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In eigener Sache: Mein neues Filmbuch

Einigen Lesern ist bestimmt aufgefallen, daß ich in der rechten Spalte meines Blogs seit längerer Zeit das Cover meines neuen Buchs präsen...

Donnerstag, 18. März 2021

SOUL (2020)

Regie: Pete Docter, Drehbuch: Pete Docter, Mike Jones, Kemp Powers, Musik: Trent Reznor, Atticus Ross und Jon Batiste
Sprecher der Originalfassung: Jamie Foxx, Tina Fey, Graham Norton, Angela Bassett, Rachel House, Alice Braga, Richard Ayoade, Questlove, Phylicia Rashad, Donnell Rawlings, Daveed Diggs, Cora Champommier, Wes Studi, Sakina Jaffrey, June Squibb, Lanai Chapman, John Ratzenberger
Soul (2020) on IMDb Rotten Tomatoes: 95% (8,3); weltweites Einspielergebnis: $115,3 Mio.
FSK: 0, Dauer: 100 Minuten.
Joe Gardner (in der Originalfassung gesprochen von Jamie Foxx, "Django Unchained") ist ein New Yorker mittleren Alters, dessen Leben seit jeher von der Jazzmusik bestimmt wird. Trotz allen Bemühens ist ihm allerdings niemals der Durchbruch auf der Bühne gelungen, weshalb er inzwischen als Musiklehrer an einer Schule arbeitet. Doch ausgerechnet an jenem Tag, an dem Joe eine Festanstellung an der Schule angeboten bekommt und er somit vor der Entscheidung steht, sich von seinem Traum endgültig zugunsten der Realität zu verabschieden, ruft ihn sein ehemaliger Schüler Curly ("The Roots"-Schlagzeuger Questlove) an. Curly spielt inzwischen in der Band der Jazzgröße Dorothea Williams (Angela Bassett, "Black Panther") und als deren Pianist kurzfristig ausfällt, soll Joe aushelfen – die Chance seines Lebens! Nach der geglückten Probe ist Joe jedoch so enthusiastisch, daß er alles um sich herum vergißt und prompt auf dem Heimweg in einen offenen Gully fällt. Joe ist zwar noch nicht ganz tot, steht aber an der Schwelle des Todes und findet sich auf der scheinbar endlosen Treppe zum Jenseits wieder. Doch so einfach will Joe sich seine große Chance nicht entgehen lassen, weshalb er mit aller Kraft gegen seinen Tod ankämpft – und tatsächlich im benachbarten "Davorseits" landet, wo ungeborene Seelen auf die Erde vorbereitet werden. Aufgrund einer Verwechslung wird Joe zum Mentor der ungeborenen Seele 22 (Tina Fey, "Date Night") ernannt. Praktischerweise will 22 aber gar nicht geboren werden und so tun sich die beiden zusammen, um Joe an 22s Stelle zurück zur Erde zu schicken. Die Zeit drängt jedoch, denn der humorlose Jenseits-Buchhalter Terry (Rachel House, "Thor 3") hat Joes Fehlen bemerkt und will den Fehler korrigieren …
 
Kritik:
Wenn man eine Sache dem vielfach preisgekrönten Animationsstudio Pixar noch nie vorwerfen konnte, ist das ein Mangel an Ambition. So haben sie einen Film gemacht, der lange komplett ohne Dialoge auskommt ("WALL*E") und auch einen, der die Gefühlswelt eines Kindes aus der Perspektive der Gefühle erkundet ("Alles steht Kopf") – und jetzt wagen sie sich mit "Soul" gar an die menschliche Seele heran, an Vorherbestimmung und an den Sinn des Lebens! Die ganz großen philosophischen Fragen sind es also, die "Oben"-Regisseur Pete Docter verhandelt. Das könnte mächtig in die Hose gehen, aber weil es sich um einen Pixar-Film handelt, tut es das natürlich nicht. Man kann sicher darüber diskutieren, wie tiefgehend Docter und seine zwei Co-Drehbuch-Autoren die Thematik tatsächlich angehen und ob manches nicht vielleicht doch etwas plakativ daherkommt; aber insgesamt ist "Soul" eine erfreulich runde Sache und schafft das Kunststück, das Publikum zum Nachdenken anzuregen und es gleichzeitig 90 Minuten lang blendend zu unterhalten. Pixar war schon immer glänzend darin, Tiefgründiges mit Humor und Spannung zu verbinden, doch so gut wie in "Soul" ist das dem Studio meines Erachtens selten zuvor gelungen – und ganz nebenbei gibt es mit dem in der Originalfassung von OSCAR-Gewinner Jamie Foxx gesprochenen Joe Gardner noch die erste afroamerikanische Hauptfigur eines abendfüllenden Pixar-Films.
 
