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In eigener Sache: Mein neues Filmbuch

Einigen Lesern ist bestimmt aufgefallen, daß ich in der rechten Spalte meines Blogs seit einigen Monaten das Cover meines neuen Buchs präs...

Mittwoch, 25. November 2015

STEVE JOBS (2015)

Regie: Danny Boyle, Drehbuch: Aaron Sorkin, Musik: Daniel Pemberton
Darsteller: Michael Fassbender, Kate Winslet, Seth Rogen, Jeff Daniels, Michael Stuhlbarg, Katherine Waterston, Sarah Snook, Makenzie Moss, Ripley Sobo, Perla Haney-Jardine, John Ortiz, Adam Shapiro
 Steve Jobs
(2015) on IMDb Rotten Tomatoes: 86% (7,6); US-Einspielergebnis: $34,4 Mio.
FSK: 6, Dauer: 123 Minuten.

Im Jahr 1984 präsentiert der visionäre, aber charakterlich nicht ganz einfache Apple-Gründer Steve Jobs (Michael Fassbender, "Macbeth") auf einer Veranstaltung seinen revolutionären neuen Computer, den Macintosh. Vier Jahre später, nachdem der Macintosh bei weitem nicht den gewünschten Erfolg zeitigen konnte, präsentiert Jobs (der zu dieser Zeit nicht mehr bei Apple arbeitet) seinen vor allem für Bildungseinrichtungen konzipierten Computer NeXT. 1998 schließlich steht nach Jobs' Rückkehr zum strauchelnden Apple-Konzern die Präsentation des iMac an. Unmittelbar vor diesen drei wichtigen Veranstaltungen trifft Jobs jedes Mal auf die gleiche Handvoll von Wegbegleitern, die auf die eine oder andere Weise großen Anteil an seinem Werdegang haben. Dies sind seine loyale Vertraute Joanna Hoffman (Kate Winslet, "Little Children"), sein Jugendfreund und Apple-Mitgründer Steve Wozniak (Seth Rogen, "Das ist das Ende"), der Softwareentwickler Andy Hertzfeld (Michael Stuhlbarg, "A Serious Man") und der Apple-Chef John Scully (Jeff Daniels, "Looper") sowie auf privater Seite Jobs' frühere Geliebte Chrisann (Katherine Waterston, "Inherent Vice") und ihre (mit einer 94,1-prozentigen Wahrscheinlichkeit) gemeinsame Tochter Lisa. Die emotionalen Konfrontationen zeichnen das Psychogramm eines getriebenen, oft egomanischen, aber letztlich genialen Menschen …

