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In eigener Sache: Mein neues Filmbuch

Einigen Lesern ist bestimmt aufgefallen, daß ich in der rechten Spalte meines Blogs seit einigen Monaten das Cover meines neuen Buchs präs...

Dienstag, 16. September 2014

THESE FINAL HOURS (2013)

Regie und Drehbuch: Zak Hilditch, Musik: Cornel Wilczek
Darsteller: Nathan Phillips, Angourie Rice, David Field, Jessica De Gouw, Kathryn Beck, Daniel Henshall, Sarah Snook, Lynette Curran
 These Final Hours
(2013) on IMDb Rotten Tomatoes: 81% (7,1); weltweites Einspielergebnis: $0,4 Mio.
FSK: 16, Dauer: 87 Minuten.

Als ein großer Meteorit irgendwo im Atlantik einschlägt, ist es um das Leben auf der Erde geschehen: Ein gewaltiger, alles verzehrender Feuersturm breitet sich von der Einschlagstelle aus und überzieht nach und nach alle Kontinente. Als letztes ist Australien an der Reihe, 12 Stunden Zeit bleiben den Menschen, um sich auf ihr Ende vorzubereiten. Manche wollen gar nicht so lange warten und bringen sich lieber gleich um; andere koksen sich das Gehirn weg; einige plündern und brandschatzen sich ungehindert durch die Gegend; wieder andere bilden Gebetskreise und bitten Gott bis zum Schluß um Gnade für ihre Seelen; manche rennen mit der Machete durch die Gegend und hacken wahllos Menschen die Köpfe ein. James (Nathan Phillips, "Wolf Creek") will seine letzten Stunden auf einer ekstatischen Party verbringen, doch auf dem Weg dorthin begegnet er dem eben erwähnten Macheten-Schwinger. Mit viel Glück kann er sich vor dem Irren retten, der ihm allerdings sein Auto klaut. Als James wenig später sieht, wie zwei wenig vertrauenerweckend aussehende Männer ein etwa 10-jähriges, hübsches Mädchen (Angourie Rice, "Dinosaurier 3D – Im Reich der Giganten") aus ihrem Auto zerren, will er eigentlich nur selbiges stehlen. Doch als er die panischen Schreie der Kleinen vernimmt, kann er einfach nicht anders, als ihr zu Hilfe zu kommen …

Kritik:
Endzeitfilme haben mich schon immer fasziniert. Ich kann gar nicht genau sagen, warum eigentlich; vielleicht ist der Grund, daß man sich mit etwas Vorstellungskraft so gut in die Lage derjenigen hineinversetzen kann, die in der mehr oder weniger nahen Zukunft tatenlos dem Weltuntergang in die Augen blicken oder – je nach Szenario – nach dem dann doch nicht vollkommenen Weltuntergang unter widrigsten Umständen überleben müssen. Man überlegt sich unwillkürlich: Was würde ich in dieser Situation tun? Würde ich mich auf den Boden hocken und weinen? Oder würde ich ungeahnte Kräfte und Überlebensinstinkte entwickeln im Angesicht der Katastrophe? Alles ist möglich. Und ganz offensichtlich bin ich nicht der einzige, den diese düsteren Szenarien reizen, wie die große Anzahl von Filmen, Büchern, TV-Serien und Videospielen zum Thema zeigt. Und was haben wir nicht alleine im Filmbereich schon alles miterleben dürfen? Charlton Heston, der zum Sklaven sprechender Affen wird ("Planet der Affen"); Charlton Heston, der die Vorzüge des Massen-Nahrungsmittels Soylent Green genießt ("Jahr 2022 … die überleben wollen"); Charlton Heston als vermeintlich einziger verbliebener Mensch auf Erden ("Der Omega-Mann", in der Neuverfilmung "I Am Legend": Will Smith); Charlt … äh, nein: Mel Gibson, der sich mit wilden Punk-Autokriegern herumschlägt ("Mad Max"); Natalie Portman im Kampf gegen den Neo-Faschismus ("V wie Vendetta"); Keanu Reeves in der "Matrix"; Arnold Schwarzenegger als "Terminator"; ach, und nicht zu vergessen: unzählige Zombiefilme. "These Final Hours" des australischen Filmemachers Zak Hilditch ist ebenfalls ein Endzeitfilm, allerdings doch ein etwas anderer, da er sich ganz konkret und mit einem ziemlich pessimistischen Menschenbild auf die finalen Stunden der letzten Menschen auf Erden vor der Vernichtung allen Lebens auf dem Planeten konzentriert. Und das macht er ziemlich gut.

Die Australier scheinen recht fasziniert zu sein von der Vorstellung, daß sie als letzte von den Auswirkungen einer weltzerstörenden Katastrophe betroffen sein könnten, die ihren Ausgang irgendwo in Europa oder Amerika nimmt. Jedenfalls hat der Romanautor Nevil Shute dieses Szenario bereits in seinem 1957 erschienenen Roman "On the Beach" durchgespielt, der zwei Jahre später von Hollywood unter der Regie von Stanley Kramer und mit dem deutschen Titel "Das letzte Ufer" verfilmt wurde; darin sucht eine US-amerikanische U-Boot-Besatzung unter Führung von Gregory Peck nach einem nuklearen Atomkrieg Zuflucht in Australien – dem einzigen Ort, an dem Menschen noch leben können. Die Betonung liegt auf "noch", denn die nukleare Verseuchung nähert sich langsam, aber unaufhaltsam auch dem fünften Kontinent. Zak Hilditch beschleunigt dieses Szenario in "These Final Hours" deutlich, indem er die alles zerstörende Feuerwalze Australien innerhalb eines halben Tages erreichen läßt – somit sind nutzlose Rettungsversuche wie in "Das letzte Ufer" von vornherein ausgeschlossen und man kann sich auf das Wesentliche konzentrieren, auf die einzige noch verbleibende Frage: Wie will ich die letzten Stunden meines Lebens verbringen?

