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In eigener Sache: Mein neues Filmbuch

Einigen Lesern ist bestimmt aufgefallen, daß ich in der rechten Spalte meines Blogs seit längerer Zeit das Cover meines neuen Buchs präsen...

Dienstag, 6. Dezember 2022

SPIRITED (2022)

Regie: Sean Anders, Drehbuch: John Morris und Sean Anders, Musik: Dominic Lewis
Darsteller: Will Ferrell, Ryan Reynolds, Octavia Spencer, Tracy Morgan (Stimme), Sunita Mani, Patrick Page, Joe Tippett, Marlow Barkley, Andrea Anders, Jen Tullock, Aimee Carrero, Rose Byrne, P.J. Byrne, Dame Judi Dench, Jimmy Fallon
Spirited (2022) on IMDb Rotten Tomatoes: 70% (6,4); Altersempfehlung: 6, Dauer: 128 Minuten.
Seit Jahrhunderten haben es sich der Geist von Jacob Marley (Broadway-Star Patrick Page), der Geist der gegenwärtigen Weihnacht (Will Ferrell, "Eurovision Song Contest"), der Geist der vergangenen Weihnacht (Sunita Mani, Netflix-Serie "GLOW") und der Geist der zukünftigen Weihnacht (in der Originalfassung gesprochen von Tracy Morgan aus der TV-Serie "30 Rock") sowie zahllose "Hilfs-Geister" zur Aufgabe gemacht, an jedem Weihnachtsabend nach penibler Vorarbeit eine verhärtete Seele zu läutern. Als der Geist der gegenwärtigen Weihnacht zufällig dem zynischen Medienberater Clint Briggs (Ryan Reynolds, "Killer's Bodyguard") begegnet, ist er sicher, das neue Zielobjekt gefunden zu haben. Kleines Problem: Clint gilt als "unläuterbar", weshalb Patrick – der normalerweise die Ziele aussucht – jegliche Bekehrungsversuche als Zeitverschwendung ansieht. Letztlich kann sich Gegenwart jedoch durchsetzen und ein Jahr später droht dem nichtsahnenden Clint ein höchst unkonventioneller Weihnachtstag. Allerdings läuft keineswegs alles so, wie von den Geistern geplant. Beispielsweise kann aus irgendeinem Grund Clints gutherzige rechte Hand Kimberly (Octavia Spencer, "Hidden Figures") Gegenwart sehen, der sich ihr daraufhin spontan als Roberto vorstellt. Damit aber noch nicht genug, denn im Laufe des Tages stellt sich die besorgniserregende Frage, ob es nicht eher Clint ist, der die Geister verändert, als umgekehrt ...

Kritik:
Charles Dickens' "Eine Weihnachtsgeschichte" über den notorischen Griesgram und Geizhals Ebenezer Scrooge, der von den Geistern der Weihnacht zum Guten bekehrt wird, zählt zu den am häufigsten verfilmten Erzählungen überhaupt. Meine Lieblings-Adaptionen stammen beide aus den 1980er Jahren: Als seriöse Version funktioniert Clive Donners verträumt-poetischer britischer TV-Film "Charles Dickens' Weihnachtsgeschichte" (1984) mit George C. Scott als Scrooge perfekt, die gelungenste freie Adaption ist für mich Richard Donners einfallsreiche Hollywood-Comedy-Version "Die Geister, die ich rief …" (1988) mit Bill Murray als modernem Scrooge (der ein zynischer TV-Produzent ist). Beliebt bei jung und alt ist auch "Die Muppets-Weihnachtsgeschichte" (1992) mit Sir Michael Caine, während ältere Semester (und Fans alter Filme) auf Brian Desmond Hursts "Charles Dickens – Eine Weihnachtsgeschichte" (1951) mit Alastair Sim schwören. Musical-Fans freuen sich derweil ebenso über Ronald Neames für vier OSCARs nominierten "Scrooge" (1970) mit Albert Finney wie Animationsfreunde über Robert Zemeckis kunstvollen "Disneys Eine Weihnachtsgeschichte" (2009) mit Jim Carrey. Und das sind nur sechs von (wenn man die losen Adaptionen mitzählt) Dutzenden Verfilmungen, von denen die meisten mindestens brauchbar ausfielen. Benötigen wir unbedingt eine weitere? Eher nicht, aber schaden kann es angesichts der unkaputtbaren Qualität der literarischen Vorlage auch nicht. Das für den Streamingdienst Apple TV+ produzierte humorvolle Musical "Spirited" erreicht zwar nicht den Olymp der besten Scrooge-Adaptionen (dafür ist es doch etwas glatt geraten), macht aber fraglos viel richtig und wenig falsch und unterhält dank sympathischer Besetzung und erstklassiger Musik zwei Stunden lang gut.

