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In eigener Sache: Mein neues Filmbuch

Einigen Lesern ist bestimmt aufgefallen, daß ich in der rechten Spalte meines Blogs seit einigen Monaten das Cover meines neuen Buchs präs...

Mittwoch, 28. Februar 2018

OSCAR-Vorschau 2018 – Die Hauptkategorien

Am Sonntag steht die 90. Verleihung der Academy Awards in Los Angeles ins Haus (die erneut live bei Pro 7 übertragen wird), wie jedes Jahr wage ich kurz vorher eine ausführliche Analyse und Prognose für alle Kategorien. Als Basis für meine Einschätzung der Favoritenlage dienen dabei neben meiner eigenen jahrelangen Erfahrung vor allem die bisherigen Preisverleihungen der aktuellen Awards Season seit Ende November 2017 sowie amerikanische OSCAR-Blogs wie Gurus o' Gold, Goldderby.com und Indiewire. 2017 habe ich (wegen der kollektiv vergeigten Kurzfilm-Kategorien) ganz ordentliche 14 von 24 Kategorien richtig getippt, in den Jahren zuvor erheblich bessere 16, 15 und 18; ich kann also zwar nicht die Lottozahlen vorhersagen, tippe aber keineswegs einfach so ins Blaue ...

Bester Film:
- Call Me by Your Name
- Lady Bird
- Die Verlegerin

Davon habe ich gesehen und kann daher selbst beurteilen: Alle außer "Call Me by Your Name" (startet erst morgen in Deutschland) und "Lady Bird" (startet am 19. April). Meine Kritik zu "Die Verlegerin" folgt nächste Woche.

Favoriten: Erfreulicherweise einige, daher werde ich einfach einmal die vor mir angenommenen Gewinnwahrscheinlichkeiten angeben:
Keine Chance: "Call Me by Your Name", "Die dunkelste Stunde" und "Der seidene Faden". Für alle drei war die Nominierung in der Königskategorie ein Erfolg, mehr ist nicht drin.
1 %: "Die Verlegerin". Steven Spielbergs engagierter Journalismus-Thriller galt zu Beginn der Awards Season als ein Topfavorit, schnitt dann aber bei den Preisverleihungen auf dem Weg zu den Academy Awards unerwartet schwach ab, was in mageren zwei OSCAR-Nominierungen kulminierte. Eigentlich ist der Film damit chancenlos, das eine Prozent rechne ich ihm für die winzige Möglichkeit zu, daß die Academy-Mitglieder unbedingt Donald "Fake News" Trump eine reinwürgen wollen. Wird aber nicht passieren.
5 %: "Get Out". Zu meiner großen Überraschung sehen einige Branchenexperten und OSCAR-Tipper Jordan Peeles satirischen Rassismus-Thriller als einen ernsthaften Anwärter für einen Sensationssieg. Ich persönlich halte das eigentlich für ausgeschlossen, weil der Film dafür einfach nicht gut genug ist, aber klar: Auch ein Sieg von "Get Out" würde eine klare politische Botschaft senden und außerdem (im Gegensatz zu "Die Verlegerin") noch die Bemühungen der Academy um mehr Diversität demonstrieren. Daher bessere Aussichten als für Spielbergs Film, aber einen Sieg kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen.
9 %: "Dunkirk". Zu Beginn der Saison galten "Dunkirk" und "Die Verlegerin" als die großen Favoriten und wenngleich Christopher Nolans unkonventionell inszenierter Kriegsthriller im Lauf der Awards Season nicht so sehr abgeschmiert ist wie der Spielberg-Film, wäre ein Sieg in der Königskategorie inzwischen doch eine sehr große Überraschung - speziell, nachdem er zuletzt nicht einmal beim "Heimspiel", den britischen BAFTA Awards, gewinnen konnte.
15 %: "Lady Bird". Seit Beginn der Saison hat Greta Gerwigs Coming of Age-Tragikomödie bei den Preisverleihungen hervorragend abgeschnitten und konnte sich so zwischenzeitlich sogar fast zum Topfavoriten mausern. In den letzten Wochen verlief es jedoch eher ruhig, speziell die Gildenpreise gingen überwiegend an andere Filme. Das hat auch die OSCAR-Chancen deutlich geschmälert (denn es gibt viele Überschneidungen zwischen den Gildenmitgliedern und der Academy-Zusammensetzung), zumal "Lady Bird" am wenigsten aktuell oder politisch relevant erscheint.
30 %: "Three Billboards outside Ebbing, Missouri". Auch Martin McDonaghs schwarzhumorige Kleinstadt-Groteske begann eher als Außenseiter, dem man zwar einige Siege zutraute, aber kaum in der Hauptkategorie. Dann folgten immer mehr Nominierungen und Auszeichnungen als "bester Film" und spätestens mit dem recht überraschenden BAFTA-Triumph hat sich "Three Billboards ..." weit nach vorne katapultiert. Gegen ihn spricht (neben der unerwarteten Nicht-Nominierung von Regisseur Martin McDonagh), daß er kontroverser aufgenommen wurde als seine Hauptkonkurrenten, was vor allem mit der herben, alles andere als politisch korrekten Hauptfigur zusammenhängt. Und genau deshalb glaube ich auch, daß der OSCAR an einen anderen Film gehen wird.
40 %: "Shape of Water". Die Entwicklung bei Guillermo del Toros poetisch-romantischem Erwachsenen-Märchen verlief ähnlich wie bei "Three Billboards ...": Zunächst als gesetzt vor allem in den technischen Kategorien betrachtet, dann aber durch etliche Siege Konkurrent um Konkurrent in der Favoritenliste überholt - bis irgendwann keiner mehr vor ihm stand. Genau wie "Three Billboards ...", "Dunkirk" oder "Die Verlegerin" würde auch die für Toleranz eintretende Außenseiterballade eine Botschaft senden, dennoch war ich lange der Ansicht, daß die Story insgesamt etwas zu leichtgewichtig sei für den ganz großen Triumph. Doch die Hauptpreise bei den Critics' Choice Awards sowie den Produzenten- und Regisseursgilden zeigen, daß "Shape of Water" bereit ist. Geld darauf wetten würde ich allerdings trotzdem nicht ...