Joe Gardner, den wir gleich zu Beginn kennenlernen, als die von ihm angeleitete Schulband eine bemerkenswert dissonante Version des traditionellen Disney-Intros (wer es nicht weiß: eine Instrumentalfassung des OSCAR-gekrönten Lieds "When You Wish Upon a Star" aus dem Zeichentrickfilm "Pinocchio" von 1940) darbietet, ist eine sympathische Identifikationsfigur für das Publikum. Zwar scheint er nur ein Thema zu kennen – Jazz-Musik – und kann für seine Mitmenschen deshalb mitunter etwas langweilig bis anstrengend sein, aber er hat sein Herz am rechten Fleck und für eine ehrgeizig verfolgte Passion muß man sich nicht entschuldigen. Umso mehr freuen wir uns mit ihm, als er den Gig mit der berühmten Dorothea Williams erhält – und leiden mit ihm, als er sich wenige Stunden vor dem Auftritt an der Schwelle des Todes wiederfindet. Die Darstellung des Jenseits mit der riesigen, von immer neuen Seelen von frisch Verstorbenen aus der ganzen Welt bevölkerten Treppe ist sicherlich nicht wahnsinnig originell, aber visuell überzeugend umgesetzt. Vor allem der penible, wie eine sich ständig wandelnde geometrische Form aussehende Jenseits-Buchhalter Terry gefällt, zumal seine Auftritte mit den stärksten Passagen der sowieso sehr guten, OSCAR-nominierten Musik des häufig mit David Fincher zusammenarbeitenden Nine Inch Nails-Duos Trent Reznor und Atticus Ross unterlegt sind (für die Jazz-Passagen zeichnet Jon Batiste verantwortlich). Das "Davorseits" (im Original einfach "Before" im Kontrast zum "Beyond") fällt derweil abwechslungsreicher aus, was wenig überrascht, da hier immerhin die ungeborenen Seelen von fünf Fachbearbeitern namens Jerry (gesprochen u.a. von Alice "Queen of the South" Braga, Richard Ayoade aus der TV-Serie "The IT Crowd" und "Der mit dem Wolf tanzt"-Star Wes Studi) ausgebildet werden. Bei der Zuteilung der Persönlichkeits-Eigenschaften spielt jedoch der Zufall eine große Rolle, weshalb es auch zu verheißungsvollen Kombinationen wie dem manipulativen megalomanischen Opportunisten kommt (sinngemäßer Kommentar von Jerry: "Das ist das Problem der Erde"). Interessant wird es an dem einen Punkt, der nicht vom Zufall bestimmt ist, denn bevor sie zur Erde (und damit leben) dürfen, müssen alle Seelen selbst im "Du-Seminar" voller Ausprobiermöglichkeiten einen "Funken" finden, welcher sie im Leben antreibt. Genau daran ist 22 bisher gescheitert und will deshalb im Davorseits bleiben – was Joe als seine Chance ansieht, 22s Platz auf der Erde einzunehmen.
 
Erfreulicherweise entwickelt sich die Story recht unvorhersehbar, doch um eine angemessene Rezension zu schreiben, muß ich ein klein wenig spoilern. Denn Joe gelingt zwar tatsächlich die Rückkehr auf die Erde, doch nicht ganz so wie geplant: Er landet in einer Katze, während 22 Joes Körper in Besitz nimmt. Das führt nicht nur zu ein paar Slapstick-Einlagen, sondern bringt vor allem Joe tiefere Einsichten. Denn aus seiner Katzenperspektive kann und muß er nicht nur beobachten, wie 22 in klassischer "Fish out of Water"-Manier die für ihn komplett neue Welt staunend wahrnimmt und von für Joe selbstverständliche Dinge als kleine Wunder wahrnimmt, sondern er bekommt auch einen Einblick darin, wie er auf andere Menschen wirkt. So erhält Joe reichlich Stoff zum Nachdenken, während er versucht, mit der Hilfe des Hippie-Mystikers Moonwind (der irische Komiker und TV-Host Graham Norton) rechtzeitig vor dem Auftritt mit Dorothea Williams wieder in seinen Körper zu kommen – wobei er nicht ahnt, daß Jenseits-Buchhalter Terry immer noch hinter ihm her ist. Das mag so klingen, als würde es in "Soul" auch einiges an Action geben, jedoch verzichtet der Film weitgehend auf entsprechende Sequenzen und konzentriert sich wohltuenderweise ganz auf die Story, die Figuren und die die gesamte Handlung durchziehenden philosophischen Fragen. Und auf den Humor natürlich, der einige richtig gute Lacher hervorbringt (beispielsweise erfahren Fans des Basketball-Teams der New York Knicks aus der NBA endlich, warum ihre Mannschaft seit Jahrzehnten erfolglos ist). Die Sprecher der Originalfassung machen ihren Job ausgezeichnet, wobei der Fokus ganz klar auf den wunderbar miteinander harmonierenden Jamie Foxx und Tina Fey liegt. Die visuelle Gestaltung ist ebenso hervorragend und übertrifft in meinen Augen sogar die der meisten Pixar-Filme – ich bin grundsätzlich einer derjenigen, die immer noch handgemachtem Zeichentrick nachtrauern und speziell computeranimierte Gesichter selten überzeugend finden, aber "Soul" hat einen ganz eigenen Stil, der selbst mir wenig Raum zum Kritisieren gibt. Gekonnt ist auch der Wechsel der Stilrichtungen zwischen der überwiegend realistisch gestalteten Erde und dem von geometrischen Figuren geprägten Jenseits, dem eher an Gemälde erinnernden Davorseits und dem von Picasso inspirierten Design der Seelen. Es ist sehr schade, daß ausgerechnet einer der besten Pixar-Filme pandemiebedingt in vielen Ländern inklusive Deutschland gar nicht in die Kinos kam, denn ein so schönes Werk sollte man wirklich auf einer möglichst großen Leinwand genießen können. Aber wer weiß, vielleicht gibt es ja irgendwann eine ähnlich gute Fortsetzung …
 
Fazit: Pixars "Soul" ist ein wunderbarer Animationsfilm, der mit einer gefühlvollen Handlung voller großer philosophischer Fragen zum Nachdenken anregt und mit sympathischen Figuren, überwältigender Optik, toller Musik und warmherzigem Humor begeistert.
 
Wertung: 9 Punkte.
 
 
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