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In eigener Sache: Mein neues Filmbuch

Einigen Lesern ist bestimmt aufgefallen, daß ich in der rechten Spalte meines Blogs seit einigen Monaten das Cover meines neuen Buchs präs...

Mittwoch, 8. Mai 2013

SIDE EFFECTS (2013)

Regie: Steven Soderbergh, Drehbuch: Scott Z. Burns, Musik: Thomas Newman
Darsteller: Jude Law, Rooney Mara, Catherine Zeta-Jones, Channing Tatum, Vinessa Shaw, Ann Dowd, David Costabile, Michael Nathanson, Sheila Tapia, Polly Draper, Mamie Gummer
 Side Effects
(2013) on IMDb Rotten Tomatoes: 83% (7,3); weltweites Einspielergebnis: $63,4 Mio.
FSK: 12, Dauer: 106 Minuten.

Als ihr Ehemann Martin (Channing Tatum, "21 Jump Street") nach Verbüßung einer vierjährigen Haftstrafe wegen Insiderhandels aus dem Gefängnis entlassen wird, scheint die Anlage-beraterin Emily Taylor (Rooney Mara, "Verblendung") zunächst glücklich zu sein. Doch schon bald wird offenbar, daß sie wie bereits früher unter ernsten Depressionen leidet, die sie vor ihrem Mann während dessen Inhaftierung verborgen hat, die sich nun aber sogar in einem halbherzigen Suizidversuch manifestieren. Im Krankenhaus wird sie von dem Psychiater Dr. Jonathan Banks (Jude Law, "Anna Karenina") entlassen unter der Bedingung, daß sie ihn noch in der gleichen Woche in seiner Privatpraxis aufsucht. Sie kommt der Aufforderung nach, doch die Medikamente, die Dr. Banks ihr nach Rücksprache mit Emilys früherer Psychiaterin Dr. Siebert (Catherine Zeta-Jones, "Rock of Ages") verschreibt, wirken nicht oder haben zu starke Nebenwirkungen. Erst ein ganz neues Antidepressivum namens Ablixa, das Emily von einer Freundin empfohlen wurde, scheint zu wirken. Nebenwirkungen gibt es allerdings auch hier, und die führen zu einem tragischen Unglücksfall. Dr. Banks wird öffentlich dafür kritisiert, daß er die Berichte Emilys über die Nebenwirkungen von Ablixa nicht ernst genug genommen hätte, doch der unter Beschuß geratene Psychiater wird ob einiger Details mißtrauisch und stellt eigene Untersuchungen an ...

Kritik:
Nachdem sich Steven Soderbergh bereits in "Contagion" mit einem medizinischen Thema befaßt hat, wagt er mit "Side Effects" einen erneuten, jedoch völlig anders gearteten Versuch. War "Contagion" noch betont sachlich und im Stil einer Dokumentation gehalten, beginnt "Side Effects" als leicht satirischer Blick auf die Psychiatrie amerikanischer Prägung wie auch auf die Pharmabranche, entwickelt sich in der zweiten Hälfte jedoch zu einem recht konventionellen Hochglanz-Verschwörungsthriller. Beide Hälften für sich genommen sind absolut sehenswert – als Gesamtwerk funktionieren sie bedauerlicherweise nur bedingt, weil sie einfach viel zu verschieden sind, eher zwei kurze Filme als ein langer.

Die erste Hälfte (genau genommen die ersten etwa 40 von gut 100 Minuten) wird zumindest mir als die weitaus stärkere in Erinnerung bleiben. Wie bedenkenlos Ärzte und Patienten mit den neuesten Produkten der Pharmaindustrie umgehen, sie aus finanziellen Anreizen verschreiben respektive – zum Beispiel im Rahmen einer Produktstudie vor der offiziellen Markteinführung – einnehmen, das wird von Soderbergh und seinem bewährten Drehbuch-Autor Scott Z. Burns (die bereits bei "Der Informant!" und "Contagion" zusammengearbeitet haben) temporeich und nonchalant geschildert. Das erinnert unübersehbar an Werke wie Jason Reitmans "Thank You for Smoking" oder Soderberghs eigenen "Der Informant!", was angesichts deren Qualität aber natürlich alles andere als negativ zu werten ist. Europäische Zuschauer dürften dem bunten Treiben noch amüsierter bis fassungsloser folgen als amerikanische. Das wird witzigerweise sogar kurz im Film thematisiert, denn als Dr. Banks gefragt wird, warum er nach seinem Medizinstudium in Großbritannien zum Praktizieren in die USA gezogen sei, antwortet er (aus dem Gedächtnis zitiert): "Wenn in England jemand zum Psychiater geht, dann denken die Menschen, daß er krank ist. Wenn in Amerika jemand zum Psychiater geht, dann denken sie, daß er auf dem Wege der Besserung ist."

