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In eigener Sache: Mein neues Filmbuch

Einigen Lesern ist bestimmt aufgefallen, daß ich in der rechten Spalte meines Blogs seit längerer Zeit das Cover meines neuen Buchs präsen...

Donnerstag, 5. März 2020

THE GENTLEMEN (2019)

Regie und Drehbuch: Guy Ritchie, Musik: Christopher Benstead
Darsteller: Matthew McConaughey, Charlie Hunnam, Hugh Grant, Michelle Dockery, Jeremy Strong, Colin Farrell, Henry Golding, Eddie Marsan, Tom Wu, Jason Wong, Chidi Ajufo, Bugzy Malone, Lyne Renee, Eliot Sumner, Danny Griffin, Samuel West, Geraldine Somerville, Franz Drameh, Togo Igawa
 The Gentlemen
(2019) on IMDb Rotten Tomatoes: 74% (6,5); weltweites Einspielergebnis: $115,0 Mio.
FSK: 16, Dauer: 114 Minuten.

Der in einer Wohnwagensiedlung aufgewachsene US-Amerikaner Mickey Pearson (Matthew McConaughey, "Interstellar") hat sich mit harter Arbeit ein Oxford-Stipendium verdient – an der britischen Eliteuniversität fand er allerdings schnell heraus, daß er zwar ein guter Student, aber ein sogar noch viel talentierterer Drogendealer ist. Über die Jahre baute sich Mickey in London ein großes Drogenimperium auf, wobei er sich aus moralischen Gründen auf weiche Drogen wie Marijuana konzentrierte. In mittlerem Alter will Mickey seinen Reichtum gemeinsam mit seiner Ehefrau Rosalind (Michelle Dockery, "Downton Abbey") genießen und deshalb sein Imperium an seinen vornehmen jüdischen Landsmann Matthew Berger (Jeremy Strong, "Molly's Game") verkaufen. Als jedoch die das Geschäft mit harten Drogen kontrollierenden Chinesen um Lord George (Tom Wu, "Shanghai Knights") und seinen ehrgeizigen Sohn Dry Eye (Henry Golding, "Nur ein kleiner Gefallen") Wind davon bekommen, machen sie ein Gegenangebot, auf dessen Ablehnung sie einigermaßen verstimmt reagieren. Und dann ist da noch der windige Boulevard-Reporter Fletcher (Hugh Grant, "Florence Foster Jenkins"), der Mickey zu erpressen gedenkt und dessen loyaler rechter Hand Raymond Smith (Charlie Hunnam, "Die versunkene Stadt Z") alles Belastende präsentiert, das er in den letzten Monaten gesammelt hat und sofort seinem Chef Big Dave (Eddie Marsan, "Atomic Blonde") für eine Skandalstory überlassen könnte …

Kritik:
Der britische Filmemacher Guy Ritchie präsentiert mit "The Gentlemen" seine elfte Regiearbeit, seine fünfte Gangsterkomödie. Wenngleich seine größten kommerziellen Erfolge in Hollywood entstanden ("Sherlock Holmes", "Aladdin"), kann man wohl mit Fug und Recht behaupten, daß den weit günstigeren, überwiegend in und um London gedrehten Gangsterkomödien Ritchies wahre Leidenschaft gilt. Die längst Kultstatus einnehmenden "Bube, Dame, König, GrAs" und "Snatch" machten ihn global bekannt, mit "Revolver" (wenn auch mißglückt) und "RocknRolla" fand er nach dem epischen Megaflop "Stürmische Liebe" mit seiner damaligen Gattin Madonna zurück in die Spur und nach Hollywood. "The Gentlemen" dürfte zumindest auf den ersten Blick eine weniger wegweisende Stellung in Guy Ritchies Filmographie einnehmen, schließlich folgt er direkt auf seinen ersten Milliarden-Dollar-Erfolg "Aladdin" aus dem Sommer 2019 – als "The Gentlemen" ab Ende 2018 gedreht wurde, konnte Ritchie das aber natürlich noch wissen und nachdem seine beiden vorherigen Großproduktionen "Codename U.N.C.L.E." und "King Arthur: Legend of the Sword" sich als erhebliche kommerzielle Flops erwiesen, mußte er mit einem unmittelbar bevorstehenden Ende seiner Hollywood-Karriere rechnen. Ob "The Gentlemen" nun also der Versuch war, seine Rückkehr aus Hollywood vorzubereiten oder er einfach mal wieder Lust auf sein Lieblingsgenre hatte – das Resultat dürfte jeden Ritchie-Fan erfreuen. Zwar reicht "The Gentlemen" nicht ganz an "Bube, Dame, König, GrAs" und "Snatch" heran, übertrifft aber locker "RocknRolla" ("Revolver" sowieso) und bietet fast zwei Stunden lang beste Unterhaltung mit Starbesetzung.

