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In eigener Sache: Mein neues Filmbuch

Einigen Lesern ist bestimmt aufgefallen, daß ich in der rechten Spalte meines Blogs seit einigen Monaten das Cover meines neuen Buchs präs...

Donnerstag, 10. Oktober 2013

GRAVITY (3D, 2013)

Regie: Alfonso Cuarón, Drehbuch: Jonás und Alfonso Cuarón, Musik: Steven Price
Darsteller: Sandra Bullock, George Clooney, Ed Harris (Stimme), Phaldut Sharma (Stimme)
 Gravity
(2013) on IMDb Rotten Tomatoes: 96% (9,0); weltweites Einspielergebnis: $723,2 Mio. 
FSK: 12, Dauer: 91 Minuten.

Drei Astronauten befinden sich mit dem Space Shuttle im Weltall und unternehmen gerade einen Weltraumspaziergang, um Reparaturen am Hubble-Weltraumteleskop durchzuführen. Für den erfahrenen Matt Kowalski (George Clooney, "The Descendants") ist es sein letzter Flug ins All, für die Wissenschaftlerin Dr. Ryan Stone (Sandra Bullock, "Taffe Mädels") ihr allererster, dritter im Bunde ist Shariff (Phaldut Sharma). Die Stimmung bei Shariff und Kowalski ist gut, während Dr. Stone vor allem damit beschäftigt ist, ihre diffizile Arbeit am Teleskop zu erledigen, ohne sich dabei in ihren Helm zu übergeben. Als das Kontrollzentrum in Houston ihnen die Information übermittelt, daß die Russen soeben einen wohl defekten Satelliten abgeschossen haben, besteht zunächst kein Grund zur Sorge, schließlich fliegen dessen Überreste auf einer anderen Umlaufbahn um die Erde. Doch wenige Minuten später stellt sich heraus, daß der Satellitenabschuß eine Kettenreaktion ausgelöst und mehrere andere Satelliten zerstört hat, deren Überreste nun genau auf die Astronauten zurasen. Während Kowalski und Dr. Stone mit viel Glück überleben, haben Shariff und das Space Shuttle keinerlei Chance. Die beiden Verbliebenen können nur noch versuchen, sich in ihren Raumanzügen zur nahen Internationalen Raumstation ISS zu retten, ehe die Trümmerteile in eineinhalb Stunden wieder ihre Position erreichen werden ...

Kritik:
Der mexikanische Regisseur Alfonso Cuarón, der 1998 mit seinem englischsprachigen Debüt "Große Erwartungen" nach Charles Dickens nicht weiter auffiel, drei Jahre später aber mit dem mexikanischen Drama "... mit deiner Mutter auch!" seine erste OSCAR-Nominierung erhielt und 2004 mit "Harry Potter und der Gefangene von Askaban" endgültig in Hollywood ankam, ist spätestens seit "Children of Men" ein Liebling der Kritiker. Nicht nur, weil sein packender Endzeit-Thriller aus dem Jahr 2006 ein richtig guter Film ist, sondern vor allem deshalb, weil er mit teilweise minutenlangen, ununterbrochenen Kamerafahrten beeindruckte, die dem Publikum das Gefühl vermittelten, mittendrin im Geschehen zu sein. Umso erstaunlicher, daß Cuarón anschließend sieben Jahre lang nichts mehr auf die große Leinwand brachte. Doch war er in der Zwischenzeit keineswegs untätig, vielmehr bereitete er über Jahre hinweg ein wagemutiges Projekt vor, dessen Realisierung erst die fortschreitende Entwicklung der Technik überhaupt möglich machte: "Gravity". Und das Warten hat sich definitiv gelohnt, denn "Gravity" ist einer jener rargewordenen Filme, die nachdrücklich daran erinnern, wie großartig ein Kinobesuch sein kann.

Wie bereits kürzlich bei meiner Rezension zu "Europa Report" schicke ich auch hier voraus, daß eventuelle physikalische oder wissenschaftliche Fehler in diesem Weltraum-Trip keine Auswirkung auf meine Bewertung des Films haben – einerseits, weil ich davon zu wenig Ahnung habe, vor allem aber andererseits, weil sie für die Qualität der Dramaturgie nicht oder kaum von Bedeutung sind. Was bei "Gravity" von Bedeutung ist – und zwar von gewaltiger Bedeutung –, ist tatsächlich die Technik, auf deren Perfektion Cuarón so lange warten mußte. Ich bin eigentlich der Meinung, daß bei den allermeisten 3D-Filmen die günstigere Eintrittskarte für die 2D-Fassung (die außerhalb der USA leider relativ selten zur Wahl gestellt wird) locker ausreicht, weil die Dreidimensionalität keinen echten Mehrwert einbringt, sich manchmal sogar negativ auf den Filmgenuß auswirkt. Und auch der Aufpreis für das neue, im Idealfall wirklich beeindruckende Soundsystem Dolby Atmos, das in Deutschland noch immer erst in wenigen Multiplex-Kinos angeboten wird, lohnt sich nur bei absoluten Ausnahmefilmen wie "Life of Pi" so richtig. Bei "Gravity" kann ich jedoch jedem potentiellen Zuschauer nur eindringlich dazu raten, den Geldbeutel etwas weiter zu öffnen und den Film in höchstmöglicher technischer Qualität anzuschauen. Denn für Alfonso Cuarón und sein Team ist 3D nicht nur ein Gimmick oder eine Methode, die Einspielergebnisse zu erhöhen; nein, für sie ist die Dreidimensionalität integraler Bestandteil ihrer Geschichte. Gleiches gilt für den Ton, denn obwohl im Weltall außer den Stimmen der Astronauten nichts zu hören ist, werden die deshalb fehlenden Soundeffekte durch die begleitende Musik imitiert, und dabei spielt vor allem die 360°-Abdeckung des Kinosaals mit Lautsprechern eine wichtige Rolle.