James beantwortet diese Frage für sich nach kurzem Zögern edelmütiger, als er es selbst von sich erwartet hätte. Schließlich ist er, der neben seiner Freundin auch noch eine schwangere Geliebte (Jessica de Gouw, TV-Serie "Dracula") hat, nicht gerade ein Superheld. Dennoch sagt ihm sein Gewissen, daß er Rose zunächst retten und dann zu ihrem Vater bringen muß, damit sie den unausweichlichen Tod nicht einsam erleidet. Das Verhältnis, das sich zwischen James – Typ "raue Schale, weicher Kern" – und der liebenswerten Rose innerhalb dieser wenigen Stunden entwickelt, skizziert Hilditch mit großer Einfühlsamkeit. Auch dank der glaubwürdigen Darstellung durch Nathan Phillips und die junge Angourie Rice funktioniert diese ungewöhnliche Beziehung auf Zeit hervorragend und trotz zahlreicher anrührender Momente weitgehend frei von Kitsch. Daß James, den es eher aufgeregt hat, daß seine Geliebte ihm kurz vor dem Ende der Welt enthüllt, daß er in einer besseren Zukunft ein Kind bekäme, nun gegenüber Rose echte väterliche Gefühle entwickelt, ist natürlich nicht gerade ein Ausbund an Subtilität, aber erneut gilt: Es funktioniert einfach. Die beiden sind ein ungemein sympathisches Gespann, das sich aneinander aufrichtet und die Perversitäten dieser untergehenden Zivilisation gemeinsam etwas besser erträgt als alleine.

Entsprechend ist "These Final Hours" dann am besten, wenn sich die Geschichte auf James und Rose konzentriert. Wobei, das stimmt nicht ganz: Richtig stark sind die ersten Minuten des Films, in denen James in seinem Auto – begleitet von der eindringlichen, sonoren Stimme eines für seine verbliebenen Hörer tapfer bis zum Schluß ausharrenden Radiosprechers (David Field, "The Rover") – durch die bereits großteils verlassenen Straßen fährt, auf dem Weg zur großen Weltuntergangsparty. Die bizarren Szenen, die sich ihm und uns Zuschauern dabei bieten, erinnern ein wenig an die grandiose Eingangssequenz von Zack Snyders "Dawn of the Dead"-Remake, nur weniger actionreich. Leider endet dieser sehr gelungene Auftakt mit einem ersten Schwachpunkt des Films, denn James' Flucht vor dem Macheten-Mann wird von einem Heavy Metal-Song untermalt. Wenn man das liest, mag es gar nicht so unpassend erscheinen – verzweifelte Flucht vor einem Irren, aggressive Metal-Musik, ja doch … kann man sich vorstellen. Nur daß es hier nicht wirkt. Bilder und Musik harmonieren einfach nicht miteinander, vielmehr wird man als Zuschauer durch den Song gnadenlos aus der bis dahin so gekonnt aufgebauten melancholischen Atmosphäre herausgerissen.

Ähnlich sieht es später aus, als James – mit Rose im Schlepptau – doch noch die Mega-Party seines Kumpels Freddy (Daniel Henshall, "Snowtown") erreicht und sich vorübergehend von seinem neuen, verängstigten Schützling trennt, um mit seiner Freundin Vicky (Kathryn Beck, TV-Serien "Nachbarn" und "Wentworth") rumzumachen. An sich sind sowohl James' als auch Roses "Solo-Szenen" nicht schlecht gemacht und erfüllen durchaus einen inhaltlichen Sinn; dennoch wirken sie im Vergleich zum Rest des Films übertrieben, konstruiert und auch zu sehr in die Länge gezogen. Letzteres kann sehr wohl der Hauptgrund dafür sein, daß Hilditch diese Party-Passage überhaupt integriert hat, denn mit 87 Minuten inklusive Abspann ist "These Final Hours" sowieso schon ziemlich kurz, ohne die Party wären es vielleicht noch 75 Minuten. So ist es jedenfalls eine echte Befreiung, als es zur Wiedervereinigung von James und Rose kommt und die beiden sich aufmachen, um in der angesichts des Szenarios geradezu boshaft idyllisch gefilmten, sonnendurchfluteten australischen Landschaft Roses Verwandte zu finden. Diese beiden sind schlicht und ergreifend Zentrum und Herz des Films.

Fazit: "These Final Hours" ist ein gelungenes australisches Weltuntergangs-Drama, das mit einer pessimistisch-glaubwürdigen Atmosphäre zwischen Hysterie und Melancholie punktet und einfühlsam die Geschichte einer Zufallsbegegnung zwischen einem kleinen Mädchen und einem erwachsenen, nicht sehr verantwortungsvollen Mann erzählt, die sich in ihren letzten Stunden gegenseitig Halt geben.

Wertung: 7,5 Punkte.


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