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Dienstag, 15. September 2015

OSCAR-News: Weiteres Festival-Roundup inklusive "Der Marsianer" und "Our Brand Is Crisis"

In der Labor Day-Woche gab es erneut nicht viele wirklich berichtenswerte Neuigkeiten über kommende Filmprojekte, weshalb ich wieder "Neues aus Hollywood" durch OSCAR-News ersetze. Zumal die News-Armut neben dem Feiertag sowieso primär damit zusammenhängen dürfte, daß viele der einflußreichen Studiomanager aktuell bei ebenjenen Festivals in Toronto, Venedig oder Telluride unterwegs sind, auf denen aktuell zahlreiche OSCAR-Kandidaten ihre Erstaufführungen feiern.

Letzte Woche berichtete ich ja bereits über die Kritiker-Reaktionen auf "Everest", "Beasts of No Nation", "The Danish Girl", "Black Mass", "Spotlight", "Suffragette" und "Steve Jobs". Dazu habe ich nachzutragen, daß "The Danish Girl" nach der Weltpremiere in Venedig inzwischen auch in Toronto gezeigt wurde, wo die Reaktion des Publikums als annähernd euphorisch beschrieben wird. Das stärkt den Verdacht, daß Tom Hoopers Transsexuellen-Drama mit Eddie Redmayne und Alicia Vikander (deren Leistung übrigens fast noch mehr gelobt wird als die von Redmayne in der Titelrolle) zu jenen Filmen zählen könnte, die bei den Kritikerpreisen eher eine Nebenrolle spielen, dann aber zahlreiche OSCAR-Nominierungen in den wichtigen Kategorien erhalten.

Damit aber endlich zu den neuesten vorgestellten Filmen: Hier verfestigt sich erst einmal der Trend der letzten Woche, wonach die OSCAR-Saison 2015/2016 bislang zwar eine Unzahl von sehr verdienten Kandidaten auf Nominierungen in den vier Schauspieler-Kategorien hervorbringt, aber noch keinen echten Überflieger, den man insgesamt als Topfavorit bezeichnen könnte. Von den Filmen, über die ich letztes Mal berichtete, dürften das Kindersoldaten-Drama "Beasts of No Nation" und vor allem Danny Boyles unkonventionelles Biopic "Steve Jobs" die besten Chancen haben (und eben, wenn sich meine Vermutung bestätigt, "The Danish Girl"), aus der letzten Woche stößt am ehesten noch "Der Marsianer" dazu. Denn nachdem Sir Ridley Scott zuletzt einige etwas enttäuschende Filme veröffentlichte ("The Counselor", "Exodus"), wird ihm mit der Verfilmung des gleichnamigen Bestsellers von Andy Weir eine Rückkehr zu alter Form attestiert. Zwar nicht in die allerhöchsten "Alien"-, "Blader Runner"- oder "Gladiator"-Sphären, aber der Science Fiction-Film mit Matt Damon als auf dem Mars gestrandeter Astronaut scheint ein richtig guter Film zu sein. Problem hinsichtlich der OSCARs: Genrefilme tun sich bei der Academy bekanntlich zumeist schwer. Vielleicht zählt "Der Marsianer" ja zu den Ausnahmen wie Alfonso Cuaróns "Gravity", im Moment würde ich aber eher auf eine Rolle rechnen, wie sie dieses Jahr Christopher Nolans "Interstellar" spielte; soll heißen: Überwiegend Nominierungen in den technischen Kategorien.

An die durchwegs guten Kritiken von "Der Marsianer" reicht kein anderer prominenter Neustart der letzten Woche heran. Eher zu den Enttäuschungen scheint beispielsweise David Gordon Greens auf einem Dokumentarfilm basierende Politsatire "Our Brand Is Crisis" zu zählen, deren Hauptdarstellerin Sandra Bullock allerdings über den grünen Klee gelobt wird und entsprechend die Chance auf eine weitere OSCAR-Nominierung haben könnte. Der Film selbst überzeugt die meisten Kritiker leider nicht so sehr, was vor allem dem eher holprigen Drehbuch angelastet wird. Ähnlich sieht es bei Stephren Frears' Lance Armstrong-Film "The Program" aus: Lob für Hauptdarsteller Ben Foster (allerdings weniger als für Bullock in "Our Brand Is Crisis"), ziemlich mittelmäßige Kritiken für den Film an sich.