Doch wenngleich die Psychiatrie zunächst im Mittelpunkt des Films steht, geht "Side Effects" erfreulicherweise noch deutlich tiefer. Auch die Wechselwirkung zur Wirtschaftskrise wird thematisiert, die beispielsweise Dr. Banks dazu bringt, mehr zu arbeiten als es sinnvoll wäre und sich dabei auch in die lukrativen Fänge der Pharmavertreter zu begeben, da seine Ehefrau – eine Bankerin – ihren Job verloren hat und die Familie deshalb droht, ihren Lebensstandard nicht mehr halten zu können. Auf der anderen Seite werden auch die Patienten durch die Krise beeinflußt, wobei Emily mit ihrem Insiderhandel-Ehemann, der seine Gesetzesverstöße nicht einmal bereut, das Paradebeispiel dafür ist. "Side Effects" versucht dabei wohlgemerkt nicht, irgendjemandem oder gar einer so abstraken Sache wie der Wirtschaftskrise selbst die Schuld zuzuschieben. Dafür sind Soderbergh und Burns zu intelligent. Sie beschränken sich darauf, ein glaubwürdiges und durchaus erschreckendes Bild der Gesamtsituation und einiger wichtiger Elemente, die zu ihr geführt haben, zu skizzieren.

Aber eben nur in den ersten 40 Minuten. Ich kann natürlich nicht sagen, wie in einigen Jahren oder Jahrzehnten über "Side Effects" geurteilt werden wird – sicher bin ich mir jedoch, daß mir der Film für immer vorrangig dafür im Gedächtnis bleiben wird, daß er diesen starken Auftakt nicht zu einem Klassiker des Genres ausbaut, sondern unvermittelt in die Gefilde der relativ konventionellen Thriller-Unterhaltung wechselt. Wobei es gar so unvermittelt auch wieder nicht ist, denn fast von Beginn an hatte ich genau jene "überraschende Wendung" gefürchtet, die dann tatsächlich eintritt. Aus der smarten Satire wird eine verschwurbelte Verschwörungs-geschichte mit leichtem erotischen Einschlag, die an das Frühwerk von Brian De Palma ("Dressed to Kill", "Die Schwestern des Bösen", "Schwarzer Engel") erinnert. Wie bereits erwähnt, ist das für sich genommen unterhaltsam anzuschauen, auch wenn alles ziemlich gehetzt wirkt und vor allem Dr. Banks' "Ermittlungen" samt raffinierter Gegenmaßnahmen viel zu glatt ablaufen – es bleibt nunmal nur noch eine Stunde Zeit für eine Story, die normalerweise in 90 oder 100 Minuten abgehandelt würde.

Schauspielerisch wissen vor allem die beiden Hauptdarsteller Jude Law und Rooney Mara zu beeindrucken, doch auch Catherine Zeta-Jones und Channing Tatum (der allerdings nicht wirklich wie ein Broker aussieht) zeigen in den wichtigsten Nebenrollen gute Leistungen. Bei dem für seine schauspielerischen Fähigkeiten gerne kritisierten Tatum fällt dabei wieder einmal auf, daß er unter der Regie von Soderbergh (der ihn bereits in "Magic Mike" und "Haywire" besetzt hat) seine besten Leistungen zeigt.

Fazit: "Side Effects" ist ein merkwürdiger, aber gut gespielter Hybrid aus bissiger Satire auf das Gesundheitswesen und clever konstruiertem Hochglanz-Verschwörungsthriller. Beide Filmteile haben ihre Stärken, im Zusammenspiel zeitigen sie jedoch ein suboptimales Resultat, wobei ich persönlich vor allem der äußerst vielversprechenden ersten Hälfte nachtrauere.

Wertung: 6,5 Punkte.


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