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In eigener Sache: Mein neues Filmbuch

Einigen Lesern ist bestimmt aufgefallen, daß ich in der rechten Spalte meines Blogs seit einigen Monaten das Cover meines neuen Buchs präs...

Mittwoch, 18. Februar 2015

OSCAR-Vorschau 2015 – Die Hauptkategorien

Wie jedes Jahr wage ich auch 2015 wenige Tage vor der OSCAR-Verleihung, die in der Nacht von Sonntag auf Montag in Los Angeles stattfinden wird (und in Deutschland wieder live von Pro7 übertragen wird), eine ausführliche OSCAR-Vorschau samt Analyse und Prognose aller Kategorien. Als Basis für meine Einschätzung der Favoritenlage dienen dabei vor allem die bisherigen Preisverleihungen seit Ende November 2014 sowie amerikanische OSCAR-Blogs wie Gurus o´ Gold (eine Gruppe renommierter Filmkritiker und -blogger) und Indiewire. Letztes Jahr habe ich immerhin 18 von 24 Kategorien korrekt getippt (im Jahr davor 17), ich bin also nicht vollkommen ahnungslos ...

Bester Film:
- American Sniper
- Selma
- Whiplash

Davon habe ich gesehen und kann daher selbst beurteilen: "Birdman", "Boyhood", "Grand Budapest Hotel", "The Imitation Game" und "Die Entdeckung der Unendlichkeit".
Favoriten: "Boyhood" und "Birdman". Lange Zeit während der Awards Season galt die Coming of Age-Geschichte "Boyhood" als so gut wie sicherer OSCAR-Gewinner. Doch dann kamen im Januar und Februar die Branchenvertretungen (Regisseure, Schauspieler, Produzenten) und zeichneten vorrangig die schwarzhumorige Showbiz-Satire "Birdman" aus. Seit "Boyhood" dafür anschließend den britischen BAFTA Award gewann, ist das Rennen endgültig vollkommen offen. Obwohl mein Herz sagt, daß "Boyhood" gewinnen wird (und soll), geht mein Kopf davon aus, daß sich am Ende doch "Birdman" durchsetzen wird. Die Begründung ist mehr oder weniger mathematischer Natur: Die Stimmberechtigten in der Academy stammen nun einmal aus der Filmbranche, einen großen Teil von ihnen machen Schauspieler, Regisseure und Produzenten aus. Wenn also die Schauspieler-, die Regisseurs- und die Produzentengilde allesamt "Birdman" mit ihrem Hauptpreis bedenken – wie könnte dieser Film nicht den "Best Picture"-OSCAR gewinnen? Jedoch gibt es noch eine dritte Möglichkeit, die vom komplizierten Abstimmungs- und Auszählungsprozedere der Academy Awards begünstigt wird: "Birdman" und "Boyhood" nehmen sich in ihrem Kopf-an-Kopf-Rennen gegenseitig so viele Stimmen aus dem eher arthouselastigen Flügel der Academy weg, daß ein dritter Film den Preis gewinnt. Erster Anwärter dafür wäre Clint Eastwoods "American Sniper", der von den nominierten Filmen der mit Abstand massenkompatibelste ist (er hat in den nordamerikanischen Kinos deutlich mehr Geld eingespielt als alle übrigen Nominees dieser Kategorie zusammen!), außerdem spricht er die hohe Anzahl eher konservativ geprägter Mitglieder der traditionell von "alten weißen Männern" (wie die Statistiken über die Academy-Zusammensetzung gerne spöttisch zusammengefaßt werden) geprägten Academy an. Manche argumentieren hingegen, daß Wes Andersons "Grand Budapest Hotel" von den Stimmen der Vertreter der eher künstlerischen Filmbereiche (Kostümbildner, Ausstatter etc.) entscheidend profitieren könnte, aber das halte ich für ebenso unwahrscheinlich wie die These, daß das Bürgerrrechts-Drama "Selma" trotz nur zwei Nominierungen einen Sensationssieg feiert. Dennoch: Das Rennen um den wichtigsten OSCAR überhaupt ist in diesem Jahr sehr offen, mit gutem Willen kann man für alle acht Nominierten Argumente finden, warum sie gewinnen könnten. Für Spannung ist also wahrlich gesorgt.

Gewinnen sollte: "Boyhood".
Gewinnen wird: "Birdman". 