So echt, so real hat sich noch kein Weltraumfilm zuvor angefühlt. Cuarón und sein kongenialer Kameramann Emmanuel Lubezki (die für ihre herausragenden Leistungen zwei von insgesamt sieben "Gravity"-OSCARs überreicht bekamen; genau genommen sogar drei, da Cuarón auch die Schnitt-Trophäe erhielt) präsentieren wiederholt idyllische Weitwinkel-Panoramaaufnahmen, die die Schönheit des Alls oder eines Sonnenaufgangs hinter der Erde zelebrieren, bleiben aber auch oft ganz nah an den Köpfen der Astronauten und wechseln sogar immer wieder in deren Perspektive, sodaß der Zuschauer die dramatischen Geschehnisse mit ihren Augen betrachtet. Und wenn man mit den Augen von Dr. Stone sieht, wie Trümmerteile nur haarscharf an ihr vorbeirasen, dann macht das einfach einen ganz anderen, viel stärkeren Eindruck als die theoretisch vergleichbaren Szenen in 3D-Horrorfilmen, in denen ja auch immer wieder (meist spitze) Gegenstände auf das Publikum zufliegen. Auch ihr "Children of Men"-Markenzeichen, die ewig langen Kamerafahrten, wenden Cuarón und Lubezki selbstverständlich wieder an, und das sogar deutlich verstärkt. Allein die Eingangssequenz dauert rund eine Viertelstunde und enthält keinen einzigen Schnitt! Kein Wunder, daß viele Kritiker "Gravity" mit Stanley Kubricks Klassiker "2001: Odyssee im Weltraum" vergleichen, denn in Sachen Technik und Bildsprache sind beide Filme absolut bahnbrechend – und ein paar optische Anspielungen auf Kubricks Werk hat Cuarón auch eingebaut (ebenso wie auf einige weitere Weltraumfilme).

Normalerweise widme ich mich der Technik erst gegen Ende meiner Rezensionen; da sie in diesem Fall der unumstrittene Star ist, kam sie gleich zu Beginn. Doch natürlich kann ein Film technisch noch so herausragend sein, ohne gute Story und Schauspieler, die die Technik mit Leben und Seele erfüllen, bringt das letztlich nicht viel. Glücklicherweise macht "Gravity" in dieser Beziehung aber ebenfalls viel richtig. Das Drehbuch, das Cuarón gemeinsam mit seinem jüngeren Bruder Jonás verfaßte, präsentiert zwar eine eher schlichte Handlung, schließlich geht es "nur" um den Versuch, sich unter Zeitdruck vor dem sicheren Tod zu retten. Die Cuaróns versuchen gar nicht erst, da größere Storyschlenker einzubauen, sondern setzen mit Erfolg auf die große Effektivität dieser an den Urängsten des Menschen rührenden Prämisse. Auch die Figurenzeichnung ist deshalb erwartungsgemäß nicht allzu tiefgründig, aber vor allem in der eindrucksvollen, schier nicht enden wollenden Eröffnungssequenz werden Kowalski und Dr. Stone dem Publikum gekonnt nahegebracht, sodaß es mit ihnen mitfühlt. Dafür ist es natürlich auch hilfreich, daß sie von zwei der beliebtesten Hollywood-Stars überhaupt verkörpert werden, die ganz nebenbei die Gelegenheit nutzen, um zu beweisen, daß sie auch zu den derzeit besten Schauspielern zählen. George Clooney setzt vor allem auf seinen bewährten Charme und spielt seinen Matt Kowalski zwar sehr überzeugend, aber streng genommen nicht viel anders als zahlreiche Rollen zuvor. Sandra Bullock dagegen beeindruckt als verschlossene und von der Situation bei ihrem allerersten Weltraumeinsatz eigentlich hoffnungslos überforderte Wissenschaftlerin so sehr, daß ihre zweite OSCAR-Nominierung nur noch Formsache war.

Um abschließend noch einmal auf die oben nur kurz im technischen Zusammenhang erwähnte Musik zurückzukommen: Sie spielt hier eine überdurchschnittlich große Rolle, da sie im Grunde genommen gleichzeitig musikalische Begleitung und Soundeffekte vermitteln muß. Der noch relativ unbekannte Brite Steven Price ("Attack the Block") hat sich dieser anspruchsvollen Aufgabe angenommen und sie im großen und ganzen gut gelöst. Vor allem die sphärischen Klänge während der ruhigen Szenen wissen zu gefallen, während die dramatische Musik in den actionreichen Momenten gelegentlich etwas zu laut und aufdringlich ausfällt, anstatt auf die Macht der Bilder zu vertrauen. Aber das ist nur ein kleiner Schönheitsfehler, der sich kaum auf die herausragende Gesamtqualität des Films auswirkt.

Fazit: "Gravity" ist ein beklemmender und innovativ inszenierter Weltraum-Überlebenstrip, der trotz auf den Kern reduzierter, aber effektiver Dramaturgie dank technischer Brillanz und zweier großartiger Schauspieler die Magie des Kinos entfacht wie nur wenige Filme der letzten Jahre.

Wertung: 9 Punkte. 

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