen Stimme an "Die Göttliche" Greta Garbo erinnert (Blanchett hat eine wirklich gute deutsche Synchronsprecherin, trotzdem kann ich nur jedem empfehlen, sich Filme mit ihr und ganz speziell einen Film wie "Carol", bei dem es so sehr auf kleinste Nuancen ankommt, im Original anzuschauen), ist Rooney Mara ein modernes Pendant zu Audrey Hepburn in der Kombination aus zerbrechlicher, jugendlicher Unschuld und scheuer, in ihrer Hartnäckigkeit aber durchaus selbstbewußter Zielstrebigkeit. Beide sorgen im Zusammenspiel dafür, daß Carol und Therese auf der Leinwand zum Leben erweckt werden, daß sie dem Zuschauer wie reale Menschen erscheinen und ihm lange in Erinnerung bleiben werden. Daß Blanchett und Mara beide für einen OSCAR nominiert wurden, ist da nur folgerichtig.

Daß das für den gesamten Film gilt, ist natürlich auch Todd Haynes' zurückgenommener, aber effektiver Regie zu verdanken, die Blanchett und Mara die Bühne überläßt, sie jedoch in der Kombination mit den eleganten Bildkompositionen von Kameramann Edward Lachmann ("Erin Brockovich"), der authentischen 1950er Jahre-Ausstattung, den gut ausgewählten Songs aus jener Ära (darunter mein Lieblings-Weihnachtslied "Silver Bells" in der Interpretation von Perry Como) und den edlen Kostümen perfekt in Szene setzt. Auch die Nebendarsteller fügen sich hervorragend ein und setzen eigene Akzente, was ob der schauspielerischen Dominanz von Blanchett und Mara durchaus bemerkenswert ist. Vor allem Sarah Paulson ("12 Years a Slave") als Carols loyale Kindheits-Freundin und Ex-Liebhaberin Abby und Kyle Chandler als Carols Ehemann, der seit langem von ihrer wahren sexuellen Neigung weiß und sie trotzdem nicht loslassen kann und will, haben einige starke Szenen, die teils sogar tiefere Einsichten über Carol transportieren (wie Abbys Vorwurf gegenüber Harge, er habe 20 Jahre lang erfolgreich dafür gesorgt, daß sich Carols Leben nur um ihn drehe, weshalb sie nie eigene Freunde finden konnte); zudem überzeugt in einem kurzen, aber für die Handlung wichtigen Auftritt "Gotham"-Riddler Cory Michael Smith als Kurzwaren-Verkäufer Tommy. Und so ergibt sich insgesamt ein wunderbarer Liebesfilm, der auch Menschen begeistern kann, die sich sonst mit dem Genre eher schwertun (ich bin der Beweis dafür).

Fazit: "Carol" ist ein elegantes, sehr emotionales Liebesdrama, das eine subtil inszenierte und grandios gespielte lesbische Beziehung mit den gesellschaftlichen Zwängen der 1950er Jahre konfrontiert.

Wertung: 9 Punkte.


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