Regie:
- Alejandro González Iñárritu, "Birdman"
- Richard Linklater, "Boyhood"
- Bennett Miller, "Foxcatcher"
- Wes Anderson, "Grand Budapest Hotel"
- Morten Tyldum, "The Imitation Game"

Gesehen: Alle außer "Foxcatcher".
Favorit: Richard Linklater. Da ich davon ausgehe, daß "Birdman" als Bester Film ausgezeichnet werden wird, ist natürlich auch dessen Regisseur Iñárritu ein ernsthafter Kandidat (viel häufiger gehen die OSCARs für den besten Film und die beste Regie an den gleichen Film als an zwei verschiedene, wobei letzteres in den vergangenen Jahren aber auch öfters geschah) – zumal "Birdman" mit seinen höchst anspruchsvollen ultralangen Takes in der Tat eine bemerkenswerte inszenatorische Leistung ist. Die wird allerdings noch getoppt von Linklater, der seinen Film über 12 Jahre hinweg gedreht hat und es dabei schaffte, die einzelnen "Jahressequenzen" nahtlos zu einem grandiosen Film zu verbinden. Das wird auch die Academy honorieren. Die drei verbleibenden Nominierten sind deshalb chancenlos.

Gewinnen sollte: Richard Linklater.
Gewinnen wird: Richard Linklater für "Boyhood". 

Hauptdarsteller:
- Steve Carell, "Foxcatcher"
- Bradley Cooper, "American Sniper"
- Benedict Cumberbatch, "The Imitation Game"
- Michael Keaton, "Birdman"
- Eddie Redmayne, "Die Entdeckung der Unendlichkeit"

Gesehen: Alle außer "Foxcatcher".
Favoriten: Michael Keaton, Eddie Redmayne und Bradley Cooper. Keaton wurde lange als sicherer Gewinner gehandelt, doch spätestens seit die Schauspielergewerkschaft ihren Preis Redmayne verlieh, hat sich das geändert; schließlich hat in den letzten zehn Jahren jeder SAG-Gewinner anschließend auch den OSCAR abgestaubt (die letzte Ausnahme war Adrien Brody für "Der Pianist"). Also tippen nun viele Experten auf Redmayne (der dann auch noch in seiner Heimat den BAFTA Award gewann). Ich setze jedoch weiterhin auf Michael Keaton, hatte die Academy doch schon immer eine Faible dafür, ältere, verdiente Schauspieler für ein furioses Comeback zu belohnen – und Keaton hätte es für seine Leistung in "Birdman" definitiv verdient (meiner Meinung nach mehr als Redmayne). Zum Geheimfavoriten hat sich in den letzten Wochen derweil unerwartet Bradley Cooper aufgeschwungen; zwar wurde er in der gesamten Awards Season bei sämtlichen bedeutsamen Preisverleihungen komplett ignoriert (also noch nicht einmal nominiert), dennoch trauen ihm angesichts seiner Beliebtheit und des gigantischen Erfolges von "American Sniper" einige zu, als lachender Dritter aus dem engen Stimmen-Zweikampf zwischen Keaton und Redmayne hervorzugehen. Ich zähle allerdings nicht dazu und halte Cooper für ebenso chancenlos wie Cumberbatch und Carell (trotz ihrer starken Performances).

Gewinnen sollte: Michael Keaton.
Gewinnen wird: Michael Keaton für "Birdman".

Hauptdarstellerin:
- Marion Cotillard, "Zwei Tage, eine Nacht"
- Felicity Jones, "Die Entdeckung der Unendlichkeit"
- Julianne Moore, "Still Alice"
- Rosamund Pike, "Gone Girl"
- Reese Witherspoon, "Der große Trip – Wild"

Gesehen: Leider nur Felicity Jones und Rosamund Pike.
Favoritin: Julianne Moore. Die erste "Selbstläufer-Kategorie" denn daran, daß Julianne Moore für ihre Darstellung einer an Alzheimer erkrankten Professorin endlich ihren überfälligen ersten OSCAR gewinnen wird, besteht eigentlich keinerlei Zweifel. Es fällt sogar schwer, irgendeinen Außenseitertip zu nennen, da Moore die Awards Season so klar dominiert hat. Am ehesten käme dafür wohl noch Witherspoon in Frage (da käme wieder der Comeback-Faktor zum Greifen, wobei sie natürlich nicht so lange "weg" war), aber dazu wird es nicht kommen.

Gewinnen sollte: Obwohl ich bisher nur wenige Szenen aus dem Film gesehen habe: Julianne Moore (über einen Sieg von Felicity Jones würde ich mich allerdings ebenfalls sehr freuen, da ich sie in "Die Entdeckung der Unendlichkeit" phantastisch fand).
Gewinnen wird: Julianne Moore für "Still Alice".  