Etwas besser stehen zwei weitere Biopics da: "Born to be Blue" und "Trumbo". In Robert Boudreaus "Born to the Blue" spielt Ethan Hawke die Jazzlegende Chet Baker, während in Jay Roachs "Trumbo" Bryan Cranston den Drehbuch-Autor Dalton Trumbo verkörpert. Beide Filme erhalten positive Rezensionen und vor allem sehr viel Lob für den jeweiligen Hauptdarsteller. Die ganz große Begeisterung scheinen jedoch beide nicht entfachen zu können, was mich vor allem bei "Trumbo" schon etwas enttäuscht. Denn das Leben dieses Mannes, der in der McCarthy-Ära zu jenen Hollywood-Künstlern zählte, die wegen ihrer Ablehnung der Kooperation mit dem "Komitee für unamerikanische Umtriebe" sogar inhaftiert wurden, bietet nun wahrlich tollen Stoff für einen Film. Denn nach seiner Haft erhielt er in den 1950er Jahren ein Quasi-Berufsverbot, das er unter Pseudonymen unterlief und für meisterhafte Drehbücher wie "Ein Herz und eine Krone" und "Roter Staub" sogar zwei OSCARs gewann, die er natürlich nicht persönlich entgegennehmen konnte; später, nach seiner Rehabilitierung, schrieb er heutige Klassiker wie "Spartacus" und "Papillon", und 1971 schuf er in seiner einzigen Regiearbeit den vermutlich konsequentesten Anti-Kriegsfilm aller Zeiten: "Johnny zieht in den Krieg". Leider scheint "Trumbo" trotz dieser facetten- und ereignisreichen "Vorlage" und Bryan Cranstons hervorragender Darstellung das Problem vieler Biopics zu teilen: Die Geschichte wirkt nicht richtig harmonisch, sondern eher episodenhaft, weil nun einmal die wichtigen Lebensstationen Trumbos mehr oder weniger der Reihe nach abgearbeitet werden. "Steve Jobs" hat so etwas durch die Konzentration auf eine relativ kurze Zeitspanne vermieden, "Trumbo" und auch "Born to be Blue" halten sich an die konventionelle Vorgehensweise mit ihren typischen Stärken und Schwächen.

Ebenfalls zumindest in den Schauspieler-Kategorien eine Rolle spielen sollte "Truth" von James Vanderbilt. Altstar Robert Redford spielt darin den amerikanischen TV-Nachrichtensprecher Dan Rather, der vor zehn Jahren infolge eines Skandals um eine schlecht recherchierte Reportage ebenso den Job verlor wie seine Produzentin, die hier von Cate Blanchett verkörpert wird und die eigentliche Hauptrolle spielt. Beide werden als ernsthafte OSCAR-Anwärter angesehen (Blanchett als Hauptdarstellerin, Redford als Nebendarsteller), was in Blanchetts Fall zu der so wohl noch nie dagewesenen Situation führt, daß sie gleich mit DREI Filmen aussichtsreich in die Awards Season geht: "Cinderella" (Nebenrolle), das bei uns noch nicht gestartete Drama "Carol" (könnte sowohl als Haupt- als auch als Nebenrolle gewertet werden) und nun "Truth" (Hauptrolle). Da pro Kategorie nur eine Nominierung möglich ist, sind allerdings maximal zwei Nominierungen erreichbar (was es schon öfter gab, beispielsweise für Julianne Moore).

Zu den positiven Überraschungen der Herbstfestivals zählt derweil Michael Moores ("Bowling for Columbine") Comeback nach mehrjähriger Pause mit der Doku "Where to Invade Next". Trotz des typisch provokativen Titels scheint der Film für Moore-Verhältnisse verhältnismäßig zahm daherzukommen, denn letztlich geht es Moore darum, aus Ländern auf der ganzen Welt gute soziale Ideen herauszupicken, die in den USA gerne (meist von den Republikanern) als nicht umsetzbar oder zu teuer abgetan werden. Dabei geht Moore offenbar ungewöhnlich seriös vor, wenngleich seine Vorgehensweise des Herauspickens einzelner Elemente aus hochkomplexen Staatengefügen natürlich nur bedingt praxistauglich ist. Für einen unterhaltsamen Film, der auch noch zum Nachdenken anregt, reicht das aber vollkommen aus. Und damit eventuell auch für eine OSCAR-Nominierung in der Doku-Kategorie.

