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In eigener Sache: Mein neues Filmbuch

Einigen Lesern ist bestimmt aufgefallen, daß ich in der rechten Spalte meines Blogs seit einigen Monaten das Cover meines neuen Buchs präs...

Mittwoch, 11. November 2015

BLACK MASS (2015)

Regie: Scott Cooper, Drehbuch: Mark Mallouk und Jez Butterworth, Musik: Tom Holkenborg
Darsteller: Johnny Depp, Joel Edgerton, Benedict Cumberbatch, Rory Cochrane, Kevin Bacon, Jesse Plemons, W. Earl Brown, Julianne Nicholson, David Harbour, Erica McDermott, Dakota Johnson, Corey Stoll, Peter Sarsgaard, Juno Temple, Adam Scott, Bill Camp
 Black Mass
(2015) on IMDb Rotten Tomatoes: 73% (6,7); weltweites Einspielergebnis: $99,8 Mio.
FSK: 16, Dauer: 123 Minuten.

Boston, Mitte der 1970er Jahre: Die Lebenswege einiger Kindheitsfreunde haben sich sehr unterschiedlich entwickelt – während es William "Billy" Bulger (Benedict Cumberbatch, "The Imitation Game") zum Senator gebracht hat und John Connolly (Joel Edgerton, "Der große Gatsby") zum FBI-Agenten, ist Billys älterer Bruder James "Whitey" Bulger (Johnny Depp, "Lone Ranger") als Anführer der "Winter Hill Gang" zu einem der führenden Gangster in Boston geworden. Aufgrund ihrer gemeinsamen Vergangenheit läßt sich Whitey von John überreden, FBI-Informant zu werden; als Gegenleistung darf Whitey seinen Geschäften relativ unbehelligt nachgehen, solange er es nicht übertreibt oder jemanden tötet. Whitey legt den Deal jedoch stark zu seinen Gunsten aus und zieht John und dessen Partner Morris (David Harbour, "Zeiten des Aufruhrs") immer stärker in seine von Gewalt und Mißtrauen geprägte Welt hinein. Mangels zählbarer Ergebnisse gerät John aber bei seinem Vorgesetzten Charles McGuire (Kevin Bacon, "X-Men: Erste Entscheidung") zunehmend unter Druck …

Kritik:
Nachdem Johnny Depp in den letzten Jahren einen kommerziellen und qualitativen Mißerfolg an den nächsten gereiht hat und überhaupt nur noch richtig in seiner Paraderolle als Captain Jack Sparrow in der "Fluch der Karibik"-Reihe zu glänzen schien, demonstriert er in Scott Coopers ("Crazy Heart") auf einer wahren Geschichte basierendem Gangsterfilm endlich wieder, was er schauspielerisch alles drauf hat. Das ist allerdings auch nötig, den ohne Depps Leistung wäre "Black Mass" ein eher unspektakulärer Film, der die Möglichkeiten der eigentlich unglaublichen Vorlage aus der Realität nur selten ausschöpft und damit deutlich hinter Genreklassikern wie der "Der Pate"-Trilogie, "Scarface" oder "Good Fellas" zurücksteht.

Eines der großen Probleme von "Black Mass" offenbart sich ziemlich schnell: Die Geschichte beginnt noch sehr klassisch, indem Aufstieg und Fall Whitey Bulgers in Form von durch Zeugenaussagen hervorgerufenen Rückblenden geschildert werden – eine altbekannte, aber absolut bewährte Vorgehensweise bei Gangsterfilmen, die auch hier einwandfrei funktioniert und für einen ungemein atmosphärischen Auftakt sorgt. Übrigens kommt in dieser Phase auch die stimmige Musik gut zum Tragen, die zeigt, daß Komponist Tom Holkenborg alias Junkie XL keineswegs nur Action-Scores á la "Mad Max: Fury Road" oder "300 Rise of an Empire" beherrscht. Bedauerlicherweise verwendet Cooper die puzzleartigen Rückblicke aber eher als Gimmick, das die Zuschauer gleich zu Beginn einfangen soll; bereits nach wenigen Minuten gerät diese Rahmenhandlung bis kurz vor Schluß fast komplett in den Hintergrund zugunsten einer weitestgehend chronologisch linearen – und damit deutlich langweiligeren – Erzählweise. Das an sich ist ja trotzdem noch kein großes Problem, solange das Drehbuch nur gut genug ist. Genau das ist es aber leider nicht. Es ist wohlgemerkt keineswegs schlecht, aber ziemlich mittelmäßig und ideenlos. Vor allem gibt es den durchgehend hervorragenden Schauspielern zu wenig, mit dem sie arbeiten können.

