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In eigener Sache: Mein neues Filmbuch

Einigen Lesern ist bestimmt aufgefallen, daß ich in der rechten Spalte meines Blogs seit einigen Monaten das Cover meines neuen Buchs präs...

Mittwoch, 2. April 2014

Klassiker-Rezension: EINST EIN HELD (1960)

Originaltitel: Tunes of Glory
Regie: Ronald Neame, Drehbuch: James Kennaway, Musik: Malcolm Arnold
Darsteller: Sir Alec Guinness, Sir John Mills, Dennis Price, Susannah York, Kay Walsh, John Fraser, Gordon Jackson, Duncan Macrae, Percy Herbert, Allan Cuthbertson
 Tunes of Glory
(1960) on IMDb Rotten Tomatoes: 67% (5,7); FSK: 12, Dauer: 103 Minuten.

Eine schottische Kaserne kurz nach dem Zweiten Weltkrieg: Major Sinclair (Sir Alec Guinness) hatte im Krieg nach dem Tod des eigentlichen Kommandeurs erfolgreich die vorübergehende Leitung des traditionsreichen Bataillons übernommen. Eigentlich gingen alle davon aus, daß er bald befördert und somit auch offiziell neuer Kommandeur werden würde. Stattdessen erhält er die Nachricht, daß Lt. Col. Barrow (Sir John Mills, "Gandhi") diese Stellung erhält und Sinclair dessen Stellvertreter wird. Sinclair ist wütend ob dieser Entscheidung und bereitet Barrow einen entsprechend frostigen Empfang in der Kaserne. Die Gegensätzlichkeit der beiden Männer – Sinclair ein jovialer, aufbrausender und aus bürgerlichen Verhältnissen stammender Soldat aus Leidenschaft, der sich hartnäckig hochgedient hat, Barrow ein eher spröde wirkender Sproß einer angesehenen Offiziersfamilie mit Uniabschluß und großer Wertschätzung für Regeln und Traditionen – verstärkt die Spannungen zunehmend, zumal Sinclair die ihm großteils loyal ergebenen Offiziere aktiv gegen den "Eindringling" und "Schreibtischtäter" aufhetzt. Obwohl der besonnene Major Scott (Dennis Price, "Adel verpflichtet") zu vermitteln versucht, scheint eine Eskalation irgendwann unausweichlich ...

Kritik:
Will man zu Ehren des 100. Geburtstages eines der großartigsten Schauspieler aller Zeiten – wie es Sir Alec Guinness ohne jeden Zweifel ist – einen seiner Filme rezensieren, so hat man wahrlich die Qual der Wahl. Sollte man seinen Durchbruch als multiples Mordopfer von Dennis Price in insgesamt acht Rollen (darunter eine als Frau) in der rabenschwarzen Komödie "Adel verpflichtet" aus dem Jahr 1949 wählen? Oder die ähnlich prägende Darstellung als kriminelles Genie Professor Marcus, das mit seinen Komplizen in "Ladykillers" (1955) letztlich an seiner gutmütigen Vermieterin scheitert? Aber nein, DIE typische Guinness-Rolle ist doch sicherlich die OSCAR-gekrönte als Offizier in David Leans "Die Brücke am Kwai" (1957). Andererseits war er auch als arabischer Scheich neben Peter O'Toole in Leans Meisterwerk "Lawrence von Arabien" (1962) beeindruckend. Oder doch die "Star Wars"-Reihe mit Guinness als weiser Jedi Obi Wan Kenobi? Aber nein, zu der wurde nun wirklich schon mehr als genügend geschrieben. Vielleicht sollte man den Blick sogar auf seine TV-Rollen richten, etwa als griesgrämiger Earl, dessen Herz im Weihnachtsklassiker "Der kleine Lord" (1980) von seinem kleinen Enkel Cedric erwärmt wird – oder als Meisterspion (und Antithese zu James Bond) George Smiley in den legendären BBC-Miniserien "Dame, König, As, Spion" (1980) und "Agent in eigener Sache" (1982)? Nein, nein, das kommt alles nicht in Frage – tolle Produktionen ohne Ausnahme, kein Zweifel, aber eben auch alles sehr bekannt und vielfach besprochen. Nein, hier will ich eine Glanzleistung von Sir Alec Guinness würdigen, die nicht sowieso schon jeder kennt, der sich ein bißchen mit Filmklassikern beschäftigt. Also kristallisierten sich für mich zwei realistische Möglichkeiten heraus: Die hochgradig bewegende Tragikomödie "Ferien wie noch nie" (1950), in der Guinness als Handelsvertreter George Bird erfährt, daß er todkrank ist und nur noch wenige Wochen zu leben hat, woraufhin er sich zu einer letzten Ferienreise in ein Nobelhotel entschließt – oder "Einst ein Held". Wie man sieht, habe ich mich für letzteren entschieden, weil der vermutlich noch etwas unbekannter ist (von "Ferien wie noch nie" gibt es ja schließlich sogar ein mittelmäßiges Remake namens "Last Holiday" mit Queen Latifah in der Guinness-Rolle), aber Schauspieler-Kino vom Allerfeinsten.