Zugegeben, wer irgendwelche neuen Facetten des Filmemachers Guy Ritchie sucht, der dürfte hier kaum fündig werden, hält er sich doch eng an sein bewährtes Schema, das primär schräge Gangsterfiguren, spielfreudige Stars, gewitzte Dialoge sowie haarsträubende Storywendungen umfaßt. Man könnte meinen, beim fünften Film dieser Machart würde das langsam langweilig (einige Kritiker bemängeln tatsächlich gewisse Abnutzungserscheinungen), doch Guy Ritchie beherrscht die Klaviatur der Gangsterkomödie unverändert meisterhaft und schafft es auch ohne bahnbrechende Neuerungen, seinem Publikum genau das zu bieten, was es erwartet. Nach einem überraschenden Prolog und einer stylishen Vorspann-Sequenz besteht "The Gentlemen" größtenteils aus Rückblenden, denn in der Gegenwarts-Rahmenhandlung erzählt der Reporter Fletcher Mickey Pearsons Consigliere Raymond, welches belastende Material er angesammelt hat und was er alles über Mickey und seine illegalen Geschäfte weiß. Für ein wenig Spannung sorgt, daß die Rückblenden auf diese Weise Fletchers subjektiver Interpretation entsprechen, der bei aller Sorgfalt natürlich nicht alle Details kennt und sich einiges zusammenreimen muß – manchmal wird er von Raymond umgehend korrigiert, meist bleibt für das Publikum jedoch offen, wie korrekt Fletchers unzuverlässige Erzählung ist. Es ist ein wenig schade, daß Hugh Grants Rolle weitgehend auf diese (allerdings recht umfangreiche) Rahmenhandlung beschränkt bleibt und er in der eigentlichen Handlung wenig zu tun bekommt, denn seine Interpretation des schmierigen Boulevard-Reporters ist sehr unterhaltsam geraten (und hat dem Abhör-Opfer und seitdem ausgesprochenen Boulevard-Kritiker Grant mit Sicherheit viel Freude bereitet).