Dabei gibt es immer wieder einmal Momente, in denen aufblitzt, was mit dieser Geschichte und diesem Cast möglich gewesen wäre. Eindrucksvoll beispielsweise eine Szene in der zweiten Filmhälfte zwischen Whitey und Johns vom Vorgehen ihres Mannes nicht wirklich begeisterter Ehefrau Marianne (Julianne Nicholson, "Im August in Osage County"), in der Depp – ohne zu Gewalt zu greifen oder auch nur laut zu werden – mit nuancierter Mimik und Gestik eine Bedrohlichkeit ausstrahlt, die ihresgleichen sucht, während Nicholson Mariannes Todesangst glaubwürdig rüberbringt. Während das für Depp nur einer von vielen starken Momenten ist, könnte Nicholson abseits dieser Szene auch komplett fehlen, ohne daß es irgendjemandem auffallen würde. Und sie ist bei weitem nicht die einzige, der es so ergeht: Ob Kevin Bacon als hochrangiger FBI-Mann, Corey Stoll ("Ant-Man") als hart durchgreifender Staatsanwalt, Dakota Johnson ("Fifty Shades of Grey") als Whites Ehefrau oder Peter Sarsgaard ("Green Lantern") als vorübergehender Komplize der Winter Hall Gang … sie haben jeweils ziemlich genau eine starke Szene und ansonsten wenig zu tun, auch von Figurenentwicklung kann hier nicht die Rede sein. Selbst Benedict Cumberbatch ergeht es als Senator Bulger kaum besser, ebenso Whiteys engsten Vertrauten innerhalb der Gang, Stephen Flemmi (Rory Cochrane, "Oculus"), Johnny Martorano (W. Earl Brown, "Wild") und Kevin Weeks (Jesse Plemons aus der TV-Serie "Breaking Bad"). Die einzigen Charaktere, die dem Drehbuch tatsächlich am Herzen zu liegen scheinen, sind Whitey Bulger und John Connolly.

Deren wechselvolle Beziehung zueinander immerhin ist sehr überzeugend geraten. Natürlich kann Johnny Depp erwartungsgemäß am stärksten brillieren, da seine Figur extrovertierter ist und einen erheblichen charakterlichen Wandel durchläuft. Als Folge eines Schicksalsschlages wird er immer brutaler, skrupelloser, paranoider und zugleich größenwahnsinniger, er hält sich irgendwann für unantastbar und unbesiegbar. Depp porträtiert die Entwicklung ausgezeichnet, die nicht ruckzuck geschieht, sondern sich in glaubwürdig schleichendem Tempo entfaltet. Dabei beeindrucken vor allem seine unheilvolle Präsenz und die Intensität seiner buchstäblich humorlosen Darstellung. Es bräuchte gar nicht die wenigen, aber unvermeidlichen, schnörkellos inszenierten Gewaltsequenzen, um jedem Zuschauer das volle Ausmaß von Whitey Bulgers Gefährlichkeit und Unberechenbarkeit zu verdeutlichen. Aber neben Depp beweist auch der Australier Joel Edgerton ein weiteres Mal sein großes Können in der Rolle des ehrgeizigen FBI-Agenten, dessen eingangs (relativ) lautere Absichten durch die alte Freundschaft mit den Bulgers ebenso kompromittiert werden wie dadurch, daß er zunehmend Gefallen findet an den Annehmlichkeiten des Gangsterlebens – die Whitey ihm immer wieder raffiniert vor die Nase hält wie einem Esel die Karotte. John mag sich einreden, daß es zuvorderst er ist, der Whitey instrumentalisiert; doch in Wirklichkeit ist er kaum mehr als eine Marionette für den Gangster. Die Beziehung dieser beiden zentralen Charaktere und ihre realistische Entwicklung ist ohne jeden Zweifel das Herz von "Black Mass" und der Grund dafür, daß Coopers Film trotz seiner Drehbuch-Schwächen positiv im Gedächtnis bleibt.

Fazit: "Black Mass" ist ein klassisch aufgebauter Gangsterfilm, der vor allem in den beiden zentralen Rollen mit bemerkenswerten schauspielerischen Leistungen auftrumpft, inhaltlich und inszenatorisch jedoch deutlich zu einfallslos geraten ist, um weit über gehobenes Mittelmaß hinauszukommen.

Wertung: 7 Punkte.


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