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In eigener Sache: Mein neues Filmbuch

Einigen Lesern ist bestimmt aufgefallen, daß ich in der rechten Spalte meines Blogs seit einigen Monaten das Cover meines neuen Buchs präs...

Dienstag, 10. Mai 2016

THE WITCH (2015)

Originaltitel: The VVitch: A New-England Folktale
Regie und Drehbuch: Robert Eggers, Musik: Mark Korven
Darsteller: Anya Taylor-Joy, Ralph Ineson, Kate Dickie, Harvey Scrimshaw, Lucas Dawson, Ellie Grainger, Bathsheba Garnett, Julian Richings
 The VVitch: A New-England Folktale
(2015) on IMDb Rotten Tomatoes: 91% (7,8); weltweites Einspielergebnis: $40,4 Mio.
FSK: 16, Dauer: 103 Minuten.

Amerika im frühen 17. Jahrhundert: Der Puritaner William (Ralph Ineson, "The Huntsman & The Ice Queen"), der in seinem Glauben so fanatisch ist, daß er sogar von seinen Mitgläubigen aus ihrer gemeinsamen Siedlung verbannt wird, baut sich mit seiner Frau Katherine (Kate Dickie, "Prometheus") und den fünf Kindern ein neues, einsames Zuhause am Rand eines finsteren Waldes auf. Doch die Ernte verfault, das jüngste Kind – noch ein Baby – verschwindet spurlos und im Wald gehen seltsame Dinge vor sich. Während William trotzdem mit seinem ältesten Sohn Caleb (Harvey Scrimshaw) im Wald nach Nahrung sucht, muß dessen große Schwester, die fast erwachsene Thomasin (Anya Taylor-Joy, TV-Serie "Atlantis"), auf die Tiere und auch auf ihre jüngeren Geschwister aufpassen. Vor allem Letzteres ist keine leichte Aufgabe, denn die Zwillinge Mercy und Jonas sind vorlaut und ungezogen und fabulieren die ganze Zeit von einer Hexe sowie davon, daß die Ziege "Black Phillip" mit ihnen spreche …

Kritik:
Jährlich werden zahllose Grusel- und Horrorfilme gedreht. Die meisten davon werden (eventuell nach einer Tour über diverse Genre-Festivals) direkt fürs Heimkino veröffentlicht, einige schaffen es zu einem regulären Kinostarts. Sehr, sehr wenige werden richtige Publikumserfolge. Eines haben jedoch die allermeisten Horrorfilme gemeinsam: miese Kritiken. Das ist nicht weiter verwunderlich, denn zum Kritikerliebling taugt das Genre kaum. Zu viel Blut, zu viel Gewalt, zu wenig Figurenzeichnung, zu wenig Handlung: Selbst als Genrefan kann man kaum leugnen, daß diese Zusammenfassung auf einen Großteil der Horrorfilme zutrifft – wobei das besagte Genrefans gar nicht mal unbedingt stört, da sie eben ganz andere Erwartungen haben als die professionellen Kritiker, die weit über den Genrerand hinausblicken. Doch natürlich gibt es Ausnahmen: Filme wie – auf englischsprachige Produktionen beschränkt – "Das Omen", "Der Exorzist" und "Alien" konnten sogar OSCARs gewinnen (wenn auch nur in Nebenkategorien), jüngere Vertreter wie James Wans "Conjuring", Danny Boyles "28 Days Later", die Stephen King-Adaption "Der Nebel" oder Gore Verbinskis famoses Japan-Remake "Ring" erreichten gute Rezensionen und mindestens ordentliche Einspielergebnisse. Die Schlüsselelemente für den Kritikererfolg dieser Werke sind gar nicht so schwer auszumachen. Zum Teil ist das natürlich eine gewisse Originalität, wobei die in diesem stark von wiederkehrenden Motiven geprägten Genre vermutlich schwerer zu erreichen ist als in den meisten anderen (Musterbeispiel dafür ist "Conjuring", dem jegliche Originalität abgeht, der aber trotzdem gut funktioniert). Wichtiger sind ganz altmodische Vorzüge: Starke, gut gezeichnete, authentische Protagonisten (gerne auch charismatische Antagonisten), eine gar nicht unbedingt sehr einfallsreiche, aber auf jeden Fall glaubwürdig und konsequent präsentierte Story und eine beklemmend-unheimliche Stimmung, die die berühmt-berüchtigten "Jump Scares" im Idealfall vollkommen überflüssig macht (oder sie zumindest so weit reduziert, daß sie noch wirkungsvoll bleiben). "The Witch" hält sich ziemlich genau an dieses Rezept, entsprechend sind die Kritiker begeistert – wobei das aber auch daran liegen dürfte, daß es sich nur im weiteren Sinne um einen Gruselfilm handelt, in Wirklichkeit ist es eher ein intensives Glaubens- und Familiendrama. Was dann wiederum auch erklärt, warum Horrorfans deutlich weniger angetan zu sein scheinen als die Kritiker …

