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Montag, 25. August 2014

Nachruf: Lord Richard Attenborough (1923-2014)

Lord Richard Attenborough, über viele Jahrzehnte hinweg erfolgreicher britischer Schauspieler und Regisseur, ist gestern, nur wenige Tage vor seinem 91. Geburtstag, in seiner Heimatstadt Cambridge verstorben (die Todesursache ist noch nicht bekannt). Mit Attenborough, dessen jüngerer Bruder David in Großbritannien ein sehr populärer Natur-Dokumentarfilmer ist, verliert die britische Filmbranche eine ihrer prägendsten und einflußreichsten Figuren, die sowohl im Vereinigten Königreich als auch in Hollywood viele große Erfolge feierte.

Der Weg des jungen Richard Attenborough in die Schauspielerei wurde zunächst vom Zweiten Weltkrieg ausgebremst, doch immerhin kam er bereits 1942 zu seiner ersten kleinen Filmrolle als Heizer in Noël Coward und David Leans Propagandafilm "In Which We Serve". Nach dem Kriegsende wurde er schnell ein vielbeschäftigter Darsteller im britischen Kino und wirkte in zahlreichen hochklassigen, heute aber leider etwas in Vergessenheit geratenen Produktionen mit. Erste Nebenrollen übernahm er 1946 in Michael Powell und Emeric Pressburgers inhaltlich wie visuell wunderschöner, übernatürlicher Technocolor-Romanze "Irrtum im Jenseits" (ganz ehrlich: unbedingt anschauen!) sowie in Sir Peter Ustinovs Frühwerk "School for Secrets", erste Hauptrollen verschaffte ihm Regisseur John Boulting in dem Kriegsdrama "Journey Together", der Graham Greene-Adaption "Brighton Rock" (2010 gab es ein mittelmäßiges Remake mit Sam Riley in der gleichen Rolle) und dem Erfinder-Biopic "Der wunderbare Flimmerkasten". Um hier alle bemerkenswerten frühen Rollen von Lord Richard Attenborough aufzuzählen, fehlt definitiv der Platz, aber den nächsten großen Karriereschub erhielt er durch seine erstmalige Mitwirkung in einer Hollywood-Produktion im Jahr 1963: "Gesprengte Ketten" von John Sturges zählt bis heute zu den ganz großen Klassikern der Traumfabrik. Dem Kriegsfilm, in dem eine Gruppe hochrangiger Kriegsgefangener den Ausbruch aus einem deutschen Gefangenenlager plant, gelingt wie kaum einem anderen Werk das Kunststück, Hochspannung, Dramatik, Humor und (entsprechend des Kriegs-Szenarios) Tragik miteinander zu einem sensationellen Ganzen zu verbinden. Attenboroughs Rolle als britischer Flieger-Offizier Roger "Big X" Bartlett, der den Ausbruch minutiös plant, verhalf ihm auch außerhalb seiner Heimat zum Durchbruch zu einem echten Star.

Daß er dennoch nicht in die allererste Liga Hollywoods aufstieg, dürfte vor allem seinem wenig glamourösen Aussehen geschuldet gewesen sein, denn Attenborough war verhältnismäßig klein und hatte eine eher rundliche Statur. Das war und ist nicht gerade das, was Hollywood für seine publikumsträchtigen Leinwand-Helden als allererstes in den Sinn kommt. So versuchte sich Attenborough stattdessen verstärkt in anspruchsvollen Charakterrollen in seiner Heimat (darunter 1964 der gefeierte Thriller "An einem trüben Nachmittag"), immer wieder unterbrochen durch Ausflüge nach Hollywood, etwa für die Abenteuerfilme "Der Flug des Phoenix" (1965) und "Kanonenboot am Yangtse-Kiang" (1966), die ihn beide mit seinem "Gesprengte Ketten"-Filmpartner Steve McQueen wiedervereinten. Den Höhepunkt seiner Karriere als Schauspieler erreichte Attenborough wohl 1971, als er für seine eindringlich-unheimliche Verkörperung der sinistren Titelfigur in Richard Fleischers "John Christie, der Frauenwürger von London" von der Kritik einhellig gefeiert wurde.