Daß "The Gentlemen" nicht ganz die Klasse der ersten beiden Ritchie-Filme erreicht, liegt vor allem daran, daß es ihm ein wenig an Identifikationsfiguren mangelt. Gerade bei "Bube, Dame, König, GrAs" war es für die Zuschauer sehr leicht, sich mit den sympathischen kleinkriminellen Kiffern verbunden zu fühlen, die unverhofft in tiefe, haiverseuchte Gewässer geraten und sich mit Glück und Geschick irgendwie wieder daraus befreien müssen. In "The Gentlemen" funktioniert das weniger gut, da die Hauptfiguren drei stinkreiche Gangsterbosse und ihr direktes Umfeld sind. Das soll nicht heißen, daß diese Charaktere nicht interessant und charismatisch wären, aber sie bleiben einem doch relativ fremd, zumal sich aufgrund des großen Ensembles kaum eine Figurenentwicklung nachvollziehen läßt. Am ehesten identifiziert man sich mit Raymond, der als Mickeys rechte Hand relativ normal wirkt und sich auch selbst die Hände schmutzig macht. Charlie Hunnam, der seit dem Ende seiner Erfolgsserie "Sons of Anarchy" schon viele spannende Hauptrollen ergattern konnte, leider jedoch ohne damit das Kinopublikum nachhaltig von sich überzeugen zu können, spielt den intelligenten und kaum aus der Ruhe zu bringenden Raymond sympathisch, seine Wortgefechte mit Hugh Grants Fletcher machen durchgehend Spaß. Zudem harmoniert er gut mit Matthew McConaughey, der seit seinem OSCAR-Gewinn für "Dallas Buyers Club" im Jahr 2014 nur noch wenig Glück mit der Rollenauswahl hatte ("The Sea of Trees", "Free State of Jones", "Gold", "Der dunkle Turm", "White Boy Rick", "Im Netz der Versuchung" und "Beach Bum" wurden vom Publikum weitestgehend ignoriert und fielen zumeist auch bei der Kritik durch), hier jedoch beweist, daß er es in Sachen Charisma und Coolneß immer noch meisterhaft drauf hat. Als seine Konkurrenten Matthew und Dry Eye überzeugen zudem Jeremy Strong und Henry Golding, als Scenestealer erweist sich allerdings Colin Farrell ("Phantastische Tierwesen"), welcher als ehrenhafter Boxtrainer unfreiwillig in die Geschichte verwickelt wird, sich aber als sehr einfallsreich erweist.

Wie alle Gangsterfilme von Guy Ritchie ist auch "The Gentlemen" größtenteils Männersache, doch zumindest gibt es diesmal mit Mickeys Ehefrau Rosalind eine weibliche Hauptfigur, die auch dank Michelle Dockerys selbstbewußter Darstellung weit mehr als bloßes Beiwerk ist, sondern einige richtig starke Szenen hat. Obwohl "The Gentlemen" von zahllosen harten Typen getragen wird, muß man Ritchie anrechnen, daß er die genretypische Macho-Mentalität immer wieder amüsant unterläuft und auf diese Weise für ein paar gelungene Überraschungen sorgt (so läuft etwa eine Auseinandersetzung in einer von Mickeys Drogenfarmen etwas anders ab als es zunächst den Anschein hat). Überhaupt hält sich die Action vergleichsweise in Grenzen. Zwar gibt es natürlich einige gut choreographierte Kämpfe und Verfolgungssequenzen, doch in erster Linie setzt Ritchie korrekterweise auf die vielen schrägen Figuren, das komplizierte und ständig wechselnde Beziehungsgeflecht zwischen ihnen und die pointenreichen Dialoge (sowie eine sehr lässige Musikauswahl mit Songs von Cream, Roxy Music, Can oder The Jam). Nicht jede Wendung weiß wirklich zu überraschen, speziell Ritchie-Fans dürften die Gedankengänge des Filmemachers inzwischen gut genug kennen, um einige Handlungsfäden ziemlich genau vorhersehen zu können. Ein Problem ist das aber nur bedingt, denn letzten Endes will "The Gentlemen" einfach nur gut unterhalten und das gelingt problemlos. Originalität hin oder her, der Gangsterkomödien-Ritchie ist und bleibt mein Lieblings-Ritchie. Und ich bin mir sicher, daß das nicht nur ich so sehe. Das Ende läßt übrigens durchaus die Möglichkeit einer Fortsetzung offen und da "The Gentlemen" erfreulicherweise mehr als das Fünffache seiner überschaubaren Produktionskosten von gut $20 Mio. eingespielt hat, könnte es sehr wohl eine geben. Ich würde mich freuen.

Fazit: "The Gentlemen" ist eine rasante Gangsterkomödie, die zwar nur wenig Neues zu bieten hat, aber mit spielfreudigen Stars und amüsanten Dialogen glänzend unterhält.

Wertung: 8 Punkte.


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