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In eigener Sache: Mein neues Filmbuch

Einigen Lesern ist bestimmt aufgefallen, daß ich in der rechten Spalte meines Blogs seit einigen Monaten das Cover meines neuen Buchs präs...

Freitag, 21. März 2014

PHILOMENA (2013)

Regie: Stephen Frears, Drehbuch: Steve Coogan und Jeff Pope, Musik: Alexandre Desplat
Darsteller: Dame Judi Dench, Steve Coogan, Anna Maxwell Martin, Sophie Kennedy Clark, Mare Winningham, Barbara Jefford, Amy McAllister, Peter Hermann, Sean Mahon, Michelle Fairley, Ruth McCabe, Wunmi Mosaku
 Philomena
(2013) on IMDb Rotten Tomatoes: 92% (7,8); weltweites Einspielergebnis: $100,1 Mio.
FSK: 6, Dauer: 98 Minuten.

Martin Sixsmith (Steve Coogan, "In 80 Tagen um die Welt", "Ruby Sparks") ist deprimiert. Einst ein renommierter Journalist, der dann als einflußreicher Berater in die Politik wechselte, ist er nach einem Skandälchen plötzlich arbeits- und antriebslos. Theoretisch will er ein Buch über russische Geschichte schreiben, aber so richtig Lust darauf verspürt er nicht. Der Funke der Inspiration überkommt ihn unerwartet, als er bei einer Party von einer jungen Dame vom Catering angesprochen wird, die sich ihm als Jane (Anna Maxwell Martin, "Geliebte Jane") vorstellt und die Geschichte ihrer Mutter Philomena Lee (Dame Judi Dench, "Skyfall") erzählt, der vor 50 Jahren als Teenager in Irland der unehelich geborene Sohn wegnommen und gegen ihren Willen zur Adoption freigegeben wurde. Nach anfänglichem Zögern trifft sich der zynische Martin mit der naiv-herzensguten alten Dame, und trotz ihrer Gegensätzlichkeit entscheidet sich der Ex-Journalist, Philomena bei der Suche nach ihrem Sohn zu helfen und daraus eine (von ihm eigentlich verachtete) "Human Interest"-Story für ein Magazin zu machen ...

Kritik:
Obwohl "Philomena" insgesamt sehr positive Kritiken (und vier OSCAR-Nominierungen) erhielt, gab es speziell in den USA ein paar Rezensenten, die Regisseur Stephen Frears ("Gefährliche Liebschaften", "Die Queen") eine "Haß-Kampagne" gegen die katholische Kirche unterstellten. Eine haltlose, lächerliche Unterstellung, denn angesichts der erwiesenen (und inzwischen ja sogar von der irischen Kirche weitgehend eingestandenen; wer Interesse an der Thematik hat, sollte mal nach dem "Ryan-Bericht" googlen) historischen Realität ist Frears' Film sogar noch erstaunlich zurückhaltend inszeniert. Peter Mullan ging da 2002 in seinem erschütterndem Drama "Die unbarmherzigen Schwestern" deutlich aggressiver vor (und wurde dennoch von einigen Betroffenen kritisiert, in Wirklichkeit sei es viel schlimmer gewesen ...). Wobei Frears' Ansatz auch kein Wunder ist, schließlich war das Verhalten der katholischen Kirche nicht nur in dieser Angelegenheit von einer solch brutalen (physischen und psychischen) Grausamkeit und Menschenverachtung, daß sie das nie wieder wird gutmachen können. Alleine wenn man in einer bewußt dezent gehaltenen Rückblende miterleben muß, wie während der Geburt von Philomenas Sohn trotz Steißlage und damit akuter Lebensgefahr für Mutter und Kind kein Arzt gerufen wird (sinngemäßes Zitat aus dem Gedächtnis: "Die Schmerzen sind Gottes Sühne für Dein sündiges Verhalten!"), ist es wahrlich nicht mehr nötig, das irgendwie zu dramatisieren oder übertrieben in den Vordergrund zu stellen. Stattdessen hat Stephen Frears aus dieser erschütternden Geschichte eine tragikomische Charakterstudie zweier sehr unterschiedlicher Persönlichkeiten gemacht, die sich nur wegen der katholischen Kirche kennenlernen und eine ungewöhnliche Freundschaft entwickeln  und in der Vergebung eine große Rolle spielt.

