Empfohlener Beitrag

In eigener Sache: Mein neues Filmbuch

Einigen Lesern ist bestimmt aufgefallen, daß ich in der rechten Spalte meines Blogs seit einigen Monaten das Cover meines neuen Buchs präs...

Mittwoch, 5. Juli 2017

WONDER WOMAN (3D, 2017)

Regie: Patty Jenkins, Drehbuch: Allan Heinberg, Musik: Rupert Gregson-Williams
Darsteller: Gal Gadot, Chris Pine, Danny Huston, Connie Nielsen, Robin Wright, Elena Anaya, David Thewlis, Saïd Taghmaoui, Ewen Bremner, Eugene Brave Rock, Lucy Davis, Lisa Loven Kongsli, Ann Wolfe, Florence Kasumba, Ann Ogbomo, Doutzen Kroes, Eleanor Matsuura, Wolf Kahler, James Cosmo, Rainer Bock, Martin Bishop, Rachel Pickup, Zack Snyder
 Wonder Woman
(2017) on IMDb Rotten Tomatoes: 92% (7,5); weltweites Einspielergebnis: $713,9 Mio.
FSK: 12, Dauer: 136 Minuten.

Als der griechische Gott des Krieges Ares den Kampf gegen das Pantheon wagte und einen Gott nach dem anderen tötete, konnte Göttervater Zeus ihn gerade noch niederschlagen – aber nicht vernichten. Mit letzter Kraft schuf Zeus eine Art Tarnmantel für die Insel Themyscira, auf der die von ihm als Beschützer der Menschheit geschaffenen Amazonen leben, sodaß sie vor Ares sicher sind, wenn dieser wieder zu Kräften gekommen ist und die Menschheit endgültig vernichten will. Dieser Zeitpunkt scheint gekommen, als im Jahr 1918 der britische Spion Steve Trevor (Chris Pine, "Hell or High Water") mit seinem schwer beschädigten Flugzeug durch die unsichtbare Grenze zu dem kriegerischen Frauenvolk hindurch direkt vor der Küste ins Meer abstürzt – gerettet wird er von der durch Zufall anwesenden Diana (Gal Gadot, "Fast & Furious 4-7"), der kampfstarken Tochter von Königin Hippolyta (Connie Nielsen, "Gladiator") und Zeus höchstpersönlich. Nach einer ersten blutigen Begegnung mit den Steve verfolgenden deutschen Truppen sowie seinen erschreckenden Erzählungen vom "Krieg, der alle Kriege beenden soll" kommen die Amazonen-Heerführerin Antiope (Robin Wright, "A Most Wanted Man") und Diana zu dem Schluß, daß Ares hinter diesem Konflikt stehen muß und die Zeit für die Amazonen, wieder die Welt der Menschen zu betreten, gekommen ist. Da ihre Mutter Zweifel hegt, macht sich Diana heimlich mit Steve auf den Weg nach London, wobei sie das "Lasso der Wahrheit" und das legendenumwobene Schwert "Gotttöter" mit sich nimmt …

Kritik:
Tja, nun ist es tatsächlich passiert: Die vierte Film des DC Extended Universe ist der erste, der den Großteil der Kritiker wie auch der Kinogänger überzeugen konnte. Das war auch dringend nötig, waren doch die drei vorangegangenen Werke ("Man of Steel", "Batman v Superman" und "Suicide Squad") zwar allesamt kommerzielle Erfolge, konnten dabei aber selbst viele DC-Fans nur bedingt überzeugen. Auf Dauer hätte eine so bescheidene Mundpropangada mit Sicherheit zu deutlich sinkenden Zuschauerzahlen geführt, gerade bei jenen Filmen, die sich nicht um die global beliebten DC-Superstars Batman und Superman drehen (und angesichts der Konkurrenz durch das viel früher und strategischer aufgebaute und deshalb durchgehend erfolgreiche Marvel Cinematic Universe). Der trotz der Kriegsthematik leichter und beschwingter daherkommende "Wonder Woman" sollte der dringend benötigte "Gamechanger" werden; und Regisseurin Patty Jenkins ("Monster") und Drehbuch-Autor Allan Heinberg in seinem Kinodebüt (sonst schreibt er Comics, aber auch Manuskripte für TV-Serien wie "O.C., California" oder "Grey's Anatomy") haben geliefert. Zwar macht "Wonder Woman" keineswegs alles ganz anders und verläßt sich manchmal etwas zu sehr auf gängige Superhelden-Motive, aber die überfällige starke weibliche Note, eine gute Besetzung und Jenkins' routinierte, wuchtige Inszenierung lassen über manche Klischees und inhaltliche Schwächen großzügig hinwegsehen. Anmerkung am Rande: Patty Jenkins ist nicht nur die erste Regisseurin bei einem Hollywood-Superheldenfilm, sie schuf mit "Wonder Woman" auch den kommerziell zweiterfolgreichsten Film unter der Leitung einer Frau (nur "Die Eiskönigin" – vom gemischten Regieduo Jennifer Lee und Chris Buck – spielte noch mehr Geld ein).