Dabei hat es durchaus seine Gründe, daß "Einst ein Held" ein bißchen in Vergessenheit geraten ist: Die Militärthematik ist sperrig, die recht spartanische, dialoglastige Inszenierung erinnert mitunter eher an ein abgefilmtes Theaterstück – und wer bei Dudelsackmusik von sponanten Fluchtreflexen ergriffen wird, der sollte um das Drama von Ronald Neame ("Die Höllenfahrt der Poseidon") tunlichst einen ganz weiten Bogen machen. Aber wen das alles nicht stört, der bekommt ein herausragendes, begeisterndes Schauspiel-Duell zwischen Alec Guinness und dem ihm absolut ebenbürtigen John Mills präsentiert. In jeder einzelnen Szene, in der die beiden als so gegensätzliche Offiziere aufeinandertreffen – zunächst mit "nur" eisiger Distanziertheit, später speziell von Sinclairs Seite aus mit offener Feindschaft –, knistert es nur so in der Luft, als würde die unvermeidlich scheinende Explosion unmittelbar bevorstehen. Guinness hat dabei die etwas dankbarere Rolle erwischt, da er den extrovertierten, ein bißchen selbstverliebten und trinkfesten Kumpeltyp gibt, den neben seinen militärischen Fähigkeiten vor allem ein natürliches Charisma auszeichnet, das ihn sofort zum Mittelpunkt jeder Gesellschaft werden läßt, sobald er einen Raum betritt. Major Barrow dagegen ist alles andere als ein Partyhengst, sondern ein typischer steifer Offizier, humorlos und distanziert, zudem von einem traumatischen Kriegserlebnis gepeinigt. Alec Guinness und John Mills verkörpern diese von Drehbuch-Autor James Kennaway ("Luftschlacht um England"), der seinen eigenen Roman adaptiert hat, möglicherweise zu dramaturgischen Zwecken etwas überzeichneten, aber in ihrer Vielschichtigkeit dennoch absolut glaubwürdigen Figuren so sensationell gut, daß einem beim Zuschauen beinahe der Atem stockt. Dabei schwanken die Sympathien beständig zwischen diesen beiden Figuren, die abwechselnd dumme Dinge sagen und tun, deren Beweggründe man aber zugleich stets nachvollziehen kann. So grundverschieden sie auch sein mögen, im Kern sind beide aufrichtige Männer, deren größter Fehler es ist, sich nicht in die Lage des Anderen versetzen zu können oder wollen. Und die emotionale Verwundbarkeit, die Guinness und Mills ihren Rollen besonders im dramatischen Finale verleihen, ist dermaßen intensiv und hautnah greifbar gespielt, daß einem schlicht die Worte wegbleiben.

Auch die übrige Besetzung von "Einst ein Held" ist einwandfrei, doch neben Guinness und Mills wirkt selbst der geschickt als Mittler und eigentliche Identifikationsfigur des Publikums Major Scott eingesetzte Dennis Price (der in "Adel verpflichtet" ein tolles Gespann mit Guinness abgab) relativ blaß. Einige Kritiker werfen der nicht ganz unvorsehbaren Handlung ein Übermaß an Sentimentalität und Pathos vor und Neames Inszenierung einen Mangel an Subtilität. Streng genommen ist das schon richtig, aber wenn man ein so gutes (übrigens OSCAR-nominiertes) Drehbuch und zwei solch glänzende Hauptdarsteller zur Verfügung hat, dann ist es zweifellos erlaubt, diese Elemente etwas stärker herauszustellen als es nötig wäre. Zumal es Neame ausgezeichnet gelingt, das urschottische Setting hervorzuheben (nicht nur, aber auch dank der exzessiv eingesetzten Dudelsack-Musik), das "Einst ein Held" noch deutlicher aus der Masse von Filmen hervorstechen läßt als es bereits Drehbuch und Besetzung gelingt.

Fazit: "Einst ein Held" ist nicht nur ein bewegendes Melodram im schottischen Nachkriegs-Militärmilieu und eine faszinierende Charakterstudie zweier komplizierter Offiziere, deren ganz persönlicher Konflikt eine Kette verhängnisvoller Ereignisse in Gang setzt – "Einst ein Held" ist ein Triumph des britischen Schauspieler-Kinos!

Wertung: 9 Punkte.


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