Abschließend ein kurzer Blick auf zwei Filme, die ebenfalls auf den Herbstfestivals vorgestellt wurden, anhand gemischter Reaktionen vermutlich keine OSCAR-Chancen haben werden, aber eine starke deutsch(sprachig)e Beteiligung aufweisen: "Colonia" und "Remember". In dem historischen Thriller "Colonia" erzählt der deutsche Regisseur Florian Gallenberger (der vor einigen Jahren mit "Quiero Ser" den Kurzfilm-OSCAR gewann) mit internationaler Besetzung eine Geschichte aus dem Umfeld der berüchtigten deutschen Sekte Colonia Dignidad, die von einem deutschen Aussteiger in den 1960er Jahren in Chile gegründet wurde und sich später dem Diktator Pinochet für zahlreiche Menschenrechtsverletzungen andiente. Neben Folter von (vermeintlichen) Pinochet-Gegnern sind vor allem zahlreiche Fälle sexuellen Kindesmißbrauchs belegt. In Gallenbergers Film spielen Daniel Brühl und Emma Watson ein deutsches Paar, das 1973 mitten in den Militärputsch gegen Präsident Allende hineingerät. Er soll in der Colonia Dignidad gefoltert werden, woraufhin sie sich quasi undercover in die Sekte einschleicht, um ihn zu befreien. Michael Nyqvist ("Mission: Impossible IV") spielt den Sektenführer Paul Schäfer. Vom Publikum in Toronto wurde "Colonia" gefeiert, die ersten Kritiken fallen allerdings eher durchwachsen aus, wenngleich vor allem Watsons Darstellungskunst gewürdigt wird. Bereits deutlich mehr Kritiken gibt es zu "Remember" vom kanadischen Star-Regisseur Atom Egoyan ("Das süße Jenseits"), der einige Tage vor "Colonia" in Venedig seine Premiere feierte. Leider fallen diese Kritiken ziemlich mittelmäßig aus und scheinen Egoyans kleines qualitatives Tief der letzten Jahre ("Chloe", "Devil's Knot", "The Captive") zu bestätigen. "Remember" ist ein ebenso ungewöhnlicher wie düsterer Rache-Thriller über einen alten Holocaust-Überlebenden (Christopher Plummer), der an Demenz erkrankt, aber vor seinem Tod (oder dem Demenz-bedingten Vergessen) noch den KZ-Tod seiner Eltern rächen will. Dafür reist er auf der Suche nach Hinweisen nach dem Aufenthaltsort des damals Verantwortlichen durch Nordamerika, wobei er u.a. auf andere ehemalige KZ-Insassen, aber auch auf damalige deutsche Soldaten und auf Neonazis trifft. Neben Plummer agieren u.a. Martin Landau, Jürgen Prochnow und Bruno Ganz. Während manche Kritiker sich durchaus angetan zeigen von Plummers wenig glaubwürdigem, aber spannendem Trip durch Amerika und in seine eigene Vergangenheit, kritisieren viele das überkonstruierte Drehbuch, das der ernsten Thematik nicht gerecht werde.

Die deutschen Starttermine der genannten Filme:
"Der Marsianer": 8. Oktober 2015
"Remember": 31. Dezember 2015
"Colonia": 21. Januar 2016
"Our Brand Is Crisis": 10. März 2016

Noch ohne Termin: "Born to be Blue", "Trumbo", "Truth", "Where to Invade Next".

Es bleibt also festzuhalten, daß die eigentliche Awards Season ab Ende November bislang ungewöhnlich offen aussieht. Natürlich stehen aber auch noch etliche potentielle Hochkaräter aus, die bislang noch niemand gesehen hat: Steven Spielbergs Spionage-Thriller "Bridge of Spies" mit Tom Hanks; Alejandro González Iñárritus "The Revenant" mit Leo DiCaprio; David O. Russells "Joy" mit Jennifer Lawrence; Quentin Tarantinos "The Hateful Eight"; Robert Zemeckis' "The Walk" mit Joseph Gordon-Levitt. Einer davon wird schon die Topfavoriten-Rolle einnehmen können ...

Ein weiterer OSCAR-Kandidat hat sich übrigens frühzeitig aus dem Rennen für dieses Jahr verabschiedet: Oliver Stones "Snowden" mit Joseph Gordon-Levitt wird nicht rechtzeitig fertig und deshalb erst 2016 veröffentlicht.

Quellen:

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