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In eigener Sache: Mein neues Filmbuch

Einigen Lesern ist bestimmt aufgefallen, daß ich in der rechten Spalte meines Blogs seit einigen Monaten das Cover meines neuen Buchs präs...

Dienstag, 16. Oktober 2012

Klassiker-Rezension: EIN MANN WIE SPRENGSTOFF (1949)

Originaltitel: The Fountainhead
Regie: King Vidor, Drehbuch: Ayn Rand, Musik: Max Steiner
Darsteller: Gary Cooper, Patricia Neal, Raymond Massey, Robert Douglas, Kent Smith, Henry Hull, Ray Collins, Moroni Olsen
 The Fountainhead
(1949) on IMDb Rotten Tomatoes: 83% (6,5); FSK: nicht geprüft, Dauer: 114 Minuten.

Der junge New Yorker Architekt Howard Roark (Gary Cooper, "Zwölf Uhr mittags", "Mr. Deeds geht in die Stadt") wird seines Colleges verwiesen, weil er sich standhaft weigert, die historischen Archtitekturstile zu lernen. Er weigert sich sogar generell, in seiner Arbeit den Blick in die Vergangenheit zu richten und das zu tun, was seine Lehrmeister oder die Gesellschaft von ihm erwarten. Roark ist ein Visionär, der nicht in Vergangenem schwelgen, sondern gänzlich Neues erschaffen will. In den wertkonservativen USA der 1930er Jahre ist das eine alles andere als willkommene Einstellung. Trotzdem schlägt er sich mehr schlecht als recht durch, bis er durch einen großen Auftrag des unangepaßten Milliardärs Roger Enright (Ray Collins), der ihm volle Handlungsfreiheit gewährt, auf einen Schlag zur Berühmtheit wird. Dies allerdings nicht unbedingt im positiven Sinne, denn unter der Leitung des boshaften Chefarchitekturkritikers Ellsworth M. Toohey (Robert Douglas) zerreißen die Publikationen des zynischen Zeitungsverlegers Gail Wynand (Raymond Massey) das fertiggestellte Gebäude in der Luft und bezeichnen es als Schande für die gesamte Stadt. Roark übersteht auch diesen Vorläufer eines "Shitstorms", doch als er eines Tages seinem mäßig talentierten Studienfreund Peter Keating (Kent Smith) aus der Patsche helfen will und heimlich für ihn die Planung einer großen Sozialbausiedlung übernimmt, endet es für ihn mit einem Gerichtsverfahren: Da seine Pläne entgegen allen Zusicherungen verändert wurden, hat er die fast fertiggestellten Gebäude kurzerhand in die Luft gesprengt ...

Kritik:
Während sie in Europa und dem großen Rest der Welt weitgehend unbekannt ist, ist die in Russland geborene, aber in den 1920er Jahren vor dem Kommunismus in die USA geflohene Ayn Rand dort als Schriftstellerin und Begründerin des Objektivismus bekannt wie ein bunter Hund. Bekannt und hoch umstritten, denn die von ihr vertretene libertaristische Philosophie, die dem Individualismus huldigt, ist sehr radikal und läßt sich durch grobe Vereinfachungen leicht mißverstehen, umdeuten und/oder mißbrauchen (nicht umsonst sind etliche Mitglieder der erzkonservativen "Tea Party"-Bewegung Rand-Anhänger, was dem Ruf des Objektivismus in der breiten Öffentlichkeit nicht gerade zuträglich ist). In den USA ist im Oktober 2012 der zweite Teil einer Low-Budget-Verfilmung von Rands belletristischem Hauptwerk "Atlas Shrugged" (wurde in Deutschland u.a. unter dem Titel "Atlas wirft die Welt ab" veröffentlicht und diente 2007 als Inspirationsquelle für das erfolgreiche Computerspiel "Bioshock") zu vernichtenden Kritiken gestartet, doch bereits 1949 war die Autorin direkt an der Schwarz-weiß-Adaption ihres Romans "The Fountainhead" (in Deutschland: "Der ewige Quell") beteiligt. Dieser Film legt bereits unverkennbar die Grundzüge ihrer Philosophie dar – und kann in dieser Hinsicht durchaus als Propagandafilm bezeichnet werden –, ist aber weniger extrem und deshalb auch als Unterhaltungsfilm absolut sehenswert.

Denn eigentlich ist die (übrigens in Grundzügen an den realen Stararchitekten Frank Lloyd Wright angelehnte) Geschichte von Howard Roark, der im Stil eines Schumpeter-Unternehmers etwas Neues und Originelles erschaffen will, sich damit aber erst einmal gegen massive Widerstände der etablierten Gegenspieler sowie der von den Meinungsführern mobilisierten Gesellschaft durchsetzen muß, universell. Francis Ford Coppola schilderte Ähnliches in "Tucker – Ein Mann und sein Traum", Martin Scorsese in "Aviator" über den Flugzeugpionier Howard Hughes. Nur ist Howard Roark in seiner Überzeugung noch konsequenter und noch extremer. Eine Sozialbausiedlung zu zerstören, um die Verletzung der eigenen Rechte buchstäblich auszulöschen – nein, damit gewinnt man kaum die Herzen der Zuschauer. Nicht einmal dann, wenn dieser nonkonformistische Howard Roark von Gary Cooper und damit einem der beliebtesten US-Schauspieler aller Zeiten verkörpert wird. Doch es ist Ayn Rands Drehbuch zu verdanken, daß Roark dennoch als (Anti-)Held der Geschichte funktioniert. Man mag den kantigen, in seiner Prinzipientreue beinahe fanatisch zu nennenden Mann nicht sonderlich sympathisch finden, aber man empfindet Respekt für seine Konsequenz und seinen Mut, sich gegen wirklich alle zu stellen, um seine ureigenen Rechte zu verteidigen. Parallelen zur lange anhaltenden und im Internetzeitalter zunehmend erbittert geführten Urheberrechtsdebatte in Deutschland sind kaum zu übersehen.