Kritik:
Ich weiß nicht, woran es liegt, aber scheinbar gefallen mir Filme über internetrelevante Themen, die mich eigentlich überhaupt nicht interessieren, besonders gut. So war es bei David Finchers "The Social Network", obwohl ich eine ziemliche Abneigung gegen Facebook habe. Und so ist es nun auch bei "Steve Jobs", obwohl ich in meinen 36 Lebensjahren kein einziges Apple-Produkt gekauft und auch nur eines über längere Zeit genutzt habe (ein Macintosh war Ende der 1980er Jahre der erste Computer bei uns im Haus). Aber ich muß mich korrigieren, denn eigentlich weiß ich genau, warum ich diese beiden Filme so schätze: weil sie einfach sehr gut gemacht sind. Und weil sie einen gemeinsamen Nenner haben: Aaron Sorkin. Der Schöpfer der phasenweise brillanten (aber wegen "zu amerikanischer Thematik" nie im deutschen Free-TV gezeigten) und mit Auszeichnungen überhäuften Politserie "The West Wing – Im Zentrum der Macht" gehört zu den relativ wenigen Drehbuch-Autoren in Hollywood, die einen ganz eigenen, unverwechselbaren Schreibstil haben – der auch noch erfolgreich ist. Zwar nicht immer (seine letzten beiden Serien "Studio 60 on the Sunset Strip" und "The Newsroom" liefen bestenfalls mittelmäßig), aber häufig genug, um den meinungsstarken Kreativen zu einem einflußreichen Player in Hollywood zu machen. Wobei es aber auch gar nicht so wenige Kritiker gibt, die ihm vorwerfen, seine (aus US-Perspektive sehr liberalen) Ansichten zu offensiv in seine Drehbücher einzuarbeiten oder generell die von ihm erzählten Geschichten zu stark in sein messerscharfes (wenn auch beinahe unglaubwürdig eloquentes) Dialog-Konstrukt einzuengen und somit dem Regisseur und den Darstellern wenig Raum zum Arbeiten zu geben. Diese Anschuldigungen sind nicht gänzlich aus der Luft gegriffen und auch "Steve Jobs" merkt man die Konstruiertheit deutlich an. Das ist allerdings kein allzu großes Problem, wenn das, was Sorkins Gehirn da fabriziert und konstruiert hat, so brillant ausfällt wie in diesem komplexen Psychogramm eines unangepaßten technologischen Visionärs (oder wie in "The Social Network"). Denn dann muß der Regisseur diese Vorlage "nur noch" souverän verwandeln und die Schauspieler freuen sich sowieso, wenn sie so toll geschriebene Dialoge zum Leben erwecken dürfen.

Eine nicht unerhebliche Einschränkung für mein überschwängliches Lob für Sorkins Arbeit gibt es allerdings; denn nach allem, was man von den Weggefährten des mittlerweile verstorbenen Steve Jobs hört und liest, hat sich kaum etwas von dem, was der Film von Danny Boyle ("127 Hours") so mitreißend schildert, tatsächlich zugetragen. Obwohl sich Aaron Sorkin an einem Sachbuch von Walter Isaacson über den Apple-Gründer orientiert (das bei Jobs' Familie wenig Freude auslöste), hat er sich große künstlerische Freiheiten genommen bei dem Versuch, sich dem Kern von Jobs' Wesen anzunähern. Ob ihm das gelungen ist oder nicht, kann ich natürlich nicht beurteilen; die Aussagen dazu von Menschen, die ihn kannten, sind sehr wechselhaft ausgefallen, Fakt scheint jedoch zu sein, daß Jobs nach dem Ende der von Boyles Werk abgehandelten Zeitspanne von 1984-1998 deutlich milder wurde. Letztlich ist es bei Filmen über gut dokumentierte historische Ereignisse oder Personen wohl immer so, daß man eigentlich zwei Kritiken verfassen müßte: Eine über den Film als eigenständiges Kunstwerk und eine weitere über den Film als authentische Annäherung an die Realität. In letzterer Deutung ist "Steve Jobs" wohl bestenfalls zweifelhaft zu nennen, dafür funktioniert er als eigenständiges Werk umso besser. Ein US-Kritiker hat einen ziemlich passenden Vergleich zu Orson Welles' Jahrhundert-Meisterwerk "Citizen Kane" gezogen. Der dortige Protagonist hieß Charles Foster Kane, war aber klar erkennbar nach dem realen Zeitungsmagnaten William Randolph Hearst modelliert – so deutlich, daß der wenig erfreut reagierte und alles versuchte, um den Film vollständig zu vernichten (was übrigens wörtlich gemeint ist, denn Hearst wollte tatsächlich alle Negative aufkaufen und verbrennen; zum Glück scheiterte er mit diesem Vorhaben). Vielleicht wäre es auch bei "Steve Jobs" besser gewesen, keine realen Namen zu verwenden. Aber daran läßt sich nun nichts mehr ändern und so wird Boyles Film leider für immer nicht nur mit seiner großartigen cineastischen Machart verbunden werden, sondern auch mit den Fragen über die Authentizität des Gezeigten.

