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In eigener Sache: Mein neues Filmbuch

Einigen Lesern ist bestimmt aufgefallen, daß ich in der rechten Spalte meines Blogs seit einigen Monaten das Cover meines neuen Buchs präs...

Dienstag, 10. Dezember 2013

INSIDE LLEWYN DAVIS (2013)

Regie und Drehbuch: Joel und Ethan Coen.
Darsteller: Oscar Isaac, Carey Mulligan, Justin Timberlake, John Goodman, Garrett Hedlund, F. Murray Abraham, Ethan Phillips, Robin Bartlett, Adam Driver, Jerry Grayson, Benjamin Pike
 Inside Llewyn Davis
(2013) on IMDb Rotten Tomatoes: 93% (8,5); weltweites Einspielergebnis: $32,9 Mio.
FSK: 6, Dauer: 105 Minuten.

New York, 1961: Kurz bevor Folkmusik durch Bob Dylan richtig erfolgreich wird, versucht der junge Sänger und Gitarrist Llewyn Davis (Oscar Isaac, "Drive") mehr schlecht als recht, sich durchzuschlagen. Für Übernachtungen drängt er sich Freunden oder Bekannten auf, hin und wieder ergattert er kleine Auftritte oder sogar mal Studioaufnahmen als Begleitmusiker. Früher war Llewyn Teil eines Duos, doch nun versucht er sich notgedrungen als Solokünstler und hat sogar ein Album veröffentlicht, das allerdings wie Blei in den Regalen liegt. Da sein Manager sich für ihn auch nicht gerade ein Bein ausreißt, beschließt Llewyn schließlich, mit den beiden Musikern Roland Turner (John Goodman, "Argo") und Johnny Five (Garrett Hedlund, "Eragon") nach Chicago zu fahren, um sich dort dem bekannten Produzenten Bud Grossman (F. Murray Abraham, "Der Name der Rose", "Amadeus") vorzustellen. Denn sein Optimismus bezüglich seiner Musiker-Karriere ist so ziemlich am Ende, und wenn er nicht bald richtig Geld verdient, dann muß er wohl wieder als Matrose anheuern …

Kritik:
In den letzten Jahren haben es sich Joel und Ethan Coen angewöhnt, munter zwischen großen, relativ massentauglichen Filmen und kleinen, schrägen Projekten, die an ihre Frühzeit erinnern, abzuwechseln. Nach dem OSCAR-Gewinner "No Country for Old Men" und der Komödie "Burn After Reading" kam die äußerst unkonventionelle moderne Buch Hiob-Variante "A Serious Man", auf den Western "True Grit" folgt nach einer mit drei Jahren erstaunlich langen Pause die im Folkmilieu der frühen 1960er Jahre spielende Loser-Ballade "Inside Llewyn Davis". Als lose Inspirationsquelle für die Titelfigur diente Dave Van Ronk, der laut Coens immer wieder an der Schwelle zum Durchbruch zum Star stand, es aber nie ganz schaffte. Bei Llewyn (wird in etwa "Lou-in" ausgesprochen) ist das durchaus ähnlich, denn als Musiker wird er von allen, die ihn kennen, sehr respektiert, von einer echten Karriere ist er aber – zumindest ausgehend von der einen Woche in seinem Leben, die "Inside Llewyn Davis" zeigt – weit entfernt.

Man könnte fast Mitleid mit ihm haben, zumal man im Lauf der Geschichte einiges Trauriges aus seiner Vergangenheit erfährt. Das Problem ist nur: Zu Beginn wirkt Llewyn nicht sonderlich nett; am Ende ist er einem dann richtig unsympathisch. Er nutzt seine Freunde, etwa das Musikerpaar Jean (Carey Mulligan, "Der große Gatsby") und Jim (Justin Timberlake, "Black Snake Moan"), aus, ist unfreundlich zu seiner Familie und manchmal richtig ruppig gegenüber Fremden. Dabei hat man das Gefühl, daß er eigentlich gar kein schlechter Kerl ist, denn im Normalfall hat er gute Manieren, er kümmert sich auch rührend um die Katze seines Gönners Professor Gorfein (Ethan Phillips, Star Trek-Fans als Neelix aus der TV-Serie "Raumschiff Voyager" bekannt), als diese durch seine Unachtsamkeit aus der Wohnung seines Besitzers entwischt. Aber immer wieder bricht es aus ihm heraus, und die Häufigkeit dieser aus einer Mischung aus Frustration und Selbstmitleid geborenen Ausbrüche nimmt mit jedem weiteren Mißerfolg zu. Das macht diesen Llewyn Davis zu einem sehr zwiespältigen Protagonisten. Auf der einen Seite muß man es bewundern, wie sorgfältig und authentisch die Coens diese Figur geschrieben haben und wie hervorragend Oscar Isaac (der wohlgemerkt alle der grundsätzlich komplett ausgespielten Songs selber singt und mit der Gitarre begleitet) sie auf der Leinwand zum Leben erweckt. Auch die Art und Weise, wie Details über Llewyns Vergangenheit, auch seine aktuellen Gedankengänge und seinen Charakter durch minimalistische Andeutungen (wie ein bloßes Straßenschild) vermittelt werden, ist ohne Frage inszenatorisch eindrucksvoll. Aber auf der anderen Seite fällt es dennoch mit jeder weiteren Eselei schwerer, Verständnis oder Empathie für Llewyn aufzubringen.

Auch der weitgehende Verzicht auf eine echte Handlung macht es nicht unbedingt leichter, "Inside Llewyn Davis" zu mögen. Die Coens setzen ganz bewußt darauf, einfach nur einen einwöchigen Ausschnitt aus dem Leben eines talentierten, aber (noch?) erfolglosen Musikers zu Beginn der 1960er Jahre zu zeigen. Es geht ihnen um die Atmosphäre, um die Musik, um die Figuren. Und eigentlich setzen sie das alles richtig stark um. Die Zeit ein paar Jahre vor Vietnam, Rassenunruhen und Woodstock ist von den Kulissen und den Autos auf den Straßen bis hin zu Frisuren und Kleidung überzeugend eingefangen und selbst die vielen Nebenfiguren – von denen die wenigsten mehr als zwei oder drei Szenen haben – wirken durch liebevolle Details und paßgenaue Besetzung lebensecht und interessant. Doch im Mittelpunkt steht natürlich die Musik. Ich bin nun kein ausgemachter Anhänger von Folkmusik, aber die von T-Bone Burnett (OSCAR für "Crazy Heart", nominiert für "Unterwegs nach Cold Mountain") und Marcus Mumford (von der Band "Mumford & Sons") produzierten und arrangierten Songs – überwiegend Coverversionen bekannter Folksongs aus dieser Zeit – sind gut ausgewählt und haben mir mit einer Ausnahme allesamt gefallen. Wer aber mit Folkmusik überhaupt nichts anfangen kann, für den dürfte "Inside Llewyn Davis" naturgemäß eher ungeeignet sein.

Obwohl ich also eigentlich viel Lob für den neuen Film der Coens übrig habe, bin ich doch bei weitem nicht so begeistert wie von vielen ihrer früheren Werke. Gerade im Vergleich zu ihrem anderen "Musik-Film", der grandiosen Bluegrass-Odyssee "O Brother, Where Art Thou?" aus dem Jahr 2000, wirkt "Inside Llewyn Davis" doch ziemlich zahm. Die für die Coens so typische lakonische Erzählweise ist natürlich wieder vorhanden, aber ein bißchen mehr Story hätte es in meinen Augen schon sein dürfen, auch mehr Humor und vor allem etwas sympathischere Charaktere. Zwar gibt es wie üblich jede Menge unterschwelligen, subtilen Humor, der vor allem aus den Situationen heraus und aus den typisch schrägen Dialogen oder Monologen (in John Goodmans Fall) entsteht, und eine Aufnahmesession von Llewyn mit Jim und einem weiteren Musiker ist sogar richtig witzig; aber das Ganze wirkt dieses Mal doch etwas eintönig und erschöpft sich irgendwann. In der ersten Hälfte habe ich mich noch gut bis sehr gut unterhalten gefühlt, aber etwa ab der Fahrt nach Chicago nahm eine gewisse Unruhe und Unzufriedenheit langsam überhand. So konnte ich zwar weiterhin auf intellektueller Ebene die Stärken des Drehbuchs und der Inszenierung durch Joel und Ethan Coen goutieren, entfernte mich aber auf emotionaler Ebene immer weiter von diesem unbequemen Protagonisten, dessen Schicksal mir zunehmend gleichgültig wurde. Und das ist letztlich einfach unbefriedigend.

Fazit: "Inside Llewyn Davis" ist eine bewundernswert sorgfältig und detailverliebt inszenierte Loser-Ballade, die die Folkmusik-Szene der frühen 1960er Jahre wunderbar einfängt und mit genau beobachteten Figuren fasziniert, emotional allerdings etwas zu distanziert bleibt und angesichts eines wenig sympathischen Protagonisten sowie des Fehlens einer Handlung im traditionellen Sinn eine nicht ganz einfache Seherfahrung ist. Aber das kennt man als Fan der Coens ja, und es wäre auch nicht das erste Mal, daß einer ihrer Filme bei mehrfacher Sichtung deutlich gewinnt.

Wertung: 7 Punkte.


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