Was mich an den heutigen Big Budget-Superheldenfilmen etwas stört, ist der starke Fokus auf Action. Das ist bei "Wonder Woman" nicht wirklich anders, jedoch sind die Actionsequenzen trotz eines phasenweise etwas zu exzessiven Zeitlupen-Einsatzes unterhaltsam und spannend in Szene gesetzt und zudem gut verteilt – in jedem der drei groben Filmakte gibt es eine. Mir hat die erste am besten gefallen, was vor allem am Setting liegt, aber auch daran, daß es die bodenständigste ist. Denn das erste Filmdrittel spielt auf Themyscira, der verborgenen Heimat der Amazonen, auf der sich die Technik nicht weiterentwickelt hat, die Kriegerinnen aber große Kampfkünste erlernt haben – die dummerweise gegen Gewehre und Kanonen der Deutschen viel von ihrer Wirkung verlieren. Jenkins gelingt es, dem Publikum ohne große Umschweife die aus unserer Perspektive exotische Welt nahezubringen, in der Diana als einziges Kind in einer Welt voller starker Frauen aufgewachsen ist. Über die Amazonen-Gesellschaft selbst erfahren wir leider nur wenig, ihre Kampfkünste sind jedoch mehr als beeindruckend. Vor allem Dianas Tante Antiope, die (anfangs gegen den Willen der Königin) das Training ihrer Nichte übernahm, ist eine beeindruckende, von Robin Wright ausgesprochen charismatisch verkörperte Figur, die zudem in der kurzen, aber sehr sehenswert choreographierten Schlacht an der Küste gegen die deutschen Soldaten beeindruckende Badass-Qualitäten offenbart. Sollte DC je ein Amazonen-Prequel drehen, in dem Antiope im Zentrum steht – ich wäre definitiv dabei!

Bedauerlicherweise verlassen wir die Amazonen mit Dianas Abreise von Themyscira für den restlichen Film. Ein bißchen fies ist es schon, da dieser erste Akt eindeutig gut genug war, um Appetit auf mehr davon zu machen, man dann aber durch den Wechsel in die trübe Realität der Ersten Weltkrieges doch ziemlich hängengelassen wird. Statt exotischer Amazonen gibt es nun erst einmal klassische Culture Clash-Elemente, die selbstredend alles andere als originell sind, dafür aber größtenteils sehr amüsant präsentiert. Daß sich zwischen Steve und Diana – der Steve in London kurzerhand den unverfänglichen, englisch ausgesprochenen Namen "Diana Prince" verpaßt, als die sich eben als Amazonenprinzessin vorstellen möchte … – sehr schnell eine enge Freundschaft entwickelt, wirkt bei genauer Betrachtung nicht ganz glaubwürdig, wird aber dadurch geschickt verdeckt, daß Gadot und Pine hervorragend miteinander harmonieren. Überhaupt sind das israelische Ex-Model und der langjährige Captain Kirk-Darsteller zwei sehr gewichtige Gründe für das Funktionieren von "Wonder Woman". Die ursprünglich von etlichen Fans skeptisch beobachtete Gal Gadot überzeugte ja bereits in "Batman v Superman" (der im Gegenwarts-Prolog übrigens als Alibi-Aufhänger für dieses Prequel dient), wo ihre Darstellung der Wonder Woman als elegante und etwas distanzierte, jedoch keineswegs unsympathische Kriegerin zu den wenigen Höhepunkten zählte. Hier wird das weiter ausgebaut, indem Diana etwas mehr charakterliche Tiefe und mit der Beziehung zu Steve Trevor (der in der "Batman v Superman"-Gegenwart natürlich längst verstorben ist) auch eine sehr persönliche, sie prägende Hintergrundgeschichte verliehen wird. Da kann man locker verschmerzen, daß Diana ständig Schwert, Schild und Lasso unter der ihr von Steve und seiner Assistentin Etta (Lucy Davis, "Shaun of the Dead") verschafften Zivilkleidung griffbereit mit sich herumträgt, ohne daß man es ihr ansieht, was nicht gerade glaubwürdig rüberkommt. Aber um darüber nachzudenken, findet man sowieso kaum noch Zeit, sobald sich Steve und Diana in höchst inoffiziellem Auftrag von Steves Chef Sir Patrick Morgan (David Thewlis, "Die Entdeckung der Unendlichkeit") auf ihren Weg zur Westfront in Belgien machen.

