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Dienstag, 30. Dezember 2014

Nachruf: Luise Rainer (1910-2014)

Ich bin mir ziemlich sicher, daß ich hiermit erstmals einen Nachruf für einen Filmschaffenden schreibe, von dem ich noch nie einen Film gesehen habe (die Betonung liegt auf "noch", denn mindestens drei davon würde ich auf jeden Fall noch gerne nachholen). Insofern muß ich hier leider auch darauf verzichten, persönliche Erfahrungen oder Eindrücke aus einzelnen Werken in diesen Text einzubauen, mit denen ich sonst versuche, ein bloßes trockenes Nacherzählen der Filmographie des oder der Betreffenden zu vermeiden. Doch Luise Rainer ist diese Ausnahme natürlich wert, hat sie doch gleich in mehrfacher Hinsicht Filmgeschichte geschrieben.

Doch ich will nicht vorgreifen. Die gebürtige Düsseldorferin Luise Rainer wurde als junge Mimin vom legendären Theaterregisseur Max Reinhardt entdeckt, der sie an das von ihm geleitete, traditionsreiche "Theater in der Josefstadt" in Wien holte. Mit Reinhardt als Mentor wurde Rainer schnell zu einer populären Schauspielerin in Österreich und Deutschland und sammelte erste Filmerfahrungen. Doch dann kam Hitler in Deutschland an die Macht und 1935 entschied sie sich wie so viele andere große Künstler ihrer Generation dafür, aufgrund ihrer jüdischen Herkunft in die USA auszuwandern. Zu ihrem Glück war ihr Können den Talentspähern aus Hollywood bereits aufgefallen, weshalb sich Rainer im Gegensatz zu zahlreichen talentierten Mit-"Flüchtlingen" nicht erst mühselig nach oben arbeiten mußte, sondern mit einem Sieben-Jahres-Vertrag von MGM in der Tasche relativ beruhigt in ihre berufliche Zukunft blicken konnte. Und die sollte zunächst ausgesprochen rosig sein.

Mit ihrem ersten US-Filmpartner (in der romantischen Komödie "Seitensprung") William Powell fand sie erneut einen einflußreichen Fürsprecher, der ihr den Weg ebnen sollte. Der damalige Liebling der Massen (heutzutage wohl am besten bekannt für die äußerst vergnügliche "Der dünne Mann"-Krimireihe mit Co-Star Myrna Loy) war beeindruckt vom Talent der jungen Dame und besorgte ihr einige große Rollen an seiner Seite. Und so kam es, daß Luise Rainer für ihre gar nicht so umfangreiche, aber sehr emotionale Rolle der Anna Held in Robert Z. Leonards aufwendigem Musical "Der große Ziegfeld" – ihrem erst zweiten US-Film – gleich den OSCAR als beste Hauptdarstellerin des Jahres 1936 erhielt. Das war damals eine kontrovers diskutierte Wahl, da Rainer eben noch fast völlig unbekannt war (und sich gegen so etablierte Stars wie Carole Lombard oder Norma Shearer durchsetzte) und sie eher in die Nebenrollen-Kategorie hätte eingestuft werden sollen (eigentliche Hauptdarstellerin des Films war die bereits erwähnte Myrna Loy). Daß ihre Ehrung keineswegs nur pures Glück war, konnte Luise Rainer bereits im folgenden Jahr beweisen: Für die Hauptrolle der chinesischen Bäuerin O-Lan an der Seite des Superstars Paul Muni (das "Scarface"-Original "Narbengesicht", "Das Leben des Emile Zola") in Sidney Franklins Drama "Die gute Erde" wurde sie von der Kritik gefeiert und gewann erneut einen Academy Award. Damit ist Luise Rainer nicht nur die erste (und noch immer einzige) deutsche OSCAR-Gewinnerin der Geschichte, sondern sogar die erste Darstellerin, die zwei OSCARs gewinnen konnte und damit natürlich auch die erste, die zwei nacheinander gewann.

Der Weg für eine lange und erfolgreiche Karriere war also bereitet. Doch unglücklicherweise sammelte sie zusätzlich zu den genannten "offiziellen" OSCAR-Meilensteinen auch noch einen deutlich weniger begehrten inoffiziellen ein: Luise Rainer gilt als erstes Opfer des "OSCAR-Fluchs", der erschreckend vielen Darstellern nach einem frühen OSCAR-Gewinn ein veritables Karrieretief bescherte. In jüngerer Vergangenheit gelten vor allem Cuba Gooding Jr., Marisa Tomei, Mira Sorvino, Halle Berry oder auch Adrien Brody als Opfer dieses Fluchs. Während die Genannten sich jedoch allesamt früher oder später zumindest einigermaßen wieder fangen konnten, bedeuteten für Luise Rainer ihre beiden OSCARs tatsächlich den Anfang vom Ende ihrer Schauspieler-Karriere. Wobei sie daran in gewisser Weise selbst nicht ganz unschuldig war, denn die gebildete und sehr selbstbewußte Aktrice tat ihre Meinung gerne öffentlich kund und schreckte auch nicht davor zurück, Kollegen oder die Filmbranche insgesamt scharf zu kritisieren. So etwas wurde in dem noch im streng hierarchischen Studiosystem verhafteten Hollywood noch viel stärker als Undankbarkeit und Nestbeschmutzung gewertet als es selbst heute noch der Fall ist. Immerhin drehte sie 1937 und 1938 noch ein paar ganz ordentliche Filme ("Der große Walzer", "Big City" mit Spencer Tracy, "Finale in St. Petersburg" mit einmal mehr William Powell), doch irgendwann hatte der mächtige MGM-Boß Louis B. Mayer keine Verwendung mehr für die widerspenstige Schönheit. Nachdem sie ihren Vertrag mit dem Studio daraufhin vorzeitig kündigte, trat sie am Broadway auf und drehte für Paramount noch den 1943 veröffentlichten Kriegsfilm "Hostages", aber dann war für sie endgültig Schluß mit Hollywood. Nach dem Zweiten Weltkrieg trat sie nur noch ein paar Mal im US-Fernsehen auf (u.a. in einer Episode von "Love Boat") und feierte 1997 ein Mini-Comeback in der Dostojewski-Adaption "Dunkle Tage in St. Petersburg", doch größtenteils widmete sie sich ihrem Privatleben mit ihrem zweiten Ehemann, das sie die meiste Zeit über in Großbritannien verbrachte.

Heute, am 30. Dezember 2014, starb Luise Rainer in ihrem Wohnort London im stolzen Alter von 104 Jahren an den Folgen einer Lungenentzündung.

R.I.P. 

 

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