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In eigener Sache: Mein neues Filmbuch

Einigen Lesern ist bestimmt aufgefallen, daß ich in der rechten Spalte meines Blogs seit einigen Monaten das Cover meines neuen Buchs präs...

Donnerstag, 25. April 2013

GONE BABY GONE – KEIN KINDERSPIEL (2007)

Regie: Ben Affleck, Drehbuch: Aaron Stockard, Ben Affleck, Musik: Harry Gregson-Williams
Darsteller: Casey Affleck, Michelle Monaghan, Ed Harris, Morgan Freeman, Amy Ryan, Titus Welliver, Edi Gathegi, John Ashton, Amy Madigan, Mark Margolis, Slaine
 Gone Baby Gone
(2007) on IMDb Rotten Tomatoes: 94% (7,7); weltweites Einspielergebnis: $34,6 Mio.
FSK: 16, Dauer: 114 Minuten.

Patrick Kenzie (Casey Affleck) hat es geschafft: Er ist als Erwachsener dem tristen Leben in dem heruntergekommenen Bostoner Stadtteil, in dem er aufgewachsen ist, entkommen und arbeitet nun mit seiner Freundin Angie (Michelle Monaghan, "Mission: Impossible III") als Privatdetektiv. Als jedoch die kleine Amanda, Tochter einer sehr entfernten Bekannten Patricks, spurlos verschwindet und er von deren Schwägerin engagiert wird, weil diese hofft, daß er mehr Informationen aus den verstockten und überwiegend kleinkriminellen Nachbarn herausbekommt als die Polizei, ist es für ihn wie eine Rückkehr in seine Jugendzeit. Tatsächlich findet Patrick schnell einiges heraus, was der Polizei um Captain Doyle (Morgan Freeman, "Oblivion") verborgen blieb – doch irgendwie scheint der Fall dadurch keineswegs klarer, sondern vielmehr immer komplizierter zu werden ...

Kritik:
In den ersten Jahren des 21. Jahrhunderts war die Karriere von Ben Affleck als Schauspieler nach einer Reihe von (kommerziellen und/oder künstlerischen) Flops wie "Daredevil", "Jersey Girl", "Paycheck" oder "Gigli" ziemlich den Bach runtergegangen. Also versuchte sich der bekannt vielseitige (immerhin gewann er gemeinsam mit seinem Freund Matt Damon bereits zu Beginn seiner Karriere den Drehbuch-OSCAR für "Good Will Hunting") Affleck mit dem grimmigen Thriller "Gone Baby Gone" erstmals als Regisseur. Ein wesentlicher Grund dafür, daß er den Segen des Autors der Romanvorlage, Dennis Lehane, erhielt, war die Tatsache, daß Affleck selbst aus Boston stammt und somit in der Lage schien, das für die Geschichte sehr wichtige Bostoner Lokalkolorit authentisch auf die Leinwand zu übertragen.

Für die Wahl eines Regisseurs klingt das eigentlich nach einem eher schwachen Argument – vor allem, wenn der dann ausgesuchte Regisseur zum ersten Mal in dieser Funktion arbeitet. Und doch war es ganz eindeutig eine gute Entscheidung, den Job an Ben Affleck zu geben. Die geforderte Milieutreue steht tatsächlich im Mittelpunkt von "Gone Baby Gone", der Film strotzt nur so vor Authentizität, und genau das ist es, was ihn deutlich von einem durchschnittlichen US-Thriller abhebt. Alles wirkt erstaunlich unglamourös, grau und trist, hier gibt es keine Hollywood-Schönlinge in den Hauptrollen, und die Besetzung der Nebenfiguren mit zum damaligen Zeitpunkt nahezu unbekannten Darstellern paßt ebenfalls ins realistische Bild, das Affleck und Romanautor Lehane von der Bostoner Wirklichkeit zeichnen (soweit sich das von jemandem beurteilen läßt, der selbst noch nie in Boston war). Nicht umsonst ging die einzige OSCAR-Nominierung für "Gone Baby Gone" an Nebendarstellerin Amy Ryan ("Der fremde Sohn") für ihre Verkörperung von Amandas abgewrackter, trunk- und drogensüchtiger Mutter.

Michelle Monaghans wunderbar unprätentiöse Darbietung als weitgehend ungeschminkte, blasse Freundin und Kollegin Patricks fügt sich ebenfalls perfekt in das grimmige Gesamtbild ein. Auch die rohe Ausdrucksweise und die brutalen, rücksichtslosen Handlungsweisen der "White Trash"-Filmfiguren wirken in diesem Thriller weitaus glaubwürdiger als beispielsweise das stylishe Gefluche in Martin Scorseses ebenfalls in Boston spielendem und ein Jahr zuvor veröffentlichten OSCAR-Gewinner "Departed – Unter Feinden".

Doch natürlich reicht eine glaubwürdige und intensive Atmosphäre alleine noch nicht aus für einen guten Film. Dazu braucht es zunächst einmal eine überzeugende Geschichte. Und die Geschichte, die Affleck und Lehane in "Gone Baby Gone" erzählen, ist intelligent, vielschichtig und abgründig. Vielleicht sogar ein bißchen zu viel von allem. Denn rund 110 Minuten sind eigentlich zu wenig, um die zahlreichen interessanten und dramatischen Themenkomplexe und moralischen Fragen erschöpfend zu behandeln, die die Handlung aufwirft. Deshalb gelingt es "Gone Baby Gone" leider nicht ganz, die gleiche gewaltige Wucht zu entfalten wie Clint Eastwoods deutlich geradlinigere, aber emotional niederschmetternde Verfilmung von Lehanes "Mystic River" vier Jahre zuvor. Auch "Gone Baby Gone" reißt den Zuschauer mit, regt ihn zum Nachdenken an und berührt ihn; aber eben nicht im gleichen Ausmaß wie dies "Mystic River" gelingt. Afflecks Film wirkt letztlich immer ein wenig sachlicher.

Eine große Stärke des Films ist dafür auf jeden Fall Hauptdarsteller Casey Affleck, der kurz nach seiner überzeugenden Darbietung in "Die Ermordung des Jesse James durch den Feigling Robert Ford" auch unter der Regie seines großen Bruders eine mitreißende Performance abliefert. Er ist das unumstrittene emotionale Zentrum der Geschichte, auch wenn er dabei von einem wie so oft grandios aufspielenden Ed Harris ("A History of Violence", "Die Truman Show") als aufbrausender Detective Bressant tatkräftig und eindrucksvoll unterstützt wird. In technischer Hinsicht kann man das Gesamturteil übrigens kurz zusammenfassen: Gut. Die Kameraarbeit von John Toll, die Musik von Harry Gregson-Williams, die Ausstattung und was sonst noch von Bedeutung ist – alles ist mehr als solide, ohne dabei jedoch großartig hervorzustechen.

Fazit: "Gone Baby Gone – Kein Kinderspiel" ist ein vielschichtiger, komplexer Thriller, der von einer tollen, düsteren (am Ende vielleicht etwas zu gehetzt erzählten) Story, starken Darstellern und einer unheimlichen Authentizität lebt, die ihn phasenweise fast zu einer Sozialstudie macht.

Wertung: 8 Punkte.


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