Gewinnen sollte: "Dunkirk".
Gewinnen wird: "Shape of Water - Das Flüstern des Wassers".

Regie:
- Christopher Nolan, "Dunkirk"
- Jordan Peele, "Get Out"
- Greta Gerwig, "Lady Bird"
- Paul Thomas Anderson, "Der seidene Faden"
- Guillermo del Toro, "Shape of Water - Das Flüstern des Wassers"

Gesehen: Alle außer "Lady Bird".
Favorit: Guillermo del Toro. Hier kann ich mich wesentlich kürzer fassen, denn del Toro gilt als klarer Favorit, nachdem er die meisten Preise im Vorfeld auf sich vereinigen konnte. Nolan und Peele haben Außenseiterchancen, aber es sollte zum vierten mexikanischen Sieg in dieser Kategorie in den letzten fünf Jahren kommen.

Gewinnen sollte: Christopher Nolan.
Gewinnen wird: Guillermo del Toro, "Shape of Water - Das Flüstern des Wassers".

Hauptdarsteller:
- Timothée Chalamet, "Call Me by Your Name"
- Daniel Day-Lewis, "Der seidene Faden"
- Daniel Kaluuya, "Get Out"
- Gary Oldman, "Die dunkelste Stunde"
- Denzel Washington, "Roman J. Israel, Esq."

Gesehen: Day-Lewis, Kaluuya und Oldman.
Favorit: Gary Oldman. Die vier Darstellerkategorien sehen diesmal allesamt nach einer klaren Sache aus, denn ungewöhnlicherweise gingen die bedeutendsten bisherigen Auszeichnungen (Critics' Choice Award, SAG Award, Golden Globe, BAFTA Award) jeweils komplett an die gleiche Person. Und bei den Männern scheinen die Sieganwärter sogar noch etwas fester zementiert als bei den Frauen. Oldman ist erstens überfällig für seinen ersten OSCAR und zweitens hat er fast jeden Preis im Vorfeld gewonnen - und er spielt die Rolle des britischen Kriegs-Premierministers schlicht und ergreifend herausragend gut! Ich glaubte eine Zeitlang, Day-Lewis könnte für seine weniger spektakuläre, aber ebenfalls sehr starke Leistung in Paul Thomas Andersons Modedrama mit einem Abschieds-OSCAR für seinen mutmaßlich letzten Film bedacht werden, aber danach sieht es inzwischen nicht mehr aus. Am ehesten könnte noch Newcomer Timothée Chalamet die Sensation gelingen, der für das kunstvolle Coming of Age- und Coming Out-Drama mit Lob überhäuft wird.

Gewinnen sollte: Gary Oldman knapp vor Daniel Day-Lewis (von den dreien, die ich bereits gesehen habe).
Gewinnen wird: Gary Oldman für "Die dunkelste Stunde".

