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In eigener Sache: Mein neues Filmbuch

Einigen Lesern ist bestimmt aufgefallen, daß ich in der rechten Spalte meines Blogs seit einigen Monaten das Cover meines neuen Buchs präs...

Dienstag, 27. Februar 2018

SHAPE OF WATER – DAS FLÜSTERN DES WASSERS (2017)

Originaltitel: The Shape of Water
Regie: Guillermo del Toro, Drehbuch: Vanessa Taylor und Guillermo del Toro, Musik: Alexandre Desplat
Darsteller: Sally Hawkins, Doug Jones, Michael Shannon, Richard Jenkins, Michael Stuhlbarg, Octavia Spencer, David Hewlett, Nick Searcy, Lauren Lee Smith, Nigel Bennett, Morgan Kelly, Martin Roach
 Shape of Water - Das Flüstern des Wassers
(2017) on IMDb Rotten Tomatoes: 92% (8,4); weltweites Einspielergebnis: $194,3 Mio.
FSK: 16, Dauer: 123 Minuten.

Baltimore in den frühen 1960er Jahren: Die über einem Kino wohnende stumme Elisa (Sally Hawkins, "Blue Jasmine") arbeitet als Putzfrau in einer hochgeheimen Forschungseinrichtung der US-Regierung. Eines Tages werden sie und ihre Kollegin und beste Freundin Zelda (Octavia Spencer, "Hidden Figures") Zeuginnen der Ankunft einer geheimnisvollen Kreatur. Es handelt sich um einen humanoiden Amphibienmann (Doug Jones), den der sadistische Sicherheitschef Richard Strickland (Michael Shannon, "Nocturnal Animals") eigenhändig im Amazonas fing, wo er von den Eingeborenen als Gott verehrt wurde. Da die Sowjets gerade erst Hündin Laika ins Weltall geschossen und so einen deutlichen Vorsprung im Wettrennen zum Mond demonstriert haben, erhoffen sich die Wissenschaftler um Dr. Robert Hoffstetler (Michael Stuhlbarg, "Arrival") Vorteile durch das Studium der seltsamen Kreatur – das Militär um General Hoyt (Nick Searcy, "Three Billboards outside Ebbing, Missouri") will das Geschöpf dagegen sofort umbringen, um durch die Autopsie schnellere Resultate zu erzielen. Als Elisa, die sich in der Zwischenzeit heimlich mit dem entgegen der Annahmen des Militärs sehr wohl intelligenten Amphibienmann angefreundet hat, davon erfährt, entwickelt sie mit ihrem freundlichen Nachbarn Giles (Richard Jenkins, "Bone Tomahawk") einen verzweifelten Plan, um die Kreatur zu retten, ehe sie getötet wird …

Kritik:
Guillermo del Toro, Alejandro González Iñárritu und Alfonso Cuarón sind "Los Tres Amigos", drei seit Jahrzehnten eng befreundete Filmemacher aus Mexiko, die mit ihren Werken nicht nur Hollywood, sondern die ganze Welt erobert haben. Iñárritu ist aus dem Trio derjenige, der am konsequentesten Arthouse-Kino produziert ("Babel", "Birdman", "The Revenant"), während del Toro ("Hellboy", "Pacific Rim", "Pans Labyrinth") wie auch Cuarón ("Harry Potter 3", "Gravity", "Children of Men") stärker zwischen Mainstream und Kunstkino pendeln und oft sogar beides miteinander vereinen. Eines haben Iñárritu und Cuarón ihrem Weggefährten bis zum Jahr 2018 voraus: Beide haben bereits den Regie-OSCAR gewonnen, Iñárritu sogar zwei Mal. Del Toro mußte sich bislang mit zwei Nominierungen (Drehbuch und fremdsprachiger Film) für "Pans Labyrinth" begnügen, doch das ändert sich mit "Shape of Water – Das Flüstern des Wassers". Denn das düster-romantische Märchen für Erwachsene wurde für bemerkenswerte 13 Academy Awards nominiert – nur "Titanic", "Alles über Eva" und "La La Land" erreichten in der langen OSCAR-Historie mit je 14 mehr Nennungen! Am Ende waren es vier Auszeichnungen, darunter tatsächlich die erwartete für Regisseur del Toro. Doch am verdiensten sind die Nominierungen meines Erachtens in den technischen Kategorien, weniger in den Hauptkategorien (abgesehen von der Hauptdarstellerin). Denn "Shape of Water" sieht wunderschön aus (ein OSCAR für die Ausstattung), klingt toll (OSCAR für die Musik) und ist atmosphärisch so beeindruckend wie man das von del Toro gewohnt ist – inhaltlich gibt es aber doch ein paar Schwächen.