Dabei läßt Aaron Sorkin eigentlich von Anfang an kaum Zweifel über seinen sehr künstlerischen und damit eben auch recht freien Ansatz. "Steve Jobs" ist wie ein klassisches Theaterstück aufgebaut, mit drei klar voneinander abgegrenzten Akten, die (abgesehen von ein paar kurzen Rückblenden) allesamt in einer großen Location stattfinden, nämlich einem Convention Center, in dem Jobs eine große Produktpräsentation durchführt. Okay, streng genommen sind es zwei Schauplätze, denn während die Apple-Präsentationen im Flint Center in Cupertino abgehalten wurden, geschah dies für den NeXT 1988 in San Francisco. Das wird im Film aber nicht näher thematisiert und ist sowieso nicht wichtig, zumal solche Kongreßzentren von innen wohl fast alle ziemlich gleich aussehen. Für den Zuschauer wirkt es also so, als würden alle drei Akte am selben Ort stattfinden und dieser einheintliche Eindruck wird noch dadurch verstärkt, daß Steve Jobs in den letzten 40 Minuten vor seinem jeweiligen Auftritt stets auf genau die gleichen Leute trifft. Das ist natürlich nicht sonderlich glaubwürdig (und bestätigt in seiner Konstruiertheit nur, was ich über Sorkins künstlerische anstatt quasi-dokumentarische Intention schrieb), dafür aber ein ausgezeichneter dramaturgischer Kniff. Obwohl wir Jobs nur an drei Tagen seines Lebens kennenlernen, erfahren wir durch seine Gespräche mit diesen wichtigen, ihn prägenden Weggefährten viel über ihn, seinen Charakter und vor allem seine Entwicklung. Wirkt er zu Beginn noch wie ebenjenes "Arschloch", als das er im Lauf des Films oftmals bezeichnet wird, lernen wir ihn schon bald näher kennen und vor allem anhand seines Verhaltens gegenüber seiner zunächst von ihm abgelehnten Tochter Lisa auch zu schätzen. Wir erfahren nach und nach auf subtile Weise, was Jobs bewegt, was ihn kränkt, wofür er sich begeistert, was ihn verunsichert. Kurzum: Wir erhalten immer neue kleine Teile für das große, komplexe Puzzle namens "Steve Jobs".

Und obwohl das vor allem dank Aaron Sorkins preiswürdigem Drehbuch gelingt, das tiefgründig, temporeich, witzig, einfallsreich, elegant konstruiert und vor allem – wie immer bei Sorkin – ungemein eloquent ist, sind natürlich die Schauspieler ein ebenso wichtiger Bestandteil des Gelingens von "Steve Jobs". Im Zentrum steht logischerweise Michael Fassbender, der dem echten Apple-Gründer optisch zwar nicht übermäßig ähnelt, ihn dafür aber inhaltlich umso überzeugender zum Leben erweckt. Jobs' charakterliche Ambivalenz bringt er hervorragend zum Ausdruck, so daß das Publikum zwar immer wieder nur fassungslos den Kopf schütteln kann ob seiner bodenlosen Arroganz oder seines scheinbar gefühllosen Verhaltens, ihm aber trotzdem nicht auf Dauer böse sein kann. Obwohl Steve Jobs in diesem Film charakterlich wiederholt schlecht wegkommt, schimmern auch stets seine positiven Seiten durch, die er eigentlich eher verstecken will. Das Resultat dieses eher ungewöhnlichen Vorgehens ist, daß Jobs bei aller Antipathie, die sein Verhalten auslöst, realer wirkt als es bei den Protagonisten vieler "klassischer" Biopics der Fall ist, die nicht selten an bloße, unkritische Heldenverehrung grenzen. Dank Sorkins Drehbuch und Fassbenders Darstellung wirkt dieser Steve Jobs einfach "echt" – und gleichzeitig wird an seinem geistigen Erbe keineswegs gerüttelt (auch wenn oder gerade weil es gar nicht im Mittelpunkt steht). Die übrigen Figuren werden naturgemäß weniger ausführlich beleuchtet, sind aber ebenfalls paßgenau besetzt und sehr gut geschrieben. Kate Winslet als Jobs' einzige echte Vertraute Joanna, die immer zu ihm hält, aber auch nicht davor zurückscheut, ihm die Meinung zu sagen; Michael Stuhlbarg als Softwareentwickler Andy Hertzfeld, der vielleicht am meisten unter Jobs' extrem hohem Anspruchsdenken zu leiden hat (mit seiner Schlagfertigkeit aber dennoch für die größten Lacher im Film sorgt); Jeff Daniels als von Jobs installierter Apple-Chef John Scully, der für ihn beinahe wie eine Vaterfigur ist, von dem er sich aber bald verraten fühlt; und Seth Rogen in einer ungewohnt ernsten Rolle als von Jobs zunehmend enttäuschter Jugendfreund Steve Wozniak. Sie alle nutzen die Möglichkeiten, die Sorkins Drehbuch ihnen gibt, und liefern Glanzleistungen ab, die in einer gerechten (Kino-) Welt jedem von ihnen eine OSCAR-Nominierung bescheren sollten (Fassbender und Winslet haben sie tatsächlich erhalten). Lediglich Katherine Waterston hat als Mutter von Jobs' Tochter Lisa eine recht undankbare Rolle erwischt, die auch als einzige der hier genannten nur vor zwei der drei Präsentationen zugegen ist.