Regisseur und Drehbuch-Autor Robert Eggers orientert sich bei seinem Langfilmdebüt stark an Volkssagen sowie an historischen Aufzeichnungen aus der Zeit der Hexenverfolgung. Dabei geht er in dem Bemühen um Authentizität sogar so weit, die handelnden Figuren ihre Dialoge entsprechend der besagten Aufzeichnungen in dem damaligen Sprachgebrauch aufsagen zu lassen – ich weiß nicht, wie genau das in der deutschen Synchronfassung gelöst wurde, in der Originalfassung jedenfalls wimmelt es vor altertümlichen Wörtern und Aussprachen (weshalb ich sehr froh über die deutsche Untertitelung war). Das wiederum hängt auch damit zusammen, daß wohl mindestens die Hälfte dessen, was gesprochen wird, aus Gebeten und Bibelversen besteht. Und damit wären wir schon bei einem Punkt, der entscheidend dafür ist, wie gut einem "The Witch" gefallen kann: Man muß sich vollkommen auf diese altertümliche Geschichte und ihre zutiefst religiösen Charaktere einlassen. Das ist gar nicht so einfach, denn aus heutiger, aufgeklärter Sicht mutet viel von dem, worum es hier geht, wie ein schlichter, hanebüchener Aberglauben an – und zwar keineswegs nur für atheistische Betrachter. Angesichts dessen macht die grimme Ernsthaftigkeit, mit der die unglückselige Familie harmloseste Situationen als Indiz oder gar Beweis für böse Mächte am Werk interpretiert, mindestens merkwürdig an, nicht selten sogar unfreiwillig komisch. Das als gegeben und als  wenn man sich wirklich Mühe gibt, sich in die Leute und ihre ultrareligiös geprägte Welt und Zeit hineinzuversetzen absolut glaubwürdiges Verhalten zu akzeptieren, ist durchaus eine Herausforderung.

Wenn man sie jedoch meistert, wenn man sich also auf diese uns so fremdartig erscheinende Situation einlassen kann, dann erkennt man unweigerlich, wie gut durchdacht und mit welch großer Finesse und Konsequenz Eggers seine kleine, aber umso dramatischere Geschichte vorantreibt. Das fängt schon damit an, daß er sich Klischees ziemlich konsequent verweigert, vielmehr mit der Erwartungshaltung des Publikums spielt. Denn nach dem Prolog, in dem der polternde William von seinen Glaubensbrüdern wegen zu extremer Vorstellungen verbannt wird, verbucht ihn vermutlich jeder erst Mal gedanklich in der Kategorie "Fanatiker" und vermutlicher Rabenvater. Doch weit gefehlt: William, so fundamentalistisch er in seinem Glauben auch ist, entpuppt sich in der Verbannung schnell als in der Regel vernünftiger Mann sowie liebender und mitfühlender Vater, im Grunde genommen als eine fast schon erschreckend "normale" Person. Stattdessen ist es seine Frau Katherine, die nach dem Verschwinden des Babys ziemlich überschnappt, sich kaum noch aus dem Bett herausbewegt und die Zeit fast ausschließlich mit Beten zubringt – solange sie nicht mit der bemitleidenswerten Thomasin schimpft, die auf den kleinen Samuel aufpassen sollte und sich in der Tat nicht das geringste zuschulden kommen ließ (was aber zu ihrem Pech nur der Zuschauer weiß). So verständlich Katherines Verhalten angesichts des Verlusts eines Kindes auch ist: Mit dem Schwelgen in ihrem Elend und dem kaum verhohlenen Haß auf Thomasin ist letztlich sie es, die den Grundstein zu dem Unheil legt, das über die Familie nach dem Verschwinden des Babys hereinbricht.