"Style over substance", das ist ein gerne gebrauchter Begriff, um vor allem teure Hollywood-Blockbuster zu beschreiben – und allzu oft stimmt die Einordnung auch. Auf "Shape of Water" trifft sie ebenfalls zu, wenn auch bei weitem nicht in gleichem Ausmaß. Die humanistische und sinnliche Außenseiterballade, die del Toro erzählt, hat durchaus einiges zu bieten, jedoch spielt die Handlung doch eher die zweite Geige. Im Zentrum steht die bereits in den ersten Minuten etablierte märchenhafte Atmosphäre, die stark an Jean-Pierre Jeunets "Die fabelhafte Welt der Amélie" erinnert – nur, daß es in "Shape of Water" richtige Schurken gibt sowie nicht wenig Gewalt und zudem speziesübergreifenden Sex! Denn Elisa freundet sich nicht nur mit dem namenlos bleibenden "Wassermann" an, sie verliebt sich sogar in ihn – und das wird durchaus erwidert. Hoch anzurechnen ist es del Toro, daß er von dieser merkwürdigen Liebesbeziehung zwar erstaunlich viele Details zeigt, dabei aber immer geschmackvoll bleibt und seine beiden Protagonisten niemals auch nur ansatzweise der Lächerlichkeit preisgibt. So gelingt es ihm mit seinem wohl angeborenen, jedenfalls schon sehr oft bewiesenen Feingefühl, eine dermaßen exotische Beziehung für das Publikum fast vollkommen normal und definitiv akzeptabel wirken zu lassen – keine kleine Leistung in einer Zeit, in der die Prüderie wieder auf dem Vormarsch scheint und schon die vergleichsweise harmlosen SM-Phantasien der "Fifty Shades of Grey"-Trilogie in manchen Kreisen für Empörung sorgen …

Ein wenig problematisch ist allerdings, daß die Entwicklung dieser unwahrscheinlichen Liebe nicht so sehr zu überzeugen vermag wie das Ende des Weges. Dafür geht es doch zu schnell, daß aus bloßer Faszination und Mitleid (angesichts der Behandlung der Kreatur speziell durch Strickland) tiefere Gefühle entstehen – zwar erklärt Elisas väterlicher Nachbar Giles in seiner Nebenfunktion als Erzähler schlüssig, warum Elisa sich so zu dem Wesen hingezogen fühlt und Sally Hawkins' umwerfend gefühlvoll-verletzliche Darstellung ist eine Wucht, eine natürliche Entwicklung wäre aber trotzdem schöner gewesen. Dafür war wohl einfach nicht genug Zeit, denn es gibt ja noch weitere Handlungsstränge. Tatsächlich sind die für mein Empfinden teils sogar spannender, besonders die Story des Forschungsleiters Bob, der in Wirklichkeit Dimitri heißt und ein sowjetischer Spion ist, hat mir sehr gut gefallen. In diesem Strang kommt das 1960er Jahre-Setting am deutlichsten zum Tragen, er sorgt für die meiste Spannung und bietet mit dem von Michael Stuhlbarg sehr einfühlsam verkörperten Spion die ambivalenteste Figur. Denn er ist bemerkenswerterweise keineswegs der Bösewicht der Geschichte, vielmehr geht es ihm wie Elisa – wenn auch natürlich aus anderen Gründen – primär darum, das wundersame Wesen zu retten. Als Schurke der Story dient hingegen der sadistische Strickland, gewohnt sardonisch verkörpert vom großartigen Michael Shannon. Allerdings ist seine Figur trotz kleiner Nuancen, die ihm etwas mehr Profil verleihen, so deutlich als Bösewicht angelegt, daß sie bei aller Bösartigkeit doch eher langweilig wirkt. Natürlich ist es alles andere als ungewöhnlich für ein Märchen, daß klar zwischen Gut und Böse unterschieden wird – hier ist eindeutig Elisa die Gute, während Strickland der Böse ist; doch gerade Bob/Dimitri zeigt, daß Mehrdimensionalität einfach interessanter ist.