Hauptdarstellerin:
- Sally Hawkins, "Shape of Water - Das Flüstern des Wassers"
- Frances McDormand, "Three Billboards Outside Ebbing, Missouri"
- Margot Robbie, "I, Tonya"
- Saoirse Ronan, "Lady Bird"
- Meryl Streep, "Die Verlegerin"

Gesehen: Hawkins, McDormand und Streep.
Favoritin: Frances McDormand. Für sie gilt eigentlich das gleiche wie für Oldman - wenn man davon absieht, daß sie bereits einen Goldjungen erhalten hat (1997 für "Fargo"). Eine kleine Chance haben Sally Hawkins - umwerfend als stumme Putzfrau Elisa in "Shape of Water" - und Saoirse Ronan, aber zum Sieg dürfte es nicht reichen.

Gewinnen sollte: Ich habe ja nur Hawkins und McDormand gesehen und die hätten es beide verdient - McDormand vielleicht ein winziges bißchen mehr.
Gewinnen wird: Frances McDormand, "Three Billboards outside Ebbing, Missouri".

Nebendarsteller:
- Willem Dafoe, "The Florida Project"
- Woody Harrelson, "Three Billboards Outside Ebbing, Missouri"
- Richard Jenkins, "Shape of Water - Das Flüstern des Wassers"
- Christopher Plummer, "Alles Geld der Welt"
- Sam Rockwell, "Three Billboards Outside Ebbing, Missouri"

Gesehen: Harrelson, Jenkins und Rockwell.
Favorit: Sam Rockwell. Auch hier kann es wohl keinen Zweifel geben, wenngleich zu Beginn der Awards Season Willem Dafoe einige Kritikerpreise gewinnen konnte. Später räumte jedoch Rockwell beeindruckend ab und sollte kaum zu schlagen sein. Jenkins und Harrelson spielen ebenfalls stark, werden aber im Normalfall ebenso wie Altstar Plummer (mit 88 Jahren der älteste nominierte Schauspieler aller Zeiten!) leer ausgehen.

Gewinnen sollte: Sam Rockwell.
Gewinnen wird: Sam Rockwell, "Three Billboards outside Ebbing, Missouri".

Nebendarstellerin:
- Mary J. Blige, "Mudbound"
- Allison Janney, "I, Tonya"
- Lesley Manville, "Der seidene Faden"
- Laurie Metcalf, "Lady Bird"
- Octavia Spencer, "Shape of Water - Das Flüstern des Wassers"

Gesehen: Manville und Spencer.
Favoritin: Allison Janney. Vermutlich gibt es in dieser Darstellerkategorie noch am ehesten die Aussicht auf einen Favoritensturz, denn lange Zeit verteilten sich die Preise ziemlich gerecht zwischen Janney und Laurie Metcalfe - spätestens ab dem neuen Jahr setzte sich dann aber konsequent Janney durch. Eine Minichance hat Blige, Manville und Spencer brauchen keine Dankesrede vorzubereiten.

Gewinnen sollte: Kein Urteil, da ich die Filme der Favoritinnen noch nicht gesehen habe.
Gewinnen wird: Allison Janney, "I, Tonya".

Nicht-englischsprachiger Film:

- "Eine fantastische Frau", Chile
- "The Insult", Libanon
- "Loveless", Rußland
- "Körper und Seele", Ungarn
- "The Square", Schweden

Gesehen: Keinen.
Favorit: "Eine fantastische Frau". Da die Anzahl der Stimmberechtigten in dieser Kategorie dieses Jahr deutlich ausgeweitet wurde, ist sie noch ein wenig unberechenbarer als es in der Vergangenheit ohnehin bereits der Fall war. Nach dem vorzeitigen Aus des deutschen Golden Globe- und Critics' Choice-Award-Siegers "Aus dem Nichts" gilt nun der chilenische Beitrag als aussichtsreichster Anwärter, gefolgt vom Cannes-Gewinner "The Square", von dem ich aber glaube, daß er etwas zu skurril ist, um auf eine Stimmenmehrheit zu kommen. Aber auch der letztjährige Berlinale-Gewinner "Körper und Seele" sowie der russische und der libanesische Beitrag sind durchaus nicht chancenlos.

Gewinnen wird: "Eine fantastische Frau" für Chile.

Animationsfilm:
- Boss Baby
- The Breadwinner
- Ferdinand
- Loving Vincent

Gesehen: Nur "Coco".
Favorit: "Coco". Auch hier dürfen deutlich mehr Academy-Mitglieder abstimmen als bisher, was sich leider bereits bei den Nominierungen in einem klaren Vorteil für die Mainstream-Vertreter ausgewirkt hat ("Boss Baby"? Echt jetzt?). Pixars "Coco" - der in der Awards Season fast alles abgeräumt hat - hätte vermutlich ohnehin gewonnen, so dürfte die Chance des einzigen echten Konkurrenten "Loving Vincent" auf eine Überraschung gegen Null gehen. Die anderen drei Filme haben sowieso keine.