Nebendarsteller:
- Robert Duvall, "Der Richter"
- Ethan Hawke, "Boyhood"
- Edward Norton, "Birdman"
- Mark Ruffalo, "Foxcatcher"
- J.K. Simmons, "Whiplash"

Gesehen: Leider nur Ethan Hawke und Edward Norton.
Favorit: J.K. Simmons. Eine ähnlich klare Sache wie bei den Hauptdarstellerinnen: Simmons hat fast jeden Preis im Vorfeld gewonnen, außerdem ist er ein seit vielen Jahren sehr beliebter Charakterdarsteller in Kino und TV, der endlich eine OSCAR-würdige Rolle ergattert hat. Norton und Hawke haben minimale Außenseiterchancen, aber alles andere als ein Sieg für Simmons wäre eine Sensation.

Gewinnen sollte: Jeder. Alle fünf sind hervorragende Schauspieler, aber da auch ich Simmons sehr schätze, gönne ich ihm den wahrscheinlichen Triumph auf jeden Fall (wenngleich Norton ebenfalls lange überfällig für einen OSCAR ist).
Gewinnen wird: J.K. Simmons für "Whiplash". 

Nebendarstellerin:
- Patricia Arquette, "Boyhood"
- Laura Dern, "Der große Trip – Wild"
- Keira Knightley, "The Imitation Game"
- Emma Stone, "Birdman"
- Meryl Streep, "Into the Woods"

Gesehen: Alle außer Laura Dern.
Favoritin: Patricia Arquette. Und die dritte eindeutige Kategorie in Folge: Auch Arquette hat im Vorfeld fast alles gewonnen, auch sie ist eine beliebte und respektierte Schauspielerin, die noch keinen OSCAR hat. Am ehesten könnten ihr noch Stone oder Knightley den Sieg streitig machen (gegen Streep spricht, daß "Into the Woods" ingesamt nicht übermäßig gut ankam), aber auch hier muß festgehalten werden: nicht wirklich ...

Gewinnen sollte: Patricia Arquette oder Keira Knightley.
Gewinnen wird: Patricia Arquette für "Boyhood". 

Animationsfilm:
- Baymax – Riesiges Robowabohu
- Die Boxtrolls
- Drachenzähmen leicht gemacht 2
- Song of the Sea
- Die Legende der Prinzessin Kaguya

Gesehen: Keinen.
Favoriten: Alle außer "Die Boxtrolls"! Endlich wird es wieder spannend, denn nachdem der eigentliche Top-Siegfavorit "The LEGO Movie" sensationell nicht einmal nominiert wurde, ist diese Kategorie vollkommen offen. Als leicht favorisiert gilt "Drachenzähmen leicht gemacht 2", der u.a. den Golden Globe und den Produzentenpreis gewann; allerdings konnte mit "Toy Story 3" bislang nur eine einzige Fortsetzung in der langen OSCAR-Historie den Animationsfilmpreis gewinnen! Härtester Konkurrent ist vermutlich "Die Legende der Prinzessin Kaguya", da der japanische Film eine emotional anrührende Geschichte erzählt, visuell aufregend (in einer Art Wasserfarben-Optik) gestaltet ist und zudem den zumindest auf längere Sicht letzten Film des legendären Studio Ghibli darstellt. Die Frage ist nur: Haben ihn genügend Stimmberechtigte gesehen? Nicht außer acht lassen darf man außerdem natürlich Marvels "Baymax", der sehr erfolgreich und sehr populär ist, allerdings wohl eigentlich nicht außergewöhnlich genug für den Sieg. Und schließlich wäre da noch der irische "Song of the Sea", ganz klassisch von Hand gezeichnet statt am Computer geschaffen und mit einer charmanten Story aufwartend. Jeder dieser vier Filme hat reelle Chancen auf einen Sieg, nur "Die Boxtrolls" dürfte infolge eher mittelmäßiger Rezeption nicht in Frage kommen.

Gewinnen sollte: Ausgehend von dem, was ich über die Filme und ihre Macher weiß und gesehen habe: "Die Legende der Prinzessin Kaguya".
Gewinnen wird: "Baymax – Riesiges Robowabohu".