Nach diesem Erfolg wechselte Attenborough jedoch gewissermaßen endgültig die Seiten: Er wurde Regisseur und Produzent. Beides hatte er schon früher ausprobiert, seine erste eigene Produktionsfirma gründete er 1959, sein Regiedebüt feierte er 1969 mit dem Anti-Kriegs-Musical "Oh! What a Lovely War", das prompt einen Golden Globe gewann. Drei Jahre später reichte es für "Der junge Löwe", einen Film über die jungen Jahre des späteren britischen Kriegs-Premierministers Winston Churchill, sogar für drei OSCAR-Nominierungen. Im Jahr 1977 schaffte er einen großen Erfolg mit dem Kriegsfilm "Die Brücke von Arnheim", in dem er über fast drei Stunden hinweg detailgetreu aus der Perspektive aller beteiligten Parteien die (mehr oder weniger) gescheiterte "Operation Market Garden" der Alliierten im Jahr 1944 schildert, deren Gelingen den Zweiten Weltkrieg in Europa höchstwahrscheinlich um einige Monate (und damit unzählige Menschenleben) verkürzt hätte. Für diesen Film gelang es Attenborough, zahlreiche Stars wie Sean Connery, Michael Caine, Anthony Hopkins oder Maximilian Schell zu gewinnen, obwohl ihre Rollen ziemlich klein ausfielen, da die Operation an sich und ihre authentische Darstellung für Attenborough im Vordergrund standen.

Endgültig zu einem Star der Regisseurs-Zunft avancierte Attenborough 1982, als sein "Gandhi" mit Sir Ben Kingsley in der Titelrolle sagenhafte acht Academy Awards gewann, darunter den für die beste Regie. Leider konnte er diesen Triumph nie wirklich bestätigen, nur mit dem Apartheid-Drama "Schrei nach Freiheit" (1988) und den beiden Biopics "Chaplin" (1992) mit Robert Downey Jr. und "Shadowlands" (1993, über "Narnia"-Autor C.S. Lewis) gelangen ihm noch solide Kritikererfolge (die aber an den Kinokassen wenig Beachtung fanden). Dafür gelang ihm 1993 ein unerwartetes Comeback als Schauspieler, als ihn Steven Spielberg für seinen Mega-Blockbuster "Jurassic Park" in der großen Nebenrolle des John Hammond besetzte, jenes Mannes, der mit dem Dinosaurierpark seine Visionen verwirklichte (mit bekanntlich nicht ganz dem gewünschten Resultat ...). In der Fortsetzung "Vergessene Welt" war er noch einmal kurz als Hammond zu sehen, zudem konnte er 1994 als Weihnachtsmann in Les Mayfields mittelprächtigem Remake von "Das Wunder von Manhattan" einen soliden Erfolg verbuchen, in Sir Kenneth Branaghs epischer "Hamlet"-Verfilmung von 1996 ist er ebenfalls kurz zu sehen.

Zusätzlich zu den zwei OSCARs, die er für "Gandhi" gewann (als Regisseur und Produzent), erhielt Lord Richard Attenborough drei Golden Globes (einen als Regisseur für "Gandhi", zwei als Nebendarsteller für das Original von "Doctor Dolittle" und "Kanonenboot am Yangtse-Kiang") und fünf britische BAFTAs (zwei für "Gandhi", einen für "Shadowlands", einen als Schauspieler für "Schüsse in Batasi" und "An einem trüben Nachmittag", einen Ehrenpreis). Letztmals in einer echten Rolle vor der Kamera zu sehen war Attenborough 2001 in der TV-Märchenadaption "Jagd auf den Schatz der Riesen" (ein Jahr darauf fungierte er noch als Erzähler des irischen Films "Puckoon"), die letzte Regiearbeit war 2007 die Kriegs-Romanze "Closing the Ring" mit Shirley MacLaine und Christopher Plummer.

R.I.P. 

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