Ich weiß, ich habe bereits reichlich von Sorkins Drehbuch geschwärmt, aber einen Aspekt muß ich zusätzlich beleuchten: "Steve Jobs" ist nämlich nicht nur das erwähnte Jobs-Psychogramm geworden, sondern entfaltet sich gleichzeitig auch noch als gefühlvolles Familiendrama und als einsichtsreicher Wirtschaftsfilm. Es ist schier unglaublich, wie viel Stoff Sorkin in diese zwei Stunden bester Kinounterhaltung packt, weswegen übrigens dringend anzuraten ist, den Film konzentriert zu verfolgen. Großes Lob gebührt selbstverständlich auch Regisseur Danny Boyle, der zwar schlauerweise Sorkins Drehbuch dominieren läßt anstatt selbst durch inszenatorische Mätzchen beeindrucken zu wollen, dem es aber auch eindrucksvoll gelingt, den Inhaltsreichtum des Drehbuchs in einen 120 Minuten-Film zu komprimieren, ohne daß dieser je überladen (oder zu theaterhaft) wirken würde; unterstützt wird er dabei von der lebhaften, abwechslungsreichen Musik des jungen britischen Komponisten Daniel Pemberton ("Codename U.N.C.L.E."). Nur in wenigen Szenen übertreibt es Boyle für meinen Geschmack ein wenig mit dem Symbolismus, wenn er etwa in einer Rückblende prasselnden Regen Jobs' Entlassung bei Apple begleiten läßt. Natürlich kann es sein, daß es in jener Nacht zufällig tatsächlich regnete, aber selbst in diesem Fall wäre Boyles Inszenierung recht plakativ geraten. Andererseits: Hätte er darauf verzichtet, wäre seinem Publikum eine wunderbar atmosphärisch inszenierte Schlüsselszene entgangen; insofern ist selbst dieser Kritikpunkt schlimmstenfalls ein halber …

Fazit: "Steve Jobs" ist ein intelligentes, vielseitiges und sprachgewaltiges (aber inhaltlich sehr freies) Porträt des Apple-Gründers geworden, das in einem kammerspielartigen Szenario mit brillanten Dialogen und psychologischem Tiefgang ebenso begeistert wie mit den Leistungen der Schauspieler, dabei aber von seinem Publikum eine hohe Konzentration einfordert sowie die Bereitschaft, sich ganz auf die Charaktere einzulassen.

Wertung: 9,5 Punkte.


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