Dabei ist der atheistische Journalist Martin derjenige, den das Verhalten der Kirche nicht nur in der Vergangenheit, sondern auch in der Gegenwart (Stichwort Vertuschung) zugleich sprachlos und stinksauer macht – Philomena dagegen hält trotz allem an ihrem Glauben fest und betont zu Martins blankem Unverständnis sogar immer wieder, daß es die Nonnen doch letztlich nur gut gemeint hätten. Diese konträre Sichtweise – die im Zusammenspiel mit den generell grundverschiedenen Persönlichkeiten der beiden Protagonisten im Grunde genommen einen klassischen "Culture Clash"-Ansatz mit dem entsprechenden Humorpotential ergibt ist das zentrale Element von "Philomena" und durchzieht den Film vom Anfang bis zum Ende. Das funktioniert wunderbar, weil Hauptdarsteller Coogan gemeinsam mit Jeff Pope auf Grundlage des Buches, das der echte Martin Sixsmith schließlich über seine Erlebnisse schrieb, ein einfühlsames, intelligentes und von feinem Humor durchzogenes Drehbuch schrieb, das eben keine bloße Anklage gegen die katholische Kirche ist. Und es funktioniert auch und vor allem deshalb, weil die beiden Hauptrollen perfekt besetzt sind.

Dame Judi Dench, eine der besten britischen Schauspielerinnen aller Zeiten, ist mit ihren 79 Jahren zwar eigentlich deutlich zu alt für die Rolle der Philomena Lee, die damals (2003) etwa 65 war; aber für die Story macht das keinen Unterschied, zumal man Dench die fast 80 Jahre nicht wirklich ansieht. Philomenas Zwiespalt der Gefühle gerade angesichts der Enthüllungen, die Martins Recherchen vor Ort in Irland und den USA (immer in Philomenas Begleitung) ergeben, könnte wohl niemand nuancierter und nachdrücklicher darstellen als Dench, die aber auch komisches Talent offenbart. Alleine eine Szene, in der Philomena auf dem Flughafen dem halb entsetzten, halb amüsierten Martin haarklein die haarsträubende Handlung des Groschen-Liebesromans erzählt, den sie gerade gelesen hat, ist ein unnachahmliches Highlight – auch von Steve Coogans Seite, wohlgemerkt. Denn der in Großbritannien sehr populäre Comedian, als Co-Autor und Produzent treibende Kraft bei der Verwirklichung des Films, nimmt sich schauspielerisch angenehm zurück und überläßt Judi Dench uneitel die besten Szenen, bringt aber vor allem mimisch immer wieder etwas Humor hinein und harmoniert hervorragend mit der Grand Dame des britischen Kinos. Als in ihrem Zynismus gar nicht immer sympathische, aber sehr glaubwürdige Identifikationsfigur des Publikums verkörpert Coogan als Martin Sixsmith auch den Zorn auf das, was Philomena und so erschreckend vielen anderen Betroffenen unter dem verlogenen Banner der Barmherzigkeit angetan wurde, sehr überzeugend. Dafür hätte er durchaus eine OSCAR-Nominierung verdient gehabt, aber er mußte sich mit zwei anderen (geteilten) begnügen: für das Drehbuch und als Produzent in der Königskategorie "Bester Film". Nominiert wurde aber natürlich Judi Dench, auch die feinfühlige Musik von Alexandre Desplat ("Argo") fand Berücksichtigung.

Fazit: "Philomena" ist eine sehr bewegende Tragikomödie über die inspirierende Geschichte einer realen Person mit bewundernswerter innerer Stärke, die einfach nicht hassen will, obwohl ihr großes Unrecht geschehen ist; Regisseur Frears inszeniert dies unspektakulär und verläßt sich ganz auf das Können seiner beiden Hauptdarsteller und die Qualitäten des empathischen Drehbuchs.

Wertung: 8,5 Punkte.


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