Eine sehr interessante Entscheidung ist es, die Zielperson der Geister in "Spirited" nicht als klassischen Bösewicht anzulegen. Tatsächlich ist Clint ein charismatischer Mann, der seine Angestellten häufig lobt und eine gute Beziehung zu seinem jüngeren Bruder und seiner Nichte hat. Alles also eigentlich wunderbar, wäre da nicht sein Job, der im Grunde genommen aus der Konzeption von Schmutzkampagnen in den (sozialen) Medien besteht und den er ziemlich enthusiastisch ausführt. Das macht es einigermaßen nachvollziehbar, daß "Roberto" sich Clint als Ziel aussucht, denn würde er bekehrt, dann könnte das angesichts seines Jobs in der Tat einen beträchtlichen positiven Domino-Effekt auslösen. Andererseits wirkt es trotzdem etwas komisch, daß ausgerechnet dieser freundliche, humorvolle, wenn auch äußerst zynische Mann komplett unbekehrbar sein soll. Das riecht ein wenig nach fehlendem Mut, Ryan Reynolds mal ein richtiges Ekel spielen zu lassen – zumal in einem Familienfilm –, aber zugegeben: Es funktioniert trotzdem gut. Die Charakterzeichnung bleibt auch als Folge dieser Entscheidung jedoch ziemlich oberflächlich, obwohl sich der Film stark auf Roberto und Clint (und ein wenig noch Kimberly) fokussiert und die meisten Nebenfiguren leider weitgehend unbeachtet links liegen läßt (dafür gibt es ein paar nette Cameos).

Doch zum Glück harmonieren Will Ferrell und Ryan Reynolds gut miteinander (auch Ferrell und Octavia Spencer nimmt man die gegenseitige Anziehung durchaus ab), erfreulicherweise hält sich Ferrell zudem mit seinem typischen Grimassieren zurück, was dem grundsätzlichen Ernst der Geschichte zugutekommt. Generell ist der Humor familienfreundlich gehalten, also zumeist harmlos, aber durchaus mit einigen richtig guten Lachern und einem soliden durchschnittlichen Qualitätsniveau. Das trifft auch auf die sehenswerten Spezialeffekte während Clints Reise durch Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zu, der größte Pluspunkt von "Spirited" ist jedoch die Musik – was für ein Musical logischerweise nicht das Schlechteste ist! Den beiden OSCAR-gekrönten "La La Land"- und "Greatest Showman"-Komponisten Benj Pasek und Justin Paul ist ein sehr gefälliger Soundtrack mit vielen schönen Liedern gelungen, deren tonales Spektrum von verträumt-melancholisch bis fröhlich-absurd reicht und die teils von aufwendigen Massen-Choreographien begleitet werden. Ein absolutes Highlight mag fehlen, aber dafür fällt auch kein Song ab und mit "The Story of Your Life" (gesungen von Patrick Page, Ryan Reynolds und Will Ferrell), der Ballade "The View from Here" (Spencer und Ferrell) oder dem schmissigen "That Christmas Morning Feelin'" (Ensemble) sind einige richtig gute Lieder vertreten. Ein Film, der einfach Spaß macht, ohne die ganz großen inhaltlichen Ambitionen zu haben.

Fazit: "Spirited" ist eine etwas seichte, aber unterhaltsame und charmante Musical-Version von Charles Dickens' "Eine Weihnachtsgeschichte", die vor allem mit der spielfreudigen Besetzung und guter Musik überzeugt.

Wertung: 7,5 Punkte.

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