Während viele Politiker und Militärs ob eines deutschen Angebots für Friedensverhandlungen glauben, daß das Kriegsende unmittelbar bevorsteht, sind Steve und Diana nämlich überzeugt, daß der sinistre General Ludendorff (Danny Huston, "Zorn der Titanen") einen entscheidenden Schlag gegen die Briten und ihre Verbündeten plant. Denn vor seinem schicksalsträchtigen Aufeinandertreffen mit Diana hatte Steve in geheimer Mission aufgedeckt, daß Ludendorff und seine brillante Chefchemikerin Dr. Maru (Elena Anaya, "Die Haut, in der ich wohne") eine neue Art von Senfgas entwickeln, gegen das auch Gasmasken nutzlos sind. Deshalb ist Diana sogar überzeugt, daß General Ludendorff in Wirklichkeit Ares höchstselbst ist. Die Ähnlichkeiten zu Marvels erstem, im Zweiten Weltkrieg spielenden "Captain America"-Film sind unverkennbar, gerade die Konstellation mit General Ludendorff und Dr. Maru erinnert doch stark an Captain Americas Widersacher Red Skull und seinen Helfer Dr. Zola – doch erfreulicherweise gestaltet "Wonder Woman" diesen Handlungsstrang in meinen Augen deutlich überzeugender. Während "Captain America" im finalen Drittel fast nur auf Kriegsaction setzt, bietet "Wonder Woman" mehr Abwechslung und besser gestaltete Charaktere. Wie Captain America ist nämlich auch Steve (und damit Diana) mit einigen loyalen Kameraden unterwegs – während das "Howling Commando" in "Captain America" aber auch aufgrund der recht großen Anzahl von Männern abseits der Kampfszenen kaum etwas zu Tun oder Sagen bekommt, verwenden Patty Jenkins und Allan Heinberg auf Steves und Dianas drei Begleiter mehr Mühe. Zugegeben, daß es sich bei denen um einen Araber (Saïd Taghmaoui, TV-Serie "The Missing"), einen Schotten (Ewen Bremner, "Trainspotting") und einen Indianer ("The Revenant"-Stuntman Eugene Brave Rock in seinem Kinodebüt als Schauspieler) handelt, klingt wie der Beginn eines schlechten Witzes, aber da jeder von ihnen seine eigene kleine Story erhält und sie wertvolle Unterstützerdienste leisten, funktioniert das gut, zumal sie nicht wenig Humor in die Geschichte einbringen.

In Sachen Bösewicht kann sich "Wonder Woman" leider nicht von den meisten Genrekollegen abheben, soll heißen: Wie bei so vielen Superhelden-Filmen fallen die Antagonisten auch hier eher unterwältigend aus. Dabei spielt Danny Huston seine Rolle gut, was nicht verwunderlich ist, denn gierige Oberfieslinge hat er schon immer glänzend verkörpert (z.B. in "Der englische Gärtner", "The Warrior's Way" oder auch der TV-Serie "Magic City"), und auch Elena Anaya verleiht der Chemikerin mit dem entstellten Gesicht etwas Profil. Aber beide Figuren und ihre Motivation sind nicht gut genug ausgestaltet, sie wirken bei aller Skrupellosigkeit und Brutalität einfach nicht wie ernstzunehmende Kontrahenten für die willens- und kampfstarke Amazone. Für Spannung sorgt nur die Frage, ob Diana richtig liegt mit ihrer Vermutung, daß Kriegsgott Ares seine Hände im Spiel hat, vielleicht sogar als Ludendorff agiert. Selbstverständlich werde ich nicht des Rätsels Lösung verraten, aber ich kann sagen, daß ich mit der Auflösung recht zufrieden bin. Der ein bißchen an "Casablanca" erinnernde Showdown auf einem Flugplatz ist jedenfalls spektalulär inszeniert und wartet mit überwiegend starken Computereffekten auf, die Dianas übermenschliche Kräfte wuchtig illustrieren (lediglich ihre riesigen Sprünge wirken im Bewegungsablauf etwas unnatürlich, sowas haben vergleichbare Filme besser hinbekommen), auch der 3D-Einsatz ist gelungen.