Die meisten OSCAR-Nominierungen erhielt "Shape of Water" in den technischen Kategorien und das ist völlig gerechtfertigt. Dabei ging der Film in den beiden Sparten, die eigentlich am offensichtlichsten erscheinen, sogar leer aus, nämlich beim Makeup und den Spezialeffekten. Dabei ist die laut del Toro von Jack Arnolds Universal-Monsterfilm-Klassiker "Der Schrecken vom Amazonas" inspirierte Kreatur zweifellos wunderbar gestaltet und von Doug Jones – dem dank Rollen in Filmen wie "Hellboy", "Pans Labyrinth" oder der TV-Serie "Star Trek Discovery" neben Andy "Gollum" Serkis wohl arriviertesten Kreaturen-Darsteller – überzeugend gespielt, was maßgeblich dafür ist, daß die Geschichte funktioniert. Eine sehr verdiente Nominierung gab es dagegen für die exzellente Kameraführung des Dänen Dan Laustsen ("Silent Hill"): Die Kamera ist fast immer in Bewegung, das aber wohlgemerkt niemals hastig, sondern ganz ruhig und elegant und tänzerisch schwebend – da sieht selbst eine brennende Fabrik richtiggehend idyllisch aus … Das paßt perfekt zur allgemeinen sinnlich-märchenhaften Stimmung des Films und auch zu Alexandre Desplats ("Der fantastische Mr. Fox") harmonischer Musik, die eine besondere Rolle spielt, da beide Hauptfiguren stumm sind. Desplats Musik im Zusammenspiel mit den häufig verwendeten jazzigen Melodien aus zahlreichen alten Filmmusicals (die Elisa gerne zusammen mit Giles anschaut) muß den beiden folglich die Sprache ersetzen – was vorzüglich funktioniert. Kostüme und Ausstattung sind erkennbar hochwertig und transportieren die durchaus recht düstere Welt der 1960er Jahre (deren Rassismus, Fremdenfeindlichkeit und Homophobie del Toro nebenbei ebenfalls thematisiert) gekonnt auf die Leinwand, wobei "Shape of Water" stets die Balance hält zwischem grimmer Authentizität und der dank vieler schräger Figuren auch von Humor durchzogenen märchenhaften Stimmung – was übrigens durch die meisterhafte Ausleuchtung unterstrichen wird, denn die einzelnen Schauplätze sind subtil in ihre eigenen Farbtöne getaucht. Trotz der sich keineswegs idyllisch entwickelnden Handlung mit ihrem Kalter Kriegs-Hintergrund bleibt "Shape of Water" doch immer ein nostalgisches Märchen – deshalb lassen sich auch ein paar wenig glaubwürdige, aber für den Storyverlauf entscheidende Entwicklungen verkraften wie Elisas Möglichkeit, so lange ungestört mit der Kreatur alleine zu sein; ganz zu schweigen davon, wie relativ einfach es hier ist, aus einer gut gesicherten Regierungseinrichtung zu entkommen …

Fazit: "Shape of Water – Das Flüstern des Wassers" ist ein wunderschön gestaltetes Märchen für Erwachsene und eine einfühlsame Außenseiterballade, die mit einem exzellenten Ensemble das Anderssein feiert und für Toleranz eintritt – auch wenn der Bösewicht der Geschichte allzu comichaft wirkt und die vielen Storystränge dazu führen, daß die zentrale Liebesgeschichte ein klein wenig überhastet erzählt ist.

Wertung: 8 Punkte.


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