Daß Roark als Protagonist von "Ein Mann wie Sprengstoff" Wirkung erzielt, erreicht Ayn Rand auch und vor allem durch einen extremen, erkennbar antikommunistischen Symbolismus und schillernde Figuren, mit denen sie den Zuschauer zwar ziemlich offensichtlich, aber auch sehr effektiv manipuliert. Die Hürden, mit denen Roark bereits vor seiner explosiven Tat konfrontiert wird, sind so hoch, daß man beinahe mit ihm mitfiebern muß – zumal es wenig andere Figuren gibt, die dafür in Frage kommen. Der Kritiker Toohey ist verlogen und größenwahnsinnig, Roarks Studienfreund Keating (Kent Smith) untalentiert und willensschwach und auch der im Kern idealistische, aber zum Zyniker gewordene Verleger Wynand kann eine zwischenzeitliche Läuterung nicht durchhalten. Lediglich der Milliardär Enright, der aber nur eine Nebenrolle spielt, und Keatings Verlobte Dominique (Patricia Neal), in die sich Roark verliebt, taugen als Sympathieträger – und beide halten zu Roark. Außerdem wird in der Gerichtsverhandlung Roarks flammendes Schlußplädoyer in eigener Sache (das gleichzeitig zur Darlegung von Rands Philosophie dient) in aller Ausführlichkeit gezeigt – Gary Coopers knapp sechsminütiger Monolog war zur damaligen Zeit der längste der Filmgeschichte –, während von der Staatsanwaltschaft nur wenige Sätze zu hören sind. Natürlich fällt es Roark auf diese Weise wesentlich leichter, das Publikum (und die Jury) mit seinen Ausführungen zu überzeugen. Eine solch verkürzte Darstellung eines Gerichtsprozesses zum Zwecke der Manipulation der Zuschauer mag nicht die feine Art sein, ist aber ein alter Trick in Hollywood-Filmen, der immer wieder und besonders gerne auch in politisch linksgerichteten Werken wie "Erin Brockovich" oder (dort war es zwar die Hauptversammlung eines börsennotierten Unternehmens, aber das Prinzip ist das gleiche) "Wall Street" angewandt wird. Größtmögliche Objektivität kann man jedenfalls keinem dieser Filme unterstellen, aber das macht sie noch lange nicht per se zu schlechten Filmen.

Noch besser hätte das Vorgehen sicherlich funktioniert, wäre Gary Cooper so überzeugend, wie man das eigentlich von ihm gewohnt ist. Ist er aber nicht. Er spielt solide, ist aber eigentlich rund 20 Jahre zu alt für die Rolle und man kann ihm immer wieder regelrecht ansehen, daß er sich nicht ganz wohl in seiner Haut fühlt. Das ist wenig verwunderlich, konnte er doch laut eigener Aussage den Mann, den er authentisch verkörpern und dessen Überzeugungen er auf die Leinwand transportieren sollte, selbst nicht verstehen. Der Rest der Besetzung ist dafür sehr überzeugend, angefangen beim zuverlässigen Raymond Massey ("Jenseits von Eden", "Arsen und Spitzenhäubchen"), der mit dem ambivalenten und stets zweifelnden Verleger Gail Wynand die interessanteste Figur des Films glaubhaft porträtiert. Aber auch die zur Zeit der Dreharbeiten erst 22-jährige spätere OSCAR-Gewinnerin Patricia Neal ("Der Tag, an dem die Erde stillstand", "Frühstück bei Tiffany") weiß in ihrer ersten Hauptrolle als mitfühlende Dominique zu gefallen, während Robert Douglas ("Der Rebell", "Ivanhoe – Der schwarze Ritter") den Oberfiesling Ellsworth M. Toohey so herrlich überzeichnet darstellt, daß man gerne über die Klischeehaftigkeit der Figur hinwegsieht.

Kuriosum am Rande: Regisseur King Vidor ("Der Zauberer von Oz") hatte 15 Jahre zuvor mit dem Sozialdrama "Unser tägliches Brot" noch einen ausdrücklich antikapitalistischen Film realisiert, der eine sozialistische Utopie propagierte – also quasi das Gegenteil von "Ein Mann wie Sprengstoff". So schnell kann's gehen ...

Fazit: "Ein Mann wie Sprengstoff" ist ein faszinierendes Zeitdokument, das erkennbar als plakative, aber effektive Propaganda für den Objektivismus dient; unabhängig davon jedoch durch die auf die Spitze getriebene unkonventionelle Handlung, die nachdenkenswerten Dialoge und die interessanten Figuren auch als Charakterdrama und als Liebesgeschichte funktioniert. Schade, daß man sich bei der Wahl des Hauptdarstellers anders als bei der Hauptdarstellerin (für die Rolle war u.a. Bette Davis im Gespräch) für einen großen Namen anstatt für einen wirklich passenden Schauspieler entschied.

Wertung: 7,5 Punkte.

P.S.: Ein bißchen Werbung in eigener Sache: Wer Interesse an der Thematik gefunden hat, kann in meinem Buch "Von 'Citizen Kane' bis 'The Social Network': Die Darstellung der Wirtschaft im US-amerikanischen Spielfilm" eine ausführliche, 15 Seiten umfassende Analyse des Films nachlesen, wobei das Hauptaugenmerk auf Roarks Plädoyer vor Gericht liegt.


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