Abschließend ein paar Sätze zu jener öffentlichen Debatte, die angesichts des ersten großen Superheldinnen-Solofilms wie auch der ersten Superheldenfilm-Regisseurin unvermeidlich war: Ist "Wonder Woman" ein feministischer Film? Gerade in den USA wird er weithin als solcher gepriesen, nicht allein von den Kritikern, sondern ebenso von Organisationen, die sich für die Gleichberechtigung einsetzen, und von zahllosen weiblichen (und etlichen männlichen) Promis; auch der Frauenanteil an den Kinogängern ist deutlich überdurchschnittlich. Andererseits fallen die Reaktionen in Europa verhaltener aus, manche sprechen dem Film jegliche feministische Komponente ab. Nun, die Wahrheit dürfte wie so oft irgendwo in der Mitte liegen. Zweifellos darf man die symbolische Bedeutung von "Wonder Woman" nicht unterschätzen, die wohl durch die aktuelle politische und gesellschaftliche Situation in einem Staat potenziert wird, der von einem Präsidenten und von einer Partei regiert wird, die in den letzten Jahren nicht primär durch ihren Einsatz für Frauenrechte aufgefallen sind (und ihre Wähler noch viel weniger). Und gerade das für die Multiplexe geschaffene Hollywood-Kino richtet sich noch immer stark an das männliche Publikum, weshalb im Grunde genommen jeder Film, bei dem das mal nicht der Fall ist, eine willkommene Abwechslung ist. Wenn nun noch ein traditionell besonders männlich geprägtes Genre wie das des Superheldenfilms endlich mit einer überzeugenden Protagonistin aufwartet, dann ist es kein Wunder, daß das als ein bedeutendes Ereignis gewertet (und vielleicht auch überbewertet) wird, das im Idealfall gar die weiterhin vorherrschende Machokultur in Hollywood ein wenig aufbrechen könnte. Dafür sind Thema und Ära gut gewählt, denn wer könnte besser für weibliche Selbstbestimmung stehen als die Amazonen? Und wann könnte eine Amazone wie Diana besser demonstrieren, daß sie nicht von Männern abhängig ist, als in einer Zeit, in der die Frauen in den meisten Staaten noch nicht einmal das Wahlrecht hatten? Feminismus und Gleichberechtigung sind also durchaus auch inhaltlich ein Thema in "Wonder Woman" – dennoch haben die europäischen Stimmen nicht Unrecht, wenn sie bemängeln, daß das doch arg oberflächlich abgehandelt wird. Nur weil die Suffragetten erwähnt werden und Diana einigen Neandertalern beweisen muß, daß sie nicht weniger weiß oder kann als Männer, ist "Wonder Woman" noch lange kein wirklich feministischer Film. Ein solcher lag aber vermutlich auch nie in der Absicht von DC, denn schließlich handelt es sich um einen Sommer-Blockbuster, von dem die Zuschauer vor allem eines erwarten: gute Unterhaltung. Die bekommen sie, nur eben diesmal von einer Frau inszeniert und mit einer Frau als Protagonistin. Und darüber darf man sich unabhängig vom eigenen Geschlecht ruhig freuen und mehr davon fordern.

Fazit: "Wonder Woman" ist ein unterhaltsames Superheldinnen-Prequel, das mit einer starken Protagonistin, Humor und Action überzeugt, sich jedoch im Kern ziemlich eng an die typischen Genreformeln hält.

Wertung: Knapp 8 Punkte.


Bei Gefallen an meinem Blog würde ich mich über die Unterstützung von "Der Kinogänger" mittels etwaiger Bestellungen über einen der amazon.de-Links in den Rezensionen oder über das amazon.de-Suchfeld oder das jpc-Banner in der rechten Spalte freuen, für die ich eine kleine Provision erhalte.


Kommentare:

  1. WONDER WOMAN beginnt stark, baut aber am Ende etwas ab. Was mir wirklich gut gefiel, war der Gegensatz zu Zack Snyders düsteren DCEU-Filmen. WONDER WOMAN erinnert mit der farbenfrohen Optik eher an einen Marvelfilm. Gal Gadot hat mich als Heldin sehr überzeugt, der opulente Schlusskampf leider nicht.

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Sorry für die späte Antwort, ich hatte den Kommentar bislang schlicht übersehen ... Aber eigentlich gibt es sowieso nicht viel zu antworten, da wir uns ja größtenteils einig sind in der Bewertung. Klar, der Showdown ist kein Meisterstück, aber angesichts dessen, daß die meisten Superhelden-Filme (gleich ob von DC oder Marvel) sehr ähnlich enden, gehört der Schlußkampf von "Wonder Woman" für mich dank der "göttlichen Komponente" definitiv zu den besseren.

      Löschen