Wie das geschieht, zeigt Robert Eggers mit bezwingender Konsequenz. Gekonnt reiht er eine für sich genommen eigentlich vollkommen harmlose Szene an die nächste, von der allerdings fast jede ein kleines, irgendwie merkwürdiges Element beinhaltet, das sich aber leicht erklären ließe. Da wären die Zwillinge, die mit der schwarzen Ziege sprechen und behaupten, sie würde mit ihnen sprechen (normaler Kinderquatsch); Thomasin, die (fatalerweise) behauptet, sie sei die Hexe, von der die Zwillinge ständig faseln (eine sehr verständliche Reaktion auf die extrem nervigen Zwillinge); Caleb, der seine ältere Schwester mit eindeutig mehr als nur brüderlichem Interesse beobachtet (was kein Wunder ist, wenn der Pubertierende infolge der Verbannung keinerlei Frauen außer seiner Mutter und seinen Schwestern zu Gesicht bekommt); Katherine, die, ganz gleich was passiert, immer Thomasin die Schuld gibt (unfair, jedoch nachvollziehbar angesichts des verschwundenen Samuel). Obwohl es also für alles vollkommen logische und harmlose Erklärungen gibt, wird man als Zuschauer das Gefühl nicht los, daß sich die Situation immer weiter zuspitzt und das Ganze eigentlich nur in einer Katastrophe enden kann. Selbst eine Begegnung mit einem stinknormalen Hasen im Wald wirkt da wie ein extrem schlechtes Omen … Kurzum: Die Atmosphäre wird immer bedrückender, wofür auch der sparsame, aber sehr geschickte Einsatz der leicht dissonanten Musik von Mark Korven ("Cube") verantwortlich zeichnet, die fast nur in Schlüsselszenen zu hören ist, wohingegen ansonsten meist unheilvolle Stille vorherrscht.

Mit Horror hat das Ganze allerdings nur wenig zu tun – abgesehen vielleicht von dem Horror darüber, was passieren kann, wenn man lieber fundamentale religiöse Ansichten anstelle des gesunden Menschenverstands sein Handeln bestimmen läßt. Auf Jump Scares verzichtet "The Witch" komplett, auch ansonsten entspringt das Gruselfaktor nur teilweise den wenigen, aber stimmungsvollen, unheimlichen Szenen rund um die angebliche Hexe in den Wäldern (oder ist es doch Thomasin oder gar ein anderes Mitglied der Familie?), sondern speist sich zuvorderst aus der angespannten, unklaren Gesamtsituation und der (Aber-)Glaubensthematik – und eben aus der Frage, ob es überhaupt eine Hexe gibt und falls ja, wer es ist. Daß das ziemlich gut funktioniert, ist neben dem starken Skript und der gemächlichen, aber effektiven Inszenierung von Robert Eggers vor allem dem überzeugenden Darsteller-Ensemble zu verdanken. Vor allem die beiden jugendlichen Protagonisten – jeweils ohne nennenswerte vorherige Erfahrung vor der Kamera – liefern bockstarke Leistungen ab, wobei Anya Taylor-Joy mit einer herausragenden Darbietung als leidgeprüfte Thomasin ihren Filmbruder Harvey Scrimshaw noch übertrifft und am Beginn einer großen Karriere stehen dürfte.

Fazit: "The Witch" ist ein nur als Horrorfilm getarntes, betont langsam erzähltes Familien- und Glaubensdrama, das von seinem Publikum den Willen und die Fähigkeit einfordert, sich voll auf das altertümliche Setting einzulassen, es dafür aber auch mit fein gezeichneten Figuren, einer gut durchdachten Handlung und einer beklemmenden Atmosphäre belohnt.

Wertung: 7,5 Punkte.


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