Nicht-englischsprachiger Film:
- "Ida", Polen
- "Leviathan", Russland
- "Tangerines", Estland
- "Timbuktu", Mauretanien
- "Wild Tales", Argentinien

Gesehen: Keinen.
Favoriten: Alle außer "Tangerines". Auch dies ist eine sehr offene Kategorie. Die besten Chancen werden dem kunstvollen polnischen Schwarzweiß-Drama "Ida" eingeräumt, allerdings ist der argentinische Episodenfilm "Wild Tales" ein echter "Crowdpleaser". Schon aus politisch-symbolischen Gründen darf man auch "Leviathan" und "Timbuktu" nicht unterschätzen. Vor allem "Leviathan" hat international zahlreiche Preise abgeräumt und jede Menge Lob von den Kritikern eingefahren – daß das russische Drama über Korruption und Machtmißbrauch von Politik und Kirche in seiner Heimat nur in zensierter Form in den Kinos starten durfte und zudem von zahlreichen Personen der Öffentlichkeit übel als "Nestbeschmutzung" beschimpft wurde, dürfte dem Film angesichts des Ukraine-Konflikts auch nicht schaden. Ähnlich sieht es bei "Timbuktu" aus, der sich mit den schlimmen Folgen der IS-Terrorherrschaft für die "normale" einheimische Bevölkerung befaßt und ebenfalls starke Kritiken vorzuweisen hat. Von dem estnischen Vertreter "Tangerines" ist dagegen kaum etwas zu hören oder lesen, entsprechend gering sollten die Siegchancen sein.

Gewinnen sollte: Kann ich wirklich nicht beurteilen.
Gewinnen wird: "Ida" für Polen

Originaldrehbuch:
- Alejandro González Iñárritu, Nicolás Giacobone, Alexander Dinelaris, Jr. und Armando Bo, "Birdman"
- Richard Linklater, "Boyhood"
- E. Max Frye und Dan Futterman, "Foxcatcher"
- Wes Anderson und Hugo Guinness, "Grand Budapest Hotel"
- Dan Gilroy, "Nightcrawler"

Gesehen: Alle außer "Foxcatcher".
Favoriten: "Boyhood", "Birdman" und "Grand Budapest Hotel". Im Drehbuch-Bereich werden gerne Filme belohnt, die ansonsten in den Hauptkategorien leer ausgehen. Gut möglich, daß das 2015 wieder der Fall ist, zumal Wes Anderson zuletzt seine Konkurrenzfähigkeit durch den Gewinn des britischen BAFTA Awards noch einmal unterstrich. "Birdman" und "Boyhood" sind aber natürlich eine starke Konkurrenz, die diese Kategorie zu einem völlig offenen Dreikampf macht. Sollte "Birdman" oder "Boyhood" gewinnen, wäre das ein wichtiger Hinweis auf den späteren Sieger in der Königskategorie "Bester Film". Ich würde sogar so weit gehen zu behaupten: Wenn "Boyhood" diesen OSCAR nicht gewinnt, kann er auch nicht "Bester Film" werden (bei "Birdman" halte ich einen Sieg ohne Drehbuch-OSCAR für wahrscheinlicher).

Gewinnen sollte: Richard Linklater.
Gewinnen wird: Richard Linklater für "Boyhood". 

Adaptiertes Drehbuch:
- Jason Hall, "American Sniper"
- Graham Moore, "The Imitation Game"
- Paul Thomas Anderson, "Inherent Vice – Natürliche Mängel"
- Anthony McCarten, "Die Entdeckung der Unendlichkeit"
- Damien Chazelle, "Whiplash" 

Gesehen: Alle außer "American Sniper" und "Whiplash".
Favoriten: Alle außer "Inherent Vice". Auch hier gibt es ein sehr offenes Rennen, wobei vor allem "Whiplash" für ein paar Fragezeichen sorgt. Damien Chazelles Spielfilmversion eines eigenen Kurzfilms wurde nämlich bei fast allen Preisverleihungen in der Awards Season als Originaldrehbuch gewertet, nur bei den OSCARs erfolgte die Klassifizierung als adaptiertes Drehbuch. Bei den Originaldrehbüchern hätte "Whiplash" auf jeden Fall zu den Favoriten gezählt, ob das nach dem unfreiwilligen Kategorienwechsel immer noch der Fall ist, läßt sich schwer beurteilen. Die Konkurrenz ist jedenfalls hart, im Vorfeld haben vor allem die beiden britischen Vertreter "The Imitation Game" (der lange als Topfavorit galt) und "Die Entdeckung der Unendlichkeit" (der zuletzt den BAFTA Award gewann) viele Preise abgestaubt. Und auch "American Sniper" darf hier nicht unterschätzt werden. Das ergibt unter dem Strich eine weitere spannende Kategorie.

Gewinnen sollte: Von den drei Filmen, die ich gesehen habe: "Inherent Vice".
Gewinnen wird: Damien Chazelle für "Whiplash".

Teil 2 meiner Vorschau mit den Nebenkategorien gibt es hier.

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