Gewinnen wird: "Coco - Lebendiger als das Leben!".

Dokumentarfilm:
- Abacus: Small Enough to Jail
- Faces Places
- Icarus
- Last Men in Aleppo
- Strong Island

Gesehen: Keinen.
Favoriten: "Faces Places" und "Icarus". Da einige der Topfavoriten - allen voran "Jane" - bereits an der Nominierung gescheitert sind, ist die Kategorie ziemlich offen. Die besten Aussichten dürfte "Faces Places" haben, ein Portrait der französischen Landbevölkerung, bei dem die weitgehend erblindete 88-jährige französische Filmemacherin Agnès Varda als Co-Regisseurin beteiligt war. Größter Herausforderer ist "Icarus" (über den russischen Dopingskandal und den Whistleblower Rodtschenkow), vielleicht könnte auch die Syrien-Doku "Last Men in Aleppo" noch überraschen. Geringe Chancen haben die True Crime-Doku "Strong Island" und "Abacus" über die einzige US-Bank, die nach der Wirtschafts- und Finanzkrise ab 2007 tatsächlich strafrechtlich belangt wurde (weil sie zu klein war, als daß es negative Auswirkungen auf die Wirtschaft hätte haben können ...).

Gewinnen wird: "Last Men in Aleppo".

Originaldrehbuch:
- Emily V. Gordon und Kumail Nanjiani, "The Big Sick"
- Jordan Peele, "Get Out"
- Greta Gerwig, "Lady Bird"
- Guillermo del Toro und Vanessa Taylor, "Shape of Water - Das Flüstern des Wassers"
- Martin McDonagh, "Three Billboards Outside Ebbing, Missouri"

Gesehen: "Get Out", "Shape of Water" und "Three Billboards ...".
Favoriten: Jordan Peele vor Martin McDonagh und Greta Gerwig. Die Drehbuch-Kategorien erfüllen traditionell gerne so eine Art Trostpreis-Funktion für mitfavorisierte Filme, die ansonsten leer ausgehen. Das sorgt dafür, daß die meisten an einen Sieg für Jordan Peele glauben, da "Get Out" ansonsten kaum eine Siegchance besitzt und die Academy die Rassismus-Satire wohl nur ungern ohne Trophäe nach Hause gehen lassen wird. Ähnlich sieht es bei "Lady Bird" aus, dennoch glaube ich nicht, daß Gerwig wirklich eine Chance hat. Und "Shape of Water" dürfte nur dann eine haben, wenn der 13-fach nominierte Film auf einen ganz großen Siegeszug á la "Der Herr der Ringe: Die Rückkehr des Königs" in allen Kategorien geht - was extrem unwahrscheinlich ist. Es sollte also auf ein Duell zwischen "Get Out" und "Three Billboards ..." hinauslaufen, aber da letzterer wohl auf jeden Fall zwei Darstellerpreise holen wird, glaube ich an einen "Get Out"-Sieg.

Gewinnen sollte: Martin McDonagh.
Gewinnen wird: Jordan Peele für "Get Out".

Adaptiertes Drehbuch:
- James Ivory, "Call Me by Your Name"
- Scott Neustadter und Michael H. Weber, "The Disaster Artist"
- Scott Frank, James Mangold und Michael Green, "Logan - The Wolverine"
- Aaron Sorkin, "Molly's Game"
- Virgil Williams und Dee Rees, "Mudbound"

Gesehen: Nur "Logan".
Favorit: James Ivory. Während die Konkurrenz bei den Originaldrehbüchern in diesem Jahr sehr hart ist (vier der fünf nominierten Werke sind auch als "Bester Film" im Rennen), dürfte es bei den adaptierten Drehbüchern leichtes Spiel für den 89-jährigen James Ivory geben - schließlich handelt es sich bei drei Konkurrenten um die einzige Nominierung überhaupt. Nur "Mudbound" kommt immerhin auf vier Nennungen und könnte eventuell Ivory den sichergeglaubten Triumph noch streitig machen. Aber nicht wirklich, zumal es für "Call Me by Your Name" ebenfalls die einzige große Siegchance des Abends ist und die Academy den hochgelobten Film wie "Get Out" voraussichtlich nicht leer ausgehen lassen wird.

Gewinnen sollte: Da kann ich mir kein Urteil bilden, da ich vier von fünf nominierten Werken noch nicht gesehen habe.
Gewinnen wird: James Ivory für "Call My by Your Name".


Das waren die ersten elf Kategorien, morgen geht es in Teil 2 meiner OSCAR-Vorschau mit den verbleibenden 13 (überwiegend technischen) Kategorien weiter.

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