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In eigener Sache: Mein neues Filmbuch

Einigen Lesern ist bestimmt aufgefallen, daß ich in der rechten Spalte meines Blogs seit einigen Monaten das Cover meines neuen Buchs präs...

Donnerstag, 28. November 2013

BLUE JASMINE (2013)

Regie und Drehbuch: Woody Allen
Darsteller: Cate Blanchett, Sally Hawkins, Alec Baldwin, Bobby Cannavale, Peter Sarsgaard, Michael Stuhlbarg, Andrew Dice Clay, Louis C.K., Alden Ehrenreich, Tammy Blanchard, Max Casella, Emily Bergl
 Blue Jasmine
(2013) on IMDb Rotten Tomatoes: 91% (8,1); weltweites Einspielergebnis: $97,5 Mio.
FSK: 6, Dauer: 98 Minuten.

Die kapriziöse Jasmine (Cate Blanchett, "Der Hobbit") hat dank ihrer Ehe mit dem reichen Finanzjongleur Hal (Alec Baldwin, "Rock of Ages") in New York ein glamouröses Leben geführt. Doch dann kam die Finanzkrise, in der Hals luftige Finanzgeschäfte sich gleichsam in Luft auflösten und er vom FBI verhaftet wurde. Und so ist Jasmine urplötzlich mittellos. Sie flüchtet sich (natürlich trotzdem mit einem Flug erster Klasse) an die Westküste nach San Francisco, wo ihre Schwester Ginger (Sally Hawkins, "Jane Eyre") ein ziemlich ärmliches, aber halbwegs glückliches Leben als Supermarktkassiererin mit Freund Chili (Bobby Cannavale, "Parker") und den beiden Kindern aus erster Ehe führt. Ein Leben, in das Jasmine wie ein Wirbelsturm hineinplatzt, denn bis sie wieder auf eigenen Beinen stehen kann – sie möchte ein Online-Studium der Innenarchitektur durchziehen –, braucht sie einen Platz zum Wohnen ...

Kritik:
Man hat sich ja inzwischen daran gewöhnt, daß Regie- und Drehbuchveteran Woody Allen auf seine alten Tage durch halb Europa reist, um seine Filme zu drehen, nachdem diese bis zum Jahr 2005 fast ausschließlich in New York realisiert worden waren. London (u.a. "Match Point"), Barcelona ("Vicky Cristina Barcelona"), Rom ("To Rome with Love") und Paris ("Midnight in Paris") führten Allens Kreativität teilweise noch einmal in ganz neue Richtungen und Höhen, doch mit "Blue Jasmine" widmet er sich doch noch einmal seiner Heimat – wenn auch nur halb, denn das satirische Drama spielt ja nur in den Rückblenden in New York, wohingegen Jasmines Gegenwartserlebnisse in San Francisco auch dort gedreht wurden. Nach allgemeiner Auffassung hat diese Rückkehr in die USA der Qualität seines Werks nicht geschadet, viele sehen in "Blue Jasmine" sogar einen von Allens besten Filmen überhaupt. Leider werde ich nicht so richtig warm mit ihm. Das hat wohlgemerkt nichts damit zu tun, daß es sich um eines der relativ wenigen Dramen in Allens Œuvre handelt – die meisten kennen und schätzen Woody Allen zwar bekanntlich vor allem für seine oft herrlichen Komödien, aber ich war auch von den Beziehungsdramen wie "Ehemänner und Ehefrauen" oder "September" meist beeindruckt. Daß mich "Blue Jasmine" relativ kalt läßt, dürfte eher daran liegen, daß ich eigentlich mit keinem der Protagonisten wirklich warm werde und mich zudem die inhaltliche Entwicklung nur bedingt überzeugen kann.

Jasmine ist fraglos eine Paraderolle für Cate Blanchett, die für ihre ausdrucksstarke, mitunter manische Darstellung bis an die Grenze zum gewollten Overacting mit Sicherheit ihren zweiten OSCAR gewann. Aber sympathisch ist diese Jasmine nicht, die ihrer herzensguten Schwester ständig Vorschriften machen will, ihren Männergeschmack heftig kritisiert und offensichtlich auch wenig von ihrem Job und ihrer Wohnung hält, kurz gesagt: von ihrem ganzen Leben. Die Szenen in Gingers kleiner Wohnung sind denn auch überdeutlich vom Tennessee Williams-Klassiker "Endstation Sehnsucht" inspiriert, was einerseits ganz amüsant ist – etwa Bobby Cannavale als Westentaschen-Brando –, andererseits aber schlicht und ergreifend nicht ansatzweise dessen dramaturgische und emotionale Wucht erreicht. Vielmehr wird es mit der Zeit zunehmend anstrengend, frustrierend sogar, Jasmine bei ihren Eskapaden zuzuschauen.

Selbstverständlich ist deren wenig mitfühlendes Auftreten ganz im Sinne Allens: Er will zur Abwechslung auch einmal ein Opfer der Finanzkrise zeigen, das zuvor zur oberen Schicht gehörte und eine entsprechende Fallhöhe besitzt. Wenn jemand schon mehr oder weniger arm ist und durch die Finanzkrise unverschuldet noch ärmer wird, dann ist das zwar tragisch, aber nicht zwangsläufig ein Stoff für großes Kino. Wenn jedoch eine reiche Dame der Gesellschaft unvermittelt in die untere Mittelschicht absteigt, dann läßt sich daraus einiges machen – sowohl in komödiantischer als auch in dramatischer Form. Allen hat sich für ein relativ kurioses Mittelding entschieden, denn er erzählt Jasmines Geschichte eigentlich als Drama, inszeniert sie aber wie eine Komödie und unterlegt sie mit unverkennbaren satirischen Untertönen. Wenn Jasmine als anfangs sehr unbeholfene Assisstentin eines Zahnarztes (Michael Stuhlbarg, "A Serious Man") finanziell über die Runden zu kommen versucht und sich dabei auch noch der hartnäckigen Avancen des Mannes erwehren muß, ist Allens scharfer Humor ebenso imminent wie bei den Versuchen der Ex-Oberklassen-Tussi, durch eine männliche Bekanntschaft (Peter Sarsgaard, "An Education") wieder zu Wohlstand zu gelangen. Und die ganze Zeit über wird das Geschehen begleitet von einem fröhlichen Jazz-Soundtrack, der Jasmines Erlebnisse so stark kontrastiert, daß er wie ein spöttischer Kommentar wirkt (was ich übrigens für einen extrem gelungenen Einfall halte).

Diese ganzen Elemente, die nur zum Teil wirklich sichtbar sind, wurden von Woody Allen in gewohnter Weise kunstvoll ineinander verwebt, auch die häufigen Rückblicke auf Jasmines sorgenfreies Leben mit Hal (den Alec Baldwin in typischer Playboy-Manier verkörpert) fügen sich gut in die Geschichte ein – dennoch kann ich die Begeisterung der Kritiker einfach nicht teilen. Ich brauche in einem Film nicht zwangsläufig eine Identifikationsfigur, um ihn mögen zu können; aber in "Blue Jasmine" lassen mich irgendwie sämtliche Figuren und ihre Erlebnisse ziemlich kalt, und eine rein klinische Beobachterrolle – in der sich Allen selbst wohl sieht – kann mich nur ansatzweise zufriedenstellen. Daß die Handlung an einem kritischen Punkt nur durch einen riesigen Zufall vorangetrieben werden kann, ist auch nicht gerade hilfreich, und so werde ich "Blue Jasmine" für mich als relativ durchschnittlichen Allen-Film verbuchen.

Fazit: "Blue Jasmine" ist ein satirisches Drama über die Folgen der Finanzkrise für einige ausgewählte Individuen, in dem Cate Blanchett in der Rolle der wenig sympathischen Titelfigur schauspielerisch glänzt, aber auch nicht komplett über die wenig aufregende Handlung und das distanziert bleibende Figurenensemble hinwegtäuschen kann.

Wertung